Mit ihrer ersten eigenständigen Publikation wird sie 1935 über Nacht zur gefeierten Schriftstellerin und zur Muse des von Männern dominierten Surrealismus: Gisèle Prassinos. In Alexandru Bulucz' Porträt der 1920 geborenen Autorin steht „Die arthritische Heuschrecke“, das Titelgedicht ihrer ersten Publikation, im Mittelpunkt.

Porträt der Autorin Gisèle Prassinos

Die arthritische Heuschrecke

Von Alexandru Bulucz

Sie ist ein Jahr älter als Ilse Aichinger, die in diesem Jahr dreiundneunzig Jahre alt wird. Mario, ihr vier Jahre älterer Bruder, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu den bedeutendsten Vertretern der Abstrakten Malerei gehört, entdeckt schon in den frühen dreißiger Jahren ihre kindlichen Notizen – ihr erster Satz überhaupt: „Diese Schweinereien sind prächtig.“ –, die trotz oder grade aufgrund dieser Kindlichkeit den Nerv des Surrealismus treffen. Der Bruder übergibt die Notizen Henri Parisot, der vor nunmehr fast achtzig Jahren (1935) begeistert ihre erste eigenständige Publikation organisiert: La sauterelle arthritique [Die arthritische Heuschrecke] erscheint im G. L. M.-Verlag (Guy Lévis Mano) mit einer Einleitung von Paul Éluard. Ihr Ruhm und ihr Geschick sind besiegelt: Über Nacht plötzlich als Schriftstellerin wahrgenommen, wird sie mit fünfzehn zur Muse des von Männern dominierten Surrealismus. In der ersten Auflage (1940) der Anthologie des ‚Schwarzen Humors‘ von André Breton ist sie als einzige Frau vertreten. Sie hat heute jeden, der in der Anthologie mitgewirkt hat, überlebt. Ihr Name ist Gisèle Prassinos.

Nachlesen kann man dies schon in ihrer frühen Autobiographie (1958): Le temps n’est rien [Die Zeit ist nichts]. Im deutschen Sprachraum hat sich v. a. Brigitte Luciani um die Erinnerung an Gisèle Prassinos verdient gemacht. (1) In ihrem sehr aufschlussreichen Aufsatz erfährt man, dass Gisèle Prassinos nach der Schule eine „Ausbildung als Stenotypistin“ (S. 49) machte, was insofern bemerkenswert ist, als der Surrealismus letztendlich nichts anderes sein wollte als eine bedenkenlose Schnellschrift, die als solche eine gewisse kindliche Naivität mitzutragen hat. Aber die eigentliche Erkenntnis des Aufsatzes von Brigitte Luciani besteht in der treffsicheren Nachzeichnung von Gisèle Prassinos‘ schriftstellerischem Werdegang, deren Schreiben sich als eine insistierende Suche nach der eigenen Schreibform und der Angemessenheit der eigenen Rede darstellt. Bereits als Kind tritt Gisèle Prassinos in ein distanziertes Verhältnis zu den Surrealisten, die sie selbst entdeckt hatten, und zwar deshalb, weil sie nicht naiv genug ist, um sich (als durch den Surrealismus definiertes Kind) treu zu bleiben: Ein Dilemma, bedenkt man, dass der Surrealismus die Entlarvung unserer die kindliche Moral unterdrückenden Tradition proklamierte, um sie derart ans Licht zu befördern. Dass Gisèle Prassinos bereits als Kind auf Distanz zu den Surrealisten gehen kann, beweist nur, dass sogar der Surrealismus die kindliche Moral, die er herauszustellen vorgibt, unterdrückt: Von nichts anderem zeugt das berühmte Bild von Man Ray aus dem Jahre 1933, das zeigt, wie Paul Éluard, André Breton, Mario Prassinos, Benjamin Péret, Henri Parisot und René Char auf ein Kind starren, das seine Texte liest. Das Kind: Gisèle Prassinos.

Brigitte Luciani dazu: Gisèle Prassinos „fühlte sich wie ein Objekt, wie eine Skulptur in einer Ausstellung, um die sich diverse Personen versammelten, um über Kunst zu diskutieren. Man sprach über sie in ihrer Abwesenheit – doch man sprach nicht mit ihr.“ (S. 44) Was sich daran zeigt, ist, dass man die innere Welt des Kindes, die man erschließen will, nicht zum Objekt machen kann, ohne sich selbst zum Objekt zu machen und ohne nicht nur die besagte Welt zu zerstören, sondern auch sich selbst. Konkreter: Auch der Surrealismus hat das Kind zum Objekt verkommen lassen, wodurch er selbst zum Objekt wurde, nämlich zu einer unhaltbaren Doktrin. Nur als eine unhaltbare Doktrin ist der Surrealismus abzulehnen, der ansonsten eine für die Literaturgeschichte notwendige und unverzichtbare Epoche ist, deren Idee man aus guten Gründen zu praktizieren versuchte. Zur etwa gleichen Zeit schreibt auch Freud über den „kleinen Hans“ in seiner Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben.

