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Glücklicherweise gibt es keine Traumsammler und keine Traumpolizei, auch keine politisch korrekte Phantasie, die gegen die Tradition der absurden Erzählung, Kurzerzählung oder Aphoristik in Stellung gebracht werden könnte. Mit einer »Handvoll Wörter« von Guido Rohm setzt Faust-Kultur die Folge der kurzweiligen Abschweifungen fort.

Kurze Geschichten in loser Folge

Eine Handvoll Wörter von Guido Rohm

25.10.2014

“Zuerst kam der Bankraub, später kamen noch Gartenstühle und Tische dazu, bis wir nicht mehr genug bekamen. Wir gruben Bäume samt Wurzeln aus. Wir nahmen uns alles. Kein Garten war mehr sicher vor uns.” – Aus “Mit Bankraub fing es an”

24.10.2014

Nachdem wir Leskov entführt hatten, putzten wir ihm gründlich die Zähne.
“Wir werden deine Zähne so lange putzen, bis du uns alles verraten hast.”
Leskov grinste mich an. “Nichts werde ich sagen.”
Wir zogen ihn aus und wuschen ihn, selbst unter den Achseln.
“Redest du jetzt?”
Er zitterte. “Sie werden mich umbringen.”
“Ich werde diese Stadt säubern”, sagte ich. Ich zeigte ihm meinen Waschlappen.
Weiß Gott, er schrie sich seine verkommene Seele aus dem Leib.

Aus “Lauter Saubermänner”

23.10.2014

“Ich habe schon wieder etwas Merkwürdiges fotografiert. Das sei eine Wolke, sagte mein 1. Wachoffizier. Unsinn. Ich weiß doch, wie eine Wolke aussieht. Wir verfolgten das Objekt. Es könnte ein Ufo sein. Gegen Nachmittag tauchten weitere “Wolken” auf und ließen es regnen. Vermutlich eine Art Unkrautvernichtungsmittel, um die Menschheit auszuradieren. Informierte den Admiral, dass das Kriegsrecht auszurufen sei. Am Himmel seien seltsame Maschinen erschienen. Wir werden von Außerirdischen angegriffen. Gingen auf Tauchkurs. Gott stehe uns bei.” U-Boot-Kommandant Nordstrom

22.10.2014

Scharfe Ananas

Sie war die schärfste Ananas des Viertels. Sie machte die Männer mit ihren blonden Haaren verrückt, aber niemand wollte von ihr kosten. “Eine scharfe Ananas? Niemals”, sagten sie. “Wir wollen die süßen.” Und so blieb sie eine einsame Größe, die sich dem Suff hingab. All die Schönheit brachte ihr nichts. So verwunderte es uns auch nicht, als man sie eines Tages aufgeplatzt auf dem Gehweg fand. Sie hatte sich aus dem vierten Stock eines billigen Hotels gestürzt. Ein paar Männer tunkten ihre Finger in die Saftlache. “Scharf”, sagten sie und verzogen die Gesichter. Die anderen nickten. Sie war eben scharf gewesen. “Mit so einer wäre man nicht glücklich geworden”, maulten sie und zogen weiter.

21.10.2014

Die Bühne

Gabrielle arbeitete etwa zehn Jahre als Bühne. Sie war für so viele Künstler die Bretter, die die Welt bedeuten. Man liebte, hasste, küsste, tötete sich auf ihr. Sie hatte als kleine Provinzbühne angefangen. Lange träumte sie davon, Paris und London zu erobern, aber diese Träume musste sie rasch aufgeben, nachdem sie herausfand, dass sie knirschte. Was sie auch tat, das Knirschen hörte nicht auf. Betrat man sie, knirschte sie mit den Zähnen, vielleicht weil die Schwere der Stücke zunahm. Zunächst hatte man nur leichtes Boulevardtheater auf ihr zum Besten gegeben. Später kamen schwermütige Dramen hinzu, die ihre Seele zunehmend verschatteten. Sie wurde depressiv und begann zu knirschen.

Adorno

Als Adorno die Bühne betrat, breitete sich Schweigen im Saal aus. Die verliebten Blicke der Frauen malten ihn von oben bis unten mit Leidenschaft an. Die ersten Töne erklangen. Und dann sang er seinen Hit “Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Das Meer aus Köpfen schwappte hin und her. Ja, man schunkelte.

20.10.2014

Myrna

Myrna kam in einem Monsterauto zur Welt. Sie verlebte ihre Kindheit auf dem Rücksitz. Unbeschwerte Tage. Später kletterte sie nach vorne. Steuerfrau, das wollte sie werden. In diesem Augenblick lernte sie Stephen kennen, der damals Fahrer des Monsterautos war. Als sie heirateten, blies ihnen der Wind ins Gesicht. Das Auto war nicht aufzuhalten. Eines Nachts stürzte es ins Meer. Niemand hatte es kommen sehen, auch nicht Myrna und Stephen, die gerade auf der Rückbank ein Picknick veranstalteten. Alle siebzehn Einwohner des Monsterautos starben. Eine Ära ging zu Ende.

15.10.2014

“Es muss schnell gehen. Rein, ausziehen, anziehen, raus. Hast du mich verstanden?” Da standen wir, dieser kleine Bastard Jorge und ich. Ich klaute jetzt seit zehn Jahren Klamotten, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es mit diesem Typen nicht in die Hose, sondern direkt ins Gefängnis gehen würde. Er zitterte am ganzen Leib.
“Welche Umkleidekabine nimmst du?”, fragte er.
“Links”, sagte ich. “Die dort drüben.” Ich zeigte auf sie. “Und du nimmst die daneben, rechts daneben. Geht das in dein Spatzenhirn rein? Ausziehen, anziehen, raus. Und nicht wie beim letzten Mal.”
Er ließ seinen Kopf wie ein Boxer kreisen. “Reit nicht immer darauf rum”, sagte er. “Das passiert jedem Mal.”
“Du warst nackt.”
“Die Aufregung, die verfluchte Aufregung.”

Aus Donald Landonis “Ausziehen, anziehen, raus”, Modekrimi

14.10.2014

“Herr Rohm hatte einen Schreibtisch, einen Esstisch, einen Denktisch, ein Redetisch, einen Begrüßungstisch, einen Schlaftisch, ja, er hatte für alle Dinge des Lebens eines Tisch, selbst einen Sterbetisch hatte er sich bereits zugelegt, an dem er dereinst – wenn möglich – sterben wollte. Er stellte sich vor, wie er an dem Sterbetisch saß und sein Leben aushauchte, während nebenan am Feiertisch tüchtig gefeiert wurde. Nach dem Sterbetisch kam übrigens der Nachtisch. So nannte Herr Rohm das Jenseits.” Aus “Die Wahrheit über das Leben des Herrn Rohm”

“Sonntags saß Herr Rohm am liebsten auf seinem Sonntagsstuhl, den er sich an sein Sonntagsfenster schob, das Richtung Sonntag eingebaut worden war. Sein Haus hatte Fenster in alle Tagesrichtungen. Manchmal vertat er sich und blickte z.B. aus dem Mittwochsfenster, fest davon überzeugt, in den Donnerstag zu blicken. Manche Tage glichen sich so sehr, dass man kaum einen Unterschied bemerkte. So war das.” Aus “Die Wahrheit über das Leben des Herrn Rohm”

13.10.2014

Suchanzeige zur Buchmesse

Ich, zwischen 20 und 30, stand gestern in der Halle 4 vor einem Stand mit Büchern. Du, zwischen 20 und 40, hast mich kurz angesehen. Du hast eine Hose und T-Shirt getragen, ich eine Hose und einen Pullover. Ich würde dich gern wiedersehen. Es könnte sein, dass wir die gleichen Interessen teilen. Melde dich bitte!

12.10.2014

Buchmessetagebuch Ulf Uschmann

In der letzten Nacht kam ein Anruf von Dotenbrink. “Es geht mir nicht gut”, lallte er. Im Hintergrund Gelächter. “Das nächste Mal organisieren wir alles richtig – ich muss jetzt.” Gläserklirren und Gesänge. Und ich? Sitze noch in Frankfurt/Oder in meinem Zimmer mit dem kaputten Fenster. Brach in die umliegenden Zimmer ein und leerte die Minibars. Auf Zimmer 24 stieß ich auf einen langbärtigen Dichter, den Dotenbrink vor zehn Jahren zur Buchmesse hierher schickte. Gott, der arme Mann ist wahnsinnig. “Wenn ich nur lange genug warte, wird es hier eine Messe geben.” Ich schnitt ihm die Fußnägel und sang ein Einschlaflied. Dafür wird Dotenbrink bezahlen.

Buchmessetagebuch Ulf Uschmann

Frankfurt/Oder ist die Hölle. Und erst die Hotelzimmer. Es zieht wie Hechtsuppe. Verleger Dotenbrink hat sich auch nicht mehr gemeldet. Das mit der Buchmesse hier ging ja gewaltig in die Hose. Vereinsame allmählich. Geld zum Bezahlen habe ich keins mehr. Hunger. Könnte eines der Zimmermädchen töten und verspeisen. Ich fröstele. Das liegt am Fieber und am offenen Fenster. Nie wieder Buchmesse in Frankfurt/Oder, das Versprechen habe ich mir noch abgenommen, bevor ich ohnmächtig wurde.

10.10.2014

“Der Schischtl, das Arschloch, die dumme Sau, ist heute am Stand vorbeigekommen. Kein Wort in seinem Drecksblatt über meinen Verlag. “Der Herr Schischtl”, habe ich zu ihm gesagt. “Das ist aber schön, ein so wichtiger Mann.” Ins Gesicht hätte ihm speien können, dem Dreckschwein. “Schauen Sie sich nur um, Herr Schischtl.” Genickt hat er und ist weiter zum nächsten Stand, das Vieh. Kurz geschaut hat er noch mal. “Ja, ja, Herr Schischtl, so wie sie kann keiner über Bücher schreiben.” Soll er doch verrecken, der Schischtl.” Anton Weinzierl, Verleger auf der Buchmesse

Buchmessetagebuch Ulf Uschmann

Hänge noch immer in Frankfurt/Oder fest. Und noch immer ist keine Buchmesse in Sicht. Mein Ex-Verleger Dotenbrink versprach mir in der Nacht telefonisch, Teile der Buchmesse vor dem Hotel nachbauen zu lassen. “Kommt!”, versprach er. “Wir lassen eine ganze Halle samt Autoren und Journalisten und allem Pipapo bei dir auf dem Hotelparkplatz aufbauen.” Ich glaube Dotenbrink kein Wort. Warf den Fernseher durch das geschlossene Fenster. Schließlich bin ich ein Autor auf Tour. Jetzt regnet es rein. Scheiße.

9.10.2014

Buchmessetagebuch Ulf Uschmann

Anreise Frankfurt/Oder. Desaströse Hotelzimmerverhältnisse. Die Taxifahrer die reinste Katastrophe. Buchmesse wäre hier keine. Was soll das heißen? Drohte meinem Verleger Dotenbrink damit, das Augenlicht zu verlieren. Erst bestellt er mich nach Frankfurt und dann ist hier überhaupt nichts. Zog mich ins Klo zurück, um zu meditieren.

8.10.2014

“Nach unserer Flucht aus dem Staatsgefängnis, und das mit frisch frisierten Haaren, eröffneten der Doc und ich einen illegalen Friseurladen in der Onx, einem berüchtigten Viertel in New Ork. Man überfiel uns täglich, was uns nicht weiter störte, solange wir denen, die uns ausnahmen, die Haare färben durften. Es waren anstrengende Tage, weil wir unsere Kunden oft während ihrer Flucht aufs Land bedienten. Wir drückten ihnen Zeitschriften in die Hände und zogen die Trockenhauben über ihre Köpfe. Und auch wenn die meisten von ihnen später erschossen oder hingerichtet wurden, konnte niemand behaupten, dass sie nicht gut dabei ausgesehen hätten. Im Gegenteil, unser Können im Bereich der Haarabschneiderei sprach sich bald im ganzen Land herum.” Steve Laski, Haarabschneider

7.10.2014

“Im Knast gibt es eine Menge furchterregender Frisuren. Doc und ich teilten uns eine Zelle, und gleich am ersten Tag tauchte dieser Typ auf, der die Haare vorne lang und hinten kurz trug. Er sah kaum etwas, der Arme. Wir mussten ihm helfen, sich zu setzen. “Was kann ich für Sie tun, werter Herr?”, fragte ich. “Ich bin Holzkopf, der Mann, der nichts sieht”, knurrte er. “Ich habe unzählige Menschen umgebracht, aber nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich mich an Ihnen festhalten wollte und sie dabei aus Versehen erdrosselte oder von einem Dach stieß.” Doc und ich schüttelten unsere Köpfe. Die Geschichte von Holzkopf bewegte uns. “Ich würde dir gerne helfen, Holzkopf”, sagte ich, “aber ich habe keine Schere.” Es war traurig, zu sehen, wie all diese Geschöpfe hier hausten, ohne Haarschnitt, ohne Kurpackungen. Doc und ich beschlossen, daran etwas zu ändern.” Steve Laski, Haarabschneider

6.10.2014

“Eine Weile überfielen Doc und ich Leute im Wald hinter Lantic-City. Wir legten einen Baum quer über die Straße, sodass sie gezwungen waren, anzuhalten. Doc presste ihnen den Lauf eines Maschinengewehrs an die Stirn, während ich sie frisierte. Ich schnitt Spitzen, färbte, legte Dauerwellen, das ganze Programm, und ehe sie sich versahen, sahen sie wie neu aus. Doc und ich hatten einen Traum. Wir wollten die Welt verschönern. Aber weil wir nicht offiziell arbeiten durften, taten wir es eben auf unsere Art. Die Polizei, allesamt mit wahrhaft fürchterlichen Frisuren ausgestattet, jagte uns durch das ganze Land. Aber Doc und ich waren stets einen Schnitt schneller. In Eveland schnitt ich einer ganzen Baseballmannschaft die Haare. Die zitterten wie Espenlaub. “Stellt euch nicht so an”, sagte ich. “Echte Männer sollten sich nicht vor einer kleinen Veränderung ängstigen.” Sie sahen fabelhaft mit ihren Locken aus. Ein großer Tag für mich und Doc.” Steve Laski, Haarabschneider

4.10.2014

Rote Stunden

Er kriecht durch Eisenbahntunnel,
ein Zeitnomade,
frisst Gedankenströme,
die in den Zügen hocken,
Zeitung lesend, verwesend
am lebendigen Leib.
Den Geruch des Todes
schüttelt er aus seinem Mantel,
Staub, der fällt, Milliarden Körner,
die sich zwischen die Schienen setzen,
zwischen seine Zähne, die er
schmeckt, leckt, bis seine Zunge
rot
vom Tod ist.

© Frank Levoi, aus seinem Gedichtband “Zerstörte Zeitgläser”, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm

2.10.2014

Das Aroma der Wut

Ich werde mich abfackeln,
werde zur Glut meiner Texte.
Ich liege mit meinem Skelett
eng an eng.
Schlafe mit mir
und meinem Tod.
Ich verteile mich
in meine Lungen, meine Zunge.
Schmecke mein Blut,
das Aroma der Wut.

© Frank Levoi, aus seinem Gedichtband “Zerstörte Zeitgläser”, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm

1.10.2014

Tödliche Automatismen

Automaten wachsen hinter seinem Haus,
rote, gelbe, blaue Automaten sprießen
in seinem Kopf.
Er steht am Fenster, im Leerlauf.
Sein Mutter im Bett, sterbend,
mit einem Motorbrummen, ganz tief.
Er muss den Antrieb finden, den
Motorblock durchsuchen, dieses ganze
Haus aus Schmerzen und Insekten,
aus Köpfen und Rümpfen.
Ein erster Schluck Formaldehyd,
um sich einzubalsamieren.
Ein paar Augen huschen am Fenster
vorüber.
Ein trüber Morgenbrei in seiner Hirnschale.
Er muss ihn auslöffeln.
Gas verlässt den Körper.
Die Wäsche des Todes, die Totenhemden,
alles flattert faulend im Verkehrswind
durchreisender Geister, die sich
nach den Automaten bücken, die rot, gelb, blau
vergehen.

© Frank Levoi, aus seinem Gedichtband “Zerstörte Zeitgläser”, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Rohm

30.9.2014

“Wenn Sie sich eine Kugel einfangen, ist das doch ein körperlicher Zugewinn. Sie müssen lernen, positiv zu denken.” Rachid Weststone, Umdenker

29.9.2014

“Der Scheidungskrieg ist eine bloße Fortsetzung der Ehe mit anderen Mitteln. Die Entdeckung des leidenschaftlichen Dialogs mit Hilfe von Anwälten. Die Scheidung kann uns helfen, unsere hässlichen Seiten neu zu entdecken. Trennung als Selbsterfahrungstrip.” Rachid Weststone, Umdenker

28.9.2014

“Wenn dich deine Frau verlässt, geht sie nicht, sondern sie schafft Platz, den du benötigst. Wenn dein Mann abhaut, will er, dass du dich entfaltest. Niemand tut etwas, um zu verletzen. Alle eröffnen ständig Chancen.” Rachid Weststone, Umdenker

20.9.2014

“Wenn man Sie z.B. entführt, sehen Sie das nicht negativ. Denken Sie positiv, immerhin befinden Sie sich auf einen ungeplanten Trip ins Unbekannte. Sie treffen mit Menschen zusammen, die Sie gar nicht kennen. Und wer weiß, nach allen Lösegeldzahlungen, könnte eine großartige Freundschaft entstehen. Wenn man Ihren Kopf in einen Sack gesteckt hat, müssen Sie das als Spiel begreifen. Blinde Kuh. Und wenn man sie schlägt, versuchen Sie sich einzubilden, der Topf beim Topfschlagen zu sein. Keiner meint es böse. Ihr Denken entscheidet.”

Rachid Weststone, Umdenker

19.9.2014

“Meinen ersten Literaturgruppensex hatte ich in Köln. Wir trafen uns in der Villa eines bekannten Wirtschaftskrimischriftstellers. Es war widerlich. Überall Füller, die ich anfassen sollte. Außerdem verlangte einer, der Gedichte schrieb, dass ich “ihn reim machen sollte”, was immer das auch zu bedeuten hatte. Dieses Schwein. Die standen alle auf Oralverkehr. Ich musste Gedichte aufsagen, die ich nicht mal verstand. Claudia hatte ihren Spaß. Sie erzählte mir von einem Autor, der “einen so langen Roman in seiner Hand hatte, dass ich dachte, ich werde ohnmächtig.” Sie will unbedingt wieder dorthin.” Dörte Mahlnuss, Dichterin

18.9.2014

“Im Sportunterricht gibt es dieses Seil, von dem man denken könnte, dass es direkt in den Himmel führt. Wenn du es dort hinauf schaffst, jauchzen die Engel. Die Sportkanonen unter uns schossen sich selbst ins Paradies. Zack. Und weg waren sie. “Jetzt du”, sagte der Lehrer zu mir. Pausbäckig, dick, stets aus der Puste. Unsportlich, als wäre das eine Voraussetzung, kleine Jungen rennen und schwitzen zu lassen. Und da stand ich. Ebenso hätte man von mir verlangen können, das Weltall einmal zu vermessen. Ich stand wie vor dem Schwanz eines urzeitlichen Ungeheuers. Ich fasste den Schwanz an. Zerrte. Nix zu machen. Der Himmel musste warten.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

17.9.2014

“Im Sportunterricht gehörte ich zu den “Ausgewählten”. Das sind die, die keiner in seiner Mannschaft haben will. Bei uns gab es den Toni und mich. Wir waren die “Ausgewählten”. Manchmal verlangte der Lehrer, dass man uns in eine Mannschaft nahm. Das ging nicht ohne Murren ab. “Und, welche Position spiele ich jetzt?”, fragte ich. Keine Antwort. Der Karl, der einer von den Spitzensportlern war, heute putzt er Autos an einer Tankstelle, meinte, ich solle mich nicht von der Stelle rühren. Das machte ich. Drei Bälle prallten von mir ins eigene Tor. Danach hassten mich die anderen noch mehr.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

16.9.2014

“Du musst den Alltag rocken. Das Leben ist deine Bühne. Geh hinaus und heiz ihnen ein. Gib ihnen, was sie wollen. Eine echte Show. Ich mache das so. Jeden Tag. Rein in den Supermarkt. Eine kurze Verbeugung. Nur eine kleine. Keine Schleimereien. Lass deine Finger tanzen und greif nach deinem Plektrum. Ein, zwei Akkorde. Und dann gibst du es ihnen. Du spielst auf dem Supermarkt. Hier ein paar Bohnen, dort ein paar Chips. Tauche unerwartet vor einer Bluse auf. Ja! Und jetzt? ZEIT FÜR HEADBANGING! Tauche in die Bluse. Rein. Tiefer. Und zurück. Sie werden es manchmal lieben, meistens aber hassen. Das ist gut so. Du bist der Gott des verfickten Rock. Du musst gehasst werden. Knall die Lebensmittel auf das Laufband. Steig selber drauf. Warte nicht auf die Polizei. Sei stets auf dem Sprung. Kaufe morgen woanders ein. Rock 'n' Roll, Baby!” Tank Doom, genannt “Die Arschbombe”

15.9.2014

“Ich besuchte einen Kurs für Fortgeschnittene in der Abendschule. Als ich den Klassenraum betrat, war keiner da. Keine Menschenseele. Taschen und Stifte lagen trotzdem herum. Ich habe mich gesetzt und gewartet, weil ich dachte, da kommt schon noch jemand. Unheimlich war das, wie ich da saß, ganz allein. Ich bin dann irgendwann einfach aufgestanden und gegangen. Im Treppenhaus habe ich den Hausmeister getroffen und gesagt: “Sagen Sie mal, der Kurs für Fortgeschnittene, der findet wohl nicht statt, was?” Kein Wort hat der Mann gesagt, nur gelacht hat er, als ich durch die Tür ins Freie stürmte.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

14.9.2014

“Wenn Sie erst meinen Punkt der Einsamkeit erreicht haben, wissen Sie wirklich, dass Sie einsam sind. Wenn Sie nämlich über sich als Selbstgesprächspartner denken, Mensch, ist der langweilig, ist der öde, dann haben Sie ein echtes Problem, vor allem, weil Sie sich nicht aus dem Weg gehen können.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

13.9.2014

“In der Schule hat mich auch keiner gemocht. Das ging so weit, dass man mich gern mal ein Jahr zurückversetzte, um mich loszuwerden. Mit siebzehn in der vierten Klasse. Das ist kein wirklicher Spaß.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

12.9.2014

“Dies ist die Geschichte eines Einsamen. Sie ist so traurig, dass Sie sich am Ende der Geschichte wünschen werden, sie nie gelesen zu haben. Sie werden sich ein Stück weit schlechter fühlen, vielleicht aber auch ein wenig besser, weil Ihnen klar wird, dass Sie nicht ich sind, was den ungeheuren Vorteil hat, noch am Leben zu sein.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Keine Angst vor kleinen Tieren”

11.9.2014

“Ich war gerne im Kloster. Männer unter sich. Wir schwiegen die ganze Zeit. Mal schwiegen wir über die Weltpolitik, mal über das schlechte Essen. Wenn mir meinten, dass niemand lauschte, schwiegen wir über Frauen. Bruder Anselmus schwieg so schnell, dass wir ihm kaum folgen konnten. Einmal fragte ich schweigend nach, aber das nahm er mir übel. Er schwieg ganze drei Wochen.” Aus Urs Schliepers Erzählung “Das Kloster”

10.9.2014

“Die beste Arschbombe legte ich im Sommer 1982 hin. Es war eine magische Arschbombe. Eine, die Bedeutung hatte. Eine, die die Welt aus den Angeln hob. Ich sehe es genau vor mir. Da bin ich. Der Pool. Da ist die Weite der Wüste. Ich frage mich, wie ich an diesen Ort gekommen bin? Habe ich wirklich so viel getrunken? Egal! Ich hebe meine Hand. Schweigen breitet sich wie eine ansteckende Krankheit aus, die in Sekunden alle dahinrafft. Da liegen sie und starren. Ich hole Luft. Literweise Luft. Ich fülle die Luft in mich. Ich bin ein Fass. Ein Gebinde Luft. Ich drücke sie tief in mich, mache mich schwer und leicht zugleich. Das ist die Kunst der Arschbombe. Man muss ein Widerspruch werden. Ich laufe. Laufe schneller. Springe auf den äußersten Punkt des Brettes und katapultierte mich zwanzig Meter in die Höhe. Ich segle. Ich bin ein Vogel. Ich kann die Stadt sehen. Autos. Leute, die einkaufen. Ein Pärchen, das sich streitet. Ich falle. Ziehe die Beine nach oben. Ich presse die Knie an meinen Bauch, kurz bevor ich die Wasseroberfläche zerfetze. Ein Akt der Zerstörung. Der Barbarei. Mystik. Erkenntnis. All diese Momente treffen sich in diesem einen. Ich zersprenge das Wasser. Ich bin eine Bombe. Ein Anschlag. Das Wasser ergießt sich über die Wiese. Eine Flutwelle, bei der drei meiner Freunde beinahe ertrinken. Ich tauche auf. Hebe die Hand. Ich bin der King. Nur meine Hose, die ist weg.” Tank Doom, genannt “Die Arschbombe”

6.9.2014

Ich teilte heute meinen Eltern mit, dass ich Privatdetektiv werden will. Eigentlich teilte ich es nur meinem Vater mit, da Mutter vor Jahren verschwunden ist. (Vielleicht will ich deshalb Detektiv werden. Freud würde von einem “auf die mütterliche Vagina abzielenden Berufswunsch” reden. Ich hoffe, sie irgendwann wohlauf bei einem Tortenwettessen zu finden. Mutter liebt Torte. So sehr, dass es sein kann, dass ein gemeiner Verbrecher sie damit in sein Auto lockte. In London verschwinden immer wieder Frauen, die eine Vorliebe für Torte haben.)
“Ich werde Privatdetektiv”, sagte ich zu meinem Vater.
Er schlang gerade sein Abendessen hinunter, und das, obwohl es früher Morgen war. Vater ist Exzentriker.
“Was?”, schrie er und hielt seine rechte Hand an sein linkes Ohr. Solche Bewegungen muss er als Vorsitzender des örtlichen Exzentriker-Clubs machen. (Er ist außerdem schwerhörig, daher das laute “Was?”)
“Privatdetektiv?”
“Schief? Was ist schief?”
Ich überlegte rasch, wie ich mich ihm mitteilen könnte. Mein übermäßig großes Hirn arbeitete fieberhaft.
“Privatdetektiv!”, schrie ich lauter.
“Brief? Ich habe keinen Brief. Oder hast du einen Brief, James?”
James ist der Butler meines Vaters, der ebenfalls schwerhörig ist und daher erst gar nicht auftauchte. James erscheint seines Leidens wegen nur sehr selten. Meistens sitzt er in seinem Zimmer und sieht sich bei voller Lautstärke Talksendungen an.
“James ist nicht da!”, brüllte ich.
“Nichte? Du hast keine Nichte!”
“Nicht Nichte. James ist nicht da, und ich möchte Privatdetektiv werden.”
Mein Vater sah mich erstaunt an. Dann lief er puterrot an. Er griff sich nach dem Hals, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Geschult in allen gymnastischen Übungen, machte ich blitzschnell eine Rolle vorwärts, einen Handstand, noch eine Rolle vorwärts, bis ich bei Vater war, um ihm eine Backpfeife zu verpassen.
Vater hustete und spuckte ein Stück Fleisch, groß wie meine Hand, auf den Tisch.
“Warum willst du mit James durchbrennen?”, keuchte er.
“Nein, das will ich gar nicht”, versuchte ich ihm zu erklären. “Ich will Privatdetektiv werden.”
Vater schüttelte traurig den Kopf und murmelte: “Das hätte deine Mutter nicht gewollt.”
“Was? Dass ich Privatdetektiv werde?”
“Dass du deinen armen Vater so ausbrüllst.”

Aus Urs Schliepers “Die Fabrik der Tortenmädchen”, Krimi in Tagebuchform

5.9.2014

Im Hause Dracula herrschte wieder einmal große Aufregung. Der jüngste Spross des Grafen wollte kein Blut mehr saugen. “So, du bist jetzt also Vegetarier? Und ich sage dir, es wird ausgesaugt, was auf den Tisch kommt”, sagte der Graf und packte ein schreiendes Bündel auf die lange Tafel im Rittersaal. Moritz Dracula verschränkte die Arme. Niemals würde er das tun. “Es ist nicht richtig, Papa. Das sind Lebewesen, die Gefühle haben.” Sein Vater sah ihn erstaunt an. “Und? Was stört dich daran? Wir haben keine. Wir sind lebende Tote. Wir sind nicht Fisch, nicht Fleisch. Nicht dies, nicht das. Weinen wir deshalb? Nein! Wir können nämlich gar nicht weinen. Du auch nicht!” Moritz biss die Zähne zusammen. “Oh, doch, wenn ich will, dann kann ich weinen.” Er presste, presste, presste. “Na?”, fragte Dracula. Moritz blickte beleidigt zur Seite. Dracula verdrehte die Augen. Diese Phasen machten sie jetzt seit – er rechnete – drei Jahrhunderten durch, denn so lange war es her, seit er den Jungen auf dem Hof seiner Eltern überfallen und gebissen hatte. Er hatte ein Kind gewollt. Nicht zu jung, nicht zu alt. Wie hatte er ahnen können, dass er sich mit einem Pubertierenden den Teufel höchstselbst in die Burg holte. “Saug jetzt!”, schrie Dracula.

Aus Urs Schliepers “Familie Dracula”, Roman, bei Diogenes abgelehnt

22.8.2014

Mein Rücken schmerzt, die Füße tun weh. Seit die Bibliophilen die Macht übernommen haben, ist es unter Androhung der Todesstrafe verboten, nicht zu lesen. Wer erwischt wird, dass er nicht in einem Roman schmökert, dem droht die Folter. Tausende sind bereits spurlos verschwunden. Ich gehöre zu den Einsatzkommandos, die in der Stadt unterwegs sind, auf dem Rücken ein Gestell mit Büchern, um sicherzustellen, dass die Leute mit Lesestoff versorgt werden. Wir alle müssen täglich Rechenschaft ablegen. Über das, was wir gelesen haben. Die Analphabeten landeten zuerst auf den Scheiterhaufen. Später folgten die Kleinkinder. Die Diktatur der Leser kennt kein Erbarmen. Wer nicht liest, der stirbt.

Aus “Der Tag, an dem die Leser kamen”, Erinnerungen aus dem Jahr 2114, noch nicht erhältlich

21.8.2014

19. August 2114. Die Leser haben ein weiteres Dorf eingenommen. Sie haben alle abgeschlachtet, die einen Fernseher besaßen. Sie sagen, sie führen einen heiligen Krieg. Filme sind verboten. Die Frauen müssen sich als literarische Gestalten verkleiden. Kaufte mir einige Bücher. Sicher ist sicher. Die Welt ist nicht mehr die, die sie mal war. In Paris gab es ein Selbstmordattentat. Ein Leser sprengte sich mit einer selbstgebauten Bombe in den Redaktionsräumen eines Fernsehsenders in die Luft.

Aus “Tagebuch eines Nichtlesers”, noch nicht erhältlich

20.8.2014

“Als ich noch Richter war, ließen wir manchmal Leute vom Bürgersteig gegenüber des Gerichts verhaften, um sie zu unseren Sexsklaven zu machen. Ich ließ sie in den Keller sperren und versprach ihnen, dass ihr “Schicksal” später Teil einer Reportage auf RTL II werden würde. Das beruhigte die meisten, sodass sie fleißig bei der Sache waren. Die anderen Richter und ich peitschten sie aus, bewarfen sie mit ausgeschiedenen und aktuellen Aktenteilen und lachten uns kaputt, wenn sie uns anflehten, Gnade walten zu lassen. Abends machte ich Wahlkampf und schimpfte auf all die, die unser Rechtssystem beugten. Ich beklagte mich über den Verfall der Sitten und über die Junkies, die in den Parks herumlungerten. Später zogen wir in die Clubs und feierten, nicht ohne die eine oder andere Line zu schnupfen. Tolle Tage, die ich nicht missen möchte. Wer Spaß sucht, sollte Richter werden.”

Aus Donald Schrills “Richter Sex”, Biografie, erscheint demnächst

19.8.2014

“2005 lebte ich mit einem ehemaligen Staatsanwalt zusammen. Wir koksten und peitschten uns, bis wir nicht mehr wussten, wo wir waren. Orientierungslos liefen wir durch die Stadt, die Hamburg sein sollte. Ich erkannte sie nicht mehr wieder. Hier war ich also Politiker und Richter gewesen. Ich versuchte einen Passanten zum Tode zu verurteilen. Er gehorchte nicht. Um auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen, rief ich RTL an, die ein Kamerateam vorbeischickten, das mich beim Sex mit einem Mülleimer filmte. Die Bilder, die ich mir gleich danach auf einem der mitgebrachten Monitore ansah, überzeugten mich. Ja, das war ich: Richter Sex. Und ich war tatsächlich in Hamburg.”

