Die Oper „Doctor Atomic“ thematisiert die militärische Nutzung der Atomkraft. 2005 wurde sie in San Francisco uraufgeführt, nun kann man sie auch in Straßburg sehen. „Doctor Atomic“ ist nicht nur nach wie vor von aktueller Bedeutung, sondern auch spannend und durchweg bühnengerecht, findet Thomas Rothschild.

opernkritik

Gemeint waren die Bolschewiken

Von Thomas Rothschild

Als das Theater noch nicht postdramatisch sondern schlicht dramatisch war, zählte der auflösbare oder auch unauflösbare Konflikt zu den Wesensmerkmalen der Gattung. Was wäre ein Konflikt, wenn nicht der Ehrgeiz des Menschen, zu erforschen, was Wissenschaft zu erforschen in der Lage ist, also zum Beispiel die Gesetze der Atomkraft, im Aufeinandertreffen mit der moralischen Verantwortung, die der Mensch trägt, wenn er diese ungeheure zerstörerische Kraft in Form einer Bombe frei setzt. Heinar Kipphardt hat ihn in seinem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ auf die Bühne gebracht und war damit seinerzeit sehr erfolgreich. Gott und die Postmoderne wissen, warum dieses spannende Diskussionsstück aus den Spielplänen verschwunden ist.

Wenn J. Robert Oppenheimer nicht nur Gewissenskonflikte hat, sondern sie zudem singt, befinden wir uns in einer Oper. 2005 wurde „Doctor Atomic“ von John Adams zu einem Libretto und in der Regie von Peter Sellars in San Francisco uraufgeführt. Eine Kultfigur der New Yorker Avantgarde, die amerikanische Pina Bausch Lucinda Childs zeichnete dort für die Choreographien verantwortlich. Jetzt hat die hochgewachsene und mit ihren bald 74 Jahren immer noch aparte Frau Adams' Volltreffer – den dritten nach „Nixon in China“ und „The Death of Klinghoffer“ und vor „A Flowering Tree“ – in Straßburg inszeniert, und einmal mehr fragt man sich, ob jene, die behaupten, die Oper könne unserer Gegenwart nicht entsprechen, eigentlich wissen, wovon sie reden. „Doctor Atomic“ ist nicht nur nach wie vor von aktueller Bedeutung, sondern auch spannend und durchweg bühnengerecht. Lucinda Childs hat zwar ihre eigene Version kreiert und, vor allem gegen Ende, neue Akzente gesetzt, aber es lag ihr offenbar nicht daran, „originell“ zu erscheinen und sich von Peter Sellars zu distanzieren. Man hätte erwarten können, dass die Tänzerin die choreographierten Seitenhandlungen verstärkt. Das Gegenteil war der Fall. Sie setzt auf die einzelnen Figuren und arbeitet ihre Positionen heraus. Lediglich die Rolle des Robert Wilson, der für die Strahlungsmessungen zuständig war, bleibt ein wenig blass. Das Straßburger Bühnenbild von Bruno de Lavenère bevorzugt die Senkrechte, während in San Francisco die Vertikale mehr oder weniger für jene Szene aufbewahrt wurde, in der Robert Wilson die letzten Handgriffe an der Bombe erledigt und vor dem deutlich spürbaren Wind warnt.

Wer wäre heute nicht gegen die Atombombe? Wer teilte nicht den Schrecken über die bekannten Bilder von Hiroshima und Nagasaki? Aber es ist billig und auch intellektuell platt, wenn man die historischen Umstände, unter denen der erste Atombombenversuch in Los Alamos stattfand, unterschlägt. Noch kurz zuvor vermutete man – wie sich dann erwies: irrtümlich –, dass Nazideutschland eine Atombombe entwickelt hatte. In dieser Situation hätte die Superwaffe kriegsentscheidend sein können. Nach der Kapitulation Deutschlands, als Japan noch im Krieg mit den USA stand, ergab sich für Politik, Militär und Wissenschaft die Frage, ob eine Bombe in Japan, noch dazu über dicht besiedelten Städten abgeworfen werden sollte, oder ob eine Zeugenschaft bei dem Test in der Wüste von New Mexico nicht die gleiche abschreckende Wirkung gehabt hätte. Aber es war den USA gar nicht mehr in erster Linie um Japan zu tun. Präsident Truman legte größten Wert darauf, dass die Bombenexplosion in Los Alamos genau an jenem Tag stattfand, als er in Potsdam mit Stalin und Churchill zusammentraf. Der Krieg gegen Deutschland und Japan ging bruchlos in den Kalten Krieg über. Abgeschreckt werden sollte die Sowjetunion. Der Feind der Stunde waren „die Bolschewiken“.

