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Herbert Wernickes „Actus tragicus“, eine jener seltener Inszenierungen, die sich dem Zuschauer für den Rest des Lebens einprägen, wurde kürzlich von der Oper Stuttgart wiederaufgenommen. In Basel, wo Wernicke seinen „Actus tragicus“ kreiert hat, kann man jetzt Henry Purcells Masque „The Indian Queen“ sehen. Thomas Rothschild hat beide Inszenierungen besucht.

opernkritik

Basel und die alte Musik

Von Thomas Rothschild

In den vergangenen Jahren wurden mehrfach Versuche unternommen, die Musik Johann Sebastian Bachs und seiner Zeitgenossen, die eigentlich für die Kirche komponiert wurde, für die Bühne nutzbar zu machen. Musikalisch gibt es dagegen wenig einzuwenden. Stofflich stellen die Werke die Bearbeiter vor beachtliche Schwierigkeiten. Herbert Wernicke gehörte zu den Ersten, die es wagten, auf eine platte Verbildlichung der Texte zu verzichten und stattdessen ein Bühnengeschehen zu ersinnen, dass sich ausschließlich der Musik anschmiegt, sich von den Originalworten aber emanzipiert. Im Jahr 2000 erfand er in Basel zu sechs Kirchenkantaten von Bach seinen „Actus tragicus“ (der Name bezeichnet eine frühe Bach-Kantate). Albrecht Puhlmann übernahm ihn dann nach Stuttgart. Dass Jossi Wieler jetzt, 14 Jahre nach der Uraufführung, eine Wiederaufnahme beschlossen hat, zeigt, dass er verstanden hat: dies ist eine Jahrhundertinszenierung, die man nicht leichtfertig dem Hunger nach stets Neuem opfern sollte.

Dem Text der Kirchenlieder ist, was sich vor dem Auge des Zuschauers gestaltet, allenfalls motivlich, durch sehr freie Assoziationen verbunden. Das Bühnenbild, das Wernicke selbst entworfen hat, zeigt eine nach vorne offene Hausfront mit vielen Zimmern in mehreren Ebenen. Das hat seine Vorläufer – etwa in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ – und zahlreiche Nachahmer, unter ihnen etwa Alvis Hermanis. In diesen durch Flure und ein Treppenhaus verbundenen Räumen bewegen sich ein als Frau mit Lockenwicklern verkleideter ständig Hemden bügelnder Countertenor, zwei Liebespaare, eine Putzfrau, ein Mann mit Maßstab, ein anderer mit einem Expander und mit Hanteln, ein Dritter, der Kruzifixe an die Wände hängt, eine Braut, die ein Hochzeitskleid anprobiert und es dann von sich wirft und davonläuft, ein Blinder, ein Sterbender, ein Selbstmörder, eine Frau, die Bücher ins Regal stellt, dann verpackt und wieder ins Regal stellt, ein Mann, der wie das eilige Kaninchen aus „Alice im Wunderland“ ständig auf seine Uhr schaut, eine maskierte Frau in Männerkleidung, die dem Phantom of the Opera gleicht und wohl den Tod verkörpert, und so weiter. An einer Wand hängt eine Uhr, die die Realzeit anzeigt. Die Abläufe wiederholen sich zyklisch. Da sieht man eine Familie, die singend eine Suppe isst – oder eine Suppe essend singt. Da werden vor einem Weihnachtsbaum Geschenke verteilt und Schnappschüsse gemacht. Unten liegt die ganzen zwei Stunden hindurch Christus in seinem Grab. Am Schluss verdunkelt sich die verlassene Bühne, nur der tote Christus bleibt sichtbar.

„Actus tragicus“ gibt dem formidablen Stuttgarter Opernchor Gelegenheit für den Beweis, dass er auch bei sakraler Musik auf höchstem Niveau singt. Durch die Bewegung der Solisten und der Chorsänger horizontal und vertikal im Raum wird die Akustik des Opernhauses zum Thema. Sie verändert sich je nach Standort der Sänger.

„Actus tragicus“ gehört zu jenen seltenen Inszenierungen, die sich dem Zuschauer für den Rest des Lebens einprägen. Selbst wenn man sie mehrfach sieht, gewährt sie immer neue Entdeckungen, verliert sie nicht an Faszination. Sie lohnt eine Reise nach Stuttgart. Ein Tipp: Sparen Sie nicht an den Karten. Bestehen Sie auf einem Platz halbwegs in der Mitte der Reihe, am besten im Parkett ab der siebten Reihe (nach hinten!) oder am ersten oder zweiten Rang. Von der Seite her entgeht Ihnen ein Teil des Effekts.

In Basel aber, wo der vor elf Jahren verstorbene Herbert Wernicke seinen „Actus tragicus“ kreiert hat, kann man jetzt Henry Purcells Masque „The Indian Queen“ sehen, in der Regie von Joachim Schlömer, der nicht vom Bühnenbild, sondern von der Choreographie her kommt. Er ist ein Meister des Leichten, des Heiteren, des Fantasievollen – des Tänzerischen eben. Diesmal aber ergeben seine Einfälle eher ein Sammelsurium als eine Interpretation. Vielleicht liegt es einfach daran, dass das ziemlich läppische Libretto auch durch einen aktualisierenden Rahmen, der, wie sonst, als Film projiziert wird, nicht für unsere Gegenwart zu retten ist. Schlömer zeigt uns eine Welt, die buchstäblich Kopf steht. Die Spiegelung, die für das Stück, aber auch für die Werke des Barock insgesamt von zentraler Bedeutung ist, realisiert Schlömer nicht nur waagrecht, sondern auch senkrecht. Wenn aber seine Doppelgänger, den Kopf nach unten, die Decke entlang laufen, dann ist das ein Gag, den man nicht ohne Schaden ausreizt, der in der mehrfachen Wiederholung ebenso schal schmeckt wie ein Witz, den man immer wieder erzählt. Schlömer findet für seine Inszenierung keinen Rhythmus – und das unterscheidet seinen Abend von dem großen Wurf Wernickes, obwohl Schlömer, anders als dieser, ein für die Bühne geschriebenes Werk vorliegen hatte. Bleibt die Musik. Und die wird von den Solisten und dem La Cetra Barockorchester Basel unter David Cowan tadellos interpretiert. Lediglich der Chor schwächelt ein wenig. Vielleicht liegt es auch an seiner Aufstellung im Orchestergraben, das er wenig präsent, wenig enthusiastisch klingt.

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erstellt am 01.5.2014

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Actus tragicus

Sechs Kirchenkantaten von Johann Sebastian Bach

Musikalische Leitung Michael Hofstetter
Regie, Bühne und Kostüme Herbert Wernicke

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

The Indian Queen

Oper von Henry Purcell

Musikalische Leitung David Cowan
Regie und Film Joachim Schloemer
Bühne Jens Kilian
Kostüme Marie-Thérèse Jossen

Theater Basel