Video © Coco Hackel, Faust-Kultur

Eingebettet in eine aktive, bundesweit Impulse gebende Frankfurter Kinder- und Jugendtheaterszene, haben Willy Combecher und das TheaterGrueneSosse vor fünfzehn Jahren ein Projekt für Jugendliche entwickelt, das bis heute mit großem Erfolg einem eigenwilligen theaterpädagogischem Ansatz folgt. Das Projekt trägt den Namen Junges Ensemble und unterscheidet sich deutlich von Theaterprojekten, die an Schulen oder Stadttheatern praktiziert werden. Siebzehn Produktionen sind inzwischen zusammen mit den 18- bis 26-jährigen Laienspielern entstanden. Ein Teil gehört trotz Ortswechsel der Akteure auch heute noch zum festen Repertoire, das in Schulen und auf Festivals gezeigt wird.

Das jüngste Stück, das Willy Combecher mit dem Jungen Ensemble eingeübt hat, ist das Theaterstück Out of Heimat, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was Heimat den einzelnen Ensemblemitgliedern bedeutet. Seitdem 1998 das Jugendprojekt gegründet worden ist, hat sich die eigene Spielweise immer mehr entfaltet. Wie dies geschieht und was die Stücke am Ende von üblichen Schul- und Stadttheaterprojekten unterscheidet, beschreiben Projektleiter Willy Combecher und Ossian Hain, Ensemble-Spieler und zuständig für Textbearbeitung sowie Dramaturgie, im Gespräch mit Coco Hackel und Andrea Pollmeier.

15 Jahre Junges Ensemble des TheaterGrueneSosse

Theater ohne Netz

Schon der Startschuss klingt anders. Ensemble-Spieler durchlaufen kein casting, sie müssen nicht wie anderswo üblich vor Beginn zeigen, wie viel Können bereits vorhanden ist. Bei Schul- und Stadttheaterprojekten ist das oft anders. Wenn ein Projekt ausgeschrieben wird, gibt es eine Art run auf das Angebot. Ausgewählt wird, wer sich gut bewegt oder gut sprechen kann.

Während es bei Schul- oder Jugendclubprojekten also meist um Talente geht, die man benötigt, um im Regietheater der Erwachsenenwelt zu bestehen, setzt das Junge Ensemble des TheaterGrueneSosse einen anderen Akzent: Hier steht die Ensemble-Arbeit im Vordergrund, Ziel ist es, die Persönlichkeit der Spieler zu aktivieren und sie mit ihren Stärken und Schwächen in das Projekt zu integrieren: „Schwächen werden zu Stärken gemacht“, sagt Willy Combecher, „so entstehen meiner Meinung nach meist die interessanteren Produktionen.“

Die Ensemble-Auswahl erfolgt auf dem Weg der Selbstauslese. Schon bei den ersten Proben spüren einige, dass die autobiografisch geprägt Arbeit zu dicht an sie heranrückt und sie ziehen sich zurück. So entsteht eine Kerngruppe, die weiter macht. „Wenn es gut läuft, entsteht eine Atmosphäre des Sich-aufeinander-Einlassens, die ermöglich, dass interessante Themen zum Vorschein kommen, die theatral zu bearbeiten sich lohnen“, erklärt Willy Combecher, der selbst Familienvater ist.

Um diese Nähe herzustellen, probt die Gruppe über mehrere Wochen intensiv, kocht im Wechsel für einander und verbringt Wochenenden zusammen. In dieser Phase entsteht der inhaltliche Leitfaden des zu erarbeitenden Stücks.“Wir können nur mit dem arbeiten, was in uns vorhanden ist“, betont Willy Combecher. Darum nahm beispielsweise das Stück Out of Heimat: eine ganz andere Wendung, als dies vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion über Migration und Integration zu erwarten war. Denn auf die Frage: „Wann hast Du zum ersten Mal Deine Heimat verlassen?“ kam als Antwort eine Geschichte aus einer Kindertagesstätte. Von diesem Punkt aus wird nun in dieser Ensemble-Gruppe, in der kein Mitglied bisher Migration erlebt hat, die Produktion weitergeführt. Ein Stück mit vor kurzem geflüchteten Akteuren hätte wohl eine völlig andere Richtung genommen.

