Literatur beschreibt Leben in seiner komplexen Vielfalt. Diese Seite der Bücherwelt hat sich jetzt das Literaturhaus Frankfurt zunutze gemacht und ein deutschlandweit einzigartiges Projekt entwickelt, das die Lebensnähe eines Literaturhauses speziell für Lehrer produktiv werden lässt. Das besondere Format trägt den Namen „Kolleg Schöne Aussicht“ und funktioniert, weil es sich inhaltlicher Vorplanung bewusst verweigert.

Projekt zur Literaturförderung

Kolleg Schöne Aussicht

Die besondere Chemie der Literatur

Von Andrea Pollmeier

Als Projektleiterin Lisa Schumacher im Februar 2012 erstmals zum Kolleg einlud, war keinesfalls einschätzbar, wie viele Lehrer auf das Angebot reagieren würden. Schließlich gab es weder Themen noch Autorennamen, die hätten anlocken können. Auf der Agenda stand lediglich die Option, sich in dem prachtvollen, weißen Gebäude am Main einmal im Monat zu treffen und mit Wunschgästen über Themen zu sprechen, die die Lehrer selbst bestimmen dürfen.

Ohne zu wissen, was sie erwartet, reagierte die angesprochene Lehrerschaft äußerst positiv. Offenbar hatte das Kolleg, das nach einer Idee von Literaturhaus-Leiter Hauke Hückstädt aufgebaut worden war, die Lehrer-Wünsche im Kern getroffen. Inzwischen haben sich rund 50 Lehrerinnen und Lehrer dem Kolleg-Projekt angeschlossen und nehmen in lockerer Folge an den monatlichen Treffen teil. Die Pilotphase ist nach den ersten zwei Jahren erfolgreich realisiert und eine Verlängerung der Fördermittel über einen Jahresetat von 50 000 Euro von der Dr. Marschner-Stiftung erneut bewilligt worden.

Viele Lehrer führte das Kolleg zum ersten Mal in das klassizistische Literaturhaus-Gebäude am Main. Angesprochen sind nicht nur Deutschlehrer, sondern Lehrer aller Fachbereiche und Schulformen. Was sie motivierte, die Hemmschwelle für einen Besuch zu überwinden, ist Außenstehenden zunächst schwer nachvollziehbar. Die Chemielehrerin Claudia Wagner gibt Antwort:

„Als die e-mail-Einladung kam, habe ich sie weggepackt, weil ich mich als Chemikerin und Arbeitslehrerin nicht angesprochen gefühlt habe. In der e-mail stand zwar, für alle Fächer, aber ich dachte, ich bin nicht die Zielgruppe. Im privaten Bereich erfuhr ich dann von Kolleginnen, die hier schon ein Jahr waren, dass ich trotz meiner Fächer hier gern gesehen wäre, daraufhin habe ich den Sprung gewagt und bin hergekommen. Ich finde das Kolleg ganz toll, wir haben hier viele verschiedene Themen, bei denen ich mich auch mit meinen Fächern, Chemie und Arbeitslehre, aufgehoben fühle. Ich kann etwas mitnehmen und was ich vor allem schön finde, ist die Wertschätzung, man geht hier mit uns sorgsam um, das entspricht ja auch der Grundidee.“

Warum, mag man fragen, hat sich das Literaturhaus zur Aufgabe gemacht, Lehrer so freizügig anzusprechen? Schulbezogene Projekte haben sich in der Reihe „Junges Literaturhaus“ bisher direkt auf Jugendliche bezogen, Lehrer waren als deren Begleiter nur indirekt Zielgruppe. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses und Erfinder des Formats „Kolleg Schöne Aussicht“ sagt erklärend: “Unsere Zukunft liegt in den Händen unserer Kinder. Der Berufsstand, der diese Kinder bildet und prägt, wurde jedoch zur gefälligen wie larmoyanten Kritik freigegeben. Das Kolleg wirkt dem entgegen. Es möchte kein weiteres Bildungsangebot für Lehrer sein, sondern die Dinge möglichst direkt, exklusiv und vor allem auf Augenhöhe zur Verfügung stellen, die an einem Literaturhaus gehandelt werden: neue Ideen, kluge Köpfe, Professionen, die Poesie des Alltags und Konfrontationen mit dem Unbekannten, Ungeahnten. Das Kolleg entwickelt sich zur Sinnpumpe, zum Ideenmotor für Lehrer und Lehre.“

Ziel des Kolleg-Projekts ist es also, der grassierenden Lehrerschelte positive, wertschätzende Impulse entgegen zu setzen. Den Lehrern werden keine vorgefertigten, zweckbezogenen Inhalte angeboten, vielmehr bestimmen sie selbst, was beim nächsten Kollegtreffen Thema ist. Gerade diese Planfreiheit scheint anzuziehen: Shahla Mustaghni , Lehrerin an der Cornelius-Schule in Oberrath, kam, weil, ihr Kollegen erzählt hatten, dass man sich beim Kolleg etwas wünschen kann. Diese Art Angebot war etwas Neues, erzählt sie, und habe sie neugierig gemacht.

