Er pflegt den kalten Blick. Das Analytische regiert in seinen Texten, knappen Kurzgeschichten, die das Äußere, Äußerliche mit bisweilen hochauflösender Genauigkeit beschreiben, um die drohende Gefahr falsch verstandener Innerlichkeit zu umgehen. Stets bleiben Michael Helwigs Texte dabei gelenkt vom Blick des studierten Philosophen, der klug genug ist, zu wissen, dass dem äußeren Schein alleine nicht zu trauen ist. So beschwören seine Geschichten in der Gefangenschaft des Äußerlichen Gefangene, Wesen wie jene seiner hier vorgestellten Geschichte, die am Ende Hausschuhe kaufen, ohne sich noch für den Grund ihres Kaufs zu erinnern. Sie tragen wie winters wie sommers, jene aber, die sie dazu trieb, haben sie längst vergessen. Sie sind zum Reflex geworden. Bleiben dabei ganz bei sich. Ziehen weiter.
So begegnet der Faust-Leser im Vorliegenden einer neuen, interessanten Autorenstimme aus Köln, einem von Kafka herkommenden Untersucher unserer vielfach gebrochenen Wirklichkeit, dessen Texte Kälte evozieren, die Kälte unseres kühler gewordenen Alltagslebens. Er tut es mit stupender Frische. Man wird von ihm hören.

Peter Henning

Kurzgeschichte

Mutmaßungen über Edith

Von Michael Helwig

Edith wohnt unter uns. Edith hasst Lärm. Sie sagt, der Lärm gehe ihr aufs Herz und sie würde nachts aufwachen, weil sie so Herzklopfen bekäme, von dem Lärm, den wir verursachen, selbst dann, wenn wir einmal keinen Lärm verursachen.
Vor Ediths Fenster fährt die Straßenbahn vorbei und die Einflugschneise des Flughafens ist ganz in der Nähe. Den Lärm, der dort entsteht, hört Edith nicht. Uns aber hört sie. Sie sagte, sie könne unsere Schritte unterscheiden. Sandra laufe schnell und bestimmt, ich dagegen eher gemächlich und unsicher. Am besten, sagt Edith, wäre es ja, wenn wir gar nicht laufen würden, was, wie sie einsehe, natürlich nicht machbar wäre. Da wir also nicht umhin könnten, zu laufen, schlägt sie uns vor, Hausschuhe mit dicken, dämpfenden Sohlen zu tragen, ihrem Herzen zuliebe. Edith ist kaum älter als Dreißig, aber sie spricht oft von ihrem Herzen.

Ediths Problem ist nicht das Herz, darin sind Sandra und ich uns immerhin einig, sondern dass Edith seit Jahren alleine wohnt und wenn man lange alleine wohnt, sagt Sandra, wird man komisch. Edith hat in ihrer Wohnung schon alleine gewohnt, bevor Sandra und ich eingezogen sind und ich glaube, dass Edith auch weiterhin alleine dort wohnen wird. Vielleicht, denke ich, wird Edith immer dort wohnen bleiben, und wenn Sandra und ich längst wieder ausgezogen sind, wird Edith bei unseren Nachmietern klingeln und ihnen sagen, dass sie doch bitte Hausschuhe tragen mögen und unsere Nachmieter werden Edith dann noch komischer finden, als wir es jetzt tun.

Wenn ich abends von der Arbeit komme, begegne ich Edith manchmal im Treppenhaus. Edith ist nicht unhöflich, zumindest mir gegenüber ist Edith sehr höflich und ich spüre, dass sie gerne mit mir sprechen würde, denn sie scheint in ihrem Gang leicht zu stocken, wenn wir aneinander vorübergehen. Aber meist gehe ich dann schnell die Treppe hinauf in unsere Wohnung, um nicht mit Edith im Treppenhaus zu stehen, wenn Sandra nach Hause kommt. Sandra arbeitet oft etwas länger als ich und ist in dem, was sie tut, erfolgreich. Am liebsten würde Sandra eine andere Wohnung suchen, weil sie sich hier nicht wohl fühlt und Edith „zu viel mitbekommt“ – ich glaube, Sandra meint den Sex, den wir einmal wöchentlich haben und den wir seit der Sache mit den Hausschuhen etwas seltener haben. Ich bin nicht so wild darauf, eine neue Wohnung zu finden, weil ich nicht sicher bin, dass ich mir eine neue Wohnung, so, wie Sandra sie sich wünscht, überhaupt leisten kann. Darüber hinaus muss ich sagen, dass mir die Vorstellung, wie Edith meine Schritte hört, irgendwie gefällt.