Sehr früh gilt das Kind Gisèle Prassinos als Inbegriff der écriture automatique. Darauf weist auch das Vorwort von Paul Éluard zu La sauterelle arthritique hin:

„Von dem Abzählreim, der diese kleine Gedichtsammlung eröffnet, bis zu dem kühnen Brief, der sie abrundet: eine Feerie schlägt mit ihren Flügeln durch den sonderbaren Zauber eines zwielichtigen Naturalismus. Für Gisèle Prassinos bedeutet diese Feerie Alltag. Das Schulmädchen opfert seit mehr als einem Jahr seine freie Zeit und hat seitdem eine Anzahl von Texten unterschiedlichster Art geschrieben, die allesamt wunderbar sind.
Die écriture automatique öffnet stetig neue Türen zum Unbewussten, und in dem Maße, wie sie es dabei verstärkt mit dem Bewusstsein und der Welt aufnimmt, baut sie den Schatz immer weiter aus. Sie könnte, im selben Maße, dieses Bewusstsein und diese Welt erneuern, gesetzt den Fall, sie werden von den grauenhaften Bedingungen befreit, die ihnen gestellt werden, und lasten nicht mehr so schwer auf dem Individuum. Das zeigt sich daran, dass wir, wenn wir die folgenden Texte lesen, darin eine Moral entdecken, die wie ein an der Leine geführter finsterer Humor erscheint. Eine Moral der Dissoziation, der Suppression, der Negation, des Revoltierens, eine Moral der Kinder, der Dichter, die sich solange weigern, sich die Erscheinungen anzueignen, und die solange bei ihnen verweilen, bis alle Menschen wieder das Bedürfnis verspüren, dem ins Gesicht zu schauen, was sie voneinander unterscheidet.
                                                                                          PAUL ÉLUARD.“ (2)

(aus dem Französischen von Alexandru Bulucz)

Bei Brigitte Luciani finden wir folgende Anmerkung: „Prassinos weist heute selbst darauf hin, daß sie ihre [dreißiger Jahre-] Texte gelegentlich gelenkt hat.“ (S. 48) Was sagt uns das? Das sagt uns, dass es eigentlich keine écriture automatique gibt und dass die erste Veröffentlichung von Gisèle Prassinos im Grunde eine surrealistische Demonstration und Ausstellung nicht des Unbewussten des Kindes war, sondern im Gegenteil: seines Bewusstseins. „Prassinos verwendet daher für ihre Schreibweise der frühen Jahre nicht den Begriff der écriture automatique, sondern den des Laisser-aller.“ (Ebd.) Es ist etwas anderes, einer Sache aktiv zuzustoßen, als sie passiv kommen, ankommen zu lassen: als es passiv darauf ankommen zu lassen, um darauf zu reagieren, was Bewusstsein voraussetzt.

Brigitte Lucianis Schluss zur späten Gisèle Prassinos: „Von dem ehemaligen Laisser-aller hat sich Prassinos endgültig entfernt. Sie konstruiert ihre Geschichten und unterwirft ihre Texte vielen Korrekturen. Mit zunehmenden Alter wird ihr Stil immer realistischer“. (S. 57) An dieser Stelle versäumt Brigitte Luciani im Hinblick auf Gisèle Prassinos‘ Arbeitsweise, die als Vorgehen vielleicht immer schon ein bewusstes Nachgehen war, die letzte Konsequenz zu ziehen: dass Gisèle Prassinos, wie vielleicht jeder andere Schriftsteller und Künstler jemals, nie anders hat arbeiten können als im Sinne des Laisser-aller, das schlechterdings nichts anderes ist als immer schon die Vorwegnahme des ständig „zunehmenden Alter[s]“: In jedem Alter ist Schriftsteller und Künstler, wer nach seiner Möglichkeit ins Geschehen einzugreifen vermag. Das kindliche Eingreifen, auch das geschieht bewusst. Aber aufgrund der überbordenden Affektiertheit dieses Bewusstseins dürfte man hier im Endeffekt gar nicht mehr von Kunst sprechen. Man könnte höchstens behaupten, Kunst und Leben fallen in diesem Lebensstadium in eins, Kunst sei die natürliche Gattung Kind, die als solche noch nicht sozialisiert ist. Als Kind hat der Mensch noch die force, affektiv/ instinktiv vor- und nachzugehen, es ist schon fort genug, es selbst zu sein, es ist forscher als das Intellektuellendasein.

