Der Wunsch, Lyrik zu einem Moment der Prosa zu machen, kennzeichnete die Ambition des großen Erzählers Peter Kurzeck. Im Gespräch mit Achim Stanislawski bündelte er einst seine eigenen Lese- und Schreiberfahrungen zu anekdotischen Glanzlichtern.

Interview mit Peter Kurzeck

Der Bibliotheksbus, ein eigenartiges Bett, die RAF

Die Fragen (rot) stellte Achim Stanislawski

Noch ehe Peter Kurzeck mir gegenüber Platz nahm, war das geplante Interview schon vorbei. Der Gesprächsleitfaden, die vielen Zitate und Verweise, die ich herausgesucht hatte und die sich in einem erodierenden Zettelhaufen auf meinem Küchentisch stapelten – ich vergaß sie. Kurzeck war meiner Einladung gefolgt, er hatte sich bereit erklärt zu einem Interview, doch kam ich kaum dazu, ihm eine Frage zu stellen. Eineinhalb Stunden redet er, auf Stichworte hin, oder sie ignorierend, von einem mächtigen Wortstrom davongetragen. Wie von den eigenen Worten getrieben, sprang er immer wieder zurück, suchte Erinnerungen hervor und ließ sich in deren Erzählung verstricken. Ich konnte und wollte das Gespräch nicht lenken, denn Schlafwandler, so heißt es, soll man nicht wecken. So ließ ich ihn denn reden, meinerseits gefangen von diesem eigentümlichen „Kurzeck-Sound“.

Was heißt es für Sie, Schriftsteller von Beruf und Berufung zu sein?

Schriftsteller zu sein, das ist eigentlich kein Beruf. Es ist so, denke ich, dass man von Kind auf die Erfahrung macht, dass man es ohne es nicht aushält. Und ursprünglich sich natürlich denkt, oh, das ist wunderbar, schreiben geht ganz leicht. Also man kann es sowieso. Außerdem hatte ich als Kind die Vorstellung, dass ich überall auf der Welt einmal gewesen sein sollte und dass ich das in meinem zukünftigen, langen Leben sicherlich auch tun könnte: jeden Ort der Welt zu besuchen. Noch als Zehnjähriger hatte ich nämlich den Wunsch, alle Menschen, die mit mir zugleich auf der Welt sind, kennen zu lernen. (lacht)
Vielleicht nicht jeden, aber doch ungefähr zu wissen, wie es in deren Leben zugeht. Wie die Hulamädchen auf Hawaii denn tatsächlich leben und zu sehen, ob die Feigen wild auf den griechischen Inseln wachsen.

Ich meinte auch die Kämpfe, von denen Sie schreiben, sich als Schriftsteller über Wasser zu halten. In einer Ausgabe des „Volltext“ war kürzlich ein Artikel von Martin Prinz zu lesen, in dem dieser die Korrespondenz mit seiner Sparkassensachbearbeiterin dokumentiert. Er muss sie, wegen ständiger finanzieller Engpässe andauernd um Erhöhung des Dispo bitten, gerät zwischenzeitlich, weil die Veröffentlichung seiner Bücher immer wieder verschoben wird, in eine existentielle Krise…

Ich kenne Martin Prinz sehr gut. Wir haben zusammen einmal ein Gespräch für den Wiener Standard (vom 22.5.2009) über das Geld gemacht. In Österreich ist das anders. In Deutschland würde man keinen Dispokredit kriegen als Schriftsteller. Also jetzt schon gar nicht mehr, es sei denn, man ist noch irgendwas. Man ist noch außerdem an der Uni oder so. Aber im Moment schon gar nicht. Selbst wenn man einen Doktortitel hat. Man kriegt ja auch keine Stipendien, man macht es einfach selbst. Man muss es einfach selbst machen, trotz allem.
Ich habe von Kind auf geschrieben, und als Kind ist einem das ja egal. Als Flüchtlinge waren wir arm, aber als Kind findet man das nicht so schlimm. Erstens sind es andere auch, zweitens ist es ja auch spannend – man geht Holz holen usw. Wir haben die ersten zwei Jahre in Deutschland zur Hälfte vom und im Wald gelebt. Wir kamen 1946 hierher. Als Flüchtlinge bekam man damals ein Zimmer angewiesen. Meinen Vater war in Kriegsgefangenschaft, und ich habe ihn erst kennen gelernt, als ich fast fünf war. Dadurch aber hatte ich immer den Eindruck freier zu sein als die anderen Kinder, unabhängiger als Vaterloser.

Wie Adorno sagt, dass ein Vater entweder zu viel oder zu wenig „da ist“?

Ja. Den Vater, den gab es zwar, der war aber nicht schon immer da, sondern ein Mensch, der dann irgendwann kam. Nachträglich. Ein nachträglicher Vater. Deshalb hatte ich als Kind schon immer das Gefühl einer starken Autonomie, dass ich für mich selbst zuständig bin und dass eigentlich ich entscheide, was ich jetzt tue. Das war nicht ganz leicht, denn als mein Vater schließlich doch kam, dachte er natürlich, er muss jetzt so ein deutscher Vater sein. So ein richtiger deutscher Vater, auch weil die ganze Generation ja auch ihren Krieg verloren hatte.