Als ich an einem Freitag etwas früher als gewöhnlich von der Arbeit komme, wartet Edith auf mich. Sie muss nicht einmal die Tür offen stehen lassen, um zu wissen, dass ich es bin, der an ihrer Wohnung vorbeiläuft.
„Kannst du mal reinkommen?“, fragt sie.
Edith hat mich noch nie zu sich in die Wohnung gebeten und obwohl ich nicht weiß, was ich von Edith halten soll, bin ich neugierig.
Sie lässt mich ein und schließt die Tür hinter uns. „Warte“, sagte sie, als ich unentschlossen in ihrer Wohnung stehe, und macht das Licht im Flur an.
Dann deutet sie nach oben an die Decke.
„Siehst du das?“
An der Decke ist eine kleine dunkle Stelle. Ein Wasserfleck.
„Irgendwo muss ein Loch in der Leitung sein. Ich habe die Handwerker gerufen. Vielleicht müssen sie dann auch bei euch in die Wohnung.“
„Ja“, sage ich. „Kein Problem.“
Weil der Flur sehr eng ist und ich dicht hinter Edith eingetreten bin, stehen wir jetzt sehr nah beieinander, was Edith plötzlich unangenehm zu sein scheint. Ich stelle fest, dass ich Edith tatsächlich ganz hübsch finde, sie ist ein wenig dünn und ihr Gesicht wirkt etwas schmal, aber vielleicht hängt auch das mit ihrem Herzen zusammen.
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Ja“, sage ich, „warum nicht.“
Wir gehen in die Küche. Edith drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine. Sie hat den Kaffee schon vorbereitet. An der Wand hängt ein großes Schwarz-Weiß-Foto, eine Landschaftsaufnahme irgendeines Fotografen, das mir gefällt. Ediths Wohnung wirkt im Vergleich zu unserer klein und eng, aber da Edith alleine darin wohnt, ist es wahrscheinlich auszuhalten. Wir sitzen auf zwei Klappstühlen und von draußen fällt trübes Licht durch das Küchenfenster und lässt Edith blass wirken.
Ich frage, ob das mit dem Wasser schon einmal vorgekommen sei.
„Nein“, sagte Edith, „bisher nicht.“
Ich nicke. Edith gießt Kaffee ein. Wir trinken und fast verbrenne ich mir die Zunge, weil ich zu hastig bin. Ich beobachtete Edith und Edith beobachtete mich und alles, was ich dabei denke, ist, mich zu fragen, was Edith wohl gerade denkt, aber vielleicht fragt sie sich ja genau das Gleiche. Vielleicht denkt sie aber auch mehr, denn als wir den Kaffee ausgetrunken haben und ich aufstehen will, sagt Edith nochmal „Warte“ und verschwindet.
Sie kommt zurück mit einigen Fotografien, die sie vor mir ausbreitete. Die Fotografien zeigen Landschaften, manche zeigen Edith in diesen Landschaften. Auf einem Foto sitzt Edith auf irgendeinem Berg und um sie herum ist nichts außer ein paar grasbewachsener Hügel. Es sieht friedlich aus.
„Wo ist das?“, frage ich.
„Schweden“, sagt Edith. „Da war ich letztes Jahr.“
„Schön“, sage ich. Und ich sage auch, dass ich noch nie in Schweden gewesen sei.
„Ja“, sagt Edith, „schön war es auch.“
Ich sehe mir die Fotos noch einmal an und frage mich einen Augenblick, wer die Aufnahmen von Edith gemacht hat. Aber dann sehe ich, dass sie wie mit einem Selbstauslöser gemacht wirken. Auf einem Bild hält sich Edith die Kamera vors Gesicht und lächelt, nicht überschwänglich.
„Du fährst alleine in Urlaub?“, frage ich.
„Ich fahre immer alleine.“
Ich gebe ihr die Fotos zurück. Ich bedanke mich für den Kaffee und sage, dass ich jetzt gehen müsse. Edith macht keine Anstalten, mich aufzuhalten.
Später erzähle ich Sandra von Edith. Ich habe ein schlechtes Gewissen, in Ediths Wohnung gewesen zu sein, denn Sandra ist manchmal eifersüchtig. Aber als ich ihr von Edith erzähle, sagt Sandra nur: „Ach!“ und ist nicht einmal neugierig.

