Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt eine facettenreiche Ausstellung, die drei Redakteurinnen und Redakteure von Faust-Kultur aus verschiedenen Blickwinkeln rezipiert haben. Anhand jeweils eines ausgewählten Werkes untersuchen sie Aktualität, Gegenwartsbezogenheit und afrikanische wie amerikanisch-europäische Impulse. Den Anfang macht Eugen El mit Julie Mehretus Zeichnung „Fragment“.

kunst

Die Stadt, ein brausender Sturm

Eine Bildbetrachtung

Von Eugen El

Es versteckt sich vor mir. Julie Mehretus Bild, das ich hier vorstellen möchte, finde ich erst nach einigem Irren durch die verwinkelten, vom kürzlich verstorbenen Architekten Hans Hollein entworfenen Räume des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK). Das Bild befindet sich im Fegefeuer. Für die Ausstellung „Die Göttliche Komödie“, die die Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler auf Dante Alighieris zwischen 1307 und 1321 entstandenen Epos thematisiert, wurde das MMK in drei Ebenen aufgeteilt, die den Stationen der Jenseitsreise entsprechen: Paradies, Fegefeuer, Hölle. Hier ist es also, bigger than life, eine über vier Meter breite und drei Meter hohe Zeichnung auf Leinwand.

Komplexe, auf den ersten Blick abstrakt-geometrische Liniengeflechte fallen einem ins Auge. Beim näheren Hinschauen erkennt man endlose Fensterreihen moderner Bürobauten, Spuren preußischer Herrschaftsarchitektur, kurzum das architektonische Raster einer Großstadt, die in diesem Fall nur Berlin sein kann. Berlin mit seinen sich voller Brüche überlagernden Schichten der Epochen und Staatsformen. Überdies sind wellenartig anmutende Gebilde zu sehen, die im Gegensatz zu den strengen, fast maschinell wirkenden Linien malerisch-gestisch ausfallen und so Poesie ins Bild bringen, aber auch eine Spannung, eine gewittrige Unruhe erzeugen. Die malerischen Flächen zeugen von künstlerischen Entscheidungen, von einer wach-sensiblen Arbeit am Bild.

Das Bild, in dem mehrere Ebenen übereinander geschichtet sind, hat kein Zentrum, keine einheitliche Perspektive. Einen Moment lang gleicht es einem riesigen Spinnennetz, einem Über-Netzwerk, dem Antlitz unserer nervösen Zeit. In einem anderen Moment denke ich an Eindrücke, die am Ende des Tages von der Großstadt bleiben und am geistigen Auge vorbeiziehen: der visuelle Abdruck der Stadt gewissermaßen. Dann: eine überwältigende Dynamik, die Stadt erscheint als brausender Sturm, als eine Naturgewalt, die alles in sich aufsaugt. In diesem Moment erinnert es an die berstenden, explodierenden Stadtlandschaften eines Ludwig Meidner, überhaupt an die Metropolenfaszination der deutschen Expressionisten vor hundert Jahren. Auch sie hat es nach Berlin gezogen.

In Berlin hat Julie Mehretu nur für kurze Zeit gelebt. Geboren wurde sie 1970 im äthiopischen Addis Abeba. Sie wuchs in den USA auf und lebt zur Zeit in New York. Dass sie in der Ausstellung als „afrikanische Künstlerin“ auftritt, verwundert daher. In einer Zeit komplexer Biografien und Migrationserfahrungen greifen solche Zuschreibungen kaum noch. Oft werden sie zum Etikett, das einem anhaftet. Man kann sie sich aber auch aneignen und zu einem trotzigen Bekenntnis umfunktionieren, was hier wahrscheinlich auch geschehen ist.

Mittlerweile ist Mehretu eine höchst erfolgreiche Künstlerin, im Markt wie im Diskurs. Sie wird von Galerien in New York, London und Berlin vertreten. Um der hohen Nachfrage nach ihren Bildern gerecht zu werden, beschäftigt Mehretu mehrere Zeichner, die ihr assistieren. 2012 nahm sie an der Documenta 13 teil. Somit ist sie eine der etabliertesten Positionen in der Frankfurter Ausstellung.

Die von mir beschriebene, 2009 entstandene Zeichnung zeigt eindrücklich, wie vielschichtig ein Tafelbild sein kann. Sie reiht sich in Mehretus Œuvre, das zwischen architektonisch-grafischer Gegenständlichkeit und malerischer Dynamik changiert, ein. Bildnerisch ist die Künstlerin wie immer an die Grenzen des Möglichen gegangen. Ich begebe mich derweil zurück ins Straßengeflecht Frankfurts, einer Stadt, die an städtebaulichen Brüchen auch nicht arm ist.

Julie Mehretu im Gespräch mit der Kuratorin Chus Martinez im Museum für Moderne Kunst Frankfurt (Mai 2014)

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erstellt am 28.4.2014

Julie Mehretu: Fragment, 2009, Tinte und Acryl auf Leinwand. Courtesy of the artist and Marian Goodman Gallery

ausstellung in frankfurt

Die Göttliche Komödie. Himmel, Hölle, Fegefeuer aus Sicht afrikanischer Gegenwartskünstler

Bis 27. Juli 2014 im MMK Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, Frankfurt am Main

Museum für Moderne Kunst Frankfurt

Julie Mehretu
Julie Mehretu