Aus Donald Schrills “Richter Sex”, Biografie, erscheint demnächst

18.8.2014

Wenn ich am Morgen erwache, steht mein Diener Roderick neben meinem Bett, um mein mit Schweißkügelchen übersätes Antlitz mit einem Fächer zu kühlen. Er ist ein relativ guter Mann, einfältig und dumm, wie man es von der einfachen Bevölkerung kennt. Stand und Herkunft entscheiden über die Schönheit unserer Seele. Aber trotzdem billige ich, dass Roderick, den ich Rod nenne, an meiner Seite verbleibt. Er tupft meine Stirn und singt erste sanfte Lieder, die mich ins Tagesgeschehen führen sollen. Trifft er die Töne nicht, lasse ich ihn nicht schlagen. Es könnte sein, dass ich zu nachsichtig bin. Wir haben eben alle unsere kleinen Fehler.

Aus “Der schönste und beste Detektiv aller Zeiten”, Erinnerungen, vergriffen

17.8.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, jemals zu hoffen. Düsternis liegt über meiner Wohnung. Wie ich nachlesen konnte, soll hier noch der Geist der ehemaligen Mieterin herumgeistern, die sich für ein Schnitzel hielt. Unsinn. Oder doch nicht? Zischende Geräusche sind zu hören. Als würde man etwas (ein Schnitzel?) anbraten. Früher wurden Frauen, die sich für Schnitzel hielten, öffentlich in großen Pfannen gebraten, um anschließend von der hungrigen Bevölkerung verspeist zu werden. Dunkle Zeiten des Mittelalters. Als ich die Post holen wollte, entdeckte ich Spuren von Mehl und Eigelb. Angst.

16.8.2014

Die Winde peitschen das Haus. Sie sind dort draußen. Wir haben ihn längst Namen gegeben. Da sind Pat und Jack und Joe. Und der böse Willi, der bereits die Hälfte unserer Bevölkerung ausgelöscht hat. Sie spielen mit uns. Sie könnten jedes Haus auseinanderreißen. Sie erinnern an Kinder, die sich mit uns vergnügen. Wir sind wie Ameisen, mit denen sie sich noch eine Weile beschäftigen werden, bevor sie weiterziehen. Ich kann ihn sehen, den bösen Willi, wie er sich eine Schneise im gegenüberliegenden Wald schlägt. Kate und die Kinder sind im Keller. Es gibt nur eine Chance, die ihnen vielleicht für einen weiteren Tag das Leben rettet. Ich muss Willi ablenken. Ein Spurt rüber zum alten Bunker. Dort kann er mich suchen. Das will er doch. Spielen und lachen.

Aus “Wind”, Erzählung, vergriffen

15.8.2014

Wie Sie vielleicht wissen, inszenierte ich 2002 in Berlin Handke. Dort, er mag mir dies verzeihen, wo seine Sprache versagt, musste ich das Spiel sprechen lassen, die Gestik, die ich von meinen Schauspielern einforderte. “Gestikuliert!”, rief ich. Auch nach den Proben verlangte ich es. Wo ich sie auch traf, forderte ich sie auf: “Gestikuliert!” So traf ich Hermann Meier, meinen Hauptdarsteller, der sich eben ein Eis kaufen wollte. Ich rammte ihm meinen Regieellenbogen in den Bauch und sagte: “Gestikuliere!” Er reagierte sofort, indem er das Gesicht schmerzverzerrt verzog, wie es einem Hauptdarsteller angemessen ist. Sekunden später übergab er sich auf meine neuen Lederschuhe. “Applaus, Applaus, Applaus!”, rief ich und schritt zufrieden in den Sonnenuntergang, wähnend, dass in meinem Rücken der Vorhang fiel.

Aus “Die Welt ist eine Bühne”, Biografie, vergriffen

14.8.2014

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich habe mich tatsächlich in die Vorhaut Jesu verliebt. Plane, sie zu stehlen, um mit ihr fortzugehen. Ich bin mir sicher, dass wir glücklich werden können. Bin ich nicht eine Braut Jesu? Jetzt setze ich in die Tat um, woran wir bisher nur glaubten. Werde die Vorhaut heiraten, sofern sie mich möchte.

Aus “Im Namen der Vorhaut”, Erinnerungen einer Nonne, vergriffen

13.8.2014

Wir, die Schwestern der heiligen Vorhaut Jesu Christi, haben uns heute versammelt. Die Vorhaut wurde hervorgeholt und weitergereicht. Wir küssten sie. Sie schmeckte leicht salzig. Morgen werden wir sie streicheln, so die Anweisung der ehrwürdigen Schwester Hildegard.

Aus “Im Namen der Vorhaut”, Erinnerungen einer Nonne, vergriffen

12.8.2014

Meinen ersten Fall löste ich im Vorbeigehen. Ich flanierte durch Paris und zeigte nebenbei auf einen Mann. Dies sei Victor, der gesuchte Mörder dreier Mädchen. Man verhaftete das Subjekt. Die anschließende Verhandlung ergab, dass sein Name Karl Bremer war. Er stammte aus Deutschland. So oder so, ich hatte erkannt, dass sein Gesicht Schuld zur Schau trug. Seit jenem Tag löse ich Fall auf Fall.

Aus “Der schönste und beste Detektiv aller Zeiten”, Erinnerungen, vergriffen

11.8.2014

Meine Geburt soll sich über Wochen hingezogen haben, so sehr soll meine Mutter es genossen haben, mich zur Welt zu bringen. Mein Vater, ein brillanter Billardspieler und Verfasser von Romanauszügen, soll neben ihr gestanden und sie aufgefordert haben, langsamer zu pressen. “Halt es zurück, mein Liebling!” Als ich schließlich das Licht der Welt erblickte, verneigte sich die Ärzteschar vor mir. Gruppen aus dem ganzen Land trafen ein, um meine Ferse berühren zu dürfen. Es soll gar zu Wunderheilungen gekommen sein.

Aus “Der schönste und beste Detektiv aller Zeiten”, Erinnerungen, vergriffen

10.8.2014

Am Morgen, der für ihn ein Abend war, saß er an seinem Schreibtisch, um an seinem neuen Roman zu arbeiten. Das war ungewöhnlich, weil er normalerweise erst gegen Nachmittag aufstand. “Der Nachmittag”, so erklärte er seinen Kindern Ruth und Toby, “ist mein Morgen, der Abend mein Vormittag, Mitternacht mein Mittag und die frühen Morgenstunden mein Nachmittag, sodass ich jetzt am Abend arbeite.” Ja, am Morgen bzw. Abend hatte er Kraft. Die Dialoge zischten wie Autos aus seinem Kopf. “Wie Autos”, sagte er zu Ruth und Toby. “Mein Kopf ist der Tunnel, und die Autos rasen mit quietschenden Reifen aus dem Tunnel und parken punktgenau in meinem Roman.” Er strahlte seine Kinder an, obwohl sie gar nicht von ihm waren, sondern einer Frau gehörten, die fast neben seinem Haus wohnte, aber eben nur fast, weil sich sein Haus nämlich in einem ganz anderen Land befand. “Ich habe euch zwar nicht gezeugt und ich wohne hier auch nicht”, sagte er zu Ruth und Toby, “aber wenn ich hier wohnen würde, würde ich euch lieben.” Er streichelte den Kindern über den Kopf und nickte der Frau, die gefesselt in einem Sessel saß, aufmunternd zu, während er weiter an seinem neuen Roman arbeitete, der davon handelte, dass manchmal nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Ruth und Toby, die gar nicht Ruth und Toby hießen, sondern Jennifer und Carl, waren sich sicher, dass ihr neuer Daddy, hatte er ihnen erst die Augenbinden und die Handschellen abgenommen, ein guter Vater sein würde, einer, der sich normal und ausgeglichen verhalten würde, einer, dessen Sprache sie bis dahin auch verstehen würden.

Aus “Familienzusammenführung”, Krimi, vergriffen

9.8.2014

Mein Name ist Pierre Loire. Sie werden meinen Namen kennen, werden ihn vermutlich, wenn Sie ihn in den Mund nehmen, wie eine Praline lutschen. Lange und zärtlich, um ihn zu genießen. Ich stehe auch hin und wieder täglich mehrmals vor dem Spiegel und lutsche meinen Namen. “Pierre Loire!” Die Aromen, die sich in der Mundhöhle treffen, sind unbeschreiblich. Meine Mutter, eine geniale Mathematikerin, soll oft stundenlang meinen Namen gekaut haben, nicht gekaut, Gott, wie konnte ich derlei schreiben, sondern sie benetzte ihn mit ihrer Zunge, oft über Tage und Wochen hinweg, Tage und Wochen, in denen sie vor Entzücken schier verrückt zu werden schien.

Aus “Der schönste und beste Detektiv aller Zeiten”, Erinnerungen, vergriffen

8.8.2014

Die Schaffarm verlangt mir alles ab. Morgens reite ich mit meinem Wolfshund die Hügel hinauf und hinab. Ich trage einen Colt, auch wenn es hier keine Wölfe gibt. Revolver geben mir ein Gefühl der Sicherheit. Vor einigen Tagen tauchte ein fremdes Schaf auf. Es stellte sich mir in den Weg. Ich hackte dem Hund die Sporen in den Bauch. “Brrrr”, bremste ich den Hund ab. “Wer bist du?”, fragte ich das Schaf. Es schwieg und kaute genüsslich auf einem Grashalm. Es trug einen Hut, der seine Augen verschattete. Meine Finger spielten über dem Colt, bereit ihn zu ziehen. Das fremde Schaf knurrte. War es überhaupt ein Schaf? Oder doch ein Hund? Oder eine Frau? Ich zog am Zügel und kehrte um.

Aus “Schafsblut”, Roman, vergriffen

28.7.2014

Stellte heute die Frage nach dem Existenzrecht von Erna. Sie starrte mich an. “Eine solche Frage muss in einem freien Land möglich sein.” Ha. Setze sie mit dem Argument schachmatt. Überfuhr später eine Katze. Die Frage nach deren Existenzrecht hatte sich somit erledigt. Beim Stammtisch der Journalisten “Wir sind so frei, zu fragen” stellte ich die Frage, wer heute Abend bezahlt. Betretenes Schweigen. Ja, den wirklich unangenehmen Fragen wird immer wieder ausgewichen.

Aus Stefan Nelkes Tagebuch “Unbequeme Fragen”, Tagebuch, vergriffen

Ideen für Musicals (3)

“Hitler Hefezopf”

Wie bekämpfen wir das Böse? Rabbi Shmuel Stern gerät zufällig auf ein Treffen von Nationalsozialisten, die aus einem Stück Teig ihren Führer Adolf Hitler wiederauferstehen lassen möchten. Man knetet sich die Finger wund, während Stern in einer in den Raum geschobenen Torte seiner Entdeckung harrt. Tatsächlich gelingt, was wie ein Witz klang. Hitler wächst aus einem Hefeteig zu einem Hefezopf heran, der die Vernichtung des entarteten Bäckereifachverkäufers fordert. Und überhaupt, es müsse dem Weltbacktum Einhalt geboten werden. Es gehe fortan einzig darum, das Überbrötchen in den deutschen Bachstuben zu züchten. Deutschland solle zukünftig Nussecke heißen. Wer nicht für seinen Zopf sei, der sei gegen ihn. Die anwesenden Nazis nicken bedächtig, bis dem Führer auffällt, dass ihn hier keine Brötchen beklatschen. Man müsse sich augenblicklich entleiben. So seine unmissverständliche Forderung. Nachdem alle tot sind, springt der Rabbi aus seinem Kuchen und isst den Führer auf. Rettung in letzter Sekunde. Ein Stück mit Happy End für die ganze Familie.

hihi. ich hab mit meinem menstruationsblut ein marienbild gemalt. husch, husch. mit einem pinsel aus meinen schamhaaren. muss ich posten. die welt muss erfahren, was ich für eine skandalöse nudel bin. apropos nudel. nix gegessen, dafür 2 liter wodka gekotzt. der wahnsinn, was ich für eine bin. stellen wir uns vor, mich gäbe es zweimal, dreimal. nicht auszuhalten. stöhnen, ficken, kunst. überlese meine worte nicht. kommen ins facebook. ruhm, ich warte auf dich. zur not tut es auch rum.

Aus “Die besten Facebookposts der Lucy Zipperlein”, Ebook, irgendwo im Netz

24.7.2014

Da war sie, Elena, die große Domina. Sie sah angsteinflößend aus. “Du willst also leiden?”, fragte sie mich. Wie ein armer Tropf stand ich da und ließ die Schultern hängen. “Zieh dich aus!” Ich entkleidete mich mit der nötigen Portion Nervosität, die mich eben gerade noch den Gürtel öffnen ließ. “Klein”, sagte sie. Nicht gerade nett, aber ich war ja auch bei einer Domina. Sie machte ihren Job. “Dort hin!” Sie zeigte auf ein Krankenbett mit Schlaufen und Lederbändern. Handschellen gab es auch. Ich legte mich so bequem wie möglich hin. Meine Fesselung ließ ich mit geschlossenen Augen über mich ergehen. Geschafft. Ich sah nach oben. Elena beugte sich über mich und lächelte, bevor ihre dicken Hände zugriffen und mich kitzelten. “Nein”, kicherte ich, bis es sich zu einem Schrei steigerte. “Nicht unter den Armen, nicht unter den Armen.”

Aus “Die Entstehung der Spielarten”, Roman, vergriffen

Die Hitze löst die Welt auf. Unsere Häute schlagen Blasen. Wir lösen uns auf und tropfen wie Wachs zu Boden. “Ich schmelze dahin”, hat eine ganz neue Bedeutung bekommen. Alle schmelzen wir dahin. Alles klebt an allem, die Reifen an den Straßen und umgekehrt, die Hände an den Verpackungen, die Menschen werden zu einem Teil ihrer Umwelt. Die große Symbiose hat begonnen. Man sieht sie in den Supermärkten, verwachsen mit dem Boden, mit einer Milchpackung, während die Mundwinkel lange Fäden ziehen, die zäh und langsam zu Boden tropfen. Ihre Schreie ersticken, die Münder verformen sich, bis sie krakelige Kinderzeichnungen sind. Der Planet ist zu einer großen Geburtstagskerze geworden. Noch ein, zwei Tage, dann dürfte es überstanden sein. Neben mir eine Stimme, die jammert: “Ich hänge an dir!”

Aus “Heiß”, Roman, vergriffen

23.7.2014

“Ich glaube, also könnte es sein, dass ich bin.” Vergessen die Worte des berühmten Fuldaer Philosophen Reiner Besenstiel, der, so erzählt es die Legende, bei dem Versuch ums Leben kam, als Fisch in einem See zu leben. Vor dieser Zeit glaubte er, die Philosophie bereichert zu haben. Viele Fuldaer glauben noch heute, dass seine Werke tatsächlich existieren. Manche von ihnen glauben so stark daran, dass es immer wieder zu Sichtungen kommt. So sollen seine Notizen 1923 einer Gruppe von Bauern erschienen sein. Der Ort wurde zum Wallfahrtsort. Tagelang pilgerten die Gläubigen auf das Feld und beteten die flirrende Luft an. Fulda hat viele große Denker hervorgebracht bzw. solche, die glaubten, sie seien groß, wie Theodor Achsengrund, der felsenfest davon überzeugt war, er stoße mit seinem Kopf an die Sonne, oder Rüdiger Safran, dessen Behauptung, dank seiner Größe das Universum komplett gesichtet zu haben, nie hinterfragt wurde.

Aus “Fulda – Mythos und Wirklichkeit”, Sachbuch, vergriffen

Die große Wirtschaftskrise änderte alles. Millionen Schriftsteller weltweit verloren ihre Jobs. Die Verlagshäuser wurden gesprengt. Ich schloss mich dem Heer der Arbeitslosen an. Wir zogen wie Staub über die Straßen. Viele setzten sich nach Paris ab. “Ich habe nichts zu verlieren. Jetzt lebe ich meinen Traum vom Maurerdasein”, sagte ein Mann namens Felipe, der anbot, mich in die Stadt der Liebe mitzunehmen. Wir trugen uns gegenseitig. Nachts erzählten wir uns Anekdoten über die großen Handwerker. Wie die über Maurer Georg Speis, der seine Schwester eingemauert haben soll, um sie frisch zu halten. In Paris angekommen suchte ich mir ein Hotel im Quartier Latin. Hier gab es das berühmte TV Hotel, in dem die Mechaniker der TV Generation einst abgestiegen waren. William Störsender und Jack Backfisch hatten hier die verrücktesten Reparaturen der Fernsehmechanikgeschichte durchgeführt. Man erzählte sich von Bill, dass er seine Fernseher alle im Drogenrausch geflickt hatte, und dies mit einer Methode, die gar keinen Sinn ergab. Die Sinnlos-Methode war mir ein Begriff. Der Fernseher wird so zerlegt, dass man gar nicht mehr weiß, welches Teil wohin gehört. Am Ende entsteht das, was wir große Kunst nennen. Fernseher, die nicht mehr den Gesetzen der Funktion gehorchen, sondern solche, die seinen Besitzer verändern, bei dem Versuch, ihn in Gang zu kriegen.

Aus “Wie ich Schriftsteller wurde”, Erinnerungen, vergriffen

Ideen für Musicals (2)

“Alfons”

Alfons, Spross einer begüterten Familie aus Bielefeld, will unbedingt Nonne werden. Nachdem ihm vom Vater die finanziellen Mittel für eine Geschlechtsumwandlung verweigert werden, steinigt er aus Zorn eine junge Hündin. Auf den Geschmack gekommen, tötet er wahllos weiter. Nach Jahren hat er nahezu ganz Europa mit einer Fahnenstange ins Jenseits geprügelt. Endlich sucht ihn sein Vater auf, um die Operation zu bezahlen. Freudestrahlend fallen sich die zwei Generationen in die Arme. Erst zu spät bemerkt der Vater, dass der Sohn ihn reingelegt hat – und zwar in eine Schublade, fein säuberlich verteilt zwischen den Socken. Alfons lacht, wird aber vom plötzlich aus dem Untergrund aufsteigenden Herrn der Finsternis an den Haaren hinab in die Hölle gerissen. Ein großer Auftritt des gesamten Ensembles rundet das Stück ab. Ganz zum Schluss schunkeln alle, weil nun wieder alles gut ist. Getrübt wird das bunte Treiben einzig von einer sich am Horizont abzeichnenden Frikadelle, die behauptet, Gott zu sein. Sie kündigt an, Alfons kehre dereinst zurück. Außerdem seien ihre Hosenbeine zu lang. Dann taucht sie in einen See aus Senf. Trauriges Geigenspiel. Schlussapplaus. Diskrete Durchsagen, wann die letzten Busse fahren.

22.7.2014

Fulda wird erstmals 1902 erwähnt. Fahrende Händler stoßen auf eine Stadt, in der der Glauben das höchste Gut darstellt. “Die Fuldaer essen nicht, sondern glauben, nicht zu hungern, was falsch ist”, schreibt Ignatius Wolf. “Täglich verhungern unzählige Menschen in dieser Stadt, aber niemand nimmt es wahr, weil mein glaubt, dass dem nicht so wäre. Auch glauben die Fuldaer, schön und begehrenswert zu sein, obwohl die Inzucht sie längst entstellt hat. Hier vor Ort sieht man, welch eine zerstörerische Kraft dem Glauben innewohnt. Man glaubt hier einfach an alles. Regnet es, laufen die Fuldaer in Badehosen umher, weil sie glauben, die Sonne scheint. Man glaubt auch, dass die Stadt viel älter als drei Jahre sei. Unsinn. Zwar hat man die alten Baustile imitiert, aber jedermann weiß, dass Fulda 1899 von den ehemaligen Bewohnern eines Irrenhauses gegründet wurde. Andere sagen, es wären die Mitglieder einer Nacktbadekommune gewesen, die zu lange in der Sonne gelegen hätten.”

Aus “Fulda – Mythos und Wirklichkeit”, Sachbuch, vergriffen

Ich wurde bei einem Verlag angestellt, der etwa dreihundert Schriftsteller beschäftigte. Morgens kam ich mit meiner Brotbüchse zur Arbeit. Man teilte mich einem Team zu, das für die Regionalkrimis zuständig war. Wir fuhren mit einem kleinen Bus raus zu den Leuten und schrieben unsere Romane vor Ort. Irgendwo fehlte immer ein Gedicht, eine Erzählung oder ein Roman. Meine Kollegen waren zarte, schwindsüchtige Geschöpfe, die davon berichteten, dass sie ganz anderes mit ihrem Leben vorgehabt hatten. Einer hatte Maurer werden wollen. Ich erzählte ihnen nicht, dass ich nachts heimlich Fernseher reparierte. Noch nicht. Ich fühlte mich noch nicht so weit. Wir mussten uns erst besser kennen. Nur wenige wagten den Sprung ins Handwerk. Wir lasen Broschüren über berühmte Handwerker, sahen uns Filme über sie an. Thomas Schmirgelpapier war so eine Legende. Jedes Kind kannte seinen Namen.

Aus “Wie ich Schriftsteller wurde”, Erinnerungen, vergriffen

Ideen für Musicals (1)

“Maria und Josef”

Nachdem Maria vom Dorfgigolo Jacques geschwängert wird, schiebt sie in ihrer Not die Schuld auf den Heiligen Geist. Josef, ihr eigentlicher Liebhaber, der als Schreier arbeitet, singt über sein Entsetzen, als er von dem Betrug erfährt. Um nicht als Dorfidiot abgestempelt zu werden, beugt er sich dem gesellschaftlichen Druck und gibt an, dass er der Heilige Geist sei. Aus Gründen der Blasphemie steinigt man ihn. Maria zieht mit Jaques nach Paris und gebiert Jesus, der später als betrügerischer Versicherungsvertreter im Gefängnis landen wird. Ganz am Ende tanzen alle ihre Namen.

Vor einigen Tagen machte mir Cedric einen Antrag. Ich bin, von meinen gebrochenen Knochen und dem Verlust des Augenlichts einmal abgesehen, noch ganz aufgewühlt. Er kam am Vormittag auf mein Zimmer. Wie er da stand, sein Haar wie eine Ansammlung Pferdemist, kam er mir wie eine Missbildung vor, eine üble Laune der Natur. Ich wollte mich eben übergeben, hinab in den goldenen Nachttopf, da sprach er mich mit seiner brüchigen, ekelerregenden Stimme an. “Meine liebe Mary”, leierte er. “Schweig!”, rief ich kauend und erwehrte mich erster Brocken des noch unverdauten Frühstücks, die sich bereits bis in den Mund vorgearbeitet hatten. Der Tor aber, er fuhr fort. Er liebe mich, schlimmer noch, er wolle mich gar heiraten. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn mit meinem kleinen Damenrevolver zu löchern, unterließ es aber des Lärms wegen. Um dem unseligen Gespräch ein Ende zu bereiten, sprang ich durch das geschlossene Fenster. Seine Glubschaugen verfolgten mich, ich spürte sie in meinem Rücken, der wohl die nächsten Jahrzehnte in einem Krankenbett verbringen wird. Alles besser als diese Ausgeburt der Hölle. Cedric. Schon der Name ist ein Affront. Mir wird speiübel, wenn ich an ihn denke. Glücklicherweise bin ich erblindet, sodass seine Besuche einzig noch meine Ohren und Nase beleidigen können.

Aus Barbara Cartwrights “Cedric”, Roman in Brailleschrift, vergriffen

21.7.2014

Ich ging beim Dorfschriftsteller in die Lehre. Er ließ mich seine Pfeifen stopfen. Oft saß ich gedankenverloren am Fenster und starrte in die Ferne. Ich träumte davon, ein berühmter Fernsehmechaniker zu sein. Ich nahm zahlreiche Preise entgegen, wurde interviewt. Meine Eltern bemerkten mein Desinteresse an der Schriftstellerei. Ich solle mich nicht so haben. Erst ein Handwerk, dann könne ich nebenher auch Fernseher reparieren. Es gebe so viele Hobbymechaniker. Nachts lag ich unter meiner Decke und schraubte an Fernsehern herum. Und dies ohne Licht, bis ich auf die Idee kam, eine Kerze mitzunehmen. Das Haus brannte in Sekunden lichterloh. Mama und Papa starben. Zumindest dachte ich das, bis sie nach Tagen wieder auftauchten. Sie gestanden ein, dass sie nachts nie in ihren Betten gelegen hatten. Die Matratzen waren ihnen zu hart gewesen. Sie waren zu der Schwester meines Vaters gefahren und hatten dort geschlafen. Sie hatten das seit meiner Geburt getan, ohne dass ich etwas davon mitbekommen hatte.

Aus “Wie ich Schriftsteller wurde”, Erinnerungen, vergriffen

Meine Name ist Elena Bürste, Kämpferin, die Leiden schafft. Heute möchte ich Ihnen Friedbert Sümpfler vorstellen, der seit sieben Jahren dreihundert Bücher am Tag liest. Seine Krankenkasse verweigert ihm eine Hirnverkleinerung. Seine Tochter Isabelle leidet, weil sie Angst hat, ihren Vater an eine bekannte Universität zu verlieren. So erging es ihr bereits mit ihrer Mutter, die vor zehn Jahren von einem bekannten Verlagshaus angeworben wurde. Ich werde nicht eher weichen, bis mir die Krankenkasse einen IQ-Test zugesichert hat, der bestätigt, dass Herr Sümpfler dringend einen Hirnverkleinerung benötigt.

Aus “Elena Bürste – Kämpferin, die Leiden schafft”, Soap-Doku-Roman, vergriffen

Ich lebte am Rand eines Vulkans. Täglich mussten wir, obwohl es keine vernünftige Begründung dafür gab, entlang des Kraterrands balancieren, um in die Schule zu kommen, die dreihundert Kilometer entfernt lag. Wir trugen unsere Bücher auf dem Kopf. So hofften wir, beim Gehen zu lernen. Wir dachten, das Wissen würde sich in unseren Kopf drücken. Damals hatten wir ja nichts. Jede Familie nur drei Fernseher. Die Armut war Teil unseres Lebens. Ich beschloss, wenn ich aus dieser Hölle entkomme, werde ich Fernsehmechaniker oder Eisverkäufer. Beim Dorfarbeitsamt gab es seit Jahrzehnten zahlreiche freie Stellen als Schriftsteller. So drängten mich meine Eltern, Autor zu werden, obwohl meine Liebe der Fernsehmechanik galt.

Aus “Wie ich Schriftsteller wurde”, Erinnerungen, vergriffen

20.7.2014

Ich hatte ihn gewarnt, hatte gesagt, dass er seine Hände bei sich behalten sollte. “Barry, ich will das nicht!” Er hörte nicht, bis ich ihm etwas Benehmen beibrachte. Die Heugabel ist jetzt ein Teil von ihm. Sie stört zwar etwas beim Kuscheln, aber jetzt ist er nahezu so, wie ich ihn immer haben wollte.

Aus “Die Erziehung der Männer”, Roman, vergriffen

19.7.2014

Justin Bieber reicht mir einen Joint, während er sich umsieht. “Hat niemand gesehen”, sagt er und reißt ihn mir aus den Fingern. Neuer Versuch. Wieder sieht niemand hin. Kurzer Anruf beim Management, das die deutsche Polizei verständigt. Im nächsten Augenblick stürmt ein Sonderkommando die Luxussuite. Bieber reagiert schnell und drückt mir den Joint mit einem Lächeln in die Hand. “Ich habe ihm nur diesen einen Joint verkauft”, entschuldigt sich der Superstar, bevor man ihn abführt. Draußen erwartet ihn ein Blitzlichtgewitter. In wenigen Stunden wird er sich offiziell entschuldigen. Er tut mir leid. Es ist nicht einfach, den Absprung vom gefeierten Teddybär zum gefürchteten Rocker zu schaffen. Bieber wird das Unmögliche gelingen. Ich bin mir sicher. Am Abend ist er wieder auf freiem Fuß und wird erst gegen Mitternacht nach einem Waffendeal erneut verhaftet. Die Aufmerksamkeit dürfte ihm einige Stunden gewiss sein.

Aus “Meine Treffen mit den Stars der Welt”, vergriffen

Schlagzeilen des Tages

Frau findet sich beim Aufräumen selbst

und

Mann, der Leute an der Kasse vorlässt, seit zwei Wochen im Supermarkt

Einst lebte das Erdmerkel im Ostwald. Dort hatten alle Tiere gleich sein wollen. “Ab sofort sind wir alle Hohnhöcker”, sagte das Hohnhöcker. Die anderen Tiere waren erstaunt. Wie sollten sie das schaffen? Operationen wären unumgänglich. Man besorgte sich einen Chirurg, der sich darum kümmern sollte, dass alle wie das Hohnhöcker aussahen. “Das ist gar nicht schlecht”, sagten die Tiere. “Wir ziehen dann alle ins Haus vom Hohnhöcker.” Das hörte das Hohnhöcker gar nicht gerne. Was würde mit seinen Wintervorräten geschehen? Darum bestach das Hohnhöcker den Chirurg, der fortan pfuschte. Am Ende sah keiner dem anderen ähnlich. Es hatte sich gar nichts verändert. “Aber wir wollten doch alle gleich sein”, beschwerte sich das Murx. Das Erdmerkel indes hörte genau zu, um so für seine Zeit nach dem Fall der Blättermauer, die den Ostwald vom Westwald trennte, gewappnet zu sein. “Keiner ist gleich, und das muss man ausnutzen. Den Tieren fehlt es an einer Stimme. Ihre Uneinigkeit wird mich mächtig machen.” Das Erdmerkel putzte sich die Barthaare und freute sich auf seine kommenden Machenschaften.

Aus “Die Tiere vom Täuscherwald, Kinderbuch, vergriffen

Madonna taucht in einem T-Shirt ihrer Putzfrau auf. Die fleckigen Shirts gelten, seit der Superstar sie trägt, als das neue In-Produkt. Wie man hört, wurde, um die Flecken lebensecht zu gestalten, auf Schweiß von dreißigtausend Fans zurückgegriffen. Es ist nicht ganz leicht den Geruch, der von den Kleidungsstücken ausgeht, auszuhalten, aber hat man sich erst damit abgefunden, in einem ungelüfteten Trainingsraum zu sitzen, setzt nach einer Weile der Gewöhnungseffekt ein. Madonna ist stilbildend. Was sie trägt, gerät über kurz oder lang zum Verkaufsschlager. So werden es nicht nur die Schweißshirts in den Modehimmel schaffen, sondern auch die von ihrem Chauffeur hergestellten Ölwannen, in denen sie sich seit einigen Monaten umhertragen lässt. Ölwannen seien der letzte Schrei, außerdem noch ein Statement gegen Krieg und Intoleranz. Unser Treffen ist schnell erledigt, trägt man die Primadonna doch in einer Ölwanne durchs eigens für dieses Interview angemietete Zimmer. Sie will die Mode sprechen lassen, erklärt man mir. Es riecht auffällig nach Schweiß, bis mir die Shirts ihrer Putzfrau einfallen. Ja, die Popkaiserin ist eine Marketingstrategin der Sonderklasse. Ich winke, während die Ölwanne samt ihr zum nächsten Pressetermin gekarrt wird.

Aus “Meine Treffen mit den Stars der Welt”, vergriffen

18.7.2014

“Gehen Sie bitte ins Wartezimmer!” Antisemitus nickt und marschiert Richtung Wartezimmer. Aber was muss er da erblicken? Ein Zimmer voller Feinde. Die sind ja alle vor ihm dran. Rasch zählt er Blond und Blond zusammen und kommt zu dem Schluss, dass er wieder einmal ein Opfer der jüdischen Weltverschwörung wurde. Er schiebt sich ärgerlich in den Raum und will Platz nehmen, wenn, ja, wenn da ein Platz wäre. Da ist aber nur ein Kinderstuhl. Antisemitus packt sich an die Brust. Er, Arier und Vegetarier, soll auf einen Kinderstuhl? Antisemitus grummelt und schmiedet Kriegspläne. Er setzt sich langsam und blickt sich um. Bauklötze. Rasch packt er die Bauklötze ein, bevor der Jude, der überall ist, sie sich schnappen kann. In diesem Moment wird er aufgerufen. “Es gibt eben noch Gerechtigkeit!” schreit er die anderen Patienten an. “Ihr Würmer, ihr Ratten.” Selig lächelnd verlässt er das Wartezimmer.

Aus “Die verrückten Abenteuer des Antisemitus”, Roman, verboten

Antisemitus hat Rückenschmerzen. Klarer Fall, denkt er. Das waren die Juden. Er lässt sich von Blondi die Hand lecken. “Jetzt nicht, treue Gesellin”, sagt er. Die Hundedame blickt enttäuscht zu ihm auf. “Sieh mich nicht so an. Das ist nicht meine Schuld. Das waren die Juden.” Blondi knurrt. Antisemitus ist enttäuscht. Jetzt kann es sich nicht mal seine Hakenkreuzlockenwickler ins Haar drehen. Und dabei hätten seine Haare es bitter nötig gehabt. Und die Hündin kann er auch nicht beglücken. Hass bemächtigt sich seiner. Er schwört Rache, bis ihn ein Hustenanfall übermannt. Nein, nein, die Juden, sie sind überall. Jetzt haben sie sogar seinen Rachen besetzt, um ihn husten zu lassen. Rasch einen Ariertee, um alles auszubrennen. Antisemitus marschiert gen Küche.