Das Libretto von Peter Sellars endet mit dem Countdown in Los Alamos. Danach hört man nur noch die Stimme einer verstörten Japanern, die in Hiroshima umherirrt. Lucinda Childs hat dieses Schlussbild verstärkt, indem sie eine ganze Gruppe von Japanern auf die Bühne stellt, auf die der schwarze Regen fällt. So oder so: „Doctor Atomic“ spielt mit der Tatsache, dass das Opernpublikum die realen historischen Vorgänge kennt. Es weiß, dass der Atombombentest den problematischen Wetterbedingungen zum Trotz erfolgreich (im technologischen Sinne) ausging, dass die zwei japanischen Städte kurz darauf tatsächlich eingeäschert wurden.

Die Diskussionen zwischen Oppenheimer, Edward Teller, dem Meteorologen Jack Hubbard, dem bedächtigen jungen Wissenschaftler Robert Wilson und dem Befehlshaber James Nolan kontrastieren Sellars und Adams mit zwei längeren Szenen, in denen Oppenheimers Frau Kitty und deren indianisches Kindermädchen Pasqualita im Zentrum stehen und in denen lyrische, folkloristische oder naturreligiöse Töne vorherrschen. Für diese Passagen verwendet Sellars Gedichte, etwa von Baudelaire, die im diametralen Gegensatz stehen zu der prosaischen, zu einem großen Teil erst kürzlich frei gegebenen Dokumenten entnommenen Sprache der Männer unter sich. Ein Höhepunkt allerdings ist Oppenheimers Arie „Batter my heart“ am Ende des ersten Aktes, die einem Text von John Donne folgt. Diese Arie ist musikalisch von großer Eindringlichkeit, glänzend instrumentiert, fast „altmodisch“, eine Reverenz an die Oper des 19. Jahrhunderts.

John Adams wird gemeinhin der Minimal Music zugerechnet. Bei „Doctor Atomic“ gilt diese Kategorisierung allenfalls für wenige Passagen. Die Musik ist keineswegs minimalistisch, sondern eher ausschweifend, tonmalerisch und an Filmmusik orientiert. Gerade die hochdramatischen Stellen haben mehr mit dem „Dies irae“ aus Verdis Requiem oder sogar mit Orffs „Carmina Burana“ zu tun als mit Steve Reich oder Phil Glass. Virtuos nützt Adams die aufputschende Wirkung von Blechbläsern und Schlagzeug. Sparsam mischt er auch Elektronik in die Partitur für das traditionelle Orchester. Peter Sellars und John Adams waren sich darin einig, dass die eigentliche Bombenexplosion am Ende des Countdowns oder gar Hiroshima nicht komponiert werden könnten. Dass die Detonation ausbleibt, dass sie nur im Kopf der Zuhörer stattfindet, ist die richtige, bühnenwirksame Entscheidung. Und ein neuer Beleg gegen äußerliche Effekte, wie wir sie aus Hollywood kennen.

Die Rolle des J. Robert Oppenheimer übernahm in Straßburg Dietrich Henschel, der sich neben dem Oppenheimer in San Francisco und mehreren anderen Theatern Gerald Finley durchaus hören lassen kann, schauspielerisch dem Kanadier sogar überlegen, weil weniger exaltiert war. Gesanglich ragten aus dem Ensemble Robert Bork mit seinem vollen Bassbariton als Edward Teller und der litauische Mezzosopran Jovita Vaskeviciute als Pasqualita heraus.

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erstellt am 04.5.2014

Szenenfoto Doctor Atomic: Oper Straßburg

oper in straßburg

Doctor Atomic

Oper von John Adams in zwei Akten. Libretto von Peter Sellars

Musikalische Leitung Patrick Davin
Inszenierung Lucinda Childs
Bühnenbild und Kostüme Bruno de Lavenère

Opéra national du Rhin

Szenenfoto Doctor Atomic: Oper Straßburg