Das Beispiel zeigt, wie stark die Theaterarbeit des Jungen Ensembles mit autobiographischen Inhalten verknüpft ist. Intuitiv finden Inhalt und körpersprachlicher Ausdruck zueinander. Um diese Einheit wird jedoch wochenlang gerungen. „Über jede Szene haben wir uns lange den Kopf zermartert, hinter jeder einzelnen stehen bestimmt zwei Varianten, die geschmissen wurden“, erzählt der Dramaturg des Stücks, Ossian Hain. Denn erst, wenn alle Spieler eine Szene innerlich mittragen, ist klar, dass sie passt und zum festen Baustein der Produktion werden kann.

Diese Art, Theater zu machen, ist mit einem hohen Risiko verbunden und braucht tiefe Gelassenheit und ein enormes Maß Erfahrung. Lange ist der gesamte Handlungsfaden eines Stücks nicht klar, da er sich am Erfahrungspotenzial der Spieler entlang entwickelt und wie beim Brückenbau nur allmählich zum anderen Ufer, dem Zuschauer, hinüberwächst. Einzelne Fragmente, die zu stimmigen Szenen ausgearbeitet wurden, stehen lange Zeit als fertige Bauteile unverbunden nebeneinander.

„Die Gefahr bei der Eigenentwicklung ist“, so Combecher, „dass man schöne Szenen hat, diese aber noch kein Gesamtkunstwerk ergeben. Mal fehlt der dramaturgische Faden, mal ist es so stockend gespielt, dass man die Verbindung zwischen 1-2-3 und 4 nicht sieht. Die größte Schwierigkeit ist es dann, dass das gewisse Etwas hereinkommt und man spürt, was uns vorschwebt ist sichtbar geworden und eine stimmige Geschichte entstanden.“

In dieser Hinsicht hat es das Regietheater einfacher. Wenn man ein Stück mit einer starken Geschichte hat, ist der Faden schon gegeben und die Geschichte trägt, selbst wenn sie schlecht gespielt wird. Doch ist, so Combecher, dieser Weg in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen für ihn nicht interessant: „Wir können nicht so tun, als ob wir mit gnadenlos gut ausgebildeten Schauspielern arbeiten würden, das sind sie nicht und so komme ich mit ihnen nicht daher. Sie müssen sich annehmen, wie sie sind, dann sind sie immer authentisch und haben zugleich die Freiheit, nicht perfekt zu sein. In diesem Sinne macht das Junge Ensemble eher Performance als klassisches Theater, das können sie auch besser.“ So darf auf der Bühne ruhig mal ein Missgeschick passieren, manchmal werden diese kleinen Zeichen des Nicht-Perfekten dann sogar bewusst in den Ablauf übernommen.

Überdruss durch gleichbleibende Routine ist auf diesem Theaterweg wohl eine geringere Gefahr. Um diesem Risiko dennoch vorzubeugen, motiviert Willy Combecher Ensemble- Spieler, langfristig im Team zu bleiben und auch leitende Aufgaben zu übernehmen. Sie wirken als ergänzende Input-Geber, die einen nüchternen Außenblick bewahren. So kam beispielsweise Ossian Hain, der an der Frankfurter Universität Theater-, Film- und Medienwissenschaften, sowie Germanistik und Philosophie studiert, als Teampartner an seine Seite. Hain hat bei dem größten Erfolgsstück des Ensembles Testosteron 2011 als Laienspieler mitgewirkt. Bis heute wurde das Stück bereits mehr als 70 Mal auf Schul- und Festivalbühnen gezeigt. Hain blieb dem Ensemble verbunden und entwickelte für Out of Heimat aus den fragmentarischen Szenen der Spieler einen Theatertext, zugleich wacht er über die Gesamtdramaturgie des Stücks. Für Testosteron und dem durch Fußballfotos inspirierten Stück Display wirkte als außenstehende Input-Geberin die Choreografin und Tänzerin Wiebke Dröge mit.