Das Schreiben begonnen haben Sie also als freies Kind?

Geschrieben habe ich immer. In meiner Kindheit war Papier etwas ganz Kostbares. Als meine Schwester in die Schule kam, hat sie ihre Hausaufgaben auf die Ränder von Zeitungspapier gemacht. Ein Heft hat damals so viel gekostet wie ein Laib Brot. Also hat meine Mutter ihr abends unter der Lampe Hefte genäht, aus irgendwelchen Schnipseln, aus Kaufmannstüten. Die Papierschnipsel dazu hat man irgendwie bekommen. Die hat man dann glatt gestrichen und hat daraus Schulhefte genäht. Erst später hatten wir dann von den Amerikanern so wunderbare dicke Notizbucher. In meiner Kindheit hat es immer an Papier gemangelt, und mir ist Papier noch heute etwas sehr Kostbares. Mir passiert auch heute noch, dass ich merke, ich habe wieder ungeheure Papiervorräte angehäuft, das ganze Haus ist voller Papier, obwohl nicht einmal die Schuhe – also im Grunde gar nichts mehr in die Wohnung passt. Da passt kein einziges Buch mehr rein. Überall diese Papierberge. Irgendwann sind dann alle Schränke voller Papier. Und so muss ich dann meine Schuhe manchmal in den abgetauten Kühlschrank oder in die Küchenschränke stellen. Da sind dann letztendlich auch nur noch Papiere und vielleicht noch so ein bisschen Tee drin … Und Honig, weil ich Honig zu kaufen auch nie widerstehen kann.

Wir waren bei dem frei herumschweifenden, schreibenden Kind.

Ja, richtig! Ich habe also mit sechs, sieben Jahren angefangen zu schreiben, als ich in der Schule merkte, dass ich der Einzige war, der einen richtigen Aufsatz schreiben kann. Das weiß ich noch ganz genau. In der Schule gab es Ersatztafeln aus einer fetten Pappe. Und die war mit irgendeiner Art Speziallack bestrichen, und man musste besondere Stifte, die nur dafür erfunden worden waren, verwenden. In den ersten zwei Jahren hatten wir keine Hefte in der Schule, sondern nur diese Tafeln. Später dann kamen diese genähten Hefte. Bei diesen Tafeln war es aber so, dass wenn man die einmal beschrieben hatte, konnte man das Geschriebene zwar irgendwie abwischen, aber man konnte trotzdem alles, was jemals auf dieser Tafel geschrieben worden war, durchsehen.

Dann haben Sie ja in den ersten Schuljahren ein einziges Palimpsest geschrieben, eine einzige lange Hausaufgabe. Im Grunde also ein einziger langer Aufsatz, der mit den ersten Buchstaben beginnt und noch bis heute weiter geschrieben wird.

Na ja. Die Tafeln gab es nur in den ersten zwei Jahren und danach dann das so geschätzte Papier. Ich schreibe noch heute nicht am Computer, sondern mit der Schreibmaschine, weil ich das Papier und das Geschriebene immer in den Händen haben muss. Ich weiß schon, dass ein Computer viel praktischer ist, nur beim Schreibvorgang ist das nicht wichtig! Bei mir läuft der Tag, der ganz am und um das Schreiben aufgebaut ist, so ab: Ich steh morgens auf, hab dann vielleicht beim Zähneputzen oder überhaupt beim Aufstehen schon die ersten paar Sachen im Kopf, zwei, drei Sätze, die ich mir beim Rasieren oder so aufschreiben muss. Oder die ich mir nachts auf Zettel, die neben dem Bett liegen, aufgeschrieben habe und die ich dann angucken muss. Meistens lese ich noch das, was ich am Vorabend gemacht habe durch. Dann, nach diesen ersten Sätzen, muss ich aber raus in die Kneipe, einen Espresso trinken. Im Süden machen die Kneipen schon um sechs auf, und man kann sich auch im Winter unter die Markisen setzten und sich an seinen ersten Pariser Herbst erinnern und dabei fallen mir schon die nächsten paar Sätze ein. Eigentlich möchte ich sie mir dann nicht gleich aufschreiben, sondern als halbfertige Sätze im Kopf behalten, weil ich denke, sie werden dann noch ein bisschen besser, bis ich heimkomme. Immer können sie noch ein bisschen besser werden. Aber manchmal komme ich dann zurück und von diesen fünf halbfertigen Sätzen ist mir einer entfallen. Da hilft dann nichts, da muss man dann so lange herumgrübeln, bis der wieder kommt. Anders geht es nicht. Nach meiner Erinnerung ist es mir nie passiert, dass etwas völlig weg war, aber ich haben manchmal einen ganzen Tag oder so gebraucht, bis ich mich an solch einen Satz wieder erinnern konnte. Ich kann dann nicht einfach einen anderen nehmen, sondern muss, muss ihn wieder haben. Und das ist quälend.
Und diese paar Sätze schreibe ich dann also auf eine Seite und lasse den Rest der Seite frei, damit ich daran noch herumschreiben kann.

