Wer den Menschen Reinhard Oehlschlägel nicht kannte, für den war er immerhin eine Institution: ein mächtiger Rundfunkredakteur und, als Herausgeber der MusikTexte und der Edition MusikTexte, ein bedingungsloser Aufklärer und Betreiber der neuen Musik, ein großzügiger Helfer und strenger Richter. Nun ist er mit fast 78 Jahren gestorben. Hans-Klaus Jungheinrich erinnert an ihn.

neue musik

Strenge und Leidenschaft

Zum Tode von Reinhard Oehlschlägel

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Eine so schwer zu pflegende und minoritäre Sache wie die seit 1950 komponierte Musik – sie versteht sich als überwiegend avanciert und kann mit besonderer Emphase das Attribut „ernst“ beanspruchen – bedarf nach wie vor engagierter öffentlicher Fürsprecher, ja, leidenschaftlicher Propheten. Da sie dem Kommerz und seinen (indes zunehmend auf die Künste ausstrahlenden) Werbestrategien ablehnend gegenübersteht, muss die adäquate Überzeugungsarbeit andere Wege gehen. Es gilt daher, der neuen Musik institutionelle Orte zu sichern und die im Zuge kulturfeindlicher politischer Opportunitäten drohenden, zu allererst das Unbequeme treffenden Wegspar-Maßnahmen zu verhindern. Der kämpferische, kulturpolitisch wache Kunstfreund: zugleich Ermöglicher und Verhinderer.

Damit wären Leben und Arbeit Reinhard Oehlschlägels annähernd umrissen. Der jetzt im Alter von knapp 78 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Köln verstorbene Musikjournalist war seit Jahrzehnten eine Autorität in Sachen zeitgenössischer Musik. Das Besondere an ihm war jedoch, dass er sein immenses Wissen nicht als einen persönlichen Gelehrsamkeits-Schatz hortete, sondern stets die Verbreiterung und Verbreitung dessen betrieb, was ihm am Herzen lag. Durchaus machtbewusst und mit Mächtigeren sich anlegend, verteidigte er die öffentliche Präsenz der neuen Musik. Sein innerster Impuls war die basisdemokratisch fundierte Auffassung, dass Wichtiges durch den intensiven vernünftigen Diskurs nach und nach mehrheitsfähig gemacht werden könnte. Diese Habermas-Haltung vertrat Oehlschlägel stets mit einer unnachahmlichen Mischung von Freundlichkeit und Strenge, ja Unduldsamkeit. Demokratische, antiautoritäre Einmischung machte ihn neben etlichen Gleichaltrigen auch bei den Darmstädter Ferienkursen um 1970 auffällig.

Oehlschlägel begann (nach einem Musikwissenschaftsstudium und einer Ausbildung als Blockflötist bis zur Konzertreife) seine schreiberische Laufbahn als freier Mitarbeiter der FAZ. Im besonderen Jahr 1968 wurde er vom leitenden Musikredakteur Friedrich Hommel, der damals recht eifernd die ansonsten in diesem Feuilleton eher generös gehandhabte „Blattlinie“ für sein Ressort reklamierte, fallengelassen. Oehlschlägel schrieb daraufhin für knapp ein Jahr Musikkritiken in der FR. Dann bekam er die Stelle des Musikredakteurs am Kölner Deutschlandfunk, wo er rund 30 Jahre weithin beachtete organisatorische und journalistische Tätigkeiten ausübte. Seine Arbeit konnte sich durchaus mit den berühmten Initiativen des WDR messen lassen.

Es entsprach einer höheren biographischen Logik, dass gerade Köln, das deutsche Mekka der zeitgenössischen Musik, zum Zielort der Oehlschlägel`schen Wirksamkeit wurde. Freilich genügte ihm auf Dauer die vergleichsweise stille Arbeit eines Radioredakteurs nicht. Er sah, wie die Musikverlage, zunehmend ökonomischer orientiert, bedeutende Musikzeitschriften kassierten – Schott ließ „Melos“ verschwinden, Bärenreiter „Musica“ – und gründete als „Selbsthilfe“ ein attraktives non-profit-Printmedium. Die zusammen mit Gisela Gronemeyer redigierten und für Kenner der Szene unentbehrlichen „MusikTexte“ (nicht zu verwechseln mit den monographischen „Musik-Konzepten“ von Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn, die heute von Ulrich Thadday herausgegeben werden) sind ein weniger auf Bibliotheks-Beständigkeit ausgerichtetes, mehr ein der aktuellen Information dienliches Periodikum. Seine nun ebenfalls über ein Vierteljahrhundert überspannende Existenz ist nur der konsequenten „Selbstausbeutung“ der beiden Macher zu verdanken – kordialer gesagt: der unverbrüchlichen Leidenschaft Reinhard Oehlschlägels und Gisela Gronemeyers für die Sache. Immens die Verdienste dieser Zeitschrift (und einer bald angeschlossenen Buchreihe) insbesondere um die deutsche Rezeption der neuen amerikanischen Musik aus dem Umkreis von John Cage und Morton Feldman. Sicher ein Schwerpunkt der Oehlschlägel’schen Musikaffinität, die, ohne ins wahllos Pluralistische oder gar modepropagandistisch Postmoderne zu verfallen, die Vielfalt der Entwicklungsstränge respektierte. Reinhard Oehlschlägels Credo kommt in nuce zur Geltung in einem zusammen mit Mathias Spahlinger vor einigen Jahren publizierten Gesprächsband. Originellerweise spielt hier der Komponist die Rolle des „Reporters“, der dem Musikjournalisten Oehlschlägel die Interviewfragen stellt.

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erstellt am 01.5.2014

Reinhard Oehlschlägel, Foto: Clair Lüdenbach
Reinhard Oehlschlägel, Foto: Clair Lüdenbach