Aus “Die verrückten Abenteuer des Antisemitus”, Roman, verboten

Das Erdmerkel wohnte in einer alten Waschmaschine. Um hineinzukommen, musste es viel Kraft aufwenden. “Alle schieben!”, rief manchmal das Schäufle. Die Tiere aus dem Täuscherwald kamen zusammen und bildeten eine Kette, um dem Erdmerkel zu helfen. “Drückt!”, schrie das Schäufle. Schweiß lief ihm über die Stirn. Es war kein gewöhnlicher Schweiß, sondern Fliehschweiß. Die kleinen Tropfen rannten aufgeregt mit einem Piepsen über seine Stirn und suchten nach einem Weg, unbeschadet den Erdboden zu erreichen. Alles im Täuscherwald war beseelt, nur das Lobbytobbywesen nicht, von dem viele Tiere vermuteten, dass es aus der Menschenwelt stammte, weil das Lobbytobbywesen ständig versuchte, Einfluss auf die Entscheidungen im Wald zu nehmen. Und weil das Lobbytobbywesen so stark daran interssiert war, Dinge zu verkaufen, die niemand benötigte, sprach man ihm eine Seele ab. Und wieder gab das Schäufle den Befehl: “Drückt!” Nach drei Tagen hatten sie es geschafft. Das Erdmerkel war in der Waschmaschine. “Hurra!” Die Tiere vom Täuscherwald feierten ein großes Fest. Das Schäufle schlug wieder einmal vor, dass man es essen sollte. Alles war so, wie man es seit langer Zeit kannte.

Aus “Die Tiere vom Täuscherwald, Kinderbuch, vergriffen

Und dann, man hatte es schon gar nicht mehr für möglich gehalten, wurde das Erdmerkel 60. “Das Erdmerkel ist 60 geworden.” Die Tiere des Täuscherwaldes waren ganz aufgeregt. “Wir müssen eine Feier ausrichten”, sagte das Schäufle. “Sie könnte mich essen!” – “Nein, nein, kleines Schäufle, das muss nicht sein”, sprachen die anderen Tiere auf das Schäufle ein. Um einen Entschluss zu fassen, bildete man einen Untersuchungsausschuss, der, das wusste aber noch niemand zu dieser Zeit, vom bösen Nasenbärmann ausgehorcht wurde. Von nun an tagte der Ausschuss jeden Tag, und dies sieben Jahre lang. Am Ende kam man zu keinem Ergebnis, aber der böse Nasenbärmann hatte eine Menge Informationen sammeln können.

Aus “Die Tiere vom Täuscherwald, Kinderbuch, vergriffen

Und wieder einmal erwacht Antisemitus. Mit einem überlegenden Herrenrasselächeln streicht er über seinen kleinen Hitlerbart. Er blickt zum Fenster. Oh, es regnet, denkt Antisemitus. Regen kann er überhaupt nicht ausstehen. Dahinter werden die Juden stecken, vermutet Antisemitus. Er streckt die Beine aus dem Bett und greift nach seinem Hakenkreuzmorgenmantel. Mal sehen, wem ich heute was unterstellen werde, überlegt er. Bei dem Wort WEM muss er laut auflachen. Na wem wohl? Noch auf dem Weg in die Küche streicht ihm Blondi um die Beine, sein treuer deutscher Schäferhund, mit dem ihn einige ganz besondere Nächte verbinden. Ich mag halt Tiere. Antisemitus muss schmunzeln.

Aus “Die verrückten Abenteuer des Antisemitus”, Roman, verboten

Ist doch alles Scheiße. Gibt ja immer wieder Journalisten, die behaupten, ich hätte mir meinen Adelstitel nur gekauft, diese Wichser. Das merkt man mir doch an, dass ich in die höchsten Kreise geboren wurde. Mein ganzer Habikuss und so, das sagt doch alles. Ich wohne jetzt seit zwanzig Jahren in Hollywood. Da kennt mich jeder. Der Arnie und der Ralph. Und jetzt kommen die an und drehen über mich und behaupten, ich hätte keinen Stiel, die Arschlöcher. Ich würde mich im Ton vergreifen. Ich kann mir gerne den Arm aufschneiden, damit man sieht, dass mein Blut blau ist. So, ich muss jetzt mal nach Gage gucken, meiner Frau, ihr ungefickten Bastarde.

Aus Roderick von Auslaufs “Euch fick ich auch noch alle – Mein Leben als Prinz mit Stiel”, Blog, gelöscht

Ist ja nicht so einfach. Ich hatte etwas gegessen, es rumorte und ich sagte zu Brigitte, die ich gerade erst kennengelernt hatte. “Wo issen dein Klo?” Sie zeigte es mir mit einer beiläufigen Handbewegung und knöpfte sich den ersten Knopf ihrer Bluse auf. Keine Frage, ich war scharf wie Nachbars Lumpi, wusste aber auch, dass sich die Sache auf dem Klo hinziehen konnte. Um die Geräuschkulisse einzudämmen, suchte ich nach einem Radio, fand aber keins, sodass ich zu singen begann. Laut und falsch.

Aus Ruben Bernhardts “Reizdarm – Die Geschichte eines Betroffenen”, vergriffen

17.7.2014

Sie müssen die Augenblicke festhalten. Die wichtigen Momente. Sperren Sie sie in den Keller, bis die wichtigen Momente Sie auch als wichtig erachten. Liebe will erkämpft werden. Schlagen Sie aber nicht zu fest zu. Das ist nicht richtig. Sie sind ein Messias. Das müssen Sie sich wieder und wieder sagen. Vor dem Spiegel. Auf der Straße. An der Arbeit. “Ich bin ein Messias!” Wenn Sie jemand anspricht, lächeln Sie gütig und erklären Sie: “Auch in dir steckt ein Messias.” Abends müssen Sie sich um Ihre Liebe kümmern. Sie wird Durst und Hunger haben. Nach ein paar Jahren basiert diese Liebe dann auf Gegenseitigkeit. Und Sie werden wissen, dass es gut war, sich so sehr um die Liebe bemüht zu haben.

Aus Pierre Lehres “Ich bin ein Messias, du bist ein Messias – Wege zum Ich”, Ratgeber, vergriffen

Paris Hilton, die Ikone der internationalen Nichtskönnerszene, lächelt, als sie mich in ihrem nachgebauten Barbiehaus empfängt. Was ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahne, sie wird nichts sagen, weil sie mit dem Aufrechterhalten ihres eingeschnitzten Hängemattenlächelns bereits völlig ausgelastet ist. Sie streicht mit ihrer beringten Hand über Vorhänge aus Marzipan, während einer ihrer rattenartigen Hunde versucht, sich aus ihrer zwanghaften Umarmung zu befreien. Ob sie denn glücklich sei, in Filmen zu spielen, Songs zu trällern, die keinerlei Wert haben, will ich wissen. Sie lächelt die Frage in einen Zustand, der sich nach Sekunden mit einem Plopp ins Nichts verabschieden wird. Schließlich stakst sie von dannen. Es wirkt, als wäre sie angetrunken, aber dies rührt, ich bin mir sicher, von den Hochhackigen her, die das zarte Geschöpf wie eine Jacht im Sturm davonschippern lassen.

Aus “Meine Treffen mit den Stars der Welt”, vergriffen

Fähringer soll, wie ich aus vertraulicher Quelle erfuhr, in die Schweiz ausgewandert sein, wo er sich als Medium, Hypnotiseur und Wahrsager betätigt. Kaum zu glauben. So wurde mir berichtet, dass er sich unter die Euter von Kühen legt, um in die Zukunft zu blicken. Euterschau, nennt er das. Die Leute würden ihm Unmengen von Geld bieten, damit er aus den Eutern liest, wie in Sachen Beruf und Liebe zu entscheiden ist. Außerdem soll er – dank eines ranzigen Käses – das Weltgeschehen beeinflussen können. Werde mich selbst davon überzeugen und reise ihm nach.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

“Ist schon blöd, dass jetzt alle wieder auf uns Weltmeistern rumreiten, weil wir den Kautschuktanz gemacht haben. Wo doch gar keiner weiß, wie Kautschuk geht. Und wenn man das nicht weiß, kann man ja sagen, Kautschuk geht eben so. Und die Deutschen so. Oder?” Siggi Grabowski

Wenn man gegen einen Dämon kämpft, ist es unerlässlich, sich durch nichts von ihm beirren zu lassen. Er wird mit allen möglichen Tricks arbeiten, wird mit der Stimme der verstorbenen Mutter um Gnade betteln, wird einem Geld anbieten, Ländereien, Gemälde, Harfen, Schuhe und Unterhosen. In Kairo focht ich dereinst gegen Willitittiblue, einem Dämon aus den äußeren Bezirken der Hölle, der mich mit einem neuen Haarschnitt bestechen wollte. Ich widerstand und konnte ihn nach einer Hungerkur des Besessenen aus dessen Leib vertreiben. Leider erst nach 2 Jahren, die das Opfer nicht überstand. Aber noch spricht meine Bilanz für mich. Von dreihundert Infizierten überlebten zwei meinen Exorzismus. Dreihundert gerettete Seelen, von denen sich zwei noch drei bis vier Wochen ihres Lebens erfreuen konnten. Dank sei Gott!

Aus “Ich bekämpfte Satan – Die unglaublichen Abenteuer des Exorzisten Pater Ferrin”, Erinnerungen, vergriffen

Es ist ganz wichtig, dass man sich selbst erkennt. Dass man sich so akzeptiert, wie man ist. Dass man sagt, ich bin zwar ein Volltrottel, aber das ist gut so. Man muss zu sich stehen. Muss sich sagen, egal, was ich auch tue, es ist scheiße, aber das bin ich, der das tut. Hässliche Menschen gibt es. Na und? Betonen Sie Ihre krumme, große Nase. Ihre platte Stirn. Zeigen Sie Ihre Segelohren. Sagen Sie, mit meinen Ohren kann ich Mücken oder Mäuse totschlagen. Mit meinen Ohren kann ich über die Rhön fliegen. So ist es richtig. Sie müssen sich lieben. Langsam und genussvoll. Benutzen Sie Hilfsmittel. Ein Pornofilm kann helfen. Entdecken Sie die Erotik des Selbst. Das ist meine Eigenliebetherapie.

Aus Pierre Lehres “Ich bin ein Messias, du bist ein Messias – Wege zum Ich”, Ratgeber, vergriffen

16.7.2014

Ich saß direkt gegenüber von Fat-Tony. Er schaufelte sich seinen siebten oder achten Burger rein, als dieser Kerl das Lokal betrat. Er hatte eine riesige Nase. Gott, war die groß. Alle wussten, was passieren würde. Alle hielten die Luft an. Er zeigte auf seine Nase und näselte: “Wer sich rührt, den schnäuze ich weg.” Wir saßen verflucht tief in der Scheiße.

Aus “Angeschnäuzt”, Thriller, vergriffen

Ich treffe oft Leute, die mir erklären wollen, dass es den Teufel nicht gibt. Diesen Ungläubigen berichte ich von einem Exorzismus, den ich vor vielen Jahren in einer kleinen englischen Stadt durchführte. Dämonen schrecklichster Art waren in die Kinder eines Kindergartens eingefahren. Es war schrecklich. Oh, wie die kleinen Körper unter dem Befall des Bösen litten. Sie malten diabolische Blumen an die Wände. Manche koteten unkontrolliert in ihre Windeln. Wir benötigten sieben Hubschrauber und 32.000 Liter Weihwasser, um die Angelegenheit zu bereinigen. Ja, wir konnten Satans Brut verjagen, auch wenn dabei leider drei Kinder ertranken. Ein bitterer Rückschlag, der mich trotzdem nicht von meinem Ziel abweichen lässt. Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Aus “Ich bekämpfte Satan – Die unglaublichen Abenteuer des Exorzisten Pater Ferrin”, Erinnerungen, vergriffen

Unser erster Auftritt bei Rock am Ring war eine Katastrophe. Ich hatte die ganze Nacht Wasser getrunken und kotzte während unseres Songs HATE YOUR MOTHER ins Publikum. Mann, waren die alle nass. Von oben bis unten mit Wasser voll. Das kam gerade richtig bei der Hitze. Die fühlten sich alle wohl. Nur ich nicht. Wir waren Rocker. Wir waren voll auf Hass und Gummibärchen. Eine schaurige Erinnerung. Später vermöbelten wir INXS, diese scheiß beschissenen Arschlochpopper, das machte den Abend ein wenig erträglicher.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

15.7.2014

Heute beginnt unser Experiment. Mein Kopf dröhnt, als sich die stählernen Türen des Gefängnisses hinter mir schließen. Das soll es also gewesen sein? Und nur, weil meine letzte Sendung nicht die nötige Quote erreichte? In den nächsten Wochen soll ich aus fünf harten Kerlen Spitzenköche machen. Ein waghalsiger Versuch, von dem ich nicht weiß, wie er ausgehen wird. In meiner ersten Nacht kann ich kaum schlafen. Ich überlege, warum in den Zellen so gekeucht wird, beschließe aber dann, es doch lieber nicht wissen zu wollen. Ich werde morgen mit den Jungs, die ich bisher noch nicht kenne, einen Kaffee kochen. Werden sie die Aufgabe bewältigen? Als 17-Sterne-Koch habe ich Kaffee erst im achten Ausbildungsjahr zubereiten dürfen. Während ich mich vor der Kälte unter einer Decke aus Mutmaßungen zu verstecken versuche, heult draußen ein Wolf. Schüsse fallen, von denen ich nicht weiß, wem sie gelten. Es soll in der Umgebung Werwölfe geben. Gerüchte besagen, dass sie in diesem Gefängnis gezüchtet werden. Ich bitte den Kameramann, sich auf den Boden zu legen, weil wir in zwei Minuten aufstehen müssen.

Aus “Das 17-Sterne-Koch-Experiment”, vergriffen

Ja, das hat er großartig gemacht, der Götze, der Mario. Die Jungs vom Fußballcamp EISERNE HACKE durften bis zum Morgen aufbleiben, um gebührend zu üben. Ließ sie anlässlich des deutschen Siegs um den See laufen, bis die ersten so blass wie der Mond waren. Geweine, Gekreisch. Wenn sie irgendwann Weltmeister sind, werden sie mir danken, dass ich sie Blut und Schweiß ausscheiden ließ. Selbst Jochen, den wir vom Notarzt abholen ließen, soll sich auf dem Weg der Besserung befinden. Hut ab, für einen Dreijährigen hat er lange durchgehalten.

Aus “Blutgrätsche – Was nicht rund ist, wird rund gemacht”, Tagebuch des Trainerstars Mario Mümmering, vergriffen

14.7.2014

Meine erste Show in Las Vegas verlief ohne weitere Zwischenfälle, obwohl ich als geübter Illusionist gar nicht vor Ort war. Während die Zuschauer mit aufgerissenen Augen meiner magischen Vorstellung folgten, genoss ich in Nizza eine in sexuellen Dingen überaus beschlagene Amüsierdame, die ich mir nicht nur an diesem Abend, sondern den ganzen Sommer über gönnte. Glücklicherweise konnte ich meinen Bekannten in Vegas vorgaukeln, höchstselbst anwesend zu sein. Das ging so lange gut, bis ich eine bekannte Sängerin, die im gleichen Hotel wie ich auftrat, geschwängert haben sollte, was unmöglich war. Um die Sache zu klären, reiste ich kurzeitig an, während man in Nizza – dank meiner Trickfertigkeit – nichts von meiner Abwesenheit bemerkte.

Aus “Der große Blondini mit dem schwarzen Haar”, Erinnerungen eines Illusionisten, vergriffen

“Sieh mal, da drüben ist ein Negerkönig”, sagte das kleine Waldgespenst. Paul wich entsetzt zurück. “Aber kleines Waldgespenst”, sagte er, “das darfst du nicht sagen. Wenn Frau Schröder das hört, bekommst du Ärger.” – “Frau Schröder?”, fragte das kleine Waldgespenst. – “Ja, sie ist in allen Wäldern unterwegs, auch hier im Märchenwald.” – “Aber es gibt doch auch Neger im Franz-Kafka-Tagebuch-Wald. Und im Mark-Twain-Wald” – “Pssst!” Paul hielt dem kleinen Waldgespenst schnell den Mund zu. “Wenn Frau Schröder das hört, werden all diese Wälder umgeschrieben.” – “Umgeschrieben?”, fragte das kleine Waldgespenst. – “Natürlich”, sagte Paul. “Du bist doch nur eine Figur in einem Kinderbuch.” Da lachte das kleine Waldgespenst auf. “Das ist doch prima!, rief das kleine Waldgespenst. “Dann lassen wir Frau Schröder einfach vom Autor in die Wüste Nimmerblüh schicken.” Paul überlegte und sagte dann: “Keine schlechte Idee, kleines Waldgespenst, keine schlechte Idee.”

Aus “Das kleine Waldgespenst”, Kinderbuch, vergriffen

13.7.2014

Die kleine Katze Tanaka mochte Menschen. Am liebsten kratzte Tanaka ihnen die Augen aus, um sie selig im Schatten eines Baums zu lutschen. Aber auch Herz, Nieren, Leber und Hirn verschmähte sie nicht. Tanaka war süß anzusehen, die Kinder liebten sie, aber Tanaka erwiderte diese Zuneigung nicht, weil Menschen für sie bloß nur Schlachtvieh waren. Nach Mäusen war sie allerdings ganz verrückt. Einer Maus würde sie niemals ein Härchen krümmen.

Aus “Tanaka”, Erzählung, vergriffen

Nun, selbstredend bin ich gespannt, wer obsiegen wird, treten doch am heutigen Finalabend gleich zwei ehemalige Diktaturen gegeneinander an. Dies ist also nicht nur ein Match, nein, es ist vielmehr ein Kampf der sich wie eineiige Zwillinge gleichenden Systeme. Man könnte sagen, hier werden zwei Todessterne der Geschichte einen Kampf ausfechten. Alles längst vergessen? Nein, nicht für mich, der ich meines Großvaters Franz von Hassmann immer wieder gerne in der hauseigenen Kapelle gedenke. Immerhin hat er das Unternehmen Deutschland globalisieren lassen wollen, da gab es das Wort im deutschen Sinne noch nicht einmal. Ich werde mir das Spiel mit dem Gesinde auf der Wiese hinter dem Haus ansehen, in einem Sessel, getragen von den starken Händen einiger Diener. All die kleinen Migranten, sie werden mit Deutschlandfähnchen und Perücken in Schwarzrotgold ausgestattet, um so ihrem neuen Heimatland jene Dankbarkeit entgegenzubringen, die man ihnen in ihren Herkunftsländern verweigerte. Und dann werde ich meinen Lippen sicherlich das eine oder andere Wort der Anfeuerung nicht untersagen.

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Deutschland”

Barack Obama empfängt mich sichtlich gelangweilt. Als Deutscher hat man es in diesen Tagen schwer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Man wisse alles, was ich fragen wolle, erklärt Obama, schließlich habe man ihn über mich aufgeklärt, er habe alle Protokolle gelesen. Was der Schnupfen macht, will er noch wissen, bevor er mich über Guantanamo abschieben lasse, immerhin sei ich als Kritiker seines Landes bekannt. Dank seines Friedensnobelpreises befinde er sich allerdings im Mutter-Theresa-Modus. Daher müsse ich nur um Leib und Leben fürchten, man sei ein zivilisiertes Land. Ich will mich für das Interview bedanken, aber Barack winkt ab, kein Ton, deutet er mit seinem auf die Lippen gelegten Zeigefinger an. Er reicht mir einen Zettel, auf dem steht, dass hier alles mitgeschnitten werde. Mit einem staatsmännischen Handshake werde ich in einen Gefangenentransporter für Journalisten verfrachtet. Tolles Interview. Toller Mann.

Aus “Meine Treffen mit den Stars der Welt”, vergriffen

12.7.2014

Ganze Nacht ich schaute nach Feind. Überall er könnte sein. In Auto er fuhr. Von Dach ich sprang, sein Genick zu brechen ihm. Zog Schwert von Hattori Hanzo. Zog Strich unter Lärm und Kinn. Brach blutend zusammen das Lamm. Fan sei er, sprach das sterbende Wesen. Ich nicht glauben ihm, aber sicher ist sicher, daher ich ihn verscharren in Säurebad.

Aus “Tagebuch des Kampfmönchs von Rottweil”, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

Saß mich wund. Kündigte die Wohnung, nahm es später zurück. Ich neige zu unverständlichen Scherzen. Bei Heidegger über seine Sucht nach Grillen gelesen. Wusste ich noch nicht. In seinen Ausführungen schwingt eine unausgelebte sexuelle Neigung mit. Später erst bemerkt, dass das in dem Leserbrief (Pornoorgelausgabe 7/14) eines gewissen Frank Heidegger stand, der in der Nähe von Todtnauberg lebt und dort an seinem Hauptwerk “Schwein und Kleid” arbeitet. Optiker aufsuchen.

Autorenbios, die wir lesen wollen

Christiane Ohrring, geboren 1969, ist Reaktionärsleiterin der Wochenzeitung Christ & Peitsche, die seit Ende 2010 als Beilage zum Mittagessen im Restaurant De Sade gereicht wird. Zuvor war sie lange Jahre Rabaukin und danach Leiterin eines Chors der Ende 2010 verstummte. Für ihre Panikattacken wurde sie mit dem Kai-Dieckmann-Förderpreis ausgezeichnet. Veröffentlichungen: Nagel mich, ich bin der Messias (Roman, Nord-Korea 2010), Deine dritten Zähne in meinem Rücken (Gedichte, China 2011)

Große Worte

“Ich wär schon gerne Batman, so gestählte Muskeln und so. Superman nicht, der hat so eine Schleimlocke und ist im richtigen Leben voll der Loser. Das wär ja dann nix Neues für mich!” Siggi Grabowski

“Wenn wir am Sonntag alle Weltmeister sind, das ist schon geil, weil, ich war ja dann schon Papst. Und werd jetzt vielleicht noch Weltmeister. Und das ohne Berufsausbildung. Man kann eben doch alles erreichen, was man will. Man muss einfach nur lange genug nix gemacht haben. Und an sich glauben muss man auch.” Siggi Grabowski

Ich treffe mich an diesem Morgen mit Miley Cyrus in einem Konferenzraum des Vier Jahreszeiten in München. Als müsse sie allen Klischees entsprechen, kommt sie auf einer Abrissbirne in den Raum geschwebt, auf den Lippen den Hinweis, dass man das Vier Jahreszeiten für ihr nächstes Musikvideo dem Erdboden gleichmachen werde. In ihrem linken Mundwinkel klebt ein Joint, sie ist nackt und sie singt scheußlich. Darüber solle ich nicht schreiben, sagt sie, eher schon über das miese Management von Justin Bieber, das ihm noch zu Mord raten wird, um ihn beim älteren, schussbereiten Publikum zu etablieren. Im nächsten Moment ist sie schon im Dickicht der Rauchschwaden entschwunden, nicht ohne sich zuvor noch selbst befriedigt zu haben. Eine große Künstlerin der Neuzeit eben, die, bevor ich darüber berichten kann, bereits alles getwittert hat.

Aus “Meine Treffen mit den Stars der Welt”, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

“Danke”, sagte ich, als mir eine ältere Dame einen Kaffee brachte. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass man in einem Café Kaffee bekommt. “Gute Frau”, sprach ich die Bedienung an, die leider daraufhin einen Herzinfarkt erlitt. Der Inhaber eilte herbei und entschuldigte sich. Sie sei bereits weit über hundert gewesen. Jede zu harte Anrede hätte sie ins Grab bringen können. Jetzt sei ich es eben gewesen, der sie vom Leben erlöst habe. Das kommt davon, dass immer mehr Rentner nicht mehr von ihrer Rente leben können. Man sieht sie als Trainer in Fitnessstudios, als Türsteher vor Discotheken. “Und mein Kuchen?”, fragte ich, als man die Verstorbene abtransportierte. Man habe gar keinen, das sei ein Laden, in dem man Gummibärchen verkaufe. “Oh”, murmelte ich und ging.

11.7.2014

Ich fahre gerne Auto, ich könnte stundenlang fahren, durch Rom, hinein in das Gedränge, hinaus aus der Stadt, um sich mit dem Auto zu verlieren, so wie man sich in seinen Gedanken verliert, weil so Ideen entstehen. Wenn ich an Autos denke, sehe ich Leiber, die sich auf der Rückbank lieben, in merkwürdigen Stellungen, verkrümmte Körper, die zu Wesen werden, die man so noch nie gesehen hat; Wesen wie aus einem Märchen, die sich in einem Feuer aus Leidenschaft verbrennen. Manchmal halte ich an, denke über all das nach, während ich Brüste und Telefone auf meinen Block zeichne, Brüste und Telefone, bis ich erwache, weil ich gar nicht unterwegs war, sondern im Büro. Mein Brusttelefon, ein Geschenk von Billy Wilder, läutet. Ich gehe ran, ich greife nach dem Nippel und ziehe ihn an meinen Mund. Warum nur habe ich Angst, dass Giulietta mich so sieht?

Aus “Das Geheimtagebuch des F. Fellini”, nie erschienen, außerdem noch vergriffen, sehr vergriffen sogar

“Zum Teil, ich gestehe dies ein, fühle ich mich geschmeichelt. Alle wollen sie meiner habhaft werden, aber leider ohne die Zärtlichkeit, nach der auch ich mich sehne. Fußtritte werden verteilt, ja, man jagt mir gepanzerte Füße in den Leib, oft bis zu dem Punkt, an dem ich denke, jetzt bleibt mir endgültig die Luft weg. Verlasse ich die Landesgrenzen, bleiben mir Sekunden, um zu verschnaufen, Sekunden, bis ich abermalig ins Landesinnere geworfen werde, als wäre ich eklig, als müsse man sich meiner so rasch wie möglich entledigen, ich, der von einer Art Aussatz befallen sein muss. Und doch kann man mich nicht entbehren. Als Fußball führt man kein Leben, sondern man ist auf einer Flucht, die vorgeben wird. Sollte ich dereinst Kinder haben, können sie alles werden, aber bitte kein Fußball, dann schon lieber ein Debütantinnenball.”

Aus “Die Angst des Balls vor dem Elfmeterschützen” von Peter Fußke, Erzählung, vergriffen

Bei der Zeugung meines ersten Kindes befand ich mich, ganz gegen den Glauben meiner Frau, nicht rittlings auf ihr, sondern auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer, darauf vertrauend, dass meine Illusion mich geeignet vertreten würde. Die Kunst besteht darin, den Blick der Leute so zu leiten, dass sie etwas sehen, was in Wirklichkeit gar nicht da ist. Mit Hilfe einiger Projektoren und Spiegel konnte ich meiner Frau suggerieren, sie würde mir beischlafen, obwohl sie sich in Wahrheit von einem abgehalfterten Schauspieler mit Atemnot bestiegen ließ.

Aus “Der große Blondini mit dem schwarzen Haar”, Erinnerungen eines Illusionisten, vergriffen

10.7.2014

Ich träumte in dieser Nacht von dir, Marcello. Du hattest dich in einen Luftballon verwandelt und schwebtest am Himmel, an deinen Füßen eine Schnur, deren Ende in meiner Hand lag. So lief ich mit dir durch eine blühende Landschaft, an den Straßenrändern Frauen, deren Brüste aus den Ausschnitten quollen, bis eine Flut von Brüsten über die Dörfer und Städte schwappte, vor der ich mit dir floh. “Warum fliehen wir, Federico?” Ich konnte dir keine Antwort geben. Mein Kopf war mit den Geräuschen meiner Atemzüge gefüllt, bis ich auf die Idee kam, in einen solchen Atemzug zu steigen, um mit dir nach Rom zu reisen. Du sagtest, in einem Traum sei alles möglich, bis ich am Atembahnhof ankam und von Auslachern begrüßt wurde. “Er will in einen Atemzug steigen”, lachten sie. “Einen Atemzug!” – “Wer seid ihr?”, fragte ich. – “Auslacher”, lachten sie. “Wir sind mal hier, mal da, auch mal in einem Traum.” Ein schrecklicher Beruf, Marcello. Um mich zu beruhigen, malte ich nach dem Aufwachen Brüste. Später Brüste und Telefone.

Aus “Das Geheimtagebuch des F. Fellini”, nie erschienen, außerdem noch vergriffen, sehr vergriffen sogar

Aus meinem Tagebuch

Als Dichter brauche ich meine Ruhe. Um mich nicht ablenken zu lassen, setze ich die gebrauchten Ohrenschützter von Armeeni auf. Meine Frau hackt draußen das Holz. Ich versuche mich auf einen Alexandriner oder einen Maximillius zu konzentrieren. Am liebsten schreibe ich Haraldianer, auch wenn die zu kompliziert für die meisten Sterblichen sind. Wir leben in der Einöde. Nur Felle und entlaufene Frauen. Ich wuchs, die meisten meiner Leser wissen das, in einer Familie von Trappern auf. Mein Vater tötete die Tiere noch mit seinen eigenen Füßen, indem er seine Socken auszog und den Geschöpfen in den Schlingen und Fangeisen vor die Nasen hielt. Später wurde das von den Grünen verboten. Uns kümmert das nicht. Wenn ich morgens aufstehe, huste ich mir erst mal eine Stunde die Lungen frei, dann bekommen die Tiere ihr Futter. Ohne dass es mir auffiel, habe ich schon wieder den ganzen Tagebucheintrag in Haraldianern geschrieben. Das kommt davon, wenn man von den Göttern geliebt wird.

“Wenn mir langweilig ist, male ich Brüste, große Brüste, ganz große Brüste, Brüste, die so groß sind, dass sie über den Rand des Papiers wandern, über die Schreibtischplatte, über das Zimmer hinaus. Sie erobern die Welt. Und ich mag Telefone. Deshalb zeichne ich manchmal auch Telefone mit Brüsten. Und so kommen die Gedankenflüsse in Gang. Ich stelle mir vor, wie die Brüste läuten. Ich gehe nicht ran, noch nicht, ich zögere es hinaus. Oh ja! Diese herrlichen, riesigen Telefonbrüste, die ich zunächst zaghaft berühre, bis mich die Neugier beinahe umbringt. Schließlich hebe ich doch ab, ich schreie in die Brust. Wer da? Keine Antwort. Also knete ich das Telefon. Oh, wie ich es knete. Es ist wunderbar. So wunderbar.”

Aus “Das Geheimtagebuch des F. Fellini”, nie erschienen, außerdem noch vergriffen, sehr vergriffen sogar

“Juhu, no, not juhu, war nicht lieb, dass wir die Brasilianer besiegt haben, das war so fascho, so bähbäh, wow, so deutsch, pfui, immer die anderen überfallen und so. Heute war im Europaparlament wieder jede Menge los. Twitter ich alles, bis later, and now chill, eure Terry, juhu!” Terry von den Grünen

Was sehen wir? Was fühlen wir? Was ist die Wirklichkeit? Was nur eine Illusion? Als ich 1978 heiratete, war ich selbst nicht anwesend, sondern ließ meine Illusion durch den Mittelgang der Kirche schreiten. Denn während ich in Cannes eine Blondine flachlegte, stand in Bad Homburg “mein Trick” vor dem Traualtar, um der Millionärstochter Gesine von Schlächtersbach das Jawort zu geben. So wurde ich zugleich Schwiegersohn und oral befriedigt. Ich kümmerte mich erst nach drei Jahren wieder um diese Ehe, nämlich als es darum ging, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen.

Aus “Der große Blondini mit dem schwarzen Haar”, Erinnerungen eines Illusionisten, vergriffen

Als Illusionist bestand einer meiner größten Tricks darin, die Leute glauben zu lassen, ich befände mich wirklich auf der Bühne. Dabei hielt ich mich hunderte Kilometer entfernt in einem Nobelhotel auf, mit einem Glas Champagner in der Hand, an meiner Seite eine wunderschöne Frau. Während das Publikum gebannt meinem Auftritt folgte, ließ ich mir den Hintern versohlen, nicht ohne meine Show, die zur besten Sendezeit im Fernsehen übertragen wurde, nebenbei zu beobachten. Manchmal konnte ich mir ein Lächeln nicht ersparen, spätestens dann, wenn einer meiner aufwendigeren Nummern funktionierte, und dies, obwohl ich gerade in Wirklichkeit einen Orgasmus hatte.

Aus “Der große Blondini mit dem schwarzen Haar”, Erinnerungen eines Illusionisten, vergriffen

Training ist alles. Wer eine Mannschaft zum Titel führen will, muss hart sein. Jagte die Jungs heute Morgen bei Blitz und Regen raus in den Wald, um Bäume zu schlagen. Ja, sie lieben die Bequemlichkeit. “Würdest wohl lieber noch in deinem Bett liegen, was?”, fragte ich Swen. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. Sechsjährige sind erbärmlich. Wer ein Topstar werden will, scheut keine Mühen, das Letzte aus sich und seinem Körper herauszuholen. Nachdem wir den halben Wald umgelegt hatten, ging es unter die eiskalte Dusche. Geschrei der Winzlinge. Wenn wir die erste Trophäe in Händen halten, werden sie es mir danken.

Aus “Blutgrätsche – Was nicht rund ist, wird rund gemacht”, Tagebuch des Trainerstars Mario Mümmering, vergriffen

An einem schönen Sommertag fuhr das kleine Waldgespenst mit einem Panzer durch den Wald. Die Tiere flohen, Bäume knickten wie Streichhölzer ein. “Das ist so schön, dass ich nie wieder etwas anderes fahren will”, sprach das kleine Waldgespenst, bis plötzlich sein Freund Paul vor ihm stand. Das kleine Waldgespenst bremste ab und kletterte nach draußen. “Paul, sieh mal, mein neuer Kampfpanzer.” Paul schüttelte den Kopf, weil er gar nicht glauben konnte, was er da sah. “Ja, kleines Waldgespenst, wo hast du den denn her?” Das kleine Waldgespenst überlegte, ob es Paul verraten sollte, wer ihm den Panzer verkauft hatte, aber weil Paul sein bester Freund war, gestand es ihm schließlich, dass ein Waffenhändler vorbeigekommen war und zu ihm gesagt hatte, dass es sein Jenseitsrecht sei, sich gegen die Blätter und Bäume zu verteidigen. “Heute nimmt sich der Wald den Boden, morgen die Waldgespenster. Es ist ihr Recht, sich dagegen zu wehren.” Und so hatte das kleine Waldgespenst einen Panzer gekauft, mit dem es nun Schneisen in den Wald fräste. “Kleines Waldgespenst, das ist nicht richtig”, wollte Paul sagen, aber, wie ihr euch vielleicht denken könnt, er schwieg lieber und fuhr mit dem kleinen Waldgespenst durch den Wald. Und wenn man genau hinhörte, konnte man sogar die Todesschreie der kleineren Tiere hören.