Reibungsflächen zwischen allen beteiligten Akteuren prägen meist produktiv den Ablauf der Produktion. Entscheidend ist es, den Punkt zu erreichen, an dem jeder Spieler auf der Bühne in jedem Moment bei sich ist und weiß, warum er diese oder jene Bewegung auf der Bühne ausführt. Dieser je eigene Zugang zur Rolle ist, so Willy Combecher, hart erkämpft. „Anfangs stehen die Spieler auf der Bühne und fragen: „Was soll ich tun?“ Dann fragen wir zurück, „Was tust du?“ Niemand darf auf der Bühne auch nur einen Moment lang herum stehen und nicht wissen, welche Idee ihn führt.“

Bewegung, Stimme, Musik, Tanz, Intuition, authentische Präsenz und die Freiheit der Nichtperfektion sind Ingredienzen, die zum Besonderen der Jungen Ensemble-Inszenierungen beitragen. Dafür gab es bereits öffentliche Anerkennung. Für Testosteron erhielt das Ensemble 2011 den Kinder- und Jugendtheaterpreis Karfunkel, außerdem wurde es mit der Produktion, die die Gefühlswelt von Jungen in der Pubertät zum Thema hat und äußerst frei über das erste Abspritzen, Verliebt-Sein und die Angst vor Versagen, Abweisung und Konkurrenz erzählt, zum Bundestreffen Junges Theater nach Berlin eingeladen.

Immer, wenn Situationen besonders emotional wirken und mit autobiographischen Erlebnissen verknüpft sind, besteht gerade bei Laienspielern die Gefahr, dass sie sich auf der Bühne bloß gestellt fühlen. „Bei elementaren Erlebnissen als Kind oder Gewalterfahrungen nehmen ich das immer von der Person weg“, betont Combecher. „Wir machen kein Psychodrama.“ Weniger traumatische Erlebnisse kann man jedoch mit Hilfe ästhetischer Mittel auf Distanz halten. Im Text werden in solchen Fällen, so Ossian Hain, bewusst Pausen oder Auslassungen eingebaut. „Die Erzählung ist dann so formalisiert, dass der Spieler seine Stärke zurück gewinnt und mit der Situation souverän umgehen kann.“

Wer sich über ein Jahr hinweg mit seiner ganzen Person intensiv im Team behaupten muss, wird Grenzerfahrungen erleben, die auch jenseits der Bühnenwelt wirksam werden. Die Frage, ob Willy Combecher in der Theaterarbeit mit Jugendlichen vor allem ihre Persönlichkeit fördern möchte, wehrt der Profischauspieler entschieden ab: „Ich begreife mich als Theatermacher und nicht als Sozialarbeiter. Mein Hauptaugenmerk ist das Publikum, wenn das Werk da ankommt, hat auch die Gruppenarbeit gestimmt.“

Andrea Pollmeier

erstellt am 29.4.2014

Frankfurt hat sich zu einem bedeutenden Zentrum der Kinder- und Jugendtheaterwelt entwickelt. Bundesweit relevante Institutionen haben hier seit Jahrzehnten ihren Sitz. 25 Jahre Frankfurter Autorenform für Kinder- und Jugendtheater, 20 Jahre Internationales Kinder- und Jugendtheater Starke Stücke, 30 Jahre TheaterGrueneSosse seien beispielhaft genannt. Verbunden sind sie mit d e m Theaterhaus, das den ruhenden Pol dieser mobilen Theaterszene bildet und als renommierte Spielstätte mit hohem Qualitätsanspruch weitreichend Anerkennung findet. Die Wurzeln dieser Theaterszene reichen zurück bis in die Zeit der 68er-Bewegung. Anerkannte Theaterautoren wie F.K. Waechter haben sie mit ihren Stücken nachhaltig inspiriert. Auch ein Teil des Besucherstroms ist über die damals entstandene Kinderladen-Bewegung noch indirekt mit dieser Zeit verbunden. Theaternähe gehört hier bis heute zum Erziehungsziel.

Inzwischen haben diese Impulse weitreichend Resonanz gefunden. Längst nicht nur Kinderladen-Kinder werden heute bereits zum frühestmöglichen Zeitpunkt an die Theaterwelt herangeführt. Sogar Inszenierungen für Einjährige sind inzwischen Teil des Angebots und es ist imponierend zu sehen, wie die Kleinsten mit wackeligen Beinen die Stufen hin zur Bühnenwelt bewältigen. (poll)