Ein Blick auf das spontane Wunschprogramm, das im Laufe der Jahre entstand, zeigt, wie vielfältig der Interessenfächer der Lehrer ist. Einer der Höhepunkte des Kollegs war ein Gespräch mit Bildungskritiker Gerald Hüther auf dem Rittergut Besenhausen bei Göttingen. „Gerald Hüther ist in Schulkreisen nahezu eine Ikone“, erzählt Lisa Schumacher. „Er spricht vielen Lehrern aus der Seele.“ So hätten sie alle es als großes Privileg empfunden, mit Gerald Hüther drei Stunden in seinem Garten unter Platanen im Schatten zu sitzen und über Bildungsfragen diskutieren zu können. Anschließend reisten die 15 interessierten Lehrer noch im gecharterten Kleinbus zur Integrierten Gesamtschule (IGS) Geismar, die 2011 zur Schule des Jahres ernannt worden war, um mit deren Leiter Wolfgang Vogelsänger über das vor Jahrzehnten bereits auf den Weg gebrachte Bildungskonzept der Schule zu sprechen.

Kollegteilnehmer wollen ausgetretene Pfade verlassen, querdenken dürfen und über Schul- und Fachgrenzen hinwegblicken. Sonderschullehrer sitzen hier mit Gymnasiallehrern in einer Runde. Von den Aktivitäten profitiert jeder auf seine Art. Selbst eine Reise zum Deutschen Literaturarchiv Marbach erweist sich für die Chemikerin Claudia Wagner als eine genau zu ihren Fachthemen passende Initiative:

„Um Dokumente, die teilweise hunderte oder tausende Jahre alt sind, heute noch ansehen zu können, bedarf es der Naturwissenschaft. Wenn das Archiv nicht so weit weg von Frankfurt wäre, könnte ich das gut mit meinem Unterricht verbinden, schön, dass wir heute wissen, wie beispielsweise die Wirkung von Licht, Temperatur, Luftdruck und Luftzug funktioniert. Ich finde immer wieder, egal was ich hier mache, Sachen, bei denen ich denke, das könnte ich mit meinen Schülern oder Referendaren machen.“

Ebenso fachübergreifend anregend wirkte die im Juni 2013 stattfindende, ganztägige Kolleg-Tagung „Das Glück im Blick“, an der nicht nur renommierte Persönlichkeiten wie Philosophieprofessor Wilhelm Schmid referierten, sondern auch Berliner Schüler über ein außergewöhnliches Schulprojekt berichteten. Der Bad Homburger Lehrer Reinhard Spröde resümiert: „Die Vorträge hatten so etwas Leichtes, fast Improvisierendes und Inspirierendes. Sie waren jetzt nicht zum Mitschreiben gedacht, aber schon so, dass man überlegte, welche Spur man mal geht, die man sonst zuhause oder bei der Unterrichtsvorbereitung nicht so verfolgt. Das fand ich sehr gelungen.“

Symposien, Fahrten nach Göttingen, Marbach oder auch zum Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt sind allerdings Ausnahmen im Kolleg-Alltag. Kernstück der Reihe ist vielmehr die monatliche Zusammenkunft im gelben Salon des Literaturhauses. Dort erwartet die Teilnehmer dann ein besonderer, in der Regel von den Lehrern erwünschter und von Lisa Schumacher organisierter Gast. Für ihre Vorbereitungen hat die in Frankfurt geborene Romanistin meist nur vier Wochen Zeit. „Das Kolleg reagiert absolut spontan“ erzählt sie. Diese Spontaneität wäre allerdings ohne die Rückendeckung des Literaturhauses nicht realisierbar. Erst dessen enormes institutionelles Kontaktnetz macht es möglich, zu den vielfältigen, aus dem Schulleben hervorgehenden Themen kompetente Ansprechpartner für die Kolleg-Runde zu gewinnen.