Diese Intensität des unbedingten Festhaltens, aber auch das Raumlassen, Raumeinräumen für vielleicht nur einen Satz, dass hört sich nach einer eher dichtenden denn prosaischen Schreibweise an.

Ja, ich habe früher auch Gedichte geschrieben. Habe mir aber dann gesagt, du musst es fertigbringen, das was du jetzt als Lyrik neben der Prosa schreibst, zu einem Moment deiner Prosa zu machen.
Um zurück zum Geld zu kommen:
Als Kind braucht man ja kein Geld. Ich habe aber als Kind schon ein paar Mal Honorar bekommen als ich elf oder zwölf war. Damals habe ich Sachen an den „Gießener Anzeiger“ geschickt. Zunächst für einen Weihnachtswettbewerb. Und weil sie es tatsächlich gedruckt haben, habe ich das dann öfter gemacht. Man bekam immer ein Honorar und das war für meine damaligen Verhältnisse eigentlich viel. Es war mehr, als sie heute für Kritiken zahlen würden! Und das Honorar hat dann die Briefträgerin, die mich immer an eine Bachstelze erinnerte, oder umgekehrt die Bachstelze erinnerte mich an die Briefträgerin, bar ausbezahlt.

Und worüber haben Sie als Kind geschrieben, wissen Sie das noch?

Das waren Sachen wie, dass du als Kind auf Ferienfahrt an der Nordsee bist, wie ich da zum ersten Mal das Meer sehe, vielleicht in ein Mädchen verliebt bin, mit der ganzen Atmosphäre des Meeres, der Kindheit zwischen den Zelten … Und es ist der vorletzte Abend, und es wird Abend und man will sich alles merken, so weißen Dünnensand hast du vorher ja noch nie, im ganzen Leben nicht gesehen.
In diesem Sommer, als ich dreizehn war, da habe ich mich für Jahre verliebt. Vorher war das merkwürdig. Eine ganze Zeit kann man die Liebe als Spielerei betreiben. Mit zwölf fiel mir das ganz leicht. Das war auch so eine Folge vom Schreiben. Aber im Grunde habe ich geschrieben, weil ich es anders nicht aushielt. Nur habe ich mir das Leben eines Schriftstellers ganz leicht vorgestellt. Ich war auch absolut sicher, man wird schnell reich. Ich war so sicher, dass ich nicht darüber nachdachte. In meiner Zukunft kämen Geldsorgen einfach nicht vor, weil ich ja Schriftsteller wäre. Es stimmt zwar, dass ich meine Leben lang Geldsorgen gehabt habe, und trotzdem stimmt meine Phantasie von damals doch, weil diese Sorgen nie so wichtig waren. Das Dumme ist nur: Die Menschen, die ich kannte, haben alle gearbeitet wie verrückt. Die haben sich totgearbeitet.

In „Kein Frühling“ beschreiben Sie das Dorf ihrer Kindheit und die sturen Dörfler, die ihr ganzes Leben für den „Anbau zum Anbau“ von einem Haus arbeiten, das ganze Leben in diesem zähen Provisorium sich abrackern …