Weil Sandra in dieser Woche Geburtstag hat, kommen am Samstag Freundinnen und Freunde zu Besuch. Es kommen nicht alle, die Sandra eingeladen hat, denn viele von ihnen kommen nicht gerne in den Teil der Stadt, in dem wir jetzt wohnen. Um ehrlich zu sein halte ich wenig von Sandras Freundinnen und Freunden und sie halten wenig von mir. Sandra hat im Treppenhaus Zettel ausgehängt, dass es heute bei uns etwas lauter werden könnte, sie hat das sehr höflich formuliert und einen Smiley auf jeden Zettel gemalt, was mir ein wenig unehrlich vorkommt, denn Sandra kann die anderen Hausbewohner eigentlich nicht leiden. Trotzdem beschwert sich niemand bei uns, nicht einmal Edith. Während der Party muss ich immer wieder an Edith denken und daran, wie sie alleine in ihrer Wohnung sitzt und die vielen Schritte über sich hörte und was das wohl mit ihrem Herzen macht. Ich ziehe sogar in Erwägung, Sandra zu fragen, ob sie Edith nicht noch einladen wolle, ganz spontan sozusagen, aber mir ist klar, dass Sandra Edith sicher nicht einladen will, und zudem vermute ich, dass Edith auch gar nicht kommen möchte. Wer gerne alleine verreist, geht wahrscheinlich auch nicht gerne auf Partys.
Da ich ständig an Edith denke, bin ich auf Sandras Party noch weniger gesprächig als sonst. Nach der Party macht mir Sandra eine Szene, dass ich so unhöflich zu ihren Gästen gewesen sei, und dass es so mit uns nicht weitergeht. Ich sage ich wüsste nicht, wovon sie spreche, was nicht stimmt, aber sie glaubt mir. Den nächsten Tag verbringen wir ohne große Aufregung. Immer wieder denke ich über Edith nach, aber Sandra erzähle ich nicht davon.

Als die Handwerker kommen ist Sandra nicht daheim. Die Handwerker kommen zu zweit, ein junger und ein etwas älterer Mann, die sichtlich gelangweilt unsere Wände und Rohrleitungen untersuchen. Sie finden schließlich einen Haarriss in einer Leitung in der Decke zwischen unserer Besenkammer und Ediths Flur. Da die Leitung nicht gut zu erreichen ist, brechen sie bei uns ein Loch durch die Wand und den Boden und bei Edith durch die Decke. Es ist kein Durchbruch, so dass zwischen unseren Wohnungen kein Sichtkontakt entsteht. Sie brauchen den ganzen Nachmittag um das Rohr zu reparieren und als sie gehen, ist noch immer ein großes Loch in der Wand unserer Besenkammer, in dem man jetzt die blanken Rohre verlaufen sieht, was ein merkwürdiger Anblick ist.
Am Abend bittet uns Edith, ihren Wohnungsschlüssel zu verwahren, da sie am nächsten Tag nicht daheim sein könne, wenn die Handwerker wieder kämen. Sandra nimmt den Schlüssel entgegen und Edith geht, ohne dass ich ein Wort mit ihr gewechselt habe. Beim Abendessen verlieren Sandra und ich kein Wort über Edith und auch über die Handwerker und das Problem mit den Leitungen reden wir kaum. Die einzige Bemerkung, die Sandra an diesem Abend dazu macht, ist, dass sie nicht überrascht sei, dass das Haus sowieso in einem miserablen Zustand sei und es Zeit sei, umzuziehen.