Auf die Frage, ob dem Team nicht irgendwann die Ideen ausgehen und das Konzept sich „tot laufen könne“ antwortet Lisa Schumacher überzeugt: „Nein. Im Kolleg-Alltag gibt es nämlich auch noch die Möglichkeit, einen „Überraschungsgast“ einzuladen. Diesen „Joker“ führt Lisa Schumacher ein, wenn von den Lehrern selbst kein Gast direkt angefragt worden ist. Zur Überbrückung lädt die Projektleiterin dann nach eigener Intuition eine Persönlichkeit ein, von der sie ahnt, dass sie „ihre“ Lehrer interessiert. Neben Frankfurter Prominenz wie Oberbürgermeister Peter Feldmann und Autor Bodo Kirchhoff zählten hierzu bereits der Literaturagent Georg Simader und der Grafikdesigner Robert Cristinetti.

Gerade diese unvorhersehbaren Erlebnisse haben für Bianca Taubenheim, Lehrerin an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Frankfurt und seit der Gründungsphase Teil des Kollegs, ihren eigenen Reiz:

„Wenn keine neuen Ideen spontan entstehen, dann gibt es eben auch diese berühmten Überraschungsgäste, die ich persönlich sehr schätze. Ich finde das Überraschungsmoment sehr nett an einem Abend, wenn man herkommt und noch nicht genau weiß, was einen erwartet.“

Damit das ohne langfristige Vorplanung und somit quasi ohne Netz gestaltete Kolleg dauerhaft funktioniert, muss also die Chemie zwischen Kollegleitung und –gruppe stimmen. Das Vertrauen in den zu erwartenden, anregenden Kolleg-Abend darf nicht erschüttert werden. Dann, das bestätigt der mehrjährige Zuspruch zum neuen Literaturhaus-Format, kann dieses auf Spontaneität, Organisationstalent und positiver Überraschung basierende Konzept für Lehrer und sogar auch direkt für deren Schüler produktiv sein:

„Wir organisieren sogar auch Überraschungsgäste für den Schulunterricht“, berichtet Lisa Schumacher. “Wenn die Lehrer Interesse haben, ein Thema im Unterricht einmal anders als üblich zu behandeln, können sie mit einer konkreten Idee auf mich zukommen, damit ich ihnen dann für den Schulunterricht einen Überraschungsgast einlade. Eine Englisch-Lehrerin las beispielsweise gerade mit einer 11. Klasse „Saturday“ von Ian McEwan. In diesem Buch geht es um einen Gehirnchirurgen, sie hatte darum den Wunsch, zu einem Gehirnchirurgen Kontakt aufzunehmen. Er sollte vor der Schulklasse von seinem Beruf erzählen. Glücklicherweise habe ich viele Arztfreunde, unter anderem auch eine Neurologin an der Uni-Klinik. Ein Kollege von ihr war ein junger Assistenzarzt in Ausbildung zum Gehirnchirurgen, der auch noch perfekt Englisch sprach und dann tatsächlich an einem Schultag um fünf nach acht an die Klassentür klopfte, hinein ging und die Klasse wusste von nichts. Der Arzt war dann einfach da und hielt einen Vortrag über seine Arbeit als Gehirnchirurg, er hatte sogar noch live-Bilder aus den Operationssälen mitgebracht.“

Diese „anarchischen Momente“, die über das Literaturhaus-Kolleg in den Schulalltag einfließen, bleiben den Schülern dauerhaft im Gedächtnis, vermutet Lisa Schumacher. Die Projektleitung hat sie inzwischen an Benno Hennig von Lange übergeben, da für sie als junger Mutter die Elternzeit begonnen hat. Mag sein, dass bis zu ihrer Rückkehr in einigen Monaten das Kolleg-Projekt bereits an anderen Orten Schule macht.

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erstellt am 26.4.2014

Auch die Gehirnforschung zählt zu den Themen, die im „Kolleg Schöne Aussicht” ausführlich diskutiert wurden.

Die Tagung „Das Glück im Blick” fand ganztägig statt. In unterschiedlichen Gruppengrößen gab es über das Literaturhaus verteilt Vorträge und Arbeitsgruppen.

Der große Lesungssaal wird zum Pausenraum.

Autor Sascha Anderson zählte zu den Überraschungsgästen des Kollegs.

Im Beltz-Raum finden nebenbei Interviews der Gastredner statt.

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino als Gast im „Kolleg Schöne Aussicht”

Pausengespräche

Workshops, die den Wunschthemen der Lehrer folgen, sind Teil des monatlichen Kolleg-Programms.

Fotos © Literaturhaus Frankfurt
Audios © Andrea Pollmeier, Faust-Kultur