Das war normal, dass man sich halb tot gearbeitet und nichts sonst im Kopf gehabt hat. Ich habe dann mit vierzehn auch zu arbeiten angefangen. Für mich waren nur die ersten drei Jahre in der Schule interessant. Von da ab hat sie mich nur gestört. Weil ich den Eindruck hatte, alles was ich allein tue, ist gut und richtig und in dieser Schule sitzt man nur dumpf herum und will eigentlich mit allem nichts zu tun haben. Ich wusste schon damals, dass es eine völlig andere Welt ist, in der man wirklich lebt. Wirklich gelebt habe ich nur im Schreiben.
Aber auf dem Dorf so zu leben, war schwierig. Ich hatte zum Beispiel immer die Angst: „Eines Tages hast du alle Bücher gelesen“. Also die im Dorf sowieso. Die hatte ich bald alle gelesen. Und zwar nicht nur einmal, sondern wie man das von Lieblingsbüchern kennt. Die liest man manchmal so oft hintereinander, bis man plötzlich merkt, jetzt kannst du nicht mehr. Deshalb hatte ich immer Angst vor dem Tag, an dem ich alle Bücher gelesen hätte. Wie hältst du das dann aus auf dem Dorf? Eben weil da nicht unbegrenzt viele waren. Ich habe als Kind natürlich alles gelesen, was mir in die Hände kam. Erst Wilhelm Busch, aber auch Stendhal. Alles was da war. Ich habe auch Unmengen von Büchern gelesen, die um 1900 geschrieben worden waren und quasi den Krieg mit vorbereitet haben. Da kamen dann eitle, betrügerische Franzosen und geldgierige Engländer drin vor. Und Mulatten, die aufrechten, christlichen Menschen nach dem Leben trachteten und Chinesen, die einen erwürgen wollen. Auch so Kolonialromane und die sogenannten „Soldatenjahrbücher“ aus dem Ersten Weltkrieg. Fürchterliche Bücher für ein Kind waren das. Da starrt man dann so ein Bild an: “Kriegsweihnachten 1915”. Aus diesem Dilemma, dieser Enge hat mich dann ein Bus der Leihbücherei der Amerikaner gerettet. Das war so ein riesiger, ganz runder amerikanischer Bus. Der sah ein bisschen aus wie ein Fisch, wie ein größer dunkelblauer Wal. Der kam alle drei Wochen im Dorf vorbei und hat mich durch die Bücher, die er mitgebracht hat, im wahrsten Sinne des Wortes gerettet. Ich war so begeistert, dass ich die anderen Kinder dazu anstiften wollte, sich auch Bücher auszuleihen, aber denen wurde das verboten. Manche Eltern wollten einfach nicht, dass ihre Kinder lesen. Die sollten nicht auf dumme Gedanken kommen und stattdessen arbeiten gehen. Außerdem denken Bauern immer, sie werden irgendwie übers Ohr gehauen. Gerade weil es nichts kostet. Aber eines Tages kam dann der lang ersehnte Bus und die Bibliothekarin, die mit ihm mitgefahren ist, sagte mir: „Jetzt können wir dein Dorf nicht mehr anfahren“. Das war für mich schrecklich, da ist wirklich eine Welt für mich zusammengebrochen. Und wie dann der Bus nicht mehr kam, hatte ich die gleiche Angst wieder, dass ich irgendwann nichts mehr zu lesen hätte oder allem überdrüssig sein würde. Doch dann ging ich in Gießen aufs Gymnasium. Und da kam irgendein Mitschüler und nahm mich nach dem Unterricht mit ins Amerikahaus. Das war damals eine beschlagnahmte Villa mitten in der Gießener Innenstadt. Da konnte man einfach reingehen. Schon das ist eine ganz besondere Erfahrung, dass da ein ganz fremdes Haus ist, und man ist ein Kind und geht da einfach hinein. Innen war eine riesige Bibliothek, riesige Räume bis unter die Decke voll mit Büchern und durch die Doppeltür konnte man in das angrenzende Zimmer sehen, das ebenfalls voller Bücher war. Und da war ich zum ersten Mal in meinem Leben sicher, dass die Bücher mein ganzes Leben lang reichen werden.

Haben sie nach ihren ersten Versuchen als Kind dann kontinuierlich weiter geschrieben?

Ja, ich habe eigentlich immer geschrieben. Mit sechzehn habe ich dann ganz schnell ein erstes Buch geschrieben. Meine Schwester hat die Seiten mit zur Arbeit genommen und sie auf der Schreibmaschine in der Mittagspause mit Durchschriften abgetippt. Später habe ich sogar eine Schreibmaschine gemietet. Vor Kurzem habe ich diese Durchschriften wieder gefunden und die waren eigentlich ganz witzig, lebhaft und voller Situationskomik. Doch meine nächsten Versuche waren dann viel schwerfälliger. Da will man der große Schriftsteller sein. Mit achtzehn habe ich dann gemerkt, dass das so nicht richtig ist, und ich habe mir gesagt: “So jetzt schreibst du so lange nur für dich, bis das, was du schreibst, richtig ist, bis es so ist, wie du es haben willst”. Das hat dann ungefähr noch einmal zehn Jahre gedauert. Diese ganze Zeit über habe ich gearbeitet und nachts geschrieben. Ich hatte eine Lehre angefangen und konnte deshalb nur nachts schreiben, weshalb ich eigentlich in diesen zehn Jahren gar nicht geschlafen habe.
Dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass Alkohol mich nicht müde macht, sondern überwach. Deshalb habe ich in diese zehn Jahre zwischen 18 und 28 nur mit Alkohol geschrieben. Aber nicht in Hinsicht auf ein eigenes Buch, sondern nur für den Stil. Dann mit 28 bin ich eines Morgens aufgewacht, war Personalchef in einer Abteilung, habe für die Amerikaner gearbeitet – das war der 19 August 1971 –; ich bin also aufgewacht, um zur Arbeit zu gehen, hab die Vögel gehört und wusste plötzlich, wusste ganz sicher: “Du kannst da nicht mehr hin, du darfst da nie mehr hingehen.” Das war zunächst einmal ein riesiger Schreck, weil es immer einfacher ist, das zu machen, was die Welt von einem erwartet, anstatt zu sagen: “Ich bin nicht der Mensch, den ihr in mir seht.” Dann wurde mir bei der Überlegung, bei der Überlegung, warum ich nicht hingehen konnte, natürlich sofort schlecht. Aber meine Erklärung für mich selbst war, “weil du schon dein Leben lang schreiben willst, du machst es zwar auch, aber dir bleibt nur immer die schlechteste Zeit des Tages. Abends wenn du müde bist. Also immer schon eine eingeteilte, ein schon abgeschnittene Zeit.” Ich bin davor ewig viel gereist und war deshalb immerzu pleite. Obwohl ich mehr verdient hab als in den Jahrzehnten danach, habe ich ein Leben in Arbeit und Verschwendung gelebt, bloß es war das falsche Leben. Ich bin dann nicht mehr hingegangen und habe wieder die ungeteilte Zeit empfunden. Seit ich mit fünf in die Schule kam, hatte die Zeit mir nicht mehr gehört. Jetzt aber konnte ich plötzlich morgens aufwachen und den ganzen Morgen darauf verwenden zum Fenster zu gehen und zu riechen, wie die Luft riecht. Da war es inzwischen September.