Aus “Das kleine Waldgespenst”, Kinderbuch, vergriffen

9.7.2014

“Was hast du denn da gebacken?”, fragte Paul und beugte sich über die herrlich duftenden und dampfenden Bleche, die das kleine Waldgespenst auf den Holztisch in seiner Höhle gestellt hatte. “Das sind Haschplätzchen!”, rief das kleine Waldgespenst. “Und LSD ist auch noch drin, damit wir richtig schön high werden.” Das kleine Waldgespenst klatschte begeistert in die Hände und flog aufgeregt im Kreis herum. “Haschplätzchen?” Paul zuckte erschrocken zurück. “Das ist doch verboten, und gefährlich ist es auch.” Das kleine Waldgespenst sah Paul mit seinen dunklen, großen Augen an. “Heißt das, du willst keine?”, stammelte es. Paul lachte auf. “Unsinn!”, rief er. “Heute machen wir richtig einen drauf. Und morgen …” – “Und morgen?”, fragte das kleine Waldgespenst. – “Und morgen vielleicht auch noch mal!”, schrie Paul.

Aus “Das kleine Waldgespenst”, Kinderbuch, vergriffen

8.7.2014

Ich, Sie werden mir verzeihen, dass ich mich so salopp anrede, gehe von einem fulminanten Sieg für die deutsche Mannschaft an diesem Abend aus, der in die Geschichte, gar in die Geschichtsbücher als “überwältigender Sieg” eingehen wird, als die Rückkehr des blonden Recken, auch wenn die Migranten inzwischen eine gewisse Rolle spielen, die ich ihnen zugestehen möchte, denn der Fremdarbeiter, er hat sich hochgearbeitet, und so etwas ist nicht zu unterschätzen, aber auch nicht überzubetonen. Gestern ritt ich mit Heinrich, meinem kühnen Hengst, in die Abendsonne, in meinem Rücken das Herrenhaus, da überfiel mich die Idee, die deutsche Nationalmannschaft aufzukaufen. Noch sinne, noch überlege ich.

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Deutschland”

“Juhu, cool, schon wieder ein Tag bei der EU, wow! Ich twitter das mal gleich, groovy, groovy. Heute sitze in meinem Ausschiss, nö, Ausschuss, Joke muss sein, hahaha, groovy, juhu. Und ab auf meinen Besen, hex, hex, yeah!” Terry von den Grünen

Als das kleine Waldgespenst eines Tages ganz traurig und allein auf einem Ast saß und sägte, kam eine alte Frau vorbei. “Ja, was machst denn du da?”, fragte die alte Frau, die ein Bündel Reisig auf dem Rücken trug. “Ich bin ganz traurig”, sagte das kleine Waldgespenst und betrachtete die Frau langsam von oben bis unten. “Aber”, sagte das kleine Waldgespenst, “wenn ich dich so sehe, müsste ich gar nicht traurig sein. Denn ich bin nicht so hässlich wie du. Da geht es einem regelrecht gut, wenn man eine solche Vogelscheuche sieht.” Die alte Frau schüttelte mit Tränen in den Augen ihren Kopf, denn solche Worte hatte sie schon oft in ihrem Leben gehört. “Wenn du willst, erschrecke ich dich zu Tode”, sagte das kleine Waldgespenst. “Dann hat das Elend ein Ende. So ein Leben sollte man nicht weiterführen.” Die alte Frau nickte. “Vielleicht hast du Recht.” Sie rechnete jeden Moment damit, tot umzufallen, aber nichts geschah. Als sie es schließlich wagte und nach oben blickte, war das kleine Waldgespenst längst fort. Die alte Frau nickte abermals, denn so hatten es noch alle in ihrem Leben mit ihr gemacht: der Sohn, die Tochter, der Mann. Halt, dachte sie, ich hatte doch nie eine Familie. Und als ihr das aufgegangen war, schritt sie lustig pfeifend Richtung Heimatdorf. Mit einem Mal war ihr ganz leicht ums Herz.

Aus “Das kleine Waldgespenst”, Kinderbuch, vergriffen

Autorenbios, die wir lesen wollen

Norbert Düsen, geboren 1954, studierte Gulasch, Innereien und Zahnfleischbluten an der Universität Frankfurt am Amazonas. Neben zahlreichen Droh- und Kettenbriefen publizierte er Monographien über Arthur Dent, Franz Huckepack und Benjamin Blümchen. Ab 1987 arbeitete er in verschiedenen Schneckenhäusern in Europa, den USA, Israel und Japan als Schleimspur von Schnecken wie Die geile Ruth und Die heiße Sabine. 1997 wurde er Leiter am Hessischen Kompostorium, seit 1998 ist er Chef der Ösenfindergruppe Frankfurt. Er unterrichtet an der Wolfgang-Universität Frankfurt am Mississippi (seit 1981). Veröffentlichungen: Einparkroman I (Berlin, 1986), Eieruhrroman (Berlin, 1991) und Einparkhilferoman (Berlin 1993)

“Und dann”, sagte das kleine Waldgespenst, “hatte der dicke Mann einen Herzinfarkt. Hihi, das war vielleicht lustig, weil wir ganz weit weg von der nächsten Stadt waren.” Paul sah das kleine Waldgespenst erschrocken an. “Aber, aber, kleines Waldgespenst, das darfst du doch nicht tun.” – Nicht tun?” Das kleine Waldgespenst wurde traurig und weinte. “Soll ich etwa niemand mehr töten dürfen?”, schluchzte es. Paul, dem seine Vorwürfe leidtaten, nahm es in den Arm und tröstete es mit den Worten: “Hin und wieder schon. Aber doch nicht jede Nacht.”

Aus “Das kleine Waldgespenst”, Kinderbuch, vergriffen

Tag 43. Die Mannschaft hat mich auf einer einsamen Insel ausgesetzt. Bäume, überall Bäume. Erst Wasser, jetzt Bäume. Die Welt widert mich an. Traf die Entscheidung, einen der Bäume auspeitschen und in Ketten legen zu lassen. Ohne Zucht und Ordnung werden wir untergehen. Gab den Befehl, die Segel zu hissen.

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

“Juhu, alles total aufregend. Und bevor wir den Regenwald retten, twitter ich, aber die ganzen Rechtsextremen machen mich nervös, die sind so aggro, so ach, aber juhu, das wird ganz toll hier im Europaparlament. Aber jetzt versteck ich mich erst mal und ihr müsst politisch korrekt bis 10 000 zählen, das wird super.” Terry von den Grünen

Was Sie bisher nicht wussten (1)

Mancher, der sich erhängte, wollte nur die Seele etwas baumeln lassen.

7.7.2014

Tag 42. Die Mannschaft behauptet, ich sei verrückt geworden. Und das nur, weil ich verlange, dass man mich zum König ausruft. Drei Mann ertranken bei dem Versuch, mir eine Schaumkrone zu besorgen. Versager, mit denen ich die Welt niemals umsegeln werde.

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

Sie nannten ihn Iceman. Er hatte sein Hauptquartier in einem Baumhaus. Das war ideal. So konnte er früh genug sehen, wenn die Bullen anrückten. Seine Jungs verkauften ihren Stoff in der ganzen Gegend. Die Leute waren süchtig danach. Alle. Es war ein Paradies für den Iceman. Auch in klimatischer Hinsicht. Die Sonne schien jeden Tag. Sie trocknete alles aus. Jeder wollte das Eis vom Iceman. Und der Iceman gab ihnen, was sie brauchten: Erdbeer-, Schoko-, Vanilleeis. Der Iceman hatte einfach alles im Angebot. Er kaufte seinen Stoff bei den Kolumbianern. Furchterregenden Halsabschneidern, mit denen er sich auf abgelegenen Spielplätzen traf.
“Beste Ware!”
“Erst muss es einer meiner Leute probieren!”
Wenn es Dickie schmeckte, kaufte der Icemann, aber erst dann. Dickie erkannte, ob es minderwertige Ware war. Manchmal sagte Dickie: “Die Milch ist gestreckt.” Oder: “Zu wenig Zucker pro 100 Gramm.”
Dann konnte es zu einer Rangelei kommen.

Aus “Der Iceman”, Roman, vergriffen

Ich hatte den Auftrag, sie auszuschalten. Also tat ich es. Ich schlich mich durch den Lieferanteneingang ins Gebäude. Die Trottel erkannten mich nicht. Ich sah aus, wie einer von ihnen. Die eigentliche Aufgabe war schnell erledigt. Ich schaltete die Eismaschine aus und machte mich aus dem Staub. Es war, als hätte es mich nie gegeben. Ich bin in meinem Gewerbe der beste. Und ich habe schon so viele ausgeschaltet. So viele. In manchen Nächten schrecke ich hoch, schweißgebadet. All die Maschinen. Was habe ich getan?

Aus “Ausgeschaltet”, Thriller, vergriffen

Tag 32. Sind abermals zu unserer Weltumsegelung aufgebrochen. Bin schon jetzt angeödet. Wasser. Überall Wasser. Schreckliche Erfindung. Hoffe, bald Land zu sehen. Seefahrt ist so öde. Um mich abzulenken, unterstellte ich eine Meuterei. Ließ drei Mann auspeitschen und in Ketten legen.

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

Sätze, wie man sie in Klagenfurt noch nie gehört hat

Heinrich Prumpels Text ist nicht nur latent irrsinnig, weil er sich alles erlaubt. Das ist ein Risiko, das er in Kauf nimmt, weil dadurch Sätze entstehen, wie man sie in Klagenfurt noch nie gehört hat: “Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.” Das ist sehr gut. – Aus “Mein Klagenfurt” von Christian Schneider

Fähringer ist nicht nur ein brillanter Psychoanalytiker, sondern auch ein genialer Ingenieur. So ist ihm gelungen, wovon wir alle schon träumten. Er hat eine Zeitmachine gebaut, die es ihm erlaubt, zwei Stunden in die Zukunft zu reisen. Als ich mich zum Essen mit ihm traf, saß er gesättigt vor dem dampfenden Teller und tupfte sich die Mundwinkel. Er sei, dank der Zeitmaschine, satt, auch gebe es nichts zu reden, da alles bereits gesagt sei. Ich fragte, ob hier nicht ein Paradox vorliege. Fähringer winkte ab, wurde puterrot und übergab sich.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

Autorenbios, die wir lesen wollen

Tascha Neuwirth, geboren 1965, arbeitete als Buchmacherin und dinierte anschließend in Mainz und Washington. Heute lebt sie als Drachenfliegerin mit ihren drei Männern und zwei vor Jahren entführten Kindern in Frankfurt am Bodensee. Für ihren ersten Roman »Der Dimmer« wurde sie mit dem Lampen-Literaturpreis, dem Deutschen Buchmacherpreis, dem Jürgen-Krawalski-Preis, dem Mata-Hari-Preis sowie dem Knecht-Ruprecht-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung »Unter Tunten« wurde sie ausgeschimpft.

Bösartiger Doktor Donut in Stadt zurück ist. Alle stehen unter Zuckerschock. Streuselbomben auf Schule er warf. Essen ich ihn werde. In Geheimkeller ich üben wollte, um zu fangen ihn. Ich nicht fand. So geheim Geheimkeller, dass unauffindbar er ist. Stadt in Wolken aus Puderzucker erstickt.

Aus “Tagebuch des Kampfmönchs von Rottweil”, vergriffen

6.7.2014

Tag 22. Erreichten wegen eines Navigationsfehlers unseren Heimathafen. Peinlich, peinlich. Wie soll ich das meinen Auftraggebern erklären? Ließ die Mannschaft auspeitschen und in Ketten legen, bevor ich von Bord ging. Werde eine hanebüchene Geschichte darüber erzählen, dass wir die die Erde dank eines besonders starken Windes in 22 Tagen umrunden konnten. Könnte plausibel klingen, wenn alle genug getrunken haben.

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

Tag 19. Am Himmel nur Himmel. Warum ist da nur Himmel? Warum nicht eine Stadt? Doktor Wingle meinte, dass würde an meiner fehlenden Fantasie liegen. Ich müsse mir vorstellen, was die Wolken alles sein könnten. Hm. Und dann sah ich es. Ein großer Schoner. Und über dem Schoner Himmel. “Ich sehe ein Schiff, darüber Himmel”, sagte ich zum Doktor. “Es widert mich an.”

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

Tag 17 auf See. Überall Gischt. Diese verfluchte Gischt. Der Doktor, ein elender Quacksalber meinte, ich müsse weniger Alkohol trinken, dann würde sie verschwinden. Idiot. Wir sind auf dem Meer. Die Gischt bleibt.

Aus “Die Reisen des Kapitän William Dancer”, vergriffen

Ich erhielt eine verschlüsselte Botschaft von Felix Leiter, die so codiert war, dass ich sie nicht lesen konnte. Die Sache machte mich nervös. Was wollte Leiter von mir? Ich versuchte sie bei Google übersetzen zu lassen. Nichts zu machen. Das Hauptquartier war wegen Malerarbeiten geschlossen. Schließlich rief ich ihn an. Leiter beruhigte mich. Er habe mir nur einen schönen Urlaub wünschen wollen.

Aus “James Bond – Das Geheimtagebuch”, vergriffen

Mentalisten können sich in das Wesen einer Person einfinden. Ich kann z.B. genau sagen, wann jemand die Hand hebt. Ich weiß auch, ob jemand blinzelt. Ich habe damit schon viele Freunde vor den Kopf gestoßen. Da waren welche, die bei mir klingelten und denen ich über die Sprechanlage auf den Kopf zusagte, dass Sie eben bei mir geläutet hätten. Anderen wiederum kann ich verraten, dass wir gemeinsam im Kindergarten waren.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Schleichen ich kann. Niemand mich hören, nicht mal Frau, die nicht weiß, dass wir sind verheiratet. Kann heiraten, ohne dass mitbekommen Partner. Bin wie Wind. Bin großer Krieger. Sitzen nachts in Ecke und wachen über Stadt. Drücken Auge zu bei kleinen Verbrechen. Wenn ich drücken Augen zu, Gegner ist tot.

Aus “Tagebuch des Kampfmönchs von Rottweil”, vergriffen

Hin und wieder schneiten wir bei Brando rein. Willkommen in Mordor. Mann, warf der Kerl einen Schatten. Er war zu einem Riesenschatten seiner selbst geworden. Kein großer Schauspieler mehr, dafür ein breiter. An seinem Mundwinkel hing immer eine Fleischplatte. Traurig so was. Trotzdem zogen wir mit ihm Schoko. Soll keiner sagen, ich wäre an seinem Tod schuld gewesen. Er musste den Don nicht mehr spielen, er war der Don. Method Eating.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Weg lang lief ich. Blumen ich sah. An Töten ich dachte. Ältere Dame ich grüßte. Enten ich fütterte. Dann Hund ich enthauptete. Von Katze er besessen war. Nun Frieden er hat. Später ich mich sonnte. Sonnenbrand ich nicht genoss. Am Abend ich nicht schlief, weil immer im Einsatz ich.

Aus “Tagebuch des Kampfmönchs von Rottweil”, vergriffen

5.7.2014

Aus der Geschichte des Kinos (2)

Bis heute wird “The Deathhead Virgin” von Kritikern in aller Welt als einer der besten Filme aller Zeiten bezeichnet. Der junge Orson Welles drehte den Film innerhalb von zwei Stunden. Die Uraufführung sorgte für eine Massenpanik in New York, bei der 17 Menschen für immer verschwanden. Die meisten von ihnen waren hochverschuldet.

Aus der Geschichte des Kinos (1)

Einer der großen Erneuerer des Kinos war Jean-Luc Godard. Als stilprägend gilt sein Film “Attack of the 50 Foot Woman”, bei dem er erstmals ohne Kamera und Schauspieler arbeitete.

Es gibt das Böse. Und es gibt Dämonen, die von Menschen Besitz ergreifen. 1978 hatte ich es mit einem jungen Mann zu tun, der von Frohzmatzlutz besessen war, einem Dämon, der ihn unablässig Bücher lesen ließ. Ich rückte mit meinem Team an, und glauben Sie mir, nach drei Wochen, vierhundert Litern Weihwasser, fünftausend Kreuzzeichen und dem Niederbrennen seiner Bibliothek war er geheilt. Beim Brand kamen zwar seine Frau und seine Kinder um, aber, will man einem Besessenen wirklich helfen, sind Opfer nötig.

Aus “Ich bekämpfte Satan – Die unglaublichen Abenteuer des Exorzisten Pater Ferrin”, Erinnerungen, vergriffen

Hunter S. Thompson sah beschissen aus. Kein Wunder, dass er sich ständig was einpfiff. Ich liebte den Hurensohn. Er begleitete uns auf der Fuck-your-Daughter-Tour. Ich trug damals eine Perücke, weil mein Echthaar langsam die Flatter machte. Headbanging war tabu. Nach den Konzerten hing ich mit Hunt ab. Wir warfen jede Menge Smarties. Später kamen die Groupies. Wir orgelten sie durch. Als Rockstar musst du Ausdauer haben. Du musst dich wegen der vielen Süßigkeiten ständig wiegen. Hin und wieder geht es ab in eine Diätklinik. Als sich Hunt ins Jenseits schoss, war ich gerade wieder mal auf Entzug. Dämlicher Kerl. Wegen ihm rief ich meinen Dealer an, der mir drei Tafeln Zartbitter vorbeibrachte.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Fähringer erzählte mir von einer Frau, die unter Augenbrauenhysterie leidet. In Momenten größter Ausgeglichenheit neigen ihre Brauen dazu, sich unkontrolliert auf und ab zu bewegen, was ihr eine Karriere im Zirkus gesichert hätte, wären die gesellschaftlichen Umstände nicht gegen sie gewesen, erklärte er. Sie entstamme nämlich eine Familie, in der auf die kontrollierte Bewegung der Braue größten Wert gelegt werde. Nicht nur das, ihr Vater braue sogar, er besitze die größten Brauereien im Land. Der Vater lasse sich leider nicht davon überzeugen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun habe. Fähringer zog genüsslich an seinem Daumen. Um sich das Rauchen abzugewöhnen, sei er in ein frühkindliches Stadium zurückgekehrt. Als sein Diener auftauchte, um ihn zu wickeln, ging ich. Es waren eh bereits sieben Tage vergangen.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

4.7.2014

Fähringer hatte mich zu einem großen Gartenfest eingeladen. Der bekannte Psychoanalytiker empfing mich als Karotte. Er sei ein typisches Phallussymbol. Er kompensiere damit die Angst vor seinem wahnsinnig kleinen Penis. Ich sei ja gar nicht verkleidet. Das ginge nicht. Seine Diener legten mir ein Kostüm an. Betrachtete mich im Spiegel. Mir kamen die Tränen. Ich war doch keine Zwiebel. “Sehr gut, das zeigt ihr vielschichtiges Wesen.” Fähringer klatschte begeistert in die Hände, floh aber später, als ein Riesenkaninchen auftauchte. Manche der Gäste vermuteten darunter Dr. Wertinger, einen seiner schärfsten Kritiker. Reiste nach einem Jahr ab.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

1977 lebte ich in Berlin. Die hatten da eine verfickte Mauer. Keine Ahnung, wie die da hingekommen war. Wir standen täglich an dem Ding und pissten. Berlin war meine schlimmste Phase. Wir waren alle auf Schoko und Lolli. Die Süßigkeiten raubten mir den Verstand. Ich war kurz davor, irre zu werden. Bowie kam täglich in unserer WG vorbei. “Schwuler Hosenscheißer!” Wir beschimpften ihn, wann immer er auftauchte. Später jammte ich mit ihm. Er half mir bei meinem Soloalbum KILL THE QUEEN. Na, was soll ich sagen? Er hat mich nicht besonders beeinflusst.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Kein Gedicht

Das ist kein Gedicht.
Das ist ein Nichtgedicht.
Kein Wort über dich.
Auch keins über Blumen.
Es wird auch nichts über den Tod erzählt.
Es reimt sich nicht mal.
Es ist einfach nicht.
Es ist kein Gedicht.

Als wir mit Anthrax tourten, stahl ich mich nachts manchmal davon, um in einer kleinen Kirche Satan anzubeten. Unsere Karriere lief nicht mehr so gut. Irgendwie musste ich ja schließlich an den Bastard rankommen. Schließlich zeigte er sich mir in Form eines Bildes von George H. W. Bush. Ja, so sah er aus. So war er mir bei unserer ersten Schwarzen Messe in Liverpool erschienen. Es gab ihn also noch.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Als ich Kurt Cobain zum ersten Mal traf, befand ich mich auf einer Solo-Tour. Kurt fragte, ob er mal mein Plektrum anfassen dürfte. “Verpiss dich, Hundesohn, und kauf dir selbst eins”, sagte ich zu ihm. Die wilden Zeiten lagen hinter mir. Ich war auf Wasserentzug und hatte erst kürzlich mit dem Rauchen angefangen. Ich war nicht gut drauf. Voll die gestörte Sau. Als ich dann hörte, dass sich der kleine Pisser erschossen hatte, tat mir die Sache mit dem Plektrum leid. Vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen, hätte ich es ihn anfassen lassen.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

3.7.2014

Besuchte abermals Fähringer, der sich einen Damenbart hat wachsen lassen. Er tue das, um seine weibliche Seite zu betonen. Den Dackel hat er einschläfern und entfernen lassen. Zum Ende hin, habe ihn das Tier gestört. Die dauerenden Schnupperattacken hätten sein Gemüt beeinträchtig. Außerdem seien Hunde aus der Mode. Der Psychoanalytiker von Welt trage inzwischen Haar. Seines stamme von seinem Diener. Lachten herzhaft und viel. Brach nach einem Monat auf.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

Wenn ich ein Restaurant betrete, weiß ich sofort, dass man hier essen kann. Das erstaunt die Menschen immer wieder. Sie fragen mich: “Woher wusstest du das?” Ich weiß im Grunde alles. Ich bin Mentalist. Ich kann Ihnen sagen, wann Sie mich ansehen. Das klingt völlig irre, ich weiß, aber es gibt keine Geheimnisse für mich. Betrete ich einen Raum und das Licht ist an, sehe ich das. Ich erblicke es auf einer geistigen Ebene. So kann ich z.B. auch vorhersagen, was ich im nächsten Augenblick tun werde. Die Wissenschaft kann sich mein “Können” nicht erklären. Für die bin und bleibe ich ein Rätsel.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Irgendwann gab es dieses Crossoverprojekt mit Run DMC. Zu der Zeit spielte ich gerne mit Feuer. Und mit Möbeln. Eine unheilvolle Mischung. Alles brannte ab. Kawumm. Britzelbritzel. Weg. Die verfickten Klunker, die ich damals trug, hätten mich beinahe umgebracht. Alles war voll. Der Arm, der Hals. Ich war ein verfluchter Weihnachtsbaum. Alles behängt mit Ketten und Uhren. Ich hatte an den Armen an die zwanzig, dreißig Uhren, wusste aber trotzdem nie, dass es längst zu spät war. Ich kam nur langsam voran. Millimeterarbeit. Ein, zwei Meter in der Stunde. Ich überlebte das Feuer. Satan muss mir beigestanden haben. Es war seine verfickte Warnung, mich nicht länger mit diesen Rappennern einzulassen.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Die Partys bei Jack waren die besten. Ich war damals auf Schoko. Und Jack hatte überall offene Tafeln rumliegen. Die Bullen hätten ihren Spaß gehabt. Ich hing die ganze Zeit mit einem Groupie im Bad ab. Ich nahm sie weich ran. Ich mochte die weiche Tour, also nur streicheln und anpusten. Zwischendurch zerstampfte ich Schokolade und zog sie mir rein. Mit einem Geldschein. Geld gab es auch genug. Die Nächte bei Nicholson waren die absolute Härte.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Traf mit dem berühmten Psychoanalytiker Fähringer zusammen. Eigenwilliger Typ. Saß mit einem Dackel auf dem Kopf vor mir. Der Dackel würde ihm beim Nachdenken helfen. Überhaupt sollten viel mehr Leute Dackel tragen. Ob er mir einen bringen lassen solle? Verneinte, zeigte mich aber einem Dobermann nicht abgeneigt. Probleme beim Anbringen des Tiers. Ließen es schließlich. Frotzelten über Freud, bis ich mich nach drei Wochen verabschiedete. Die Zeit ist ein Ungetüm.

Aus “Tagebuch des Jakob Gehrmann”, vergriffen

Manuel brachte zum ersten Mal jemand in meiner Gegenwart um, als wir gerade beim Essen saßen. Schon blöd. Man ahnt nichts Böses und plötzlich springt dein Gegenüber ans Fenster, reißt es auf und feuert mit seinem Revolver auf einen Fußgänger. “Manuel, das ist doch scheiße, jetzt muss ich umziehen. Die kennen mich hier doch alle.” Manuel kümmerte das natürlich nicht, oh nein, der feine Herr wollte nicht mal darüber sprechen. Setzte sich und aß, als ob nichts geschehen wäre.

Aus “Mein Freund Manuel”, Kriminalroman, vergriffen

Wallace Woodrow war ein Spieler. Und es gab kein Spiel, dass er nicht spielte. Es ging um viel Geld. Beim Schnick-Schnack-Schnuck gewann er eine Millionen Euro. Später driftete er in die illegale Versteckspielszene ab. Man erzählte sich Wunderdinge über ihn. Außerdem soll er beim Fangen drei Millionen abgesahnt haben. Ob Wahrheit oder Lüge, Woodrow war eine lebende Legende.

Aus “Woodrow”, Roman, vergriffen

2.7.2014

Wir spielten diesen verschissen geilen Auftritt in einem kleinen Club in Hamburg. Mann, wir rockten die Bühne. Überall Röcke. Ich war voll auf Satan. Und wir tranken jede Menge Wasser. Oh, mein Gott. Ich musste die ganze Nacht pinkeln. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Damals lernte ich Paul McCartney kennen. “Voll der schwule Bass”, sagte ich zu ihm. Das war auf dem Klo. Ich pisste mir die längst verkaufte Seele aus dem Leib, während ich die Pläne für die nächste Schwarze Messe auf die Kacheln malte. Ich musste mein Ding nie führen. Mein verfluchter Schwanz führte mich.

Aus Gordon Saintfurys “Satan, Rock und geile Miezen”, Erinnerungen, vergriffen

Dank meiner mentalen Fähigkeiten war ich in der Lage, meine Haare zu kämmen. Der Trick verwirrte die meisten meiner Zuschauer. Sie meinten, ich würde betrügen, aber ich versicherte ihnen, dass ich meine Haare höchstpersönlich mit dem Kamm durchpflügen würde. Ich zählte die Striche: “Erster Strich, zweiter Strich, dritter Strich, vierter Strich, fünfter Strich, sechster Strich …” Und so weiter. Extraordinäre Vorführungen dieser Art dauerten oft bis zu drei Stunden. Ich erschöpfte mich, mein Haar und die Leute. Auftritte am Rand des Zumutbaren.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Ich war schon als Kind Mentalist, aber da wusste ich es noch nicht, auch wenn ich immer wieder unheimliche Vorhersagen machte, die eintrafen. Waren Wolken am Himmel, prophezeite ich Regen. Ich wusste es einfach, so als ob ich mich im Hirn des Himmels bewegen würde, im Gedankengarten Gottes quasi. Ich konnte angeben, wann ein Zug ungefähr im Bahnhof einlief, wusste, welcher Wochentag war, ja, ich konnte sogar mit Bestimmtheit meinen Namen erraten. Es war wie in einem Gruselfilm. Damals wurde ich zum Außenseiter, ich wurde, ob ich wollte oder nicht, zu einem Mensch mit einer besonderen Aura, die von manchen Mitschülern als Gestank bezeichnet wurde.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Meine Bühnenshows verwirren jung und alt. Unter anderem notiere ich eine Zahl auf einen Zettel, den ich von einem Besucher in seine Tasche stecken lasse. Ich konzentriere mich, und wenn schon kaum noch jemand glaubt, dass ich die Zahl vor meinem geistigen Auge sichtbar machen kann, nenne ich sie. Ein Raunen flutet den Saal. Als Mentalist verfüge ich außerdem über die Gabe, zu merken, wann das Wasser unter der Dusche zu heiß ist.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Ich kann mich erinnern, dass ich meine erste Frau fragte, wann sie gerne ins Bett gehen würde. Sie saß im Nachthemd gähnend vor mir und sagte, dass sie sich am liebsten sofort hinlegen würde. Ich antwortete ihr, dass das verrückt sei, weil ich genau das gespürt habe. “Du bist ja ein Mentalist.” Da ging mir das zum ersten Mal auf. Ich konnte spüren, was in den Köpfen meiner Mitmenschen vor sich ging. Als mein Vater einmal am Mittagstisch saß, sagte ich: “Nicht wahr, du hast Hunger?” Erschrocken blickte er mich an. “Woher weißt du das?” – “Ich bin Mentalist. Ich habe den Hunger sogar knurren hören.” – “Das macht mir Angst, mein Sohn. Das ist ein Geschenk Gottes.”

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Als Mentalist bin ich in der Lage, mich auf einen Stuhl zu setzen. Die Zuschauer sind immer wieder erstaunt und fragen sich, wie ich das mache. Im Grunde kann das jeder. Man muss sich und seine Gedanken spüren, man muss sie wie einen Garten abschreiten. Man muss sie düngen, muss falsche Gedanken herausreißen. Wenn ich einen Raum betrete, spüre ich sofort, ob das Fenster auf oder zu ist. Ich kann ermessen, ob ich mich gut oder schlecht fühle. Und dies alles Kraft meiner Gedanken.

Aus “Der Gedankengärtner” von Tobias Regenschauer, Sachbuch, vergriffen

Am 20. Januar kam ich ganz unten an, und zwar am Erdmittelpunkt. Wenn man erst mal dort ist, lernt man ganz schnell zu unterscheiden, wer Freund und wer Feind ist. All die Journalisten, die mich auf meinem Weg nach oben begleitet hatten, ließen mich fallen. Ich hatte kein Netz, konnte nicht telefonieren. Nur, wer einmal unten war, kann ermessen, wie es ist, wenn man keine feuerfesten Unterhosen angezogen hat. Es war heiß. Und zu allem Unglück war auch noch meine Frau mit einem anderen Mann abgebrannt.

Aus Christoph Wolffs “Erst ganz oben, später ganz unten, danach in der Mitte”

Ich lernte Manuel in einem Kochkurs (Frittieren ohne Fett) kennen. Damals wusste ich noch nicht, dass er ein Auftragskiller ist. Die blutverschmierten Hände fielen auf, klar, aber ich dachte, er übt eben fleißig, wie man Tiere ausweidet und so. Ich konnte ja nicht wissen, dass das Blut von Menschen stammte, bis er es mir eines Tages gestand. “Das ist schon heftig”, sagte ich zu ihm. “Es geht schließlich auch um Hygiene. Wer weiß, wo sich dein Opfer so rumgetrieben hat.”

Aus “Mein Freund Manuel”, Kriminalroman, vergriffen

1.7.2014

Am 7. Dezember, dem dritten Tag meines Aufstiegs, war ich auf 12 000 Meter angekommen. Laut den deutschen Medien, kann man in einer solchen Höhe nicht mehr atmen. Ich bin in einem wunderbaren Land groß geworden, in dem ich lernte, dass es keine Beschränkungen gab. Ich kümmerte mich also nicht um meinen Erstickungstod, sondern kletterte weiter bis zum Mond. In einer Demokratie ist alles möglich, auch das Atmen ohne Sauerstoff.

Aus Christoph Wolffs “Erst ganz oben, später ganz unten, danach in der Mitte”

Glückskeks des Tages

“Wir können nicht jeden halten, der von einem Dach springen will. Man muss auch loslassen können.” Pierre Lehre, Motivationstrainer

Ja, mit den deutschen Tugenden Langeweile, Schläfrigkeit, Vorhersehbarkeit und Glück haben wir sie dann doch noch geschlagen, die kleinen flinken Wiesel aus Absurdistan, die der Moderator zärtlich Wüstenfüchse nannte, obwohl es doch nur einen geben kann, nämlich jenen Erwin, für den mein Großvater Franz von Hassmann sich aufzuopfern wusste. Béla Réthy, ich möchte ein paar Sekunden über diesen Namen sinnieren, der daran erinnert, dass der Moderator, so vermute ich, einst als Schauspieler in Schwarzweißfilmen das Monster gab. Oder trügt mich hier meine Erinnerung? Wie auch immer. Gewonnen ist gewonnen.