Die Handwerker kommen am nächsten Tag wieder und verputzen die Löcher, die sie zuvor in die Wand gerissen haben. Ich stehe eine Weile in Ediths Wohnung und beobachte sie bei ihrer Arbeit. Sie arbeiten schweigend vor sich hin. Ich gehe schließlich durch Ediths Wohnung und werfe einen Blick in das Wohnzimmer, obwohl Edith die Tür zugezogen hat. Das Wohnzimmer scheint nichts Besonderes zu enthalten, bis auf einige weitere Fotografien, die an den Wänden hängen und in Bilderrahmen in den Regalen stehen. Alle Fotografien, das fällt mir jetzt auf, zeigen immer diese Landschaften und immer wieder scheinen die Fotografen versucht zu haben, die Stille und Weite dieser Landschaften einzufangen. Zugleich scheint mir die Stille dieser Aufnahmen endgültig und bedrückend. Ich sehe mir die Fotografien an, traue mich aber nicht, weiter in das Wohnzimmer hineinzugehen, weil ich spüre, dass es mich nichts angeht, und weil auch das Zimmer plötzlich in einer Stille zu liegen scheint, die mir unheimlich ist, und so gehe ich wieder nach oben.

Nachdem die Handwerker mit Ediths Decke fertig sind, kommen sie zu uns hinauf und verschließen die Wand und den Boden in der Besenkammer wieder. Sie sagen, wir sollen die Besenkammer erst am nächsten Tag einräumen, wenn alles getrocknet sei und solange die Tür offen stehen lassen zur Belüftung. Ich verspreche, dass wir das tun würden. Ich überlege, ob ich Edith den Schlüssel am Abend vorbeibringen soll, entscheide mich aber dann, den Schlüssel in ihren Briefkasten zu werfen, ehe sie von der Arbeit daheim ist, weil ich nicht noch einmal in Ediths Wohnung zurückkehren möchte. Den Rest des Nachmittags sitze ich alleine in unserer Wohnung und rühre mich nicht.

Ich sehe Edith danach nur noch selten. Ich gehe ihr, wenn möglich, aus dem Weg. Wir begrüßen uns manchmal noch mit einem freundlichen Kopfnicken im Treppenhaus aber wir sprechen nicht miteinander. Weder Edith noch ich haben dieses kurze Zögern in unserem Gang, wenn wir aneinander vorübergehen. Ich glaube, dass Edith weiß, dass ich in ihrem Wohnzimmer gewesen bin, dass sie es irgendwie gespürt hat, weil einsame Menschen so etwas spüren. Es ist mir unangenehm, aber ich habe nicht den Mut Edith darauf anzusprechen und sage nichts. Nicht einmal Sandra erzähle ich davon. Anfangs denke ich nach der Sache mit der Leitung noch oft an Edith und frage mich, was sie gerade macht, alleine, wie sie ist, und ob sie meine Schritte hören kann und falls sie das kann, was sie jetzt dabei denkt. Ich denke auch an die Fotografien in Ediths Wohnung und die sonderbare Stille. Aber eines Tages besorgt Sandra für uns Hausschuhe, dicke Filzpantoffeln für den Winter und leichtere für den Sommer und ich glaube, sie dämpfen unsere Schritte recht gut. Wir beginnen bald zu vergessen, warum wir die Pantoffeln überhaupt tragen, so sehr gewöhnen wir uns daran, und an Edith denke ich immer seltener.

Kommentare


Oli (von Peru) - ( 04-05-2014 11:11:08 )
Als ich die ersten drei Absätze gelesen hatte musste ich unbedingt den Rest auch noch lesen. Ich habe mir ein Cappuccino gemacht und den Rest auf den sonnigen Balkon weiter gelesen. Ich musste einfach wissen wie es ausgeht. Klasse.

Juliane - ( 15-05-2014 11:21:06 )
Dem kann ich nur zustimmen! Danke für die Geschichte!

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erstellt am 25.4.2014

Michael Helwig
Michael Helwig