Und in dieser wiedergefundenen, freien Zeit, wie es einst in der Kindheit gewesen ist, haben sie anders schreiben können?

Eigentlich geschrieben habe ich, weil ich von Kind auf den Zwang hatte, dass ich dachte, ich darf nichts vergessen. Das ist ein schweres Dilemma: entweder würde man dann verrückt werden, wenn man versuchte nichts mehr zu vergessen oder man muss mit dem, was man sich einprägt, etwas anfangen. Und was man damit anfängt ist gewöhnlich Kunst, dass man das letztendlich irgendwie benutzt.
Aber zunächst habe ich diese überwältigende Erfahrung gemacht, wie schön es ist, wenn man überhaupt nirgends hingehen muss. Wenn man morgens aufwacht und eine Stunde am Fenster steht, raucht und immer wieder Kaffee trinkt. Man darf dann denken: „Weil die Luft so nach Herbst, nach September riecht, gehst du heute den ganzen Tag an diesen alten Gärten entlang“. Es war damals auch noch viel von dem Land meiner Kindheit übrig, das heute nicht mehr da ist. Du gehst die Septembergärten entlang, gehst den ganzen Tag durch den Wald und kommst zurück, wenn es dunkel ist. Ich hatte, bevor ich anfing, nur Bruchstücke zu schreiben, in einem Rutsch eine Grobfassung von einem Roman geschrieben. „Regentage” hieß es. Als ich dann aufgehört habe zu arbeiten und die Erfahrung gemacht habe, wie es ist, ganze Tage herumzugehen und dann heimzukommen und zu überlegen, was könntest du jetzt lesen. Und da dachte ich: „Du könntest Hamsun lesen, alles von Hamsun.“

Angefangen mit „Hunger“?

Warum nicht? Und zum Schluss auch noch das Gefängnistagebuch. Oder aber anzufangen einen Brief zu schreiben und dabei konnte ich mir überlegen: „Du kannst jetzt drei Wochen lang, du kannst ewig an diesem Brief schreiben. Du musst dir nur überlegen, schickst du ihn in Fortsetzungen oder als Ganzes.“ Und dann habe ich dieses altes Buch „Regentage” gefunden und habe mir angewöhnt, jedes Mal, wenn ich aus dem Haus ging, einen kleinen Stapel von dem Buch mitzunehmen. Und unterwegs habe ich diese Seiten gelesen und es dabei geändert. Am Ende, wie ich damit durch war, war es ein anderes Buch. Ab da war mein Geld dann doch zur Neige gegangen und ich habe angefangen wieder zu arbeiten. Aber nur halbtags, bei einer Buchhandlung in Gießen. Also keine volle Stelle mehr, wo man so sein Leben abliefert. Nie wieder wollte ich eine volle Stelle haben. Und das ging ganz gut, auch wegen der billigen Miete zu der Zeit. Man merkt daran, wie wichtig Wohnungen sind. Sie sind nämlich ganz ungeheuer wichtig, weil Kultur, dort wo Wohnungen billig sind, leichter zustande kommt. Man weiß das. Die amerikanische Literatur der zwanziger Jahre wäre nicht zustande gekommen, wenn man dort nicht von dem Geld, das man in den USA in zwei Monaten verdienen konnte, in Europa fast ein ganzes Jahr hätte leben können.

Sartre bezeichnet aus einem ähnlichen Grund die amerikanischen Schriftsteller als Kinder, weil sie nicht ausschließlich Boheme sind, weil sie abtauchen und arbeiten gehen, nicht wie die Pariser Intellektuellen, die sich untereinander alle kennen. Für ihn ist diese Enge, dieses fast inzestuöse Beziehung der „alten Männer“ in Paris ein charakteristisches Merkmal ihrer Literatur. Wenn man so will, ist das auch eine Frage des Mietpreises, der Lebenshaltungskosten, ob man berufsmäßig Intellektueller in Paris ist oder ein zuweilen abtauchender amerikanischer Schriftsteller wie Steinbeck oder Faulkner.