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Deutschland”

“Das ist jetzt aber nicht schön”, sagte ich zu Manuel, der im Begriff war, mich zu erschießen. Ob er das alles richtig durchdacht hatte? Was würde seine Schwester sagen? Dabei hatte ich Manuel immer gemocht, auch als Auftragskiller.
“Das Polster”, erinnerte ich ihn, denn vermutlich hatte er in der ganzen Aufregung vergessen, dass wir uns in seiner Wohnung befanden.
Manuel räusperte sich, weil er nervös war. Ein Tick, den ich zu ertragen gelernt hatte. Was macht man nicht alles für seine Freunde. “Wir sollten es vielleicht abdecken.”

Aus “Mein Freund Manuel”, Kriminalroman, vergriffen

30.6.2014

Gegen Morgen erwacht, dem Tag nicht abgeneigt. Die Zeitungen studiert, darin kein Gedicht von mir. “Sapperlot!”, rief ich aus, dabei meinen Schlafanzug aus Cord streichelnd.

Aus “Geheimtagebuch des G.G.”, vergriffen

Wenn man uns nicht grüßte, geriet Nancy außer sich. Sie griff nach ihrem Revolver und schoss diejenigen über den Haufen, die uns ohne ein “Guten Tag” links liegen gelassen hatten. Nach und nach bekam sie die Leute dazu, uns höflich anzusprechen, trafen sie uns auf der Straße.

Aus “Alles eine Frage der Erziehung”, Kriminalroman, vergriffen

Die Zeiten waren friedlich. So konnte ich leider nicht sofort als Feldbibliothekar arbeiten. Kein Krieg in Sicht. Tagsüber maulte ich vor mich hin: “Da will man arbeiten, aber was machen diese verfluchten Kriegsgegner? Sie rauben einem jede Chance auf eine echte Zukunft.” War ich betrunken, skandierte ich auch mal: “Tötet für meinen Ausbildungsplatz, tötet für meinen Ausbildungsplatz.” Um meine Baumpension bezahlen zu können, verkaufte ich meinen Körper an kinderreiche Familien, deren Nachwuchs mich anmalen durfte. Aber noch gab ich nicht auf. Ich wollte Feldbibliothekar werden. Und nichts würde mich davon abhalten.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

Liebes Tagebuch, ich befinde mich auf dem Heimweg. Jack und ich haben den ganzen Tag nur halbherzig herumgealbert. Erschreckten Leute beim Neonmarkt. “Dürfen wir Ihnen den Kopf abschlagen?” Alte Clownfrage. Man beugt sich über das Gesicht seines Opfers und flüstert sie ihm wie beiläufig ins Ohr. Die meisten sahen uns panisch an und rannten weg. Herrlich. Selbstverständlich hatte alles seine Ordnung. Mr. Perkins, der den Markt führt, hatte uns engagiert. “Ich will aber auch ein bisschen Grausamkeit für mein Geld sehen. Durchtrennte Schlagadern, Operationen am offenen Herz ohne Betäubung”, hatte er verlangt. Er schlappte hin und wieder vorbei. “Na, schon den einen oder anderen Kopf abgeschlagen? Schließlich will ich, dass mein Laden in die Schlagzeilen kommt.” Betrübt verneinten wir. “Was seid ihr nur für Clowns!” Er schüttelte den Kopf und füllte etwas auf seinem Klemmbrett aus. Da standen wir, die traurigsten Clowns der Welt, am Ende einer Karriere, die noch gar nicht richtig angefangen hatte.

Aus “Ausgeträumt – Tagebuch eines traurigen Clowns”, vergriffen

29.6.2014

Nachdem ich mein Elternhaus verlassen hatte, strolchte ich eine Weile durch die Gegend. Ich ernährte mich von allem, was die anderen fortwarfen. “Hey, Junge, warum isst du meine Zeitung?” Diesen Satz hörte ich nicht selten. Ich schlief unter Bäumen, war aber nicht der einzige. Eine Nacht unter einem Baum kostete ein Vermögen. Die wichtigste Baumpension der Gegend wurde von einer gewissen Elsa Scheider geführt. Legte man was drauf, bekam man auch ein paar Zweige zum Zudecken. Die oberen Äste waren stets belegt. Unten bekam man den Speichel ab. Selten sah ich mehr Menschen mit Spucke in den Haaren. So etwas prägt fürs Leben.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

Ich kann mich noch gut an die Sache mit Tito Bancroft erinnern. Er hatte sich mit einem Sack, der Mr. Falcone sehr wichtig war, nach Vegas abgesetzt und residierte in einem der Hotels von Banzel Hanzel, mit dem die Familie bisher gute Geschäfte gemacht hatte. Tito drehte völlig durch, als ob ihm alles egal wäre. Ihm musste klar sein, dass wir ihn finden würden. Er hatte eine Spur hinterlassen, die so breit wie die Vereinigten Staaten selbst war. Heute muss ich sagen, vielleicht keine schlechte Idee. Spuren, die zu breit sind, müssen erst mal abgesucht werden. Nachdem wir ihn im EDEN nicht fanden, durchkämmten wir die ganze Stadt. Wir baten Hanzel um Hilfe, aber er sagte, er könne nichts für uns tun, Bancroft habe ihm “Tropfen des Vergessens” eingeflößt. Allmählich kamen wir doch ins Schwitzen, bis wir Tito schließlich in Washington fanden. Egal wie breit die Spur ist, irgendwann finden wir jeden. Er warf sich vor eine unserer Kugeln, fiel in unseren Kofferraum und von dort in ein Erdloch. Wir brachten Mr. Falcone seinen Sack zurück. “Dieser Sack bedeutet mir viel”, sagte er zu uns. Im Garten fand gerade eine Party statt, eine seiner Töchter heiratete. “In diesem Sack”, fuhr er fort, “hat sich einst mein Vater vor den Bullen versteckt. Helft mir, ich will sehen, ob ich noch reinpasse.” Mr. Falcone wog viel, aber irgendwie schafften wir es, dass er sich mit seinem linken Fuß in den Sack stellte. “Und?”, keuchte er. “Seht ihr mich noch?” Wir verneinten, ich meine, er war der Boss, und wenn er unsichtbar sein wollte, dann war er das auch. Mr. Falcone schnappte nach Luft. “Bravo!”, keuchte er. “Ich wusste, er funktioniert noch.”

Aus “Drei Jahrzehnte in der Mafia – Meine Jahre bei einer missverstandenen Organisation” von Jacob Morgen, Sachbuch, vergriffen

Ich wuchs in einem Haushalt auf, in dem Bücher von jeher viel zählten. Kann mich an meinen Vater nur lesend erinnern. Selbst als Mutter starb, las er. Alle weinten. Ich lag mit dem Gesicht auf ihrem. “Vater!”, schluchzte ich. “Gleich, mein Junge”, sagte mein Vater. “Nur noch dieses Kapitel. Du wirst es nicht glauben, aber Peter war gar nicht der Agent.” Ja, so war es immer gewesen. Schon meine Geburt soll er verlesen haben. Als ich beschloss Feldbibliothekar zu werden, glühten seine Augen einer besonderen Stelle wegen. “Nicht zu fassen”, murmelte er in seinen Roman hinein. Ich packte mein Bündel und ging.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

Silvia durchstöberte seit Jahren die Magazine nach den neusten Trends. Nachdem sie sich von oben bis unten hatte tätowieren und piercen lassen, fehlte ihr nun der linke Arm und das rechte Bein. Wer IN sein wollte, musste sich einen Arm oder ein Bein abnehmen lassen. In diesem Moment klopfte es. Silvia stützte sich an der Kommode ab und sprang, so gut es eben ging, zur Tür. Sie öffnete und erblickte den moosgrünen Kerl, von dem sie in der letzten Nacht geträumt hatte. Ihr wurde ganz heiß. “Wow”, sagte er, “du bist ja total IN.” Silvia lächelte beschämt, bevor sie seitlich auf die Fliesen klatschte.

Aus dem Erotikroman “Heiße Nächte in Alaska”, vergriffen

28.6.2014

Erste Sätze

Die Chorhunde hatten die Tonspur aufgenommen.

Merksatz

Sozialisten sind nicht unbedingt auch Altersgenossen.

Liebe Mutter,

ich habe eine Scheibe aus einfachem Glas kennengelernt, die so dreckig ist, dass man sie auf keinen Fall übersehen kann. Wir waren tanzen, und dies in einem Keller, der über und über mit Scherben übersät war. Panisch stützte sie davon. Werde ich sie wiedersehen? Ich weiß es nicht. Treffe mich morgen auf einen Kaffee mit Herrn Freud. Vielleicht kann er mir den einen oder anderen Tipp geben.

Dein Kurt

Aus “Kurt Sägenmeister – Gesammelte Briefe”, vergriffen

Ich lebte in einer Gegend, in der die Kids nur aus Mündern zu bestehen schienen. Man sah sie unaufhörlich essen. Sie schoben sich in ihre drei Mäuler, was die Hände ihrer Eltern hergaben: Ohren, Finger, Nasen, einfach alles, was Mama und Papa ahnungslosen Herumtreibern so abschnitten. Aber wurden die Bälger satt? Nein. Man konnte gar nicht genug ranschaffen. Einige der Kleinen hatten ihren Erzeugern bereits die Haare vom Kopf gefressen.

Aus “Drei Münder”, Erzählung, vergriffen

Liebe Mutter,

du wirst es kaum glauben, aber ich besuchte kürzlich den berühmten Sigmund Freud, der damit beschäftigt war, seine Fensterscheibe zu streicheln. So etwas sei unerlässlich, erklärte er mir, wenn Scheiben keinen irreparablen Schaden an Geist und Seele nehmen wollen. Er bat mich, ihn zu unterstützen. Es war zunächst etwas seltsam, aber nach einer Weile gewöhnte ich mich daran, eine Scheibe zu streicheln, während wir sprachen. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, fühlte ich mich im ersten Moment erleichtert, auch wenn ich seit jenem Tag keine Ruhe mehr finde. Liebe Mutter, könntest du dir als Schwiegertochter auch eine Scheibe vorstellen?

Dein Kurt

Aus “Kurt Sägenmeister – Gesammelte Briefe”, vergriffen

Wir schnappten Pitschipatschipitsch, als er sich gerade absetzen wollte. Seine Hände zitterten, als ich ihn gegen die Scheibe eines Spielzeugladens drückte. “Hast du geglaubt, dass du mit dieser Scheiße durchkommen würdest?” Ich beugte mich über sein Gesicht. Er stank nach Erdbeerbonbons. “Die Zeiten für euch Clowns sind endgültig vorbei. – Philipp!” Ich ließ Pitschipatschipitsch absuchen. Seine Taschen waren voller Luftballons. Neben einer roten Nase fanden wir noch andere Utensilien, die ihn für mehrere Jahre in den Knast bringen würden, höchstens er … “Wenn du in der Clownszene Informationen sammeln würdest, könnte ich was für dich tun.” Seine Antwort kam aus der Blume an seinem Revers. Ein Wasserstrahl. “Weg mit dem Bastard”, sagte ich.

Aus “Zeit der Clowns”, Kriminalroman, vergriffen

Es gab eine Zeit, da kochte ich gerne im Bett. Neben mir, meine linke Hand genoss die Wärme, die er abstrahlte, stand mein Gasherd, auf dem stets etwas brutzelte, so dass ich nie in die Verlegenheit kam, während meiner stetig anwachsenden Wachphasen zu hungern. Auch einen Koch gab es, einen nervösen Herr, der sich, sah ich ihn an, fahrig eine Strähne aus der Stirn wischte, als wäre eben dieses Tun beauftragt, mich an die Wiederkehr gleicher Handlungen zu erinnern. Es bedurfte einzig eines kleines Handzeichens, das dem Koch bedeutete, das Fleisch zu wenden, was er unter allerlei Zischen tat; ein Zischen, das mich in die Zeit meiner Kindheit eintauchen ließ, in ein Reich trüber Stunden, die mit ähnlich klingenden Zischlauten meines Lehrers angefüllt gewesen waren.

Aus Marcel Prousts “Die Geheimtagebücher”, bis heute verschollen

Immer wieder fragen mich besorgte Leser, was es mit dem nicht eröffneten Flughafen in Berlin auf sich hat. Nun, um das Phänomen zu verstehen, muss man wissen, dass in der Frühzeit der Menschheit Befehle in die Hirne unserer sich noch im Entstehen befindlichen Spezies implantiert wurden, die die unfertigen Pläne für Raumhäfen beinhalteten. Diese Raumhäfen sollen uns dereinst in die Lage versetzen, ins Weltall vorzustoßen, um dort mit den Wesen, die uns inspirierten, den “Göttern” also, Kontakt aufzunehmen. Durch die Unfertigkeit der Hirnhinterlassenschaft kommt es aber bisher zu Bauschwierigkeiten, aber nur, weil in Berlin kein Flughafen, sondern ein Raumhafen gebaut werden soll. Der Berliner Raumhafen ist also ein weiterer Baustein, der die Anwesenheit einer außerirdischen Macht in der Frühjahren der Menschheitsgeschichte beweist. Aber trotz dieser handfesten Argumente, werden meine Thesen noch immer von der Fachwelt angezweifelt.

Aus “Die Zukunft geschah gestern”, Sachbuch von Detlef von Norwiken, vergriffen

Schleifte mein Büchergestell durch ein Dorf voller Leichen. Hier wird es schwer ein Buch an den Mann oder die Frau zu bringen, dachte ich noch, als mir ein alter Mann begegnete, leicht verwirrt, wie sich herausstellte. “Die schlafen alle. Faule Bande.” Er schlug mit einem Stock nach den zum Teil schon verwesten Körpern. “Na, na, guter Mann”, ermahnte ich ihn. “So sollten sie aber nicht mit den Verstorbenen umgehen.” Ich sah mich um. “Sie kennen wohl nicht zufällig eine Leseratte, die”, ich räuspert mich, “nicht schläft.” – “Ha!”, schrie der Alte auf. “Habt ihr gehört, selbst der Lehrer hat euch durchschaut.” Und wieder hieb er nach einem Kopf, einem Bein. “Schon gut, schon gut”, beruhigte ich ihn. Ich zog mein Gestell weiter. “Wecken Sie mal keinen auf, so wichtig war es auch wieder nicht.” Pausierte hinter dem Dorf. Als Bibliothekar hat man seine Mühe und Not, will man das eine oder andere Exemplar loswerden.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

27.6.2014

Es war schaurig. Wir hatten Diego den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Mache gehabt. Will und ich hatten ihm abwechselnd Texte von Self-Publishern vorgelesen. Jetzt war er am Ende. Er hatte drei Zähne und seine gesamten Haare verloren. “Lass ihn”, sagte ich. “Der hat genug. Aus dem bekommen wir nichts mehr raus.” Wir banden ihn los und verfrachteten ihn in den Lieferwagen. Der Lieferwagen war eine Art Abstellkammer. Neben einem Besen befanden sich dort bereits drei andere Typen, die wir in den letzten Jahren “befragt” hatten.

Aus “Lauter Saubermänner”, Kriminalroman, vergriffen

Tony Gabrielli war ein guter Mann. Einer, der für die anderen da war. Der sich aufopferte. Da war es doch nur recht und billig, wenn ihm manche Geld für seine Nächstenliebe anboten. Das ist doch normal. Eine Sache des Anstands. Und dann packten sie ihn an den Eiern und buchteten ihn für zwölf Jahre ein. Weshalb?, frage ich Sie. Schutzgelderpressung? Lächerlich. Gabrielli war ein verfluchter Engel. Ein Mann von tadellosem Ruf. Jeder vertraute ihm. Ich denke nicht, dass er etwas mit dem Verschwinden von irgendwelchen Leuten zu tun hatte. Das sind Gerüchte. Die Mafia kümmerte sich um die Menschen in ihrer Nachbarschaft. Vielleicht waren manche übereifrig, in dem, was sie taten. Aber nicht Gabrielli. Er nicht. Er hat sich stets korrekt verhalten. Außerdem ging er jeden Sonntag in die Kirche. Das sagt doch alles über einen Mann. Oder etwa nicht?

Aus “Drei Jahrzehnte in der Mafia – Meine Jahre bei einer missverstandenen Organisation” von Jacob Morgen, Sachbuch, vergriffen

Trank heute Morgen ein Bier. Sie werden mich deshalb verdammen. Nichts ist für die Ewigkeit. Und deshalb kotzte ich es eine halbe Stunde später aus. Stand später am Fenster. Winkte den Passanten zu. Brüllte sie an. Gehasst, verdammt, vergöttert. Las die Bibel. Draußen im Hausflur. Sie werden mich deshalb verdammen. Jetzt ein Butterbrot, dann aufs Klo, denn nichts ist für die Ewigkeit.

Aus “Tagebuch des B. Becker – Nichts ist für die Ewigkeit außer mich”, vergriffen

Frühstückte inmitten einer Gruppe Beinamputierter. Pries ihnen die Vorteile meiner Feldbibliothek an, bis sie den “Glöckner von Notre-Dame” entdeckten. Aufruhr, weil ich des Feindes Literatur in der Ausleihe hätte, vermutlich, um mich über ihr Schicksal lustig zu machen. Dem wäre nicht so, erwiderte ich. Brach mit meinem Büchergesell hektisch auf. Hinter mir eine Gruppe Einbeiniger, die schneller vorankamen, als mir lieb war. Konnte ihnen entkommen, indem ich Unterschlupf in einer Scheune suchte. Brachte meine Unterlagen auf Vordermann. Sieben Bücher sind überfällig. Werde heute Abend die Schützengraben nach den Unholden absuchen, die die Frist nicht verlängerten. Krieg hin, Krieg her, Ordnung muss sein.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

26.6.2014

Ich war einen Moment unvorsichtig gewesen. Und jetzt saß ich in der Falle. Die Krankenschwestergang hatte mich in ihre Gewalt gebracht.
“Zunächst”, sagte die Oberschwester, “werden wir dir einen Einlauf verpassen.”
“Ich werde Donny nicht verpfeifen”, sagte ich.
“Das wirst du. Wenn du nach dem Einlauf noch nicht geredet hast, werden wir dir Besuch aufs Zimmer schicken.”
Ich schwitzte. Diese verfluchten, bösartigen Krankenschwestern.
“Das werdet ihr nicht tun.”
Die Oberschwester lächelte nur und machte sich ans Werk.

Aus “Simon Porter und die Krankenschwestern des Bösen”, Kriminalroman, vergriffen

“Ich habe drei Monate nichts geschrieben, drei Monate tiefster Verzweiflung, in denen ich mir wie ein Feuer vorkam, das nur geträumt wird, ein Feuer, nach dem ich selbst suche, das in der Nacht irgendwo existiert, so wie es diese amerikanischen Trapper gibt, die durch die Nächte stolpern, auf der Suche nach ihrem eigenen Feuer, das sie verlassen haben, weil sie etwas gehört haben, ein Geräusch, ein Tier, das sie jagen wollten, und jetzt strolchen sie durch die Nacht. Sie finden ihr eigenes Feuer nicht. So geht es mir, der ich verbrenne, der ich mich verzehre, der ich zu einem unsichtbaren Feuer geworden bin, einem geträumten Feuer. Zum Teufel, was wollte ich hier überhaupt erzählen? Meine Brezel, die ich nachts beim Schreiben des Tagebuchs esse, ist auf den Boden gefallen, und genau so fühle ich mich, wie eine Brezel, die dem Leben aus der Hand gefallen ist. Unsinn.”

Aus Franz Kafkas “Die Geheimtagebücher”, vergriffen

Der Weg in die Hölle ist gekachelt. Stufig ist er. Trapper steht auf der obersten, fortan geht es einzig bergab, bis er im Club angekommen sein wird. Jede Stufe ist mit einem Magnet ausgerüstet, jede zieht ihn tiefer. Kaugummis kleben auf den Stufen. Der Kaugummi täuscht ein Sprachgebaren vor. Im Club muss man kauen, damit es so aussieht, als hätte man etwas zu sagen. Durchgeschwitzte taumeln nach oben. Solche, die es nicht aushielten, die dem Tanzfieber erlagen. Trapper streift Schultern, um die Schwäche zu spüren, um zu wissen, was ihn erwartet, wenn er den Club am nächsten Morgen verlassen wird, wenn er zurück in den Himmel stürzt. Die Hölle ist ihm ein Versprechen, das sich, wie alle guten Versprechen, nie einlösen wird.

Aus “Der Tänzer”, Roman, vergriffen

Der gestrige Tag war die Hölle. Hatte mich mit meinem Büchergestell im Nebel verirrt. Und nicht nur das. Steckte auch noch im Schlamm fest, als mich ein blutüberströmter junger Soldat ansprach. “Hättensenichvielleicht …” Er sprach völlig unverständlich, geradezu in Zungen. Brach vor mir zusammen. Zum Glück löste sich in dem Moment mein Gestell. Ich zog weiter, pfeifend, als ob nichts gewesen wäre. Später am Abend genoss ich meine Pfeife im Licht der nächtlichen Explosionen. Nahezu romantisch, würden dabei nicht Menschen sterben. Und es sind nicht nur Menschen, sondern vor allem auch Leser, die nun nicht mehr in den Genuss meiner Feldbibliothek kommen werden.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

Es regnete bereits seit zwei Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Ich saß in meinem Büro und studierte die Decke. Nichts Neues. Ich war depressiv. Ich musste mir das endlich eingestehen. “Du bist depressiv”, sagte ich zur mir selbst. Da war es, das Geständnis, auf das ich so lange gewartet hatte.

Aus “Regentschaft des Todes”, Kriminalroman, vergriffen

25.6.2014

“Ich wäre gern ein Fernrohr, eines, bei dem man auf der einen Seite hineinblickt und auf der anderen Seite hinaussieht, ein Fernrohr mit einer bestimmten Stärke, um tief in mein Weltall zu blicken, in das in mir ruhende. Ich möchte zum Turm oder zur Eisdiele werden, lieber zur Eisdiele, um mich dort mit den verschiedenen Sorten einzudecken, wie Zitrone, Banane und einem Eis, das es noch gar nicht gibt. Ich habe wieder nicht das geschrieben, was ich hatte schreiben wollen, sondern das, was aus mir herauslief, als wäre ich ein leckgeschlagenes Schiff oder Weinfass, als müsste ich mich an mir selbst besaufen, um zu wissen, wie ich schmecke. Viel lieber wäre ich ein Eis, aber das sollte ich hier nicht stehen lassen, weil es merkwürdig anmutet, auch wenn ich mit der Idee schwanger gehe, eine Eisdiele zu eröffnen. Ich könnte auch einen Roman schreiben über einen Eismann, der sich zu einem Ballon verwandelt in seinem Bett wiederfindet, aber das lasse ich lieber, zumal mir eh alles zum Fragment gerät.”

Aus Franz Kafkas “Die Geheimtagebücher”, vergriffen

Trat gestern meine Stelle als Feldbibliothekar an. Eine Menge los an der Front. Weiß gar nicht, wie man bei dem Krach arbeiten soll. Der dauernde Beschuss macht mich ganz nervös. Zog das Büchergestell durch die Schützengräben. Versuchte, die hehren Gedanken der Klassiker an den Mann zu bringen. Die Ausleihe läuft schleppend. Ständig kippt mir jemand vor die Füße. Blutspritzer auf den Einbänden. Wurde eine Ausgabe des Werther los. Sonst nichts. Hier sterben nicht nur Menschen, hier geht auch die Bildung vor die Hunde.

Aus “Tagebuch des Feldbibliothekars Heinrich Mützmann”, vergriffen

Das Leben ist gefährlich. Leuten stößt ständig etwas zu. Sie fallen von Leitern, aus dem Fenster. Sie laufen vor Autos. Sie werden von einer Bowlingkugel erschlagen. Manche erwischt es beim Zähneputzen. Andere beim Abendessen. Ich war nie ein Anhänger der Theorie, dass es so etwas wie Mord gibt. Das ist eine Erfindung der Justiz. So etwas denken sich Polizeibeamte aus, die sich wichtigmachen wollen. Wenn jemand erschossen wird, ist das kein Mord. Es ist ein Versehen. Was kann der Schütze dafür, dass man seine Kugel mit dem Kopf abfängt. Es gibt diese Irren. Sie sind dort draußen. Laufen frei rum, und das nur, um von einem Messer oder einer umherirrenden Kugel erwischt zu werden. Die sind nicht ganz richtig im Kopf. Der Staat hätte uns vor diesen Verrückten schützen müssen.

Aus “Drei Jahrzehnte in der Mafia – Meine Jahre bei einer missverstandenen Organisation” von Jacob Morgen, Sachbuch, vergriffen

24.6.2014

Sie hatten meine Frau entführt. Um zu zeigen, wie ernst es ihnen war, schickten sie mir ihren blutigen rechten Zeigefinger. Bei der Polizei spielte ich den Ahnungslosen. “Der könnte jedem gehören. Außerdem lebten wir bereits getrennt.” Ich ließ die Zeit für mich arbeiten. Noch ein paar Tage mit Betty und die Gangster würden wissen, was es heißt, in der Hölle angekommen zu sein. Ich sah sie regelrecht vor mir, wie sie Fenster und Böden putzten. Vielleicht hatte ich Glück, vielleicht waren sie hart genug, um Betty zu überleben.

Aus “Die Putzkolonne Satans”, Kriminalroman, vergriffen

Foto war fett. Man muss es einfach mal so sagen dürfen. Es hieß, dass er mit einem Kran in die Banken gehievt wurde, die er überfiel. Allein des Aufwandes wegen, konnte ein solcher Überfall bis zu einer Woche dauern. Man nahm Geiseln, von denen manche spurlos verschwanden. Und trotzdem kam er aus jeder einzelnen Filiale raus. Seine Pläne waren die besten. Er hatte stets ein Ass im Ärmel. Das Ass war seine Glückskarte, die er überall hinterließ. Er verlor sie wie Schuppen. Sie fielen, wo er stand und ging. Eine der zahlreichen Geschichten berichtet, dass man an einem Tatort bis zu fünftausend Asse fand. An einem anderen soll er siebzehn Geiseln angebraten und verschlungen haben. Alles Legenden? Ich weiß nicht.

Aus “Mr. Fotos Abenteuer in China”, Roman, vergriffen

Erinnerungsfetzen

In meiner Kindheit träumte ich davon, ein berühmter Ellenbogenstar zu werden. Mein Vater und ich saßen samstags vor dem Fernseher und sahen uns die Ellenbogenspiele an. Davidson war unser beider Star. Wie er den Ball mit dem Ellenbogen annahm, ließ uns vor Entzücken aufschreien. Manchmal kam es zu einem Fußspiel. Die Schiedsrichter, stets siebzehn an der Zahl, ahndeten dies mit einer Pinken Karte. Damals liefen die Stadien über, die Leute pilgerten alle zu den großen Ellenbogenspielen. In den siebziger Jahren tauchten die ersten Spieler unter, bis schließlich alle verschwunden waren. Warum, das wusste niemand zu sagen.

Erste Sätze

Obwohl er ein Anhänger von Früchten aller Art war, lehnte Norbert die ihm angebotene Ohrfeige mit einem Lächeln ab.

“Peggy”, flüsterte ich in der Nacht, wenn ich sie aus ihrem Käfig holte. Seit wir Mann und Vogel waren, hatte sich unsere Beziehung verändert. Peggy hatte sich verändert. Sie saß tagsüber stundenlang auf ihrer Stange und starrte Löcher in die Luft. Irgendwas war faul. Vielleicht lag es an mir, daran, dass ich kein Vogel war. Um unsere Liebe aufzufrischen, tauchte ich eines Tages in einem Vogelkostüm auf.

Aus “Peggy”, Roman, vergriffen

23.6.2014

Ich erklärte dem Typ, dass er sich die Radieschen von unten ansehen könnte, wenn er mir nicht auf der Stelle verriet, wohin sie Samantha gebracht hatten. Er sah mich ganz belämmert an.
“Was ist?”, sagte ich.
“Was sind Radieschen?”, fragte er.
Ich konnte es nicht fassen. Ich sah mich um. Zum Glück fand ich ein Buch mit Abbildungen von allem, was man so anpflanzen konnte.
“Das hier ist ein verfluchtes Radieschen!”
“Und das soll ich mir jetzt von unten ansehen?”

Aus “Stirb am Ende deines Lebens”, Kriminalroman, vergriffen

Ich sage zu Helga: “Ich will, dass du die Milch nicht anbrennen lässt.” Sie nickt, aber irgendwas stimmt nicht mit dieser Frau. Vielleicht sollte ich ihr nicht trauen, vielleicht sollte ich sie über den Haufen schießen. Ein Bulle meines Kalibers bekommt eh nie die Frau, die er braucht. Eine, die seine Waffen reinigt, die sein Milchglas nachfüllt, eine, die seine Wunden versorgt, wenn er am Abend nach Hause kommt. Ich traue dem Miststück nicht. Und tatsächlich, als hätte ich es geahnt, lässt sie die Milch anbrennen und rammt mir lachend ihr Knie in den Magen. “Die Milch”, ist das letzte, was ich röcheln kann, bevor mir schwarz vor Augen wird.

Aus “Der Milchmann”, Roman, vergriffen

Ich hatte heute Besuch von Gorki, der mir ein neues Wassersuppenrezept mitbrachte. Wie probierten es sofort aus. Wenn du sagst, Gorki fehle es an Zurückhaltung, hast du noch nicht seine Wassersuppe gegessen, die derart aufdringlich nach Wasser schmeckt, dass man sich wünscht, Gorki möge mehr schreiben, dafür aber weniger Rezepte entwerfen. Dein Plan für mein neues Stück ist übrigens angekommen. Gute Idee, es in einer Scheune spielen zu lassen, die noch während der Vorstellung abbrennt. Du hast recht, man muss den Zuschauern Feuer unter dem Hintern machen, sonst werden sie niemals Feuer und Flamme fürs Theater sein.

A. Čechov an A.S. Dovorin, 2. November 1900

Am siebten Tag unserer Reise entdeckten wir die Überreste von Allen. Alle Zweifel schienen ausgeräumt. Das von ihm entwickelte Wachstumsmittel, das er zuerst bei sich ausprobiert hatte, musste funktioniert haben. Wir fanden seinen riesigen Schädel, der einige Kilometer vom Rumpf entfernt lag. Warum?, so lautete die Frage. Etwas oder jemand musste ihn abgetrennt haben.

Aus “Insel des Dr. Atkins”, Roman, vergriffen

Morgenappell um 5. Stand stramm und robbte anschließend in die Küche zum Essenfassen. Milch mit Würmern, die ich gestern ausgrub. Sonntags lasse ich mal Ruhe einkehren. Ein paar Aufwärmübungen am Reck, ein paar Vogelabschüsse, sonst nichts. Man ist ja nicht nur Soldat, man ist auch Mensch. Marschmusik. Später Erinnerungen auffrischen. Diavortrag über meine Einsätze im Irak, die so geheim waren, dass sich die Dias nach dem Anschauen selbst vernichten werden.

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

Inzwischen hatte ich einen Priester gefunden, der Peggy und mir einen Trauschein verpassen würde. “Moment”, sagte ich, um den Käfig aus dem Auto zu holen. Mir gingen so viele Dinge durch den Kopf. Peggy und ich würden endlich ein normales Leben führen können. Wir wären nicht länger nur Mensch und Tier, sondern Mann und Frau, und das ganz offiziell. Vielleicht würde sie einen Job in einem Gefängnis bekommen. Sie konnte stundenlang auf ihrer Käfigstange hocken und beobachten. Sie war dazu geboren, Leute zu observieren. Als ich den Kofferraum öffnete, machte ich eine schreckliche Entdeckung.

Aus “Peggy”, Roman, vergriffen

Die Jungs von Jose würden staunen. Ich fuhr auf meinem Bobby-Car vor. So ein Auto hatten sie sicher schon länger nicht mehr gesehen. Ich nutzte den Moment der Überraschung und zog meine Wasserpistole. Sie reagierten nicht bzw. zu spät. Bevor einer von ihnen nach seiner Waffe greifen konnte, hatte ich sie bereits nass gespritzt. Mann, was das ein Geschrei. Sie suchten nach ihren Handtüchern, während sie blind durch die Gegend taumelten. Das war meine Chance.

Aus “Viel los in der Stadt der Spielzeuge”, Roman, vergriffen

22.6.2014

Übersetzerbios, die wir lesen wollen

Nach dem Studium der Esspapierwissenschaft und der Sprachen Bayrisch, Schwäbisch und Hessisch arbeitete Dr. Rabea Stümper am pseudoreligionswissenschaftlichen Departement der Universität Lausanne (Schweiz) und auf dem Orientteppich der J.W. Goethe Universität in Frankfurt. Sie liebte Jürgen, Gerd und Ralf aus der Sicht zeitgenössischer indianischer Autoren. Zusätzlich studierte sie an Dr. Kochs Kochschule in Frankfurt den Schnellkochtopf. 2011 war sie mit den Gedichten von Granny Smith Stipendiatin der Übersetzerwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. Zurzeit arbeitet sie als freiberufliche Literaturübersetzerin und Dolmetscherin aus dem Bayrischen, Schwäbischen und Hessischen sowie als Stripteasetänzerin.

Autorenbios, die wir lesen wollen

Baba Hansel, geb. 1962 in Frankfurt am Nil, lebte von 1986 bis 2010. Er verstand sich als Regiozugfahrer mit Zugriff auf alle hessischen Fahrkartenautomaten. Werke (Auswahl): Kleine große Hose (Roman), Erbrechende Paare (Roman), Der Zauberberg II – Rückkehr zum Zauberberg (Roman)

Ich liebte Peggy. Und wenn es eine Chance gegeben hätte, sie zu heiraten, ich hätte es getan. Die Zeiten waren gegen uns. Beziehungen zwischen Mensch und Tier waren nicht gern gesehen. “Das wird schon”, sagte ich und packte sie vorsichtig in ihren Käfig zurück.

