Eine neu erschienene DVD stellt Fritz Bauer, der vor fünfzig Jahren als Generalstaatsanwalt den Frankfurter Auschwitz-Prozess auf den Weg brachte, anhand von Statements, Interviews und Gesprächen vor. Eine weitere dokumentiert den Auschwitz-Prozess. Diesen DVDs kann man nur große Verbreitung wünschen, findet Thomas Rothschild.

Fritz Bauer und der Frankfurter Auschwitz-Prozess

Ermittlung, Prozess und Urteil

Für alte und neue Nazis war und bleibt der Nürnberger Prozess ein schändliches Exemplar von Siegerjustiz. Aber auch so manche Gegner des Nationalsozialismus vertreten die Ansicht, dass es moralisch, juristisch und politisch besser gewesen wäre, wenn die Deutschen selbst ihre Kriegsverbrecher und Verantwortlichen für die Untaten des Dritten Reichs zur Verantwortung gezogen und verurteilt hätten. Dass ihnen das ein dringendes Bedürfnis war, darf man allerdings bezweifeln. Die Auschwitzprozesse wurden fast zwei Jahrzehnte später von Deutschen geführt. Und weder deren Vorbereitung, noch die Reaktion auf sie bei der Bevölkerung lassen den Schluss zu, dass sich die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Gräuel und die Bestrafung der Schuldigen allgemeiner Begeisterung und großer Popularität erfreut hätten. Mit der selben Entschiedenheit, mit der man die Kollektivschuldthese zurückwies, waren viele – nicht zuletzt in Politik, Justiz und den Medien – bereit, einzelne Täter zu exkulpieren, ihre Verbrechen zu beschönigen und für ein kollektives Vergessen zu plädieren. Immer noch läuft eine nicht geringe Zahl von SS-Männern unbehelligt umher, die keine kleinen Mitläufer waren, sondern mitschuldig an Massenmorden, aber gelegentlich kann man den Eindruck gewinnen, dass sie mehr Mitleid ernten als ihre Opfer. Für sie hat das „gesunde Volksempfinden“ andere Maßstäbe als für einen Pädophilen, der verdächtigt wird, ein Kind missbraucht zu haben. Woran mag das wohl liegen?

In einer Diskussion von Jugendlichen mit Fritz Bauer wird es ausgesprochen: Bei jedem Taximörder wird nach der Todesstrafe geschrien. Für die Massenmörder von Auschwitz hat niemand die Todesstrafe verlangt. Es war der langjährige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst seiner Partei, der SPD, ein unbequemer Zeitgenosse war, der wesentlich zur Durchführung der Auschwitzprozesse beigetragen hat. Die Popularität eines Boris Becker oder eine Thomas Gottschalk hat er nie erreicht. Jedes Land hat die Helden, die es verdient.

Die Statements, Interviews und Gespräche, die jetzt auf einer Doppel-DVD vorliegen, zeigen einen Mann der Vernunft, ein unbestechliches Kind der Aufklärung, einen zutiefst überzeugten Demokraten von großer Ernsthaftigkeit, aber auch mit einem subtilen Humor. Fritz Bauers Rede 1964 vor einem Gewerkschaftskongress müsste in jeder Auflistung großer deutscher Reden aufscheinen. Zu den wiederkehrenden Motiven in Bauers Ausführungen gehört die entschiedene Ablehnung des diffamierenden Begriffs „Humanitätsduselei“. Was würde Fritz Bauer, der in seiner frühen Jugend von Ernst Toller beeindruckt war, zur anhaltenden Kampagne gegen die „Political Correctness“, also die – zugegeben: manchmal dogmatisch ausufernde, für eigennützige Zwecke missbrauchte – respektvolle Berücksichtigung der Gefühle von Minderheiten, sagen? Am meisten bedrückte ihn, dass nicht ein einziger Angeklagter im Auschwitzprozess ein menschliches Wort für die als Zeugen aufgerufenen überlebt habenden Opfer fand. Ein Wort des Bedauerns, sagt er, hätte eine reinigende Wirkung gehabt. Es blieb aus.

In seiner Sprechweise erinnert Fritz Bauer an Ernst Bloch, aber auch, bis in die Körpersprache hinein, an Steven Hill als Staatsanwalt Adam Schiff in der amerikanischen Fernsehserie „Law & Order“. Er beherrscht das juridische Denken, das sein Beruf erfordert. Aber es ist das ethische Denken, das ihn motiviert. Und es ist dieses Denken, das ihn wiederholt an den Rand der Verzweiflung bringt. Denn er muss immer wieder erfahren, dass ein ansehnlicher Teil der Menschen nicht so beschaffen ist, wie er es vernünftigerweise sein müsste. Diese Erfahrung teilt er insbesondere mit vielen Deutschen oder auch Österreichern, die nach 1945 aus dem erzwungenen Exil zurück gekehrt sind. Für Zweckoptimismus ist er nicht zu haben. Er war schließlich ein politischer Mensch, nicht ein Politiker. Die Fernsehaufnahmen, die rund ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben, lassen ihr Alter vergessen, wenn Fritz Bauer spricht, während seine Interviewer – etwa Renate Harpprecht – oder die Moderatoren aus heutiger Sicht bis zur Komik out of date erscheinen. Geschichte sind inzwischen auch zwei Diskussionen über „Das Bild des deutschen Richters“ und, mit dem damaligen NPD-Chef Adolf von Thadden, über „Radikalismus in der Demokratie“. Aber sie sind auch heute noch, nicht nur als historische Dokumente, spannend.

Zugleich mit der Fritz-Bauer-Anthologie hat absolut Medien in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut eine Doppel-DVD auf den Markt gebracht, die eine dreiteilige Dokumentation des Hessischen Rundfunks über den ersten Auschwitzprozess aus dem Jahr 1993 enthält sowie einen erst jüngst, zwanzig weitere Jahre danach, entstandenen 45minütigen Zusammenschnitt des Materials. Was man da sieht und hört ist schwer auszuhalten, obwohl die Filmemacher Rolf Bickel und Dietrich Wagner, um Nüchternheit bemüht, nur sehr vorsichtig auf Emotionen zielen. Ausdrücklich gelobt werden soll in diesem Zusammenhang der Sprecher Edgar M. Boehlke. Die Zeugenaussagen von Josef Glück und Mauritius Berner gehen aber an den Rand des Erträglichen, nicht zuletzt weil beide vor dem Mikrophon von ihren Erinnerungen überwältigt werden. Und doch, wenn man bedenkt, dass viele Tatsachen ein halbes Jahrhundert nach den Auschwitzprozessen und 20 Jahre nach der Dokumentation des HR immer noch unbekannt sind oder verdrängt werden, kann man diesen DVDs nur große Verbreitung wünschen. Unwissen ist der Boden, auf dem Legenden gedeihen. Ihnen muss begegnet werden.

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erstellt am 25.4.2014

Prozessbeginn des Auschwitzprozesses im Frankfurter Römer 1963, © Institut für Stadtgeschichte, Frankfurt am Main, Foto: Kurt Weiner

Fritz Bauer
Gespräche, Interviews und Reden aus den Fernseharchiven 1961-1968
2 DVD
ISBN: 978-3-8488-4017-5
absolut MEDIEN 4017

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Auschwitz vor Gericht (2013) / Strafsache 4 Ks 2/63 (1993)
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