Es gibt bei Sartre die Anekdote von der verlorenen Seite. Er erzählt von einer verlorenen Seite, die er aufs Neue schreibt. Dann findet er die alte Seite wieder und denkt, dass die neue Version zwangsläufig besser sein muss, weil er sich und seinen Stil weiterentwickelt hat. Aber zu seiner Verwunderung, und auch zu seiner Befriedigung, sind die beiden Seiten fast identisch.

War das bei Ihnen auch so, als Sie „Regentage“ überarbeitet haben?

Ich denke beides ist möglich. Das Buch, welches ich dann zum zweiten Mal geschrieben habe, ist dabei drei- oder viermal so lang geworden. Man konnte es wieder erkennen, aber es war trotzdem völlig anders. Als das Buch nach einem Jahr neu geschrieben war, habe ich gesagt: „Gut, aber“ – ich weiß eigentlich nicht genau warum – „das soll nicht mein erstes Buch werden.“ Ich habe also die zweite Fassung beiseite gelegt. „Jetzt willst du ein richtiges Buch schreiben. Nicht nur Bruchstücke wie die zehn Jahre davor, sondern ein richtiges Buch, mit einem richtigen Anfang und einem richtigen Ende. Du darfst dazu solange brauchen, wie du willst. Du kannst es auch zehn oder zwanzig Jahre lang schreiben, aber wenn es fertig ist, musst du alles tun, um einen Verlag dafür zu finden.“

Sie waren also ihr eigenes Publikum?

Zunächst, doch meine Frau war später auch in das Schreiben verwickelt. Das heißt, sie kannte jede Zeile. Sie war anfangs ungeheuer eifersüchtig aufs Schreiben. Sie konnte nicht sehen, dass ich schreibe. Und irgendwann hat sie versucht das auszugleichen, indem sie so sehr Anteil nahm an meinem Schreiben, als wäre es ihre eigenes. Das kann auch schief gehen, und so war es bei uns. Wir haben uns kennen gelernt und dann die erst Monate damit verbracht, uns gegenseitig unsere Lebensgeschichten zu erzählen, zu versuchen, ob wir denn auf unbestimmte Zeit miteinander leben könnte. Danach haben wir uns dann jahrelang praktisch nicht, also höchsten auf einen halben Tag, getrennt. Eigentlich sind wir unentwegt nebeneinander hergegangen. Und dann konnte sie aber nicht mehr sehen, wenn ich schrieb. Da ist irgendwas passiert. Die ersten Wochen musste sie mir dann immer ganz wichtige Kindheitsgeschichten erzählen, dann geht man ins Bett und bleibt da drei Tage lang. Sie hat das Problem schließlich gelöst, indem sie in der Küche, wo ich gearbeitet habe, so eine große wunderbare Küche auf dem Dorf, in der man den Eindruck hatte, wenn du jetzt das Fenster aufmachst, kommt das ganze Dorf mit seinen Stimmen und Hühnern und Menschen in die Küche rein; in diese Küche also hat sie sich selbst ein Bett um meinen Arbeitstisch herum gebaut. Da hat sie dann geschlafen, während ich nachts schrieb. So habe ich dann mein Buch geschrieben. So konnte sie es ertragen, wenn ich schrieb.

Welches Buch war das dann?

Es hieß „Der Nussbaum gegenüber vom Laden, wo du dein Brot kaufst” und war 1977 fertig, bis auf den Anfang und den Schluss, die ich erst schreiben wollte, wenn ein Verlag sich dazu bereit erklärt hätte, das Buch zu nehmen. Ich war dann eigentlich mit Suhrkamp einig geworden, aber die haben dann das Buch auch nicht gemacht. Wir haben uns zwischendrin nicht mehr einigen können, und dann bin ich zu Stroemfeld. Das erste Buch habe ich dann später noch einmal, zum dritten Mal geschrieben und das ist „Keiner stirbt”.

„Keiner stirbt“ beruht also auf ihren ersten Bruchstücken. Es ist aber gar nicht so stark autobiographisch gefärbt wie die aktuelleren Bücher. In diesen ist das autobiographische Moment das eigentliche Movens.

Ja, jetzt schreibe ich autobiographische Bücher. Das Buch an dem ich im Moment arbeite soll “Vorabend“ heißen. Es ist jetzt mittlerweile vielleicht tausend Seiten dick und ich weiß nicht ob ich es jemals fertigbringe, es zu beenden.

Tausend Seiten! Das ist ganz schön gewagt. Speziell für einen Verlag wie Stroemfeld.

Vielleicht geht der Verlag ja auch vorher pleite, bevor ich das Buch beendet habe. Die haben im Moment kein Geld, oder: die haben immer kein Geld. Aber durch die Krise jetzt noch weniger, weil früher die Frankfurter Sparkasse z.B. gesagt hat: „Ja, so 100.000 € können sie vorübergehend schon mal überziehen”. Da waren die früher kulanter, auch weil es etwas Frankfurterisches war und der Verlag wegen seiner Klassikerausgabe ziemlich angesehen ist. Natürlich vor allem wegen der Hölderlinausgabe, die für mich auch der Grund war, da hin zu gehen. Aber das große Problem ist, dass die Bücher gar nicht mehr im gleichen Umfang in den Buchhandel kommen wie früher, das ist ja das Schlimme.