Aus “Peggy”, Roman, vergriffen

21.6.2014

Autorenbios, die wir lesen wollen

Lolek Bolek wurde 1959 in Moskau als Sohn einer Tuchfühlerin und eines Konservendosendozenten geboren. 1980 servierte er in der Moskauer Hochradschule. Sein erstes Gedicht schrieb er 1960, einjährig. In den siebziger und achtziger Jahren war die Suche nach Kapitelüberschriften seine Hauptbeschäftigung. Seit 1984 schrieb er schwarze Zahlen, Ende der achtziger Jahre auch rote und grüne, seit 1992 fasst er zudem flüchtige Verbrecher. In der Endphase der Sowjetunion verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Übertragungen vor allem aus dem Hessischen. 1989 erschien der erste Gummiband der Gummitrilogie, 1990 ein Buch mit drei Theaterstücken unter dem Titel “Siebzehn kurze Stücke” (Moskau 1990). Bolek verkauft heute Autos und reist gerne nach Kapstadt. Momentan arbeitet er an seinem ersten Kind.

Was für ein Wetter. Nutzte die ersten Sonnenstrahlen, um mich aus dem Fenster abzuseilen. Ein Tag, der nach einem Einsatz schrie. Flog mit meinem Kampfhubschrauber zum Bäcker und legte seinen Laden in Schutt und Asche. Herrlich. Erinnerte mich an unseren Einsatz in Nord-Korea. Geheime Kommandosache. War damals bei der GSG 10. Die Jungs von der GSG 9 gab es ja nur, um von uns abzulenken.

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

Ich bin einsam. Ich bin der verflucht einsamste Bulle dieser Stadt. Und deshalb trinke ich. Ein Glas nach dem anderen. Ich sitze da und trinke, während diese Stadt im Verbrechen ersäuft. Es ist so, als ob wir beide trinken würden. Ich Milch. Und die Stadt Kriminelle.

Aus “Der Milchmann”, Roman, vergriffen

Autorenbios, die wir lesen wollen

Martin Zahnarzt, geboren 1954 in Schwitten, Stabspringer. Bekannt geworden ist er zuletzt durch seine Übertragungen von Folgen des “Blauen Bock” ins Französische. Liedtexte für Weltwoche, Pornoorgel, Frau am Sonntag, TransAtlantik, BuchMarkt, Spiegel, TV-Movie, TV-Spielfilm. Er leitete jahrelang die Literaturabteilung der TV-Erotik. Ebenfalls als Drehorgelspieler tätig. Daneben weitere Ideen, die er nie umsetzte. Werke (Auswahl): Die Domina und der Mönch (Roman), Peitsch mich, wenn du mich liebst (Roman) und Reitstiefel ins Glück (Roman). Auszeichnungen: Florian-Silbereisen-Medaille.

Autorenbios, die wir lesen wollen

Walter Lachmann, geb. 1943. Autor in Frankfurt am Comer See. Zwangsarbeit bei Zeitungs-, Zeitschriften- und Funkredaktionen. Veröffentlichungen, darunter: Veröffentlichung 1 (Roman), Veröffentlichung 2 (Novelle). Hobbys: Schwimmen, reiten, toben, lesen. Walter sucht eine aufgeschlossene Lyrikerin aus dem Raum Hanau. Sie sollte sexuell flexibel sein. Kinder wären ein Hindernis. Walter fühlt sich fit und möchte gern noch eine Anthologie herausbringen. Auszeichnungen: Syphilis-Preis der Stadt Köln

Bekam am Nachmittag Besuch von einer Journalistin. Nettes Ding, nur etwas schwächlich. “Na, haben wohl unsere Übungen nicht gemacht, was?”, sagte ich und zog die linke Augenbraue hoch, runter, hoch, runter. Nahm sie in die Hand und stemmte sie vor der Spiegelwand in meinem Arbeitszimmer. Anschließend jagte ich sie durch den Parcours. Beim Minenfeld gab sie auf. Traurig. Um mich abzulenken, zog ich die Augenbraue noch ein paarmal hoch, runter, hoch, runter.

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

20.6.2014

Der Engländer, er muss wohl gehen, schied er doch nahezu aus. Wie, so frage ich mich, konnte das geschehen? Und dies gegen ein Land aus der Dritten Welt. Es scheint an der Zeit, darauf hinzuweisen, dass der Europäer sich wieder auf seine Tugenden besinnen sollte. Auf meinen Plantagen herrscht auch die Zucht, die Ordnung, die Peitsche. Jetzt sehen wir, was dabei herauskommt, wenn man die Zügel schleifen lässt.

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Brasilien”

Nach dem Aufstehen ging es hinaus in die weite, wilde Natur. Schnallte mir meinen Rucksack auf den blutigen Rücken. Es befanden sich Backsteine darin, mit Blei gefüllte Backsteine. Lief achtzig Kilometer, bevor ich mich einigermaßen wach fühlte. Erinnerungen an meine Einsätze in Südamerika. An einem Tag wurde ich von sieben Giftschlangen gebissen. Schnitt mir die jeweiligen Körperteile ab. Da darf man nicht so zimperlich sein. Wo wäre die Welt ohne uns? In den Händen von Diktatoren. “Töten, alle töten!” Muss ich laut geschrien haben. Die Kassiererin im Supermarkt sah mich so merkwürdig an. Um in Form zu bleiben, spurtete ich auf einer Hand zurück.

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

Autorenbios, die wir lesen wollen

Bodo Dodo, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Gardasee, wo er mit seiner Frau im Sommer Schreibwerkzeuge reinigt. Er sammelt viele renommierte Preise, u.a. den für Literatur, den Preis der LiteraTourParisDakar und die Carl-Diabetes-Medaille des Landes Aserbaidschan. Veröffentlichungen (Auswahl): ISBN 978-3-627 (Roman), ISBN 978-3-627 kehrt zurück (Roman) und ISBN 978-3-627 Reloaded

Habe den ganzen Tag diktiert. Meine Frau schwitzte und beschwerte sich, Hammer und Meißel seien ihr zu schwer. Sollte ich tatsächlich auf moderne Technologien zurückgreifen? Schreibmaschinen scheinen mir Teufelszeug. Um meine Frau abzuhärten, ließ ich sie ums Haus laufen. Hangelte mich währenddessen an der Regenrinne entlang. Erinnerte mich an meinen Auftrag in Warschau. Hing sieben Wochen an einer Rinne. Ach, ihr herrlichen Tage der Vergangenheit, wo seid ihr hin?

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

Autorenbios, die wir lesen wollen

Matthias Ötz wurde 1969 in Hamburg geboren und lebt heute als Auto in Frankfurt am Main. Nach dem Stadium der Trunksucht war er jeweils mehrere Monate in Frankfürt-Süd, Frankfurt-Ost, Frankfurt-Nord und in Köln-West. Für seine bisherigen Veröffentlichungen erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise: u.a. den Literaturförderpreis der Kioskbesitzer Fulda 2000, Writer-in-Residence im Baumhaus von Ralf, 2002, Aufenthaltsstipendien in verschiedenen Gefängnissen. Er war Gasautor in Russland, bekam 2006 den Mara-Tussi-Preis für seinen Debütroman »Debütroman«, den Bayern 7 Radio-Preis und das Stipendium des Auto-Förderungsprogrammes der Stiftung Audi.

Und noch immer tuckern wir dahin, Neal und ich, Neal, dieser Engel, dessen Lachen aus dem tiefsten Inneren der Welt zu kommen scheint, dieser Buddha, während ich einen Schluckauf habe, während ich hickse, der ich den Takt des Motors imitierte, sodass es zu einem Gleichlang kommt, alles scheint sich in Harmonie aufzulösen, und ich denke an Dody in Frisco, den wilden Dody, der Gedichte hickste, in dieser schwülen Nacht, in der die Sterne über uns zusammenschlugen, die Sterne fielen, während wir stiegen, weit hinauf, mit dem hicksenden Dody, du wirst dich noch an ihn erinnern können, Allen, wie wir ihn bei Peter kennenlernten, ein zugedröhnter Hipster, der in der Küche, an den Herd gelehnt, Haikus gurgelte, daran muss ich denken, hier mit Neal auf dem Traktor, auf dem du fehlst, Allen. Drei Wochen sind vergangen. Nicht mehr lange und wir werden die Stadtgrenze erreichen.

Jack Kerouac an Allen Ginsberg

Erwacht und hopp, hopp, hopp. Arme auseinander, Beine auseinander, Arme auseinander, Beine auseinander. Danach den Hubschrauber. Die Arme durch die Luft. Hangelte mich an der Regenrinne zur Küche. Schlug die Scheibe ein. Das Gesicht voller Splitter, die Halsschlagader getroffen, bereitete ich mir ein Ei. Anschließend hangelte ich mich ins Arbeitszimmer, um zu diktieren: “Wir hatten Kairo eingenommen, als mich eine Krankheit heimsuchte, die mein linkes Bein innerhalb von Sekunden auffraß. Es löste sich regelrecht in Luft auf. Mir war das einerlei, hatte ich doch noch eins. Zwei Beine, so merkte ich an, sind eh unnötiger Schnickschnack. Da wollte sich die Natur wohl austoben.”

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

19.6.2014

Wenn ich tanzte, drehte ich mich im Kreis. Ich wurde so zu einem Planeten in einem Sonnensystem aus Tänzerplaneten. Die Gravitationsgesetze spielten auch hier eine Rolle. (Und der Alkohol.) Manche der Planeten zogen sich an. Andere kollidierten. Wieder andere gehörten einem anderen System an. Es gab das Anzugsystem, das Vollbartsystem, das Jeanssystem. So viele Systeme. An der Decke hing eine übergroße Discokugel. Das war die Sonne, um die wir uns drehten, so unaufhörlich, so hoffnungsfroh, so hoffnungslos.

Aus “Der Tänzer”, Roman, vergriffen

Erste Sätze

Betroffen nahm ich die Schwusswunde in meiner Brust zur Kenntnis.

Autorenbios, die wir lesen wollen

Thomas Dudenkopf, 1902 – 1975 bzw. 1955, zählt zu den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der unmoderne deutsche Roman die Endrunde beim Zehnkampf der Frauen 1962. Dudenkopfs blätterteigartiges Werk hat eine “weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden” (Dudenkopf über Dudenkopf). Ab 1952 lebte er in Aufzügen, zuerst in der Grenadine, dann in den USA, was kaum einen Unterschied machte. Erst 1975 kehrte Dudenkopf Europa (sein großer Traum war es, Straßenkehrer zu werden), wo er unter Zuhilfenahme einer Zeitmaschine vermutlich bereits 1955 verstarb.

Als Schriftsteller der United States Air Force musste ich mich voll und ganz auf meinen Job konzentrieren. Ich schrieb in all den Jahren sieben Air-Force-Romane, darunter Werke wie “Die Gräfin und der Luftpirat” und “Muskeln aus Stahl”. Ich bekam den Air-Force-Literaturpreis am Band. Kritiker der Bodentruppen nannten mich eine Luftnummer. Später sattelte ich auf CIA-Romane um und schrieb “Gefoltert” und “Wir lachen uns tot”. Leider konnten diese Bücher nie erscheinen. Inzwischen arbeite ich im Jenseits und schreibe weiterhin fleißig.

Aus “Schriftsteller bei der Air Force”, Sachbuch, vergriffen

Erwachte aus einem schwierigen Traum. Nichts für Weicheier. Schüttelte mich und rannte die siebzehn Kilometer zum nächsten Bäcker auf meinen Händen. Die Welt will angepackt werden. Überfiel den Laden, kehrte zurück und weckte meine Familie mit einem Fanfarenstoß. Nach dem Training am Reck gab es für jeden einen feuchten Händedruck. Jetzt mache ich Liegestütze vor dem Schreibtisch und diktiere dabei meinen Roman “Los, los, los, los”.

Aus dem Tagebuch des ehemaligen Offiziers Gerhard Schneider “Hoch, runter, hoch, runter – Mein ultimatives Tagebuch”

18.6.2014

Erste Sätze

Harry wollte sich, mit zwei Betonklötzen an den Füßen, nicht noch beschweren.

“ … und dann, Allen, tauchte Neal auf, der verrückte, großartige Neal stand mit einem Traktor vor der Tür, mitten in New York, und er schrie, dass wir aufbrechen sollten, hier und jetzt, wir sollten auf eine wilde Tour gehen, und ich stieg ein und wir tuckerten davon, und Neal war aufgedreht wie ein kleiner Junge, sein Gesicht schimmerte im Mondlicht, während wir durchgeschüttelt wurden, während wir flohen, hinaus in die amerikanische Prärie, in dieses ursprüngliche Land, und es war, als würde meine Seele quieken, während wir am Morgen das Ende der Straße erreichten, Neal und ich, ach, Allen, ich wünschte, du wärst hier ….”
Jack Kerouac in einem Brief an Allen Ginsberg

Ich habe mich endgültig vom Theater abgewandt, ich habe ihm, dem meine Liebe über so viele Jahre galt, den Rücken zugekehrt, sodass ich inzwischen mit dem Gesicht zur Straße laufen muss, um keines Theaters mehr ansichtig zu werden. Die Leute würden mich schon noch zu schätzen wissen, hast du geschrieben. Nein, ich glaube nicht, dass das noch geschehen wird. Ich habe endgültig mit Karpov gebrochen, der meine Stücke in den Dreck getreten hat, der mich und meine Worte unter einem Wust aus Kadavern begraben hat. Erst gestern suchte ich eine für ihre schwarzmagischen Künste bekannte Dame auf, die eine Puppe fertigen wird, mit deren Hilfe wir Karpov das Inszenieren austreiben werden. Wundere dich also nicht, wenn Karpov bald brennt. Muss Schluss machen. Das Zucken meines linken Augenlids lässt mich kaum noch schreiben.
A. Čechov an A.S. Dovorin, 2. Februar 1889

Welch ein entzückendes Spiel. Man könnte sagen, wir sind wieder wer. In meiner Villa in Bad Homburg wird man gefeiert haben. Das ist gut so. Ich habe es dem Gesinde zugebilligt. “Sollten”, so ließ ich sie in einem Telegramm, das mein Butler ihnen via Computer vortrug, “wir wieder wer sein, so dürft ihr, Gesinde, feiern. Aber nicht zu lange. Die Arbeiten in und um das Haus herum sollten nicht leiden. Eine halbe Stunde, die darf schon mal sein.” Man ist nicht nur Arbeitgeber, man ist auch Mensch. Ich selbst sah mir das Spiel vor Ort an, in einem Luxusbunker, der in der Nähe des Stadions liegt, wollte ich doch vermeiden, ein Opfer eventueller Ausschreitungen zu werden. Um Stimmung aufkommen zu lassen, haben wir Einheimische in einen Fanbereich, dick verpackt hinter Sicherheitsglas, verbringen lassen. Dort durften sie jubeln, eine in der Ecke angebrachte Kamera übertrug mir die Regungen, die mich dem Fußballfieber näherbringen sollten. Und tatsächlich verspürte ich während einer Vertragsunterzeichnung, es fiel eben das 2:0 (oder so) eine gewisse Euphorie, nicht nur der verkauften Waffen wegen, sondern eben auch, weil wir wieder wer sind.

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Brasilien”

Autorenbios, die wir lesen wollen

Andrew See, Schurke und Ausnahmeathlet, Schwertkämpfer, der seinen Reichtum einer zufälligen Erbschaft verdankte, amputierte bereits in seiner Kindheit liebend gern und schrieb später den bekanntesten Roman zum Thema. “Ab ist ab” erklomm rasch die OP-Bestsellerlisten.

Autorenbios, die wir lesen wollen

George K. Sott wurde in den Jahren zwischen 1832 und 1985 geboren. Er wuchs in reichlichen Verhältnissen auf und wurde nach dem gregorianischen Kalender erzogen. Als enfant terrible der Städtischen Müllabfuhr erfuhr er Ablehnung, Neid und dreihundert Katzen. Sein bekanntester Roman gilt bis heute als verschollen und soll den Titel “Die Müdigkeit des Kerzenhalters” nicht ertragen haben können.

Autorenbios, die wir lesen wollen

Robert Radrake war ein genialer Genialer, bereiste schon mit 3 die ganze Welt, ein Abenteurer, der als Kioskbesitzer den rechten Arm, das linke Bein und zwei Augen verlor, der Sexfilme produzierte und seine altbackenen Gedichte selbst in den Ofen schob, der etwa 1 Buch schrieb und es fertigbrachte, von einer blutrünstigen Szene in eine andere blutrünstige zu wechseln.

17.6.2014

“Wilbur! Wir werden heute revoltieren!”
“Heute? Muss das sein? Ich meine, die Revolution rennt uns doch nicht davon.”
“Die Zeit ist gekommen.”
“Ich kann auf keinen Fall. Außerdem habe ich noch einen Termin beim Zahnarzt.”
“Die Revolution kann sich nicht um solche Belanglosigkeiten kümmern.”
“Belanglos? Ich soll einen Weisheitszahn gezogen bekommen. Könnten wir die Revolution nicht am Samstag ausrufen? Da habe ich noch nichts vor.”

Aus “Wilbur und die verpasste Revolution”, Roman, vergriffen

Du schreibst, dass man das Theater nur lieben muss, dass man seine Leidenschaft zeigen muss. Ich träumte letzte Nacht davon, nackt auf einer Bühne zu liegen. Ich rollte über den Boden, hin und her, wie ein eingelegter Hering lag ich auf den Brettern, stöhnend, mich dem Theater hingebend. Ich machte ihm Komplimente, küsste den Vorhang, bis ich schließlich auf ihm saß. Ich ritt auf ihm. Meinst du etwa, das Publikum hätte meine Liebe begriffen? Entsetzt saßen sie da und zeigten mit den Fingern auf mich. Sie schrien und tobten, ich würde Unzucht mit dem Theater treiben. Es sei nicht so, wie es aussehe, wollte ich sie beruhigen, doch zwischen meinen Beinen ragte bereits das Gegenargument in die Luft.

A. Čechov an A.S. Dovorin, 5. November 1888

Karpov inszeniert meine Stücke zu Tode. Er ist sich für nichts zu schade. Meine Figuren, die den Menschen etwas bedeuten sollen, lässt er als Käsesorten auftreten. Was sollen die Leute von mir und meinen Stücken halten, in denen Käsewürfel sich bekriegen, weil sie an die Pfeffermühle wollen. So etwas habe ich nicht geschrieben. Viel schlimmer ist aber noch, dass es an den Haaren herbeigezogen ist. Oder hast du schon mal von Käse gehört, der sich wegen des Pfeffers streitet? Wegen des Brotes, auf dem er landen soll, das vielleicht. Aber nicht wegen einer Pfeffermühle. Unsinn. Sie sollten Karpov mit einem Spielverbot belegen. Wenn er nicht aufhört, mich und meine Stücke klein zu machen, dann gnade ihm Gott. Laut seinen neuesten Plänen will er meinen Platonow bringen. Wie ich aus verlässlichen Quellen erfuhr, will er das Stück im Schinkenwürfelmilieu ansiedeln. Ich muss jetzt Schluss machen. Bei der ganzen Briefeschreiberei bekommt man Hunger.

A. Čechov an A.S. Dovorin, 27. Dezember 1888

16.6.2014

Früher

Früher lebten wir am Abgrund. Krähte der Hahn, was das Vieh nie tat, sollten wir uns abseilen, um in die Schule zu kommen. Esel gab es keine. Die hatte der Schöpfungsplan noch nicht vorgesehen. Auch Wolken kannten wir nicht, dafür die Sonne, die 24 Stunden am Tag unbarmherzig brannte. Als man die Nacht einführte, fühlten wir zum ersten Mal so etwas wie Dankbarkeit, obwohl es das Wort noch gar nicht gab.

15.6.2014

“In Mulde merkte man deutlich, dass WM-Zeit war. Keine Menschenseele unterwegs. “Scheinbar schauen die alle TV”, sagte ich zu Mama, die gerade meine Hemden bügelte. “Das machst du aber toll”, lobte ich sie. Sie hatte keine Zeit, mich anzulächeln. Das verstand ich. Mütter haben ja nie Zeit. Nicht mal nachts, wenn sie den Schlaf ihrer Kinder behüten. Um die Zeit der leeren Straßen zu nutzen, schlüpfte ich hinaus. Wie ein fleißiges Bienchen. Bin ich nicht fleißig?, dachte ich. Ich summte Richtung Kiosk Weiler, als mir einfiel, dass ich gar keine Lust hatte. Heute ist Sonntag. Da bleibt man zu Hause und ehrt sich. Ich wurde ganz unruhig, weil ich mich heute noch nicht geehrt hatte.” Siggi Grabowski

Die 10 goldenen Regeln für den Dichter

Regel 1

Der Dichter muss sich öffnen. Er muss die Arme ausbreiten und sagen: “Komm, Welt, komm an meine Brust.” Und dann muss er wedeln, wie verrückt muss er mit den Händen fuhrwerken, um die Klänge und all die Gefühle in seinen Brustkorb zu pressen. Ein Dichter muss außerdem auf sein Cholesterin achten. Keine Butter, nie.

Aus meinem Tagebuch

Ich habe den Tag liegend verbracht. Im Liegen wurde schon so mach großes Werk vollbracht. So soll Napoleon liegend in die Kriege gezogen sein. Auch Beethoven, so die Legende, soll sein Leben lang gelegen haben, hart, zu hart wohl, sodass er vom vielen Liegen am Ende taub wurde. Trakl lag, Rilke sowieso. Im Grunde ist die Geschichte der abendländischen Kultur eine des Liegens.

14.6.2014

Aus meinem Tagebuch

Lesung verschoben, weil keiner in meinem Schlafzimmer auftauchte. Hätte ich vehementer werben sollen? Stand mit dem linken Fuß zuerst auf und hoppelte ins Bad. Benutze den rechten immer erst nach elf. Trat in eine Pfütze. Pitschnass von oben bis unten. Blieb hart und ließ mich, immer noch hopsend, von meiner Frau föhnen. Sie sang dabei ein Lied, dessen Text ich nicht verstand. Zwei Länder, zwei Sprachen. Und seit ihre Untertitelungsleiste, die sie sonst um den Hals hängen hat, defekt ist, kommt es wiederholt zu Missverständnissen. Drückte ihr meine Monografie über Nietzsches Knebelbart in die Hand und entschwand durch die Katzenklappe. Benutzte dabei den rechten Fuß. Verflucht!

Kleine Abhandlung über den Fußball

Fußball ist eine Wissenschaft für sich. Man sollte erst gar nicht versuchen, sie zu verstehen. Das ist, als würde man versuchen, die Quantenphysik zu begreifen, die keiner einem erklären kann, auch nicht die Quantenphysiker, die mit ihrer eigenen Disziplin völlig überfordert sind. Deshalb trinken die meisten von ihnen auch. Säfte, so sagt man. Und Säfte können den Magen kaputt machen, die Säure zerstört alles. Man löst sich regelrecht von innen auf. Der Körper schäumt, bis man in alle Richtungen zerläuft. Da haben dann die Putzfrauen eine Riesenarbeit, sofern es überhaupt Putzfrauen gibt, die sich ja heute gar nicht mehr jedes Institut, das Quantenphysiker beschäftigt, leisten kann. Und dann? Ist der Boden erst ruiniert, müssen Firmen engagiert werden, die den entstandenen Schaden reparieren. An all dem kann man sehen, dass den Fußball eh nie einer verstehen wird.

Wie ich an diesem Morgen stocksteif auf meinem Stuhl saß, dachte ich darüber nach, wie sich ein Stuhl wohl fühlen muss. So ausgesetzt, meinem Hintern ausgeliefert. Ein Leben, das für den Arsch ist. So saß ich und verfiel in Trauer.

Aus “Der Stuhl, das armselige Wesen”, Erzählung, vergriffen

Und wie ich auf meinem Balkon saß und in den Himmel blickte, sah ich einen Engel, der die Form einer Wolke angenommen hatte. Und er sprach zu mir: “Du musst eine Luftspiegelung sein. Die Menschen sind nämlich eine Erfindung der Götter.” Ich setzte mein Glas ab und erhob meine Stimme: “Ja, du siehst mich doch. Da muss es mich doch auch geben.” – “Eine Psychose”, sagte der Engel und schwebte weiter.

Aus “Die Erfindung des Menschen”, Roman, vergriffen

Martin hing an seinen Luftballons. Nie sah man ihn ohne sie. Als er sich erhängen wollte, befestigte er das Seil an seinen geliebten Ballons. Sie zogen ihn nach oben, bis weit in den Himmel. Aber das bekam er nicht mehr mit. Die ganze herrliche Aussicht verschenkt. Ein Jammer. Die Idee mit dem Auftrieb, um sich zu strangulieren, war allerdings grandios. Hut ab!

Aus “Der Luftkuss”, Erzählung, vergriffen

13.6.2014

Aus meinem Tagebuch

Spielte mit dem Gedanken, später mit einem anderen. Gitarrenunterricht bei Liebermann abgebrochen, nachdem ich feststellte, dass es ihn gar nicht gibt. Aber wer ist die Frau, die sich als Liebermann ausgibt, obwohl sie gar keine Ähnlichkeit mit ihm hat? Stand am Morgen neben mir. Sah mich lange an, hielt meinem Blick aber auf Dauer nicht stand. Jetzt unter die Hängebrücke. Später Damenduschen.

Glückskeks des Tages

“Wahre Liebe muss manchmal aus der Entfernung erfolgen. Wir alle sehnen uns nach einem Partner, verfügen aber nur über ein Fernglas. Manchmal muss ein solches genügen. Dies und die Gewissheit, dass der andere nicht weiß, was wir mit uns anstellen, während wir ihn beobachten.” Pierre Lehre, Motivationstrainer

“Die Stimmung hier in Brasilien, ich muss sie als vortrefflich beschreiben. Schön, dass der Gastgeber das Eröffnungsspiel, unter anderem auch durch die wohlweislich getroffenen Entscheidungen des Schiedsrichters, gewann. Es gehört sich so, sind wir doch hier Gast. Da hat man sich den Gegebenheiten des Gastlandes anzupassen. Die Aufregung, es sei ein Elfmeter zu Unrecht gepfiffen worden, verhallteungehört in meinen Ohren. Ich nenne so etwas Feindpropaganda. Die Nacht verbrachte ich mit einer Einheimischen, die man mir zuführte, wogegen ich nichts habe, will man doch auch den Brasilianer als Mensch kennenlernen. Allerdings teilte ich nicht mein achtzehn Quadratmeter großes Luxusbett mit dem Wesen, sondern ich verwies es auf den Boden, der mir für ein solches Intermezzo doch schicklicher schien.”

Hasso von Hassmann in “Depeschen aus Brasilien”

Wir bauten für unsere Toten Gestelle, in die wir sie setzten. Wir nannten diese Gestelle Mofas. Mit den Mofas sollten sie schneller ins Jenseits kommen, was von unserem Häuptling angezweifelt wurde, der meinte, dass Motorräder viel mehr PS hätten. Bis wir solche bauten, dauerte es allerdings noch zwei Generationen.

Aus “Riten der Taka-Taka”, Sachbuch, vergriffen

12.6.2014

“Wenn die WM startet, werde ich selbstverständlich zugegen sein. Ich werde die Aussicht vom Balkon meiner Luxussuite genießen, zumal, so der Veranstalter, alle optischen Hindernisse beseitigt wurden. Erfreut nahm ich die Sprengung eines ganzes Stadtteils zur Kenntnis, dessen Armut eh nur den Betroffenen schadete.” Hasso von Hassmann

Nach einer weiteren durchschlafenen Nacht, die es so nicht noch einmal geben soll, komme ich nicht umhin, meinen momentanen Zustand als kritisch zu bezeichnen. Ausgeruht, ja piepsvergnügt, erwachte ich am Morgen, bereit, mich den Dingen zu stellen, die da meiner harren. Schlafüberfluss, eine typische Krankheit der Postpostmoderne, kann den, der daran leidet, an den Rand der Vernunft bringen. Es kann sogar so weit gehen, dass der “Geschädigte” plötzlich in der Lage ist, sich klar und deutlich zu artikulieren, was bislang undenkbar war. Nicht alles, was gedacht und gesagt wird, sollte von einem Gegenüber auch verstanden werden. Wer an Schlafüberfluss leidet, kann in der Regel auf pharmazeutische Produkte wie Viagra zurückgreifen, um sich so nächtens bei der Stange zu halten. Am besten ist es aber, man kommt erst gar nicht in eine solche Notsituation. Sorgen können hier rasch Abhilfe schaffen. Eine Scheidung, mit sich anschließenden Unterhaltszahlungen, ein Kredit, der einem die Haare vom Kopf frisst, oft bedarf es nur einer Kleinigkeit, um das Ungleichgewicht des Körpers wieder herzustellen.

Aus “Medizinmann und Medizinball – Tagebuch des Prof. Dr. Dr. Dr. Dr. Werner Pappe”

Als Meisterdetektiv war es Sherlock Holmes gewohnt, niemals zu schlafen. Wenn sich London zu Bett begab, setzte sich Holmes an den Kamin, um dort, die Augen der Schonung wegen geschlossen, über dies und das nachzudenken. Um eventuelle Gegner davon zu überzeugen, er schliefe und sie hätten leichtes Spiel mit ihm, imitierte er gar ein Schnarchen, und er tat dies so täuschend echt, dass Watson Nacht für Nacht hellwach in seinem Bett lag, nicht ohne seinen Freund und dessen exzentrische Angewohnheiten zu verfluchen.

Aus “Sherlock Holmes und das Geheimnis der Frau in Gelbblaurotorange”, Roman, vergriffen

11.6.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich begann den Tag mit einer gehörigen Portion Pommes. “Pommes”, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn wir Raumschiff spielten und sie gerade im Begriff war, auf Pflegestufe 9 zu schalten, einer Geschwindigkeit, die uns direkt durch das Universum katapultieren würde, “sind der Grundbaustein der Ernährung für das Kind. Drum iss.” Und so kaute ich, während wir in unserem erträumten Raumschiff zu den entlegensten Planeten flogen. Darunter waren solche, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte. Mehr darüber in einem anderen Eintrag. Guten Morgen!

Erste Sätze

Horst hatte sich derart versucht, dass er nicht mehr wusste, in welchem Teil des Hauses er sich befand.

Esel hasste sich für das, was er tat. Drogenhandel, Schutzgelderpressung, oh, er hatte sich sein Leben anders vorgestellt. Aber es kam, wie es kommen musste, und es wäre vermutlich, trotz seiner innerlichen Abneigung, noch lange so weitergegangen, wenn nicht plötzlich der Ego-Shooter in der Stadt aufgetaucht wäre. Wie man hörte, war er von Fridolin, dem Clown, engagiert worden.

Aus “Aufruhr im Kuscheltierland”, Kriminalroman, vergriffen

Es war eine verflucht heiße Zeit damals. Nie unter 42° im Schatten. Esel meinte, jetzt wo wir Bär los wären, würde es nur noch aufwärts gehen. Um seine These zu untermauern, schickte er mich zum Drogen verticken rauf auf den Hügel. Lauter leere Häuser. Unbewohnt, bis auf ein paar Maden, die nach Speck suchten. Allmählich kamen mir an Esels Befähigung, eine Gang von Kuscheltieren anzuführen, ernsthafte Zweifel.

Aus “Aufruhr im Kuscheltierland”, Kriminalroman, vergriffen

10.6.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich will mich ja nicht beschweren. Es gibt haufenweise Länder in denen es nicht bis gar nicht schneit. (Irgendwie scheinen mir die letzten Worte falsch gewählt.) Die würden sich vermutlich über die eine oder andere Flocke freuen. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Außerdem hat die Anzahl der Schneemänner wieder zugenommen. Es kommt mir so vor, als würden sie meiner Frau Esmeralda (Name geändert) lüsterne Blicke zuwerfen, und tatsächlich knallt in diesem Augenblick wieder ein Stein gegen das Fenster. Ein Pfiff ertönt. Nur nicht hinhören, sage ich mir, auch wenn die Worte eines Schneemanns mit Frack und Zylinder nicht zu überhören sind: “Hey, Rohm, schick deine Alte raus.” Das Gekicher der anderen Schneemänner sollte uns kalt lassen.

9.6.2014

Teddy hatte uns verpfiffen. Wir wussten es von Schildkröte, den die Informationen seinen Panzer gekostet hatte. Also holten wir Teddy am Morgen ab. “Eine kleine Spazierfahrt, Teddy.” Da wusste er wohl schon, was ihm blühte. Kein Geschrei, einfach nichts. Und als wir ihn schließlich aufknöpften, ergab er sich seinem Schicksal. Er wird mir fehlen, dieser kleine Bär, der so verflucht süß sein konnte. Wenn er einen mit seinen Knopfaugen ansah, konnte einem ganz anders werden. Aber kein Kuschelhase, kein Bär, kein Reh sollte sich in die Geschäfte von Esel mischen. Ich miaute ein letztes Mal und fuhr davon.

Aus “Aufruhr im Kuscheltierland”, Kriminalroman, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

Die Kälte nimmt täglich zu. Schneeverwehungen. Ging gestern auf die Jagd. Überall Schneemänner. Standen da und sahen mich an. Wurde nervös, aber genau das wollen sie. Oh, wie ich die Schneemänner hasse, diese durchtriebenen Werkzeuge eines kleinen Nachbarjungen namens Demon White. Zurück im Haus, versuchte ich mich an einem dreifachen Rittberger, der mir misslang. Die Finger klamm, suchte ich nach meinen Aufzeichnungen des letzten Jahres. Das Wetter 2015 hat sich verändert. Schlug ein Rad, bevor ich mich an meinen Roman setzte.