„Das zeigt sich daran, dass wir, wenn wir die folgenden Texte lesen, darin eine Moral entdecken, die wie ein an der Leine geführter finsterer Humor erscheint. Eine Moral der Dissoziation, der Suppression, der Negation, des Revoltierens, eine Moral der Kinder, der Dichter, die sich solange weigern, sich die Erscheinungen anzueignen, und die solange bei ihnen verweilen, bis alle Menschen wieder das Bedürfnis verspüren, dem ins Gesicht zu schauen, was sie voneinander unterscheidet.“ Geprüft kann dieser einleitende Satz von Paul Éluard anhand des Titelgedichts von Gisèle Prassinos schon erwähntem Debütband La sauterelle arthritique – in der gelungenen wortgetreuen Übersetzung von Roland Erb. Anhand eines Gedichts, das die Unterscheidung zwischen Jung und Alt, Gebrechlich und Gebrechlich, Affektiv-entzündet und Gelenkentzündung verunmöglicht. Anhand eines Gedichts, das sich am Fuße des Surrealismus abspielt, zu dem der Surrealist selbst hinschauen müsste, und gewiss nicht naiv ist. Anhand eines Gedichts, das vielleicht realistischer ist als jegliches Realistischer-werden:

„DIE ARTHRITISCHE HEUSCHRECKE

überall hab ich nach einem rastplatz gesucht
         warum nicht
mir nicht den kleinsten kratzer geholt
         ganz und gar nicht
ich hab eine eisenschiene gefunden mit teer
         nichts zu machen
meine blume hat ihre erste knospe verlorn
         zum lachen
ich hab eine kuh mit einem stück zucker fort getrieben
         steht nicht für
sagt das ist aus braunem papier eine bluse
         hab keine hier
ich habe tinte auf die bratpfanne gerotzt
         wenn mein herz
während ich gummi zum schreiben gekostet hab
         ach dieser schmerz
ich habe kleie gefressen da waren würmer drin
         mach mir nichts draus
dann war der bauch geschwollen hab mir die pfeife gestopft
         dein schnürband geht auf.“ (3)

(aus dem Französischen von Roland Erb)

1 Brigitte Luciani: Gisèle Prassinos, in: Britta Jürgs (Hg.): „Oh große Ränder an meiner Zukunft Hut!“ Portraits surrealistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, Berlin 1997, S. 39-58.

2 Gisèle Prassinos: La sauterelle arthritique, Paris 1935.

3 Ebd.

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erstellt am 26.4.2014

bibliographie

Gisèle Prassinos

Gisèle Prassinos: Die Abreise. Roman, aus dem Französischen von Leonarda Gescher, Hamburg 1961.

Gisèle Prassinos: Der Mann mit den Fragen. Erzählungen [Originaltitel: Le Cavalier], aus dem Französischen Marie-Luise Gerok, München 1963. [Enthält u. a.: „Das Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert“, „Der junge Direktor“, „Der Kater“, „Richards Tag“, „Der Reiter“, „Das rote Schloß“, „In Der Nagelabteilung“.]

Gisèle Prassinos/ Joyce Mansour: Wenn Gott ein Papierdrache ist, wer zum Teufel ist George Sand? Gedichte. Französisch/Deutsch. Hg. von Eva M. Schulz-Jander, Kassel 1992 (Schriftenreihe der IAG-Frauenforschung. Bd. 2).

Gisèle Prassinos, in: André Breton: Anthologie des ‚Schwarzen Humors‘, Berlin 2011, S. 533-539. Darin: „Ein Gespräch“ und „Das Kind“, aus dem Französischen von Rudolf Wittkopf, S. 535-539.

« LA SAUTERELLE ARTHRITIQUE

j’ai cherché partout un lieu de repos
         pourquoi pas
sans même attraper un rond sur la peau
         que non pas
j’ai trouvé un rail avec du goudron
         il faut le dire
ma fleur a perdu son premier bouton
         mais en rire
j’ai piqué une vache avec un bonbon
         pas pour ça
dit que c’est une blouse de papier marron
         j’en ai pas
j’ai craché de l’encre dans la poële à frire
         si mon cœur
tout en dégustant de la gomme à écrire
         quelle douleur
j’ai mangé du son qu’avait la rougeole
         sans crier
puis l’estomac gros j’ai bourré ma pipe
         ton soulier est détaché. »