Heutzutage findet man Ihre Bücher leider nur noch schwer, weil ein Hugendubel oder Thalia die nicht einkauft…

Aber zurück zu „Vorabend“: Das Problem ist, meine Autobiographie besteht jetzt aus vier Bänden, auf die ich immer angesprochen werde. Aber für mich besteht diese Autobiographie aus einem bestimmten Stoff und die vier Bände sind noch nicht einmal die Hälfte, sondern nur ein Bruchteil dessen, was dazugehört. Das ist wie mit einem Puzzle oder einer unvollständigen Landkarte, und ich denke, erst wenn noch weitere vier Bücher dazukommen, kann der Leser erahnen, was für eine Landkarte es wird. Für mich ist das alles aber selbstverständlich schon vorhanden. “Vorabend” besteht nur aus einem einzigen Moment,aus nur einer Erinnerung. Es fängt da an, wo „Oktober und wer wir selbst sind“ aufhört. Der Erzähler sitzt am Ende des Buches am Tisch, wartet, ob sein Freund noch einmal anruft, und weiß nicht, ob seine Frau schon ins Bett ist und schläft. Dann erinnert er sich, wie sie vor einigen Jahren noch diesen Freund und seine französische Freundin immer wieder in Frankfurt gesehen und besucht haben und der Erzähler damals an seinem zweiten Buch arbeitete. Das heißt “Das schwarze Buch”, ein Buch über Alkohol und über Frankfurt. Und dieses Buch hat ihn so erschöpft, dass er dachte, er hält sich und dieses Frankfurt und das Buch einfach nicht mehr länger aus.
Aber dann hört er zu trinken auf und bekommt ein Kind, was sein Leben völlig verändert. Wobei er sich nicht sicher ist, ob er ohne Alkohol überhaupt noch schreiben kann. An diese Situation erinnert er sich also, in der letzten Szene des Oktober-Buchs. Wie sie oft, der Erzähler, seine Freundin und das Kind, für ein, zwei Tage zu ihren Freunden sind, um diese Zeit in deren Wohnung zu verbringen, weil er so oft das Gefühl hatte, in der eigenen Wohnung wegen des Manuskripts, das immer auf ihn lauert, nicht mehr sein zu können. Der Erzähler sitzt also immer noch am Tisch aus „Oktober und wer wir selbst sind“ und erinnert sich daran, wie sie zu diesen Freunden gegangen sind. All diese Besuche fallen ihm ein; er erzählt sie sich selbst. Und unter diesen ist ein bestimmtes Wochenende, an dem er allen von seinem Heimatdorf erzählt hat, von dem Kino im Nachbarort, das in einem Gebäude war, das selbst wie Amerika aussah. Und wie es war, dann raus zu kommen, und es ist immer noch der gleiche Wintersonntag, obwohl einen das Kino doch davon erlösen sollte … und man weiß: „Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht und hast einen Heimweg von zwei Kilometern vor dir“. Dieses Gefühl kommt da wieder. Überhaupt dachte ich, wusste ich, dass die Schule eigentlich nur eine Täuschung ist. Du gehst da jetzt noch dieses halbe Jahr hin und dann erweist sich, dass es diese Schule gar nicht gibt. Dass man dort wie ein Hochstapler hingegangen ist und es sie am Ende doch gar niemals wirklich gegeben hat.
Ich schrieb also an dieser Erinnerung, als letzter Teil in dem Oktober-Buch und schrieb und schrieb, bis ich merkte, dass ich mich aus dem Buch herausgeschrieben hatte. Aber ich konnte nicht aufhören. Und da dachte ich, vielleicht könnte dir hier gelingen, was du dir schon die ganze Zeit lang wünschst, diese Zeit bis 1982 mit ein paar Seiten aufzuschreiben.

Aber Erzähler und Autor, Handlungsträger, Sprecherinstanz und Sie als derjenige, der diese Texte geschrieben hat, das sind doch verschiedene, nicht deckungsgleiche Funktionen eines literarischen Textes im Unterschied zu realen Personen aus Ihrem Leben, im Unterschied zu Ihnen selbst? Wie ist aus ihrer Sicht die Beziehung zwischen Ihnen, dem Autor und dem Erzähler aus „Vorabend“?

(sich mehrfach unterbrechend, unwillig den Kopf schüttelnd): GANZ UND GAR, die ist ganz und gar so … das ist halt so. Ich brauche zu dem kein Verhältnis.

(Pause, in der ich versuche, hastig in meinen Notizen suchend, die Kluft zwischen dem Schriftsteller und dem an Theorie überfressenen Literaturwissenschaftler zu überbrücken.)

Ihre Romane spielen zum größten Teil in Bockenheim, in der Jordanstraße, wo die Karl Marx Buchhandlung steht, weil Sie dort zu der Zeit, von der Sie so ausufernd schreiben, gelebt haben. Meine Frage nun an Sie als Figur ihres eigenen Romans: Sie gehen immer durch die Jordanstraße, aber sie gehen nicht über den Jordan?