Lieber Nanook, der kleine Nunu wird täglich kräftiger, und dies ist einzig dem von dir erlegten Seehund zu verdanken, dessen Fleisch ihn stündlich wachsen lässt. Es kommt mir vor, als wäre etwas in den Brocken, das sich direkt auf seinen Körper auswirkt. Wenn es nicht verrückt klingen würde, müsste man von einem Wunder reden. Hoffentlich kommst du bald aus der Stadt zurück. Die Nächte sind kalt, und ich habe das Gefühl, dass uns etwas beobachtet. Vermutlich liegt das an der Einsamkeit. Deine Annuk

Aus “Der Seehund”, Erzählung, vergriffen

Wenn sie miteinander schliefen, lag sie nicht gerne unter ihm. Sie fühlte sich wie in einem Grab, weil er schwer wie Erde war, die man auf einen Toten schaufelte. Viel lieber begrub sie ihn. So hatte sie das Gefühl, überleben zu können.

Aus “Kampf”, Erzählung, vergriffen

Madame, eine edle Katzendame, wie sie in dieser Welt nicht mehr zu finden ist, legte bei Tisch Wert auf Etikette. Den Kopf in den Milchtrog zu stecken, das war nichts für sie. Auch kletterte sie nie über die Dachrinne, obwohl sie des nachts gerne mal im Geäst eines der Bäume saß, die noch heute ihren Park schmücken. (Es ist kaum zu glauben, dass die Zeiten der Katzenwesen wirklich vorbei sein sollen.) Die Zahl ihrer Liebhaber, so munkelt man, überstieg die Finger einer Menschenhand bei weitem; nur Nachwuchs gebar sie nicht, wohl einer Krankheit wegen, die sie sich im Kongo eingefangen hatte. Madame Penelope lebte neun Leben über mehrere Jahrhunderte, bis sie schließlich im Jahr 1931 von einem Lastkraftwagen überrollt wurde, den sie ihrer schlechter werdenden Augen wegen übersah.

Aus “Madame Penelope”, Biografie, vergriffen

7.6.2014

Blutsuppe

Jürgen, mein Sohn, saß am Tisch und verweigerte das Essen. “Das ist gute Blutsuppe”, erklärte ich ihm. “Abgezapft von unzähligen Babys, die ich heute Nacht entführt habe.” Ich zeigte auf die Leiber, die im Mondlicht silbern aufglänzten. “Nein, nein”, beharrte Jürgen. “Ich habe mit dem Thema abgeschlossen. Ich bin ab sofort Veganer.” Ich lachte laut auf. “Jürgen, wir sind Vampire, sieh das doch endlich ein.”

Aus “Blutsuppe”, Roman, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

Nichts zu tun, verlangt einem alles ab. Ich bin als Nichtstuer bekannt wie ein bunter Hund. Erst gestern Abend habe ich wieder nichts getan. Das Fußballspiel lief, aber ich habe es mir nicht angesehen. Ich habe den Fernseher gar nicht angesehen, sondern den Riss in der Wand daneben. Aber auch den habe ich nicht genau betrachtet, sonst hätte ich ja bereits wieder etwas getan. Oh nein! Ich habe den Riss nur beinahe studiert. In Wirklichkeit verlor sich mein linkes Auge rechts des Risses und mein rechtes Auge links des Risses, um einen Zustand der Schläfrigkeit herbeizuführen. So saß ich und tat nichts, indem ich fast nichts ansah.

“Ich mag die heißen Sommertage, an denen sich nichts rührt. Alle liegen rum. Wie Flaschen, die man ins Gras geworfen hat. Oder wie Wale, die gestrandet sind. Und ich geselle mich mitten unter all dieses regungslose Menschengut, dieses meteorologische Strandgut, das man, ist es hübsch und weiblich, gerne einsammeln würde. Hinein mit dir in meinen Korb, möchte man rufen. Der müsste entsprechend groß sein, ein Menschenkorb bzw. Frauenkorb (ich möchte aber keinen erhalten, also merken). Und ich, der unterwegs ist als Frauenfischer, würde als Messias gefeiert. Der Orgasmusmessias, das würde mir gefallen. Der Frauenfischer von Mulde. Dort wohne ich nämlich, in Mulde.” Siggi Grabowski

6.6.2014

Maja ist das schönste Mädchen der Welt. Niemand kann so wunderbar herzausreißend töten wie sie. Wenn sie einem Jungen den Kopf abbeißt, macht sie mich unendlich stolz. Wir sind eine eigenwillige Familie, die viel umzieht. Wir treiben wie Holzplanken auf der Zeit, die Wellen der Jahrhunderte tragen uns voran. Heute leben wir in London. Wenn der Nebel kommt, gehen wir auf die Jagd. Die ganze Familie. Wir lieben uns. Und nur das zählt.

Aus “Maja”, Erzählung, vergriffen

Große Sätze, die einen auch nicht weiterbringen (1)

Aus meinem derzeitigen Manuskript, heute der Satz: “Roman hatte eindeutig das Ende der Käsestange erreicht.”

Aus meinem Tagebuch

Schrieb ein wohlfeiles Gedicht über die Not des Ackermanns während der Sekunden vor der Entbindung seines geliebten Eheweibs. (Sie wird von einer Riesin entbunden.) Hätte nicht so viel trinken sollen. Alles unleserlich. Und das, obwohl ich ein Textprogramm benutzte. Versuchte, den Bildschirm zu zerreißen. Es misslang. Um mich zu beruhigen, widmete ich mich meinem Ölgemälde “Jesus wird von den Händlern aus dem Tempel vertrieben”. Sehr antireligiös, sehr antimetaphysisch, eben alles sehr anti. Sprayte anschließend den Raum ein und bekam einen Hustenanfall. Werde jetzt weiter an meiner Novelle für den älteren Herrn arbeiten.

4.6.2014

Erste Sätze

Seine Träume wurden von Nacht zu Nacht realistischer, und als er an diesem Morgen erwachte, und mit der Zunge über seine Zähne fuhr, war er nicht überrascht, Straßenbelag zu spüren.

Erste Sätze

Der Sonnenaufgang war wegen Bauarbeiten gesperrt.

Borg liebte es, sich von der Sonne verbrennen zu lassen. Stundenlang setzte er sich ihr aus. Er stellte sich vor, dass die letzten drei verbliebenen Haare auf seinem Kopf verkümmerte Bäume auf einem Hügel wären, auf dem sonst nichts wuchs. Da standen sie, unbewegt, kein Wind, dafür aber eine gnadenlose Sonne, die aus der Haut allmählich Sand werden ließ. Nach einer Weile setzte er eine Ameise auf seinem Haupt aus. Das Kribbeln verriet ihm ihren ungefähren Aufenthaltsort. Welch grausames Spiel. Da suchte das arme Geschöpf nach einem schattigen Unterschlupf und fand nur drei verbrannte Stämme. Borg gluckste, so aufgeregt war er. Die dabei entstehende Erschütterung seines Kopfes verbuchte er als Erdbeben. Hach, er war ein Planet, auf dem sich sekündlich Unglücke ereigneten.

Aus “Borg”, Roman, vergriffen

3.6.2014

Als ich an diesem Morgen aus feuchten Träumen erwachte, fand ich mich zu einem ungeheuren Menschen verwandelt. Fünf Finger, und die an jeder Hand, zwei Augen und eine Nase. So würde ich mich nicht unter meinesgleichen mischen können. Man würde mich wie einen Weihnachtsjungen zerpflücken. Ich musste, ob ich wollte oder nicht, zusehen, dass ich ein Monsterkostüm fand, und das in einer Welt, in der kein Monster je als Monster auf eine Party ging, sondern, um den Ekelfaktor Richtung Mount Everest zu schrauben, selbstverständlich als Mensch. Schon das Wort drehte mir den Magen um. Menschen gab es sonst nur in Sagen, in alten Märchen, in Geschichten, die wir unseren Kindern auftischten, um sie vor achtlosen Spaziergängen im Hochhauswald abzuhalten. Und nun hatte ich mich selbst in ein solch hässliches Geschöpf verwandelt. Ich drehte mich zur Seite und übergab mich.

Aus “Und wenn du nicht schläfst, kommen die Menschen und holen dich”, Erzählungen, vergriffen

Erste Sätze

“Janeinvielleichtbestimmtichweißnicht!” Werner hatte sich vollkommen verantwortet.

2.6.2014

Aus meinem Tagebuch

Es gibt die merkwürdigsten Hobbys. Die einen tränken Pferde, die anderen stehen in Badewannen. Jeder nach seinem Gusto. In unserem Haus z.B. lebt eine Frau, die gerne ihre Wohnung verlässt. Sie geht aber nicht wirklich. Hat sie einen Schritt nach draußen gemacht, kehrt sie zurück, schließt die Tür, richtet sich den Kragen, fährt sich durch die Haare, räuspert sich, öffnet die Tür, verlässt die Wohnung, schließt die Tür, öffnet sie wieder, schlüpft ins Dunkel des Flurs zurück, dreht sich, sodass das ganze Spiel von vorne beginnen kann. Sie empfindet dies als Freizeitvergnügen. “Ich gehe nur fast”, erklärte sie mir einst. “Ich wüsste gar nicht, wohin ich sollte, aber das Verlassen meiner Wohnung gaukelt mir vor, dass ich unterwegs bin. Die Außenwelt macht mir Angst, die Wohnung allerdings auch. Am liebsten würde ich auf meiner Schwelle leben. Wie jemand, der nicht leben und nicht tot sein möchte. Ein Zwischenwesen. Sollte ich dereinst sterben, möchte ich beim Fährmann verbleiben. Ich möchte nicht hier und nicht dort sein, sondern zwischen allen Stühlen sitzen.” Sie macht das übrigens wirklich. Ich konnte es beobachten, als sie bei uns zu Besuch war. Da hockte sie sich tatsächlich auf den Boden zwischen unseren Stühlen.

Aus meinem Tagebuch

Wir waren auf einem Spielplatz. Überall kleine Inseln aus Eltern, von denen Kinder aus- und einliefen. Wir streckten unsere Gesichter ins Sonnenlicht und lasen, während unser Nachwuchs sich wirtschaftlich mit der Schaukel auseinandersetzte. “Aufschwung!”, riefen sie. Danach: “Abspringen!” Später balancierten sie über einen Steg, der das Leben symbolisierte. Jeder Schritt konnte der falsche sein. Es gab einen kleinen Jungen, der fliehen wollte, von seinem Papa aber eingeholt wurde. Nirgendwo kann man mehr fürs Leben in den kapitalistischen Breitengraden lernen.

Erste Sätze

Zugführer Lars war für seine Entgleisungen berühmt und berüchtigt.

Aus meinem Tagebuch

Es gibt da diesen Autor, der ein Konto bei Facebook hat. Im Moment dreht er etwas ab. Er sitzt in einem anderen Land, hat Frau und Kind verlassen, und wartet auf seine Geliebte, die Hunderte Kilometer entfernt ihren Geschäften nachgeht. Jetzt hängt er ihr dauernd Bilder und Nachrichten an die Pinnwand, in denen er ihre Liebe beschwört. Das ist seltsam und peinlich zugleich. Es zeigt uns, dass, wenn man sich virtuell offenbart, wie ich das ja auch tue, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Vielleicht sitze ich nur einem Projekt auf, vielleicht schreibt er eine Art Bildergeschichte für Facebook. Zumindest bei mir können die Leser sicher sein, nichts als die reine Wahrheit zu finden. Alles wurde gelebt, erlebt, zerlebt, durchlebt, um es in nachher in meinen kleinen Tagebuchaufzeichnungen zu bündeln, wie etwa die Geschichte über meine Frau, die dereinst als Büchersaugerin berühmt werden wird. Sie, die in der Lage ist, ein Buch wie eine Suppe zu löffeln, gehört einem alten Geschlecht von Buchessern an. Buchesser verspeisen Romane, weil sie ohne Buchstaben verrecken würden, um es einmal deutlich ausgesprochen beziehungsweise ausgeschrieben zu haben.

31.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Die Sonne ist zurück, dieses kleine Goldstück. Ich dachte schon, dieses Mal bleibt sie fort. Es gibt die alten Sagen, die davon erzählen, dass, wenn die Sonne verschwindet, das Reich der Toten beginnt. Sie kehren aus ihren Gräbern zurück, mit leeren Augen, leerem Herzen und einem leeren Geldbeutel. Aber sie hätten dieses Bedürfnis einzukaufen. Ich weiß nicht warum, aber die Toten wollen kaufen, kaufen, kaufen. Nur Geld haben sie keins, und so überfallen sie Banken und ahnungslose Passanten. Sie brechen in Häuser ein, und wenn sie genug Geld haben, fahren sie nach Disneyland oder in einen anderen Vergnügungspark, in der Hoffnung, das zu finden, was sie verloren haben. “Was haben sie verloren?”, fragte ich einst meine Großmutter, die als Näherin bei einem Bestatter arbeitete. Sie zuckte mit den Schultern und sagte: “Vermutlich das …” Ein Scheppern unterbrach sie, weil einer der Toten von der Bahre gepurzelt war. Oma nähte auch zu Hause, und manchmal nahm sie die eine oder andere Leiche mit in ihre Wohnung.

Erste Sätze

Elvira stellte mir das Paket vor. “Das ist Hartmut”, sagte sie.

30.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich habe eine Musiksendung gesehen, deren Namen ich vergessen habe. Das ist nichts Neues. Schon meine Mutter warnte mich, dass ich dazu neige, mir die Titel von Musiksendungen nicht einzuprägen. “Du bist ein vergesslicher, kleiner Junge”, sagte sie und spielte den Auftritt eines Entertainers nach, den wir ihrer Meinung nach am gestrigen Abend im Fernsehen gesehen hatten. “Welche Sendung?” Ich zerbrach mir den Kopf, ich schwitzte Blut und Wasser, aber es wollte mir nicht einfallen. Es war, als hätte die Nacht den Tag zuvor ausgelöscht. Ich begann jeden Morgen wie ein Neugeborenes. Sabbernd lag ich in meinem Bett und wartete darauf, von Mutter auf den Arm genommen zu werden. “Du bist ein Baby!”, schrie sie. Und dann: “Nein, ich habe dich auf den Arm genommen.” Selig lächelte ich sie an.

Erste Sätze

Frank richtete das Maschinengewehr auf den Bildschirm. “Hände hoch!”, schrie er. Er zitterte. Das war sein erster Datenbanküberfall.

Erste Sätze

Peter gab an, fünfzehn Meter groß zu sein.

Aus meinem Tagebuch

Ich war heute Morgen bereits ungemein fleißig. Ich schnitt ungeheure Mengen Buchtstaben aus den Zeitungen der letzten Wochen und klebte sie zu einer Kurzgeschichte zusammen, die ich einigen Politikern in der Umgebung als Warnung zukommen lassen werde. Sie sollen wissen, dass sie unter literarischer Beobachtung stehen, so trägt eine den Titel “Ich weiß, mit wem du es letzten Sommer getrieben hast, und wenn du nicht aufhörst, die Schwänze der Lobbyisten zu lutschen, erfährt es deine Frau”. Eine äußerst feinfühlige Geschichte um Liebe und Betrug. Ich denke diese Art von Text könnte tatsächlich bis in das Leben eines Menschen wirken. Es könnte sein, dass er etwas verändert.

28.5.2014

Liebes Tagebuch, jetzt sind die Europawahlen schon wieder rum. Und nun? Ich hatte mich so darauf gefreut. Ja, ich hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, Profiwähler zu werden. So einer, der von Wahl zu Wahl fährt, in schicken Anzügen und teuren Autos. Die jeweiligen Vertreter der Parteien hätten mich schon am Flughafen abgeholt. “Da sind Sie ja, Herr Marx!” Man hätte mir eine Weintraube in den Mund gesteckt und eine Prostituierte zugeführt, weil ich so enorm wichtig bin. Als Wähler würde ich schließlich entscheiden, wer an die Macht kommt. Und nun nix, kein Angebot von niemand. Scheiße! Ich werde wohl weiterhin bei Mama wohnen müssen, die meint, das wäre sowieso richtiger für einen jungen Mann von Anfang 40, der noch überlegt, was er mal werden will. Vielleicht Soßenprobierer. Oder Onlinemagazinbeobachter. Was auch aus mir werden wird, liebes Tagebuch, ist egal, weil ich auf jeden Fall eine Riesenkarriere in der Irgendwas-Branche machen werde. Dein Markus Marx

Aus “Atmen kann ich selbst – Die Tagebücher des Markus Marx”

27.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Ich liebe es, wenn es regnet. Unablässig fallen die kleinen Kerle vom Himmel. Unzählige Tropfen, die wie Fallschirmspringer aus ihren Wolkenfliegern stürzen, todesmutig, nicht ahnend, dass sie Sekunden später auf Windschutzscheiben und Hausdächern ihr Leben lassen werden. Will man nicht von ihnen getroffen werden, muss man sich schützen, man muss unter einen Regenschirm schlüpfen. Hat man keinen zur Hand, hilft es, wenn man sich eine Jacke oder ein kleines Kind über den Kopf hält. Nicht das eigene, oh nein, das würde man nicht tun, aber vielleicht ist das nervige Balg der Nachbarn greifbar. Sollten Sie trotzdem von den nassen Kugeln getroffen werden, halten Sie durch. Ich hoffe für Sie, dass Sie nicht zu den Zuckermenschen gehören, die es ja auch gibt. Mein Vater jagte sie früher. Er tötete und hackte sie in tausend Stücke, um ihre Hände und Füße und Knie an die Industrie zu verkaufen, das war, bevor man die Tötung von Zuckermenschen unter Strafe stellte. Ja, bei Regen tauchen so viele Erinnerungen auf. Grausame und schöne.

“Karl konnte Tropfen mit seinen Zähnen auffangen. Als schließlich der Zirkus Diabolus in die Stadt kam, führte er dem erstaunten Direktor seine Künste vor. Der Mann zögerte nicht, den wagemutigen Karl in seine Truppe aufzunehmen. Bereits am nächsten Abend stand er vor einem erstaunten Publikum, das nicht glauben wollte, dass ein Mann dazu in der Lage sein sollte, Tropfen mit dem Mund aus der Luft zu fischen. Um die Ängste, die sein Auftritt freisetzten, zu bändigen, schlug man Karl kurzerhand tot. Nach einem kurzen Moment der Ruhe, ließ man den nächsten Programmpunkt folgen. Eine Frau kochte vor aller Augen. Das war man gewohnt, dies ließ man gelten.”

Aus “Zirkus des Lebens”, Novelle von Heinrich Silberling, vergriffen

26.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Es soll Länder geben, in denen nie gewählt wird. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, bin ich doch ein Wahlfanatiker, der am liebsten täglich mehrmals wählen würde. Als Kind spielte ich Wahlhelfer. Ich geleitete meine Eltern zu ihren Wahlkabinen. Ernst blickte ich dabei, es war, als würden Chöre im Himmel uns preisen, dabei kamen die Klänge von einer Schallplatte mit den größten Hits von “Der Große Preis”. Meine Eltern mussten wählen, ob ich länger aufbleiben oder gar nicht ins Bett musste, und sie taten das täglich. Schön war es.

Aus meinem Tagebuch

Heute ist Handtuchtag. Oh, ich kann mich gut daran erinnern, wie es an unserer Tür klingelte. Ein Fremder stand davor und schenkte uns Bücher von Douglas Adams. Er war es selbst. “Dies ist mein Geschenk an die Menschheit”, sagte er in gebrochenem Deutsch. Es hörte sich so an: “This is my schink for heit.” Es hätte auch heißen können: “Dies ist mein Schinken für Heiden.” Dem war nicht so. Ich weiß es genau. Adams war Atheist. Und so drückten wir die Tür sanft gegen seine Nase und lasen seine unglaublichen Bücher.

19.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Habe versucht, meine Frau in ein Sonett zu zwängen. Ging nicht, das Sonett war zu eng. “Die Worte müssen luftiger sein!”, warf sie mir vor. Also schrieb ich ein neues Sonett. Mein Vater besaß ja eine Fabrik, die sich auf Sonette spezialisiert hatte. Und auf Koteletts. Aber die wollte keiner anziehen. Das war ein glatter Reinfall. Die Koteletts stanken nach Bratenfett. Das führte dazu, dass die meisten Paare Restaurantbesitzer wurden, wenn sie überhaupt zusammenkamen. Dagegen kann man ein Sonett beim Ausziehen vorlesen lassen, hat man einen literaturbegeisterten Partner.

5.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Gehen heute auf einen Geburtstag. Live-Geburten sind so en vogue. Wir stehen alle im Kreis, drum Kreissaal, und schreien: “Pressen!” Anschließend schmettern wir ein “Alles Gute zum Geburtstag” und machen uns über den Mutterkuchen her. Manchmal sind aufgeklärte Städter unter uns, die uns als Barbaren beschimpfen. Das tun wir mit einem Schulterzucken ab. Später lassen wir sie von den Hunden reißen. Das ist nie persönlich gemeint, aber man hat ja einen Ruf zu verteidigen.

Perplinski unterweist mich in der Kunst der Vampirjagd. Hat man einen dieser Blutsauger dingfest machen können, gilt es, ihn zu pfählen. Der Bürgermeister und seine Tochter stellen die Pfähle selbst her. Sie schnitzen sie, verzieren sie mit kleinen Bildern, die von ihrem Alltag erzählen: Perplinski beim Kochen, bei der Arbeit im Gemeindezentrum, beim Sitzen im Schaukelstuhl. “Mein Vater”, erklärte mir seine Tochter Anastasia, “ist ein großer Vampirjäger. Er ist gefürchtet.” Nachts muss ich in der kleinen Hütte im Hof schlafen. Man nennt mich das Hofkind. Ich soll anschlagen, wenn ein Fremder sich an den Fensterläden oder der Tür zu schaffen macht. Tags darf ich mit Perplinski üben. Wir rammen die Pfähle in die Leiber von Strohpuppen. “Bald”, sagte Perplinski”, “wird es zu einem Krieg zwischen Mensch und Vampir kommen.” Ich denke, er ist verrückt, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so etwas wie ein Zuhause gefunden.

Aus “Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko”

4.5.2014

Aus meinem Tagebuch

Waren bei M, der sich verändert hat. Sah mehr wie ein N aus. “Sogar wie ein O”, sagte meine Frau später. Saßen herum und sprachen über Krebs. Jetzt Depressionen und Brühe. Später soll noch gelacht werden. Sollte ich mich ausklinken?

Aus meinem Tagebuch

Erwachte mit dem unbedingten Bedürfnis, urinieren zu wollen. Gab dem nach, verlief mich aber und landete in der Küche. Verwirrung! Was sollte ich tun? Schrie um Hilfe, während meine Frau ein Gedicht von Benn rezitierte. Wild um mich schlagend wurde ich schließlich von der Tochter aufs Örtchen verfrachtet, dort ich mich genüsslich erleichtern konnte. Jetzt Gemüsesaft und Ringelnatz.

Bürgermeister Perplinski hat mich auf der Straße aufgelesen. “Bist du nicht der Kleine, der nachts durchs Dorf läuft?” Ich nickte aufgeregt, hatte mich ein so populärer Mann doch bisher noch nie angesprochen. “Ich werde dich zu meinem Assistenten machen.” Ich muss glücklich gelächelt haben, denn er tätschelte mir den Kopf und legte mir eine Hundeleine um den Hals. “Die ist nur zu deiner eigenen Sicherheit. So kann ich dich von den anderen Kindern wegzerren, die nicht nur an dir schnüffeln wollen.” Er führte mich Gassi, wie er sagte. Zunächst fiel es mir schwer, mein Geschäft mitten auf der Straße zu verrichten, aber Perplinski redete mir gut zu. Der Junge, den sich sein Konkurrent Jabuzinski in Moskau besorgt hatte, würde auch an jeder Hausecke sein Bein heben. “Schön, schön”, murmelte Perplinski, “jetzt habe ich meinen ersten eigenen Jungen. Ich wollte schon als Kind einen haben, aber mein Vater hat mir keinen geschenkt. Wir waren arm, wir konnten uns nicht mal ein Mädchen leisten. Furchtbare Zeiten, furchtbare Zeiten ….”

Aus “Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko”

1.5.2014

Aus meinem Tagebuch

1. Mai. Tag der Arbeit. Meine Frau muss die Küche und den Rest der Wohnung reinigen. Wir machen das einmal im Jahr, eben an besagtem Tag. Anschließend begeben wir uns zu den in Fulda berühmt-berüchtigten Maiausschreitungen. Ein Vorschreiter geht voran, wir anderen folgen. Wir schreiten exakt in einer Länge von 20,3 Zentimeter aus. Warum diese Zahl? Sie wurde dereinst von Karl Vendelix festgelegt, der 20,3 für die ideale Zahl hielt. “Alles Göttliche befindet sich in einer Entfernung von 20,3 – seien es Zentimeter oder Lichtjahre. So stehe ich gerade 20,3 Meter von einem Mülleimer entfernt. Der Begriff des Zufalls kann hier ausgeschlossen werden.”

1.5.2014

Ich muss jede Nacht draußen schlafen. Mama erklärte, das würde mich abhärten. Die Kälte ist kaum auszuhalten. Um nicht zu erfrieren, laufe ich durch das Dorf und linse durch die Ritzen der Fensterläden. Terkowski, der Wirt, schlägt seine Frau. Sie legt sich über einen Stuhl und streckt ihm ihren blanken Hintern entgegen. “Fester, fester, du Nichtsnutz!”, fordert sie. Er hat ein ganz rotes Gesicht. “Weib, ich kann nicht mehr. Gönn mir doch eine Pause.” Nur ein Haus weiter wohnt unser Bürgermeister Perplinski, der an Vampire glaubt. Er hat sein ganzes Haus mit Knoblauch und Kruzifixen geschmückt. Es sind so viele, dass er kaum einen Schritt machen kann. Ich konnte in der letzen Nacht beobachten, wie er sich in sein Bett quälte, das die Form eines Kreuzes hat. Seine Tochter, die ihre Mutter laut Perplinski an die Vampire verlor, andere Stimmen sprechen von dem Dorfcharmeur Vladimir, musste ihn wie den Gottessohn höchstselbst justieren. “Ja, jetzt fühle ich mich sicher. So kann ich schlafen”, stöhnte er unter Schmerzen.

Aus “Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko”

30.4.2014

Ich habe gestern mit Onkel Wanja eine Schneefrau gebaut. Ihre Brüste konnten Onkelchen gar nicht groß genug sein. “Lass uns noch mehr Schnee nehmen!”, schrie er aufgeregt und pappte ihn auf die zwei betreffenden Stellen. Er bewegte seine Hände im Kreis. “Oh, die fühlen sich gut an”, stöhnte er. Außerdem bekam sie Unterwäsche übergestreift, die er von Lara, der Dorfschönheit, gestohlen hatte. “Sieht sie nicht ganz wie Lara aus?” Nein, dachte ich. Im Gegenteil, sie erinnerte mich an Valentin, den Dorfidioten, der sich wieder mal in Frauenwäsche gezwängt hatte. Nachdem wir fertig waren, musste ich Onkel Wanja helfen, die Schneefrau auf einen Karren zu verladen, um sie bei ihm zu Hause in die Wohnstube zu bringen. “Sie wird schmelzen”, sagte ich. Onkel Wanja nickte nervös, leckte sich die Lippen und bat mich, zu gehen.

Aus “Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko”

29.4.2014

Ich habe versucht, den Schnee zu fangen, der vom Himmel fiel. Ist ganz schön schwierig, vor allem, wenn man Schneeflocke für Schneeflocke aus der Luft klauben will. Und hat man eine, schmilzt sie. “Ja”, sagte meine Mutter, “wie gewonnen, so zerronnen. Merke dir das, Dimitri.” Sie ging auf ihr Zimmer zurück, weil sie wieder einen Onkel empfing. Täglich kommen an die fünfzehn bis zwanzig Männer, die sich in ihr Bett legen wollen. “Arme Männer ohne Bett”, hat sie mir erklärt. “Ich gebe ihnen für eine Stunde das Gefühl, sie würden wieder über Bettzeug verfügen.” Meine Mutter ist wirklich eine gute Frau. Ich habe durch das Fenster gespäht. Um die Männer zu wärmen, turnt sie sogar mit ihnen. Und nach einer Weile spielen sie abwechselnd Decke. Jeder darf mal auf jedem liegen. Bin ich groß, will ich auch Decke werden. Oder Turner. Oder beides, wie meine Mutter.

Aus “Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko”

28.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Es regnet noch immer. Es scheint, als ob es gar nicht mehr enden will. Die Dunkelheit streckt sich wie eine Katze über die Landschaft. Ich sitze und tippe mit der Gemächlichkeit einer Straßenbahn, die meinen Augen nichts, was um sie herum geschieht, vorenthalten möchte. Das Licht der Lampe wirft ein Zelt über mich. Noch mehr Vergleiche und es wird kompliziert, immerhin sitze ich bereits jetzt in einem Zelt in einer Straßenbahn unter einer Katze. Das kann rasch zu Vermutungen führen, die mir den Umgang mit Leuten, die mein Tagebuch eifrig studieren, erschweren. Man könnte mich für einen Drogenfreak halten. Einen Visionär. Einen Mann, der Freunde im Tierhandel und im öffentlichen Nahverkehr hat. Ich könnte es streichen, aber mein Ziel ist es, in diesem Tagebuch Augenblicke festzuhalten, Momente, die wie Puzzlestücke ein Leben ergeben. Die wenigsten Teile lassen sich wirklich verbinden, aber zum Glück verfüge ich über die Schere meines Willens, dem Unangepassten den rechten Schnitt zu verpassen, was mich an meine Jahre als Friseur in Alaska erinnert. Aber das ist eine andere Geschichte.

27.4.2014

Ich hatte Bärmann seit drei Wochen observiert. Keine Auffälligkeiten. Keine Geliebte, wie von der Ehefrau vermutet. Ich steckte gerade unter seinem Bett, er war im Bad, als mich die SMS meiner Frau aus der Zentrale erreichte, dass ich den falschen Mann verfolgt hatte, nämlich den Zwillingsbruder, von dem man uns nichts berichtet hatte. Egal. Jeder hatte Dreck am Stecken.

Aus “Der unauffällige Mann – Detektiv Alkmann ermittelt”, Roman, vergriffen

Aus meinem Tagebuch

Es regnet Katzen und Hunde. Jaulend und miauend fallen sie vom Himmel, bevor sie auf Dächern und Straßen platzen und ihre Innereien ergießen. Blut rinnt, die Wiesen sind eine dunkelbraune Pampe. Die Regenschirme müssen aus Metall sein und von mehreren Männern oder Frauen gleichzeitig getragen werden, so dass erstmals die Mormonen in der Spaziergängermehrheit sind. Die Katholiken, aus denen Fulda hauptsächlich besteht, berufen sich auf die biblischen Plagen, finden aber die von den Katzen und Hunden nicht. Manche glauben, es regne Visionen und kommen in einem Hagel aus Tierkörpern um. Trotz aller Unwetterwarnungen, trotz der Ankündigung, es könne später auch noch Bindfäden regnen, werden wir uns eine kleine Ausfahrt mit unserem Familienpanzer gönnen, damit uns nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fällt.

25.4.2014

Aus meinem Tagebuch

Wir werden heute Abend auf einer Veranstaltung sein. Ich mag normalerweise keine Veranstaltungen. Sie erinnern mich an die Friedensdemonstrationen meiner Kindheit, zu denen ich musste – ob ich wollte oder nicht. “Wir gehen auf eine Veranstaltung”, sagten meine Eltern. Mit einem klapprigen VW-Bus fuhren wir von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort. “Die Veranstalter veranstalten nachher noch eine Luftballon-Parade.” Mein Vater liebte Veranstaltungen auf Veranstaltungen. Manche glichen Matrjoschkas, aus denen eine Veranstaltung nach der anderen schlüpfte. Auf der längsten waren wir vier Jahre. Vier wichtige Jahre, die mir niemand mehr zurückgeben kann.

Es klopfte.
“Vor unserer Tür”, schlussfolgerte Holmes messerscharf, “befindet sich eine Person männlichen oder weiblichen Geschlechts, die den unbedingten Wunsch verspürt, mit uns Konversation zu treiben.”
Ich drückte mich mühsam aus dem Sessel nach oben, in dem ich mehr gelegen als gesessen hatte, und dessen weiche Polster mich schläfrig gemacht hatten, um nachzusehen, wer zu dieser späten Stunde störte.
Zwei Schritte später öffnete ich, um erstaunt festzustellen, dass Holmes sich nicht geirrt hatte. Tatsächlich starrte mich eine verängstigte Person, weiblichen oder männlichen Geschlechts, so leicht war das nicht auszumachen, an und bat darum, ein Gespräch mit uns führen zu dürfen. Um was es dabei gehen könnte, sei ganz uns überlassen.
Holmes lächelte mich unverschämt breit an, darum wissend, dass sein Verstand die Situation wieder einmal richtig eingeschätzt hatte. Sehen Sie Watson, schien es sagen zu wollen.