Eigentlich nicht, nein. Ich habe die Jordanstraße, lange bevor wir dahin zogen, kennen gelernt, und zwar im Zusammenhang mit diesen RAF-Geschichten in den 70er Jahren. Ich wollte damals für einen Freund, der bei einem RAF-Anwalt arbeitete, der also vielleicht auch in der RAF war, eine Fluchtadresse besorgen. Er war schon untergetaucht, hatte aber keine Fluchtadresse. Die Mitbewohner aus seiner ehemaligen WG waren auch als RAF-Sympathisanten bekannt. Ich habe also mit einem Freund zusammen versucht, für ihn eine Fluchtunterkunft zu organisieren, weil er von dort, wo er war, möglichst schnell weg musste. So habe ich also die Sybille kennen gelernt. Sie war damals 18, noch Schülerin und hat in einer leeren Fabrik am Stadtrand gewohnt. Während also alle anderen, auch die Leute, die man als großspurige RAF-Sympathisanten und Provinzrevolutionäre kannte, plötzlich alle keine Zeit hatten und sich herausredeten, dass sie selbst schon überwacht würden, und Ähnliches – und darauf natürlich auch noch stolz waren – hat Sybille das sofort gemacht. Wir haben also diesen Freund da hingebracht. Dann bin ich mit einem entfernten Bekannten nach Frankfurt gefahren, um ein paar Kontakte herzustellen. (Ich glaube, er wurde später an der Schweizer Grenze angeschossen.) Mit diesem eigentlich Unbekannten zusammen wollte ich herausfinden, ob in der Wohnung meines Freundes schon eine Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, ob man ihn also schon suchte. Wir haben uns an der Jordanstraße getrennt, weil er noch jemanden allein treffen wollte. Man sollte ja auch nicht mehr mitbekommen, als man unbedingt wissen musste. Dann bin ich in der Jordanstraße in eine Kneipe, das „Narrenschiff”, gegangen, die es heute nicht mehr gibt. Wir hatten uns folgendermaßen verabredet: Er sagte: „Da vorne bei der Gräfstraße, wo die Jordanstraße aufhört, und es weiter zum Campus geht, da wollen wir uns in einem Café treffen“. Es war vielleicht acht oder auch etwas später. Ich habe also im „Narrenschiff“ gewartet und als ich wieder raus kam, inzwischen war es ganz dunkel und das Pflaster von der Jordanstraße glänzte, und diese schönen Fabrikhallen standen noch da, die so spukhaft aussahen, weil sie die Backsteine weiß angestrichen hatten, und daneben standen diese riesigen alten Häuser, die aussahen wie Prager Häuser und fast durchsichtig waren, weil der Verputz einfach völlig verblichen war; auf dieser damaligen Jordanstraße stand ich nun. Ich bin dann die Straße langsam hinaufgelaufen, zu dem Café und fühlte mich irgendwie verfolgt. Es hätte ja auch sein können – das war bei diesen Geschichten damals so –, dass man seit Tagen überwacht wird, und irgendwann nehmen sie einen fest oder legen einen um. Die haben damals Leute auf der Flucht erschossen, die sie nicht unbedingt hätten erschießen müssen. All das, diese Angst ging mir jedenfalls durch den Kopf, als ich die Jordanstraße hinaufging und merkte, wie ungeheuer sich die Wahrnehmungsfähigkeit steigert, wenn man denkt, das ist jetzt vielleicht dein letzter …, also wenn es nicht nur so eine Spiel ist. Sondern wenn man denkt: „Du gehst jetzt hier, als wäre das dein letzter Weg“. Und dann sieht man erst richtig, wie die Pflastersteine leuchten. Die hatten auch ganz andere Laternen in der Jordanstraße damals, um die Laternen herum war ein Lichthof wegen der Feuchtigkeit – das war auch Ende Oktober, 1974. Und ich hatte ja gerade durch diesen Freund die Sybille kennen gelernt. Ich habe also zu mir gesagt: „Geh langsam die Straße hoch und merke dir jeden Atemzug. Und wenn du lebend durchkommst und auch nicht festgenommen oder erschossen wirst, dann suchst du den Straßennamen und merkst ihn dir! Wenn du die ganze Situation überlebst, nicht nur den heutigen Abend, dann kommst du irgendwann hierher und weißt dann für immer wie die Straße heißt. Und dann gehst du einfach hier noch einmal entlang, und gehst dann völlig ungefährdet.“ Und dann kam ich vorne hin und das stand: „Jordanstraße.“

Achim Stanislawski hat in Frankfurt und Southampton studiert, lebte lange Zeit in unmittelbarer Nachbarschaft zur Jordanstraße und war das letzte Mal vor zehn Jahren in einen Faustkampf verwickelt.

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erstellt am 06.12.2010

Peter Kurzeck
Peter Kurzeck, fotografiert von Alexander Paul Englert