Aus “Sherlock Holmes in Trier”, Roman, vergriffen

Sandmännchen

Dereinst
werde ich gerecht.
Ich werde mich durch
einen Sieb quetschen
und mich auf einen
Haufen sieben,
direkt auf dem Zentralfriedhof,
so dass die Leute kommen
und mit mir spielen können.
Eine Burg werden sie
aus mir bauen,
die vom aufkommenden Abendwind
davongetragen wird,
vielleicht ins Auge
eines Spaziergängers,
der sich kurz verwundert
sein tränendes Auge
reibt.

Aus meinem Tagebuch

Ich befinde mich in einer Krise. In solchen Momenten trinke ich viel zu viel, meist Wasser, das ich mir direkt am Wasserhahn zapfe. Ich schlendere hinüber zu diesem Hahn und drehe ihn auf. Das Wasser läuft in den Becher, Liter für Liter, bis der Becher voll ist und ich das Wasser trinke. Meist in einem Zug, auch wenn Züge in unserer Wohnung schwer aufzutreiben sind. Ich setze mich in ein Abteil und betrachte die Zimmerlandschaft. Ewig diese Bücherregale. Ich kann sie nicht mehr sehen. Sie erschöpfen mich. Der Zug in unserer Wohnung kommt natürlich nirgendwo an. Ich steige aus, wo ich eingestiegen bin. Ich nenne ihn deshalb auch Sisyphos-Express.

24.4.2014

Gort – Ein Autor für alle Fälle

Eine kleine Literaturgeschichte

1.

Am Anfang steht der Wunsch. Dieser eine Wunsch. Da kann Gort noch nicht mal richtig lesen. Klein wie eine Maus ist er. Aber der Wunsch ist da. Schriftsteller will er werden. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Schriftsteller, den alle lesen.

Gort steht im Wohnzimmer seiner Eltern. Auf seinen wackeligen Füßen steht er. Wie eine Blume im Wind. Würde man zu fest blasen, seine Haare würden in alle Himmelsrichtungen davongetragen.

Im Fernsehen kommt ein Bericht über Unseld. Über die Gruppe 47. Über Grass. Wichtig sehen sie alle aus. Sie rauchen, drum, so beschließt Gort augenblicklich, wird auch er dereinst rauchen. Nicht wenig, sondern viel. Massen! Ein Kettenraucher wird er werden. Einer, der die Zigaretten an einer Kette um den Hals trägt. Und dann kommt eine nach der anderen dran. Eine nach der anderen. Ein Kettenraucher eben.

Seht (was nur geht, wenn dies ein Film wäre), wie Gort Richtung Fernseher wippt. Füße vor. Füße zurück. Wie ein Schaukelpferd. Gort wippt sich zum Bildschirm hin, bis er ihn berühren kann. Er kann die Kraft spüren. Ein Knistern in den Fingern. Er weiß, er ist ein Gesalbter.

Vater spürt die Heiligkeit des Augenblicks. Er springt auf, nein, das macht er nicht. Er lässt sich von Mutter aus dem Sessel helfen. Sie befreit ihn daraus wie aus dem Kelch einer fleischfressenden Pflanze. Nach oben in die kühleren Luftschichten zieht sie ihn. Hält ihn, damit er nicht fällt. Zum Fallen neigt er. Vater ist ein Baum, der, wenn er steht, immer gerade gefällt wird. Sie hilft ihm zum Plattenspieler, damit er den Moment musikalisch untermalen kann.

“Jetzt, wo der Junge ENDLICH weiß, was er werden will, sollten wir ein Stück von Roger Whittaker spielen. Abschied ist ein scharfes Schwert vielleicht.”

Welch eine Familie. Da stehen sie und lauschen der Stimme Rogers. Sie sehen Gorts Zukunft bereits vor sich. Es wird alles kommen, wie er es sich vorgenommen hat, so hofft er. Er wird eine Lehrerin heiraten. Wird zur Gruppe 47 eingeladen. (Die es damals schon längst nicht mehr gibt.) Er wird einen ersten Riesenerfolg schreiben. Danach noch einen. Und noch einen. Der Büchnerpreis. Am Lebensende der Nobelpreis.

So und nicht anders verlaufen deutsche Karrieren. Man muss es nur wollen.

2.

Der Wille. Er kommt als nächstes. Der Wille kann alles verändern. Der Wille unterscheidet den Menschen vom Ding. Wäre der Stein mit einem Willen ausgestattet, er würde sich aufheben, um fortan als Waffe Gesichter zu verunstalten. Vielleicht. Wer kann schon wirklich wissen, was Steine tun würden, hätten sie einen Willen. Es könnte auch sein, sie würden liegenbleiben.

Aber Gort ist mit einem unbändigen Willen ausgestattet. Er und sein Wille sind eins. Sie verwachsen. Gort wird zum Willen schlechthin.

Während die anderen Kinder mit den Fahrrädern durchs Viertel jagen, stemmt Gort seine ersten Bücher. Noch sind es keine Romane, sondern Comics. Täglich werden es mehr. Unzählige Asterix-Bände lässt er von seinem Vater, der ihn trainiert, auflegen.

Bereits in den frühen Morgenstunden joggt er nach Frankfurt. Später wird es Berlin sein. Hin zum Suhrkamp-Haus. Damals will er noch ein bedeutender Autor werden. Das wird sich ändern.

Er steht vor dem Verlagsgebäude und heult wie ein Wolf. Er raucht. (Bereits in diesen frühen Jahren raucht er Kette. Ist eine ausgeraucht, greift er rasch, die Hand zittert dabei, nach der nächsten. “Wer nicht raucht, der schafft es niemals”, hat ihm sein Vater hustend erklärt.)

Nachmittags schmuggelt ihn Vater in eine Schlachterei, damit er auf Schweinehälften einprügeln kann. Der Rocky-Film ist gerade in aller Munde. Alle wollen sie so sein. So wie Rocky. Auch Gort. Und wie Rambo. Den darf man nicht vergessen. Eine ganze Generation wächst mit dem Wunsch heran, eine Wunde am Arm zu haben, die man mit Nadel und Faden vernäht. Näherarbeitsplätze laufen über. Alle Jobs besetzt. Die Branche boomt.

Ein typischer Morgen im Leben des Nochnichtganzautors Gort sieht folgendermaßen aus: Sein Vater weckt ihn mit einem Eimer eiskalten Wassers.

Das Wasser ergießt sich über sein Gesicht, über die Bettdecke. Alles ist eingeweicht. Es ist fürchterlich. Keine Zeit, um langsam oder allmählich zu erwachen. Du schreckst auf. Bist sofort da. Die Gegenwart beißt dich in dein verfluchtes Gesicht, das sticht, als hätte man tausend Nadeln in ihm versenkt. Tausend und mehr Nadeln gleichzeitig. Stell dir das vor. JETZT!

Der Vater kennt keine Gnade.

“Du willst der Beste werden?”, schreit er Gort an.

“Ja.”

“Ich kann dich nicht hören.”

“Ja, Sir!”

“Bist du ein Näher oder ein Autor?”

“Ein Autor, Sir!”

“Dann lauter!”

“Ich bin ein Autor!”

“Was?”

“EIN AUTOR!”

So geht es hin und her. Oft stundenlang. Vater schleift ihn. Drillt ihn. Er peitscht ihn mit einer Bibel-Ausgabe aus den Laken. Raus in die Morgenluft. Kein Frühstück. Das ist für Schwächlinge. Gort muss rauchen. Kaffee trinken. Das Frühstück der Schriftsteller. Alkohol kommt später. Eine Alkoholsucht gehört dazu. Und nicht nur die, sondern auch eine Koks- und eine Heroinsucht. Alles muss er mitgemacht haben. Er muss die Pforten der Wahrnehmung durchschritten haben.

“Und ziehen!”, schreit Vater.

Gort nuckelt an der Zigarette, bis es dem Vater reicht. Er ist wütend. Sauwütend.

Der Vater schüttelt den Kopf. “Aus dir wird nie ein guter Autor. Sieh dich an, wie du rauchst. Wie ein kleines Mädchen. Das ist erbärmlich. So erbärmlich.”

3.

Der Vater unterrichtet den Sohn selbst. Keine Schule. Sie fahren mit einem Wohnwagen durchs Land, stets auf der Flucht vor dem Schulamt, der Polizei, Anwälten.

Angst, lehrt der Vater seinen Sohn, sei ein guter Lehrmeister. Angst und Entbehrungen. Das Leid habe all die großen Schriftsteller erst geformt.

Gort wird mit Mädchen zusammengebracht. Wieder und wieder verliebt er sich. Wieder und wieder wird er enttäuscht.

“Große Romane entstehen aus Liebesleid”, sagt der Vater, der die Mädchen bezahlt und ihm zuführt.

Sie fahren einige Wochen mit, sitzen mit am Tisch, wenn Gort alles über Dostojewski und Nabokov lernt, halten Händchen mit ihm, laufen mit ihm abends im Sonnenuntergang, schmiegen ihre Wange an seine. Sie schwören ihm ewige Liebe. Schreiben ihm Briefe, die er beantwortet. Die Briefe sind Arbeiten, die der Vater benotet.

Größer und größer wird die Last auf den Schultern des jungen Mannes.

Eines Tages bricht er vor einem Supermarkt heulend zusammen. Der Vater schreit auf. Begeisterung. Sein Sohn befinde sich kurz vor dem Ziel.

Sie schleifen Gort in den Wohnwagen, schicken seine momentane Liebe nach Hause zurück und verabreichen ihm zum ersten Mal Drogen.

4.

Drogen. Sie werden sein neuer Heimathafen. Sein Dach, unter das er sich vor den Unwettern des Lebens zurückzieht. Der Vater experimentiert mit den verschiedensten Substanzen, bis er auf ein aus einer Alge gewonnenes Rauschgift stößt: BLUE DREAMS.

BLUE DREAMS macht melancholisch. Es fördert die bipolare Störung.

“Genau das, was du als Schriftsteller brauchst”, sagt der Vater.

Sie fahren über abgelegene Fernstraßen. Gort sitzt im Wohnwagen und versucht sich an ersten Gedichten im Stil von Georg Trakl.

Nach dem Literarischen folgt nun der Unterricht im Betriebswirtschaftlichen.

Gort muss alles über den “Betrieb” erfahren. Über die einzelnen Literaturkritiker. Wie funktioniert ihre Psyche. Wer ist mit wem verfeindet. Das alles ist wichtig, will Gort dereinst bestehen.

“Der Büchner-Preis würde noch nie des reinen Talents wegen gewonnen”, erklärt sein Vater. “Du musst auf das Preiskarussel springen können. Sitzt du drauf, folgt ein Preis dem anderen.”

Gort sieht ihn traurig an. Die Trauer liegt an BLUE DREAMS. Morgen kann schon alles anders sein. Da kann es passieren, dass er Bäume ausreißen will. Diese Hochzeiten benutzt der Vater, um ihn an seinem ersten Roman arbeiten zu lassen.

5.

Wieder eine neue Stadt. Ein neuer Campingplatz. Neben ihnen ein Wohnmobil mit einem Frankfurter Kennzeichen. Die Sonne über ihm am Himmel. Wenn Gort sie sieht, denkt er in Hexametern über sie nach. Er sinnt über Ikarus. Über die Möglichkeiten, beim Höhenflug zu verbrennen. Über Flügel, die nicht stark genug sind. Mit seinem Vater hat er schon oft darüber gesprochen.

“Erst wenn du ein starker Autor bist, solltest du dort hinaus, denn sonst wirst du verbrennen.” Die Worte seines Vaters. Eines weisen Mannes, der in den Stunden, die er sich nicht um Gort bemüht, Platten von Roger Whittaker und Howard Carpendale auflegt. Ein Mann, der sein Bier und seine Zigaretten schätzt. Einer, der selbst nie geschrieben hat. Zumindest hat Gort es nicht gesehen. Merkwürdig eigentlich.

Ein junges Mädchen klettert aus dem Wohnmobil. Ein Körper wie aus Draht. Sehnig und gespannt. Die Nase wie ein Pfeil. Das Gesicht wie ein Katapult für eben diesen Pfeil.

Sie lächelt ihn an. Winkt. Gort hebt die Hand. Er hat bereits zu viele enttäuschte Liebschaften hinter sich gebracht. Er ist gerade mal achtzehn Jahre und ist bereits ausgebrannt. Im nächsten Jahr soll er auf eine Literaturakademie gehen.

“Hallo”, sagt sie.

Eine Stimme, wie die einer Göttin. Um ihr nicht zu verfallen, tritt Gort die Flucht an.

“Ich muss dann mal …!”, schreit er und stürmt auf und davon.

Er stürmt in einen Wald. Der deutsche Wald ist für seine Unwesen bekannt. Dort hausen Wölfe, Mädchen, alte Frauen.

Tiefer und tiefer dringt er ins Dickicht vor. Mit seinem Taschenmesser schlägt er sich eine Schneise.

Es wird Nacht. Längst hat er der Vater eine Suchmannschaft aus sich und seiner Frau zusammengestellt. Mit den Bluthunden eines Platznachbarn erkunden sie die Gegend.

“Er wird doch nicht in den Wald sein”, sagt die Mutter.

Vater überlegt. Es könnte sein. Warum nicht?

Gort hat inzwischen ein Haus erreicht. Es scheint aus Lebkuchen gemacht zu sein. Dank seiner literarischen Vorkenntnisse fällt er auf das Haus nicht herein. Er greift nach seinem Feuerzeug und zündet es an. Lebkuchen brennt schlecht.

Passiert das alles wirklich, fragt sich Gort, der meint, den Verstand zu verlieren.

Nein! Er schnellt nach oben. Alles war ein Traum. Er befindet sich bereits seit drei Tagen auf der Literaturakademie. Der Drill scheint ihm den Kopf vernebelt, mindestens aber beschädigt zu haben.

Er sieht sich um. Ein Zimmer wie aus einem Katalog für Zimmer. Eckig. Gort zählt nach. Alle vier Ecken sind vorhanden. Auch eine Decke und … Tatsächlich. Gort beugt sich aus dem Bett und berührt den Boden.

Um sich zu entspannen, um sich von dem Druck der nächtlichen Träume zu befreien, macht Gort den Fernseher an. Es läuft Der Literaturpreis ist heiß.

Langweilig, denkt Gort und zappt weiter, bis er bei Ein Autor für alle Fälle hängen bleibt. Super. Das ist seine Lieblingsserie. Der Held, ein abgehalfterter Autor, wird in jeder Folge in einen neuen verrückten Fall verwickelt. Dieses Mal geht es um eine Lyrikerin, die von einem Mitglied der berüchtigten Kritikerfamilie Falcone entführt wird, weil sie das Schutzgeld, das ihr gute Kritiken sichert, nicht zahlt. Moll, so heißt der abgehalfterte Autor, stöbert sie in einer Bar in einem Wohnwagen in Mexiko auf, in dem sie sitzt, geknebelt und gefesselt. Der reinste Horror für eine Lyrikerin ihres Kalibers.

Moll und sein schöner Freund, mit dem er seit Folge 2 was hat, befreien sie und töten den Kritiker mit mehreren Schüssen. Vielen Schüssen. So vielen Schüssen, dass man die letzten 20 Minuten dafür draufgehen.

Ja, so etwas würde Gort gerne schreiben. Actionromane, in denen Autos demoliert und in die Luft gejagt werden. Bücher mit schönen Frauen und einem Liebhaber, der sich dem Helden jederzeit und in jeder Lage hingibt.

Hier auf der Akademie bilden sie einen an allem aus, was man zum Schreiben braucht. Es geht ums Handwerk, also trainiert Gort täglich am Spitzer. Sie twittern. Und jeder Student muss ein Blog pflegen. Schreibt Gort einen Satz, der sich nicht in wilden Vergleichen ergeht, muss er über Nacht draußen bleiben und Liegestütze machen, auf dem Rücken die Werke von Adorno und Rattenthaler.

Am liebsten würde Gort hier liegen bleiben. Ein Leben lang. Ein Bettmensch werden. Warum da raus in diese kalte, böse Welt? Im Bett ist es warm und kuschelig. Ein Sommer. Das Bett verspricht einen ewigen Sommer.

Da! Das Wecksignal. Die Pfeife des Erwachens, wie sie von Professor Prompt genannt wird.

Jetzt aber schnell.

Gort lässt sich aus dem Bett fallen, eine alte Technik, die er von seinem Vater lernte.

“Willst du wach werden, schnell wach werden, wirf dich aus dem Bett!”

Aua! Das schmerzt. Gort ist so unglücklich gefallen, dass er sich unter die Dusche schleifen muss. Die Prozedur dauert stundenlang.

Längst ist Prompt aufgetaucht, um nach seinem besten Studenten zu sehen.

“Gort, Sie können es weit bringen. Aber wenn Sie ihre Beine zerstören, werden Sie beim nächsten WALK scheitern und bekommen kein Foto von mir.”

Das Wasser rieselt auf Gort hinab. Nur wenig, weil die Studenten an Schmutz gewöhnt werden sollen.

“Ihr werdet, bevor ihr eure ersten Preise gewinnt, Hartz V empfangen.” Hartz V ist eine besonders harte Form von Hartz. Sie ist den Schauspielern, Malern und Schriftstellern vorbehalten, die noch weniger als der Rest der Empfänger bekommen.

Gort tupft sich ab. Mit den Blättern aus Bestsellerromanen. Mit Blättern aus Romanen der Unterhaltungsindustrie. Die Kulturindustrie gilt als der große Feind.

“Wenn ihr die Leute unterhalten wollt, habt ihr hier nichts verloren!”, beginnt Prompt seine Unterrichtsstunden.

Gort beeilt sich. Er schlüpft in seine Uniform, bestehend aus Cordhemd, Cordjacke, Cordhose. Alles aus Cord. Außerdem klebt er sich einen Schnauzer auf die Oberlippe, den er jetzt anzubringen versucht. Das Ding will wieder mal nicht halten. Er versucht es mit Speichel. Hält nicht. Der Spezialkleber für Bärte ist aus. Und Gort hat kein Geld, um sich neuen zu kaufen.

Der letzte Pfiff ertönt. Er müsste längst draußen bei den anderen sein.

6.

Da stehen sie. In einer Reihe. Die zukünftige Preisträgerelite des Landes. Jeder zweite ein potentieller Büchner-Preisträger. Sie üben bereits an ihren zukünftigen Dankesreden.

Gewitterwolken grollen über ihren Köpfen.

Professor Prompt schreitet die Reihen ab. Sein Schrittfolge ist eine Offenbarung. Das denken alle seine Schützlinge.

“So müsst ihr laufen, wenn ihr den Nobelpreis bekommt”, sagt Prompt. Und dann schreit er: “An die Pfeifen!”

Sie greifen in die Innentasche ihre Cordjacke. Hinaus mit der Pfeife. Auseinandernehmen, reinigen, zusammensetzen. Füllen. Anzünden. Schmauchen. Das muss alles wie im Schlaf gehen.

“Fertig!”

Prompt hebt die Augenbrauen. Der Junge ist gut. Der wird es weit bringen.

“Woran schreiben Sie?”, fragt Prompt.

“An einem Holocaust-Roman!”

“Sehr gut!”

Gort schreibt an einem Holocaust-Roman, allerdings hat sein Manuskript noch zu viele unterhaltsame Stellen aufzuweisen. Er weiß selbst, dass das nicht geht. Keine lustigen Stellen in einem Buch über den Holocaust. Aber da ist etwas in Gort, dass ihn aufreibt, dass er nicht loswird, dieses unterhaltsame Potential, das ihn seit Jahren auch als Leser in die Hände drittklassiger Ware treibt, die er, nie würde er dies offen eingestehen, mag. Es geht sogar noch tiefer, er liebt diese Romane, in denen Cowboys, Indianer, Zombies und Raumschiffe vorkommen.

Auch beim Rauchen ist Gort der Beste. Er zieht den Rauch ein, hält ihn lange in seinen Lungen, und dies, obwohl er dabei sogar noch über den Stand der Gegenwartsliteratur nachdenkt.

Gerade neulich in einer Diskussion sagte Gort: “Die Gegenwartsliteratur … Was soll ich sagen? Wie soll ich es sagen? Sie ist so gegenwärtig. Aber sollte man wirklich stets und immer gegen alles sein, vor allem gegen das, was wartet? Warum ist der Gegenwartsroman gegen Frauen? Nur weil sie an einer Haltestelle stehen und warten? Ist das ein Verbrechen? Obwohl es, geht man auf das Wort ein, wohl mehr um Wärter geht. Sie ist eindeutig gegen Wärter. Warum? Was haben diese Leute getan, die es auch geben muss. Ich bin dafür, dass ein Fürwärterroman geschrieben wird. Oder ein Fürwartsroman. Im besten Fall schreibt man einen Neutralwartsroman. Das würde auch diese unselige Debatte über die Gegenwartsliteratur beenden. Endgültig und mit einem neuen Wort. In Zukunft sollte über den Zustand der Neutralwartsliteratur gestritten werden. Es wird gar keinen Streit geben. Eben weil sie sich so neutral verhält. Am Ende wird das sogar die Literatur selbst abschaffen.”

Professor Prompt trabt los. Hinter ihm seine Zöglinge. Prompt singt: “Ich will schreiben und das ist gut.” Die jungen Autoren wiederholen: “Ich will schreiben und das ist gut.” Und wieder Prompt: “Zum Schreiben braucht man echten Mut.” Und so geht es weiter und weiter, während sie das Akademiegelände umrunden. Der Professor gibt eine Zeile vor, die jungen Schriftsteller wiederholen sie.

7.

Gort wird besser und besser. Man kann ihn in den Nächten wecken und anschreien, Gort macht das nichts aus. Er rollt sich aus dem Bett an den Schreibtisch und feuert aus allen Rohren. Er schreibt seine Gedichte in den unmöglichsten Situationen. In Schützengräben, Waldstücken und unter Kritikerbeschuss.

Nach einer Weile werden sie in einer Halle untergebracht, um die Konkurrenz zu spüren. Sie sollen den Atem des Gegners im Nacken fühlen. Sollen wissen, dass da jemand ist, der mehr Bücher als sie verkaufen will.

Gort freundet sich mit Lambert an, der über seine Großeltern schreibt, die nichts getan haben. Ständig saßen sie herum und stierten Löcher in die Luft. Lambert will über die Langeweile schreiben, aber so, dass es nicht langweilig ist. Mit ihm streitet sich Gort oft über Sinn und Unsinn von Literatur.

“Es ist nicht wichtig, was du erzählst. Es geht darum, wie du es erzählst”, sagt Lambert und reicht eine Zigarette seiner Zigarettenkette.

Sie sitzen zusammen, trinken Bier und rauchen.

“Nein”, sagt Gort. “Es ist wichtig, was du erzählst.”

Lambert zuckt zusammen. Er merkt, dass in Gort etwas heranwächst, was mit den Zielen der Akademie unvereinbar ist.

Gemeinsam besuchen sie Bordelle und Lesungen. In Leipzig sehen sie Demenz Meyer, der einst die Akademie absolvierte. Demenz ist zu einem wichtigen Großautor geworden, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lauschen seinem Dialekt.

“Wahnsinn, wie er die Worte verschleiert. Wie er sie abdeckt. Ich habe fast nichts verstanden.”

“Nichts ist gut oder schlecht”, sagt Lambert. “Weil ich gar nichts verstanden habe. Rein gar nichts. Ein großer Vorleser, der sich mit seiner Art des Vortrags unangreifbar macht.”

Sie lassen sich ihre Ausgaben vom Demenz signieren, geben sich aber nicht zu erkennen. Zu groß die Angst, der Respekt. Sie stehen vor einem, der das Ziel eines Rennens, an dessen Start sie gerade stehen, bereits erreicht hat.

“Hast du seine Brille gesehen? Diese Mischung aus Grünbein und Elstner. Wahnsinnig schön!”

Lambert und Gort trampen in Literaturakademie zurück. Noch wenige Wochen, dann werden sie ihre Abschlusskurzgeschichte abgeben müssen. Gort hat eine über Zombies in Seenot geschrieben. Sie wird nicht gut angekommen. Thema verfehlt. Gort kann es lesen. In seinem Inneren. Schließt er die Augen, weiß er, dass er versagt hat.

8.

Gort, inzwischen ein Meister des Alkohols, taumelt ins Vorzimmer von Professor Prompt. Seine Sekretärin schreckt aus ihrem Traum auf, in dem Prompt sie vor den Traualtar führte. Die Sekretärin, eine ehemalige Lyrikerin, liebt ihn seit sie selbst die Akademie besuchte.

Sie klopft die Asche von ihrer Zigarette und fragt: “Sind Sie Gort?”

Gort nickt, sucht nach dem Mülleimer, findet ihn und übergibt sich.

“Ich merke schon”, sagt die Sekretärin, “da will sich einer in die höchste Liga trinken.”

Nein! So ist es nicht. Sie weiß nichts. Gar nichts. Gort trinkt, weil er unglücklich ist. Wirklich unglücklich, nicht in einem gespielten literarischen Sinne unglücklich. Und deshalb will er auch so kurz vor den Prüfungen Professor Prompt sprechen.

Die Sekretärin führt ihn ins Büro und hilft ihm beim Hinsetzen.

Prompt steht am Fenster und sinnt. Er sucht nach den richtigen Worten für einen Satz in seinem neuen Roman über einen einsamen Schweizer, der in den Bergen sein Gedächtnis verliert. Auf sich gestellt muss er wieder zur Sprache finden.

“Das wird ein großes Sprachkunstwerk”, hatte Prompt seiner Frau erklärt. “Es könnte der Roman schlechthin werden. Der Roman aller Romane. Der Ur-Roman. Der Roman, nach dem die Alchemisten aller Zeiten gefahndet haben. Ein Roman, der sich seine eigene Sprache erfindet, weil sein Protagonist eine völlig neue Sprache hervorbringt. Hör zu: Klarswust, dachte Bille. Walspurgsnust. Noch verstand er sich selbst nicht. Aber er wurde sich allmählich bewusst, was es bedeuten könnte, wäre er nur in der Lage es mit Sinn zu füllen.” Strahlend hatte Prompt es vorgetragen. Seine Frau, die leise schnarchte, war hochgeschreckt und hatte gerufen: “Großartig. Mindestens der Büchner-Preis. Mindestens.” Dann war sie erschöpft wieder in sich zusammengesunken. Es war nicht leicht, mit einem Schriftsteller verheiratet zu sein. Nicht leicht …

Gort räuspert sich.

Prompt zuckt zusammen. Das Traumgehäuse mutiert im einströmenden Sonnenlicht zu kleinen tanzenden Staubflusen.

“Ah, einer meiner besten Studenten. Gort, ja, Mann, wenn Sie erlauben, dass ich Sie so salopp anspreche, Sie werden es weit bringen. Weiter als ihr alter trauriger Professor, der noch immer verzweifelt davon träumt, ein Sprachkunstwerk zu schaffen, das bleiben wird. Darum geht es doch. Dass wir etwas von bleibendem Wert schaffen. Etwas, das vor der Ewigkeit bestehen kann, nicht wahr Gort?”

Gort, nervös, hat neben einer seiner Kettenzigaretten noch seine Pfeife angezündet, nicht die Pfeife, selbst in den Gedanken, die er sich macht, stolpert Gort über seine sprachlichen Ungenauigkeiten. Er hat sich den Tabak angezündet. Der kleine Ballen glimmt, Gort zieht an der Pfeife und saugt den Rauch in seinen Mund, ihn durchwühlend und kauend, bevor er ihn ins Arbeitszimmer Prompts stoßweise entlässt.

“Es geht mir um meine sprachlichen Ungenauigkeiten”, sagt Gort. “Sehen Sie, Professor, eben erst dachte ich, dass ich meine Pfeife anzünde, was so nicht stimmt. Ach ja, die Sprache kann so viel mehr sein. Sie kann uns träumen …” Gort unterbricht sich und lässt seinen Blick schweifen, während er darüber nachdenkt, dass er seinen Blick schweifen lässt. Den Blick schweifen lassen. Ein abgeschmacktes Bild. Schon so oft benutzt, dass es jeglichen Geschmack verloren hat.

“Ich werde die Akademie verlassen!” Jetzt ist es raus. Gort hält die Luft an.

Prompt meint, sich verhört zu haben. Einer seiner besten Studenten.

Niemals!

“Warum würden Sie das tun wollen? So kurz vor dem Ende. So kurz vor der Abschlussarbeit.”

“Weil ich nicht der bin, den Sie in mir sehen. Ich stecke voller sprachliche Ungereimtheiten. Aus Chaos. Ich will Unterhaltungsromane schreiben. Ich will die Unterhaltung neu definieren. Und … ich will Leser erreichen. Viele. Wenn möglich, sogar ein Millionenpublikum.”

Prompt muss an sich halten, um sich nicht einem Husten hinzugeben.

“Sehen Sie sich um, Gort, sehen Sie genau hin, die Porträts von Thomas Mann und Goethe an den Wänden. Wollen Sie diesen Männern nicht folgen.”

Gort schüttelt traurig den Kopf.

“Nein, das möchte ich nicht. Schlimmer noch, ich finde sie langweilig. Ich will das Leben leichter machen. Will ein schreibender Clown werden.”

“Ein Clown. So etwas würde Ihnen der Betrieb niemals durchgehen lassen. Denken Sie an Ihre Eltern. Ihr armer Vater, er wird einen Herzinfarkt erleiden. Er wird einen Schlaganfall bekommen. Schlimmeres.”

“Weil ich weiß, wie sehr ich allen damit schade, will ich ja gehen. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Am besten unter Pseudonym.”

9.

Gort hat die Akademie tatsächlich verlassen. Er wohnt inzwischen in Köln und nennt sich Tom Reis.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er fürs Fernsehen. Die Texte werden ihm aus der Hand gerissen. Niemand weiß von seiner Vergangenheit als ernsthafter Literat. Das würde alles gefährden. Es könnte alles zerstören.

Er schreibt an seinem ersten Comedy-Roman über die Nöte eines Dreißigjährigen in Köln. Lauter flache Witze. Er weiß, er muss erst mal Fuß fassen. Sein Buch muss ein Erfolg werden.

Seine Eltern haben ihn besucht. Sein Vater hat kaum mit ihm geredet.

Er lässt sich auf seine Beziehung mit einer Komparsin ein. Sie ist die ideale Partnerin. Sie spielt die meiste Zeit Leichen in Krimivorabendserien. Sie lebt, was sie arbeitet. Niemand liegt so gekonnt und abwesend herum. Gort-Tom nennt sie: “Meine schöne Leiche.” Gespräche sind der schönen Leiche ein Graus. Sie will herumliegen. Gort-Tom lässt sie.

Ein Brief von Prompt trifft ein, den Gort-Tom lange in der Hand hält. Sollte er ihn lesen? Besser nicht. Er wirft ihn bei Morgengrauen in einen Kanalschacht. Streicht sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gort-Tom zweifelt. Ja, das tut er. Manchmal liest er heimlich das Feuilleton im Internet. Er wird zum Perlentauchersüchtigen. Die wichtigen Romane, wenn auch kaum mit Verkäufen gesegnet, werden vielleicht bleiben. Er dagegen wird ein Wind sein, der durch das Zimmer jagt. Ein Wind, der nach seinem Verschwinden von anderen Winden abgelöst werden wird. Ein Wind, der verschwindet.

Täglich sitzt er am Computer und schreibt. Von acht Uhr am Morgen bis siebzehn Uhr am Abend. Er wird zu einem Werktätigen des Schreibens. Die Sätze werden geschliffen, bis der Kern von ihnen bleibt. Die Leser wollen nicht überfordert werden. Er denkt hauptsächlich noch als Konsument.

Schließlich beendet er seinen ersten Roman nach drei Wochen harter Arbeit. Nebenher die Dialoge fürs Fernsehen.

Die schöne Leiche hat seinen Heiratsantrag angenommen. Er vermutet es. Sicher sein kann man sich bei ihr nie. Sie, die Rätselhafte, hat auf dem Bett gelegen und in die Luft gestarrt.

“Willst du?”

Die Leiche starrte in die Luft.

“Ja?”

In die Luft.

“Ich deute es mal als ein Ja, ja?”

In die Luft.

“Gut!”

10.

Zehn Jahre später. Tom Reis ist der KING OF COMEDY. Die Nummer Eins unter den Bestsellerautoren. Die schöne Leiche hat ihm sieben schweigende Kinder geboren. Seine Familie liegt die meiste Zeit über in ihren Betten. Die Kinder wollen alle ins Filmgeschäft. Als Leichen.

Reis hat sich eine Geliebte zugelegt.

Reis absolviert 360 Lesungen im Jahr. Er ist reich, unglücklich und auf dem Höhepunkt seines Schriftstellerdaseins, als er im Fernsehen einen Bericht über die Gruppe 47 sieht.

Tränen stehlen sich in seine Augen. Er, der längst nicht mehr raucht, der Tee trinkt, erinnert sich voller Wehmut daran, was er hatte werden wollen.

Alle hat er enttäuscht. Seine Mutter, seinen Vater, sich. Sich nicht! Oder doch?

Die Tränen laufen hemmungslos. Sie brechen aus ihm heraus, als wäre er eine Wolke. Er regnet in sein Wohnzimmer. Für Momente wünscht er sich, so weinen zu können, dass alles in seinen Tränen ersäuft. Eine Sintflut aus Tränen.

“Tom!”

Reis kann es zunächst nicht glauben. Seine Frau hat ihn angesprochen. Die Leiche kann reden. Unmöglich. Ein Wunder muss geschehen sein.

“Tom!”

Er wischt sich die Nässe aus dem Gesicht. Wie ein Schleier kleben die Tränen auf seinen Augäpfeln.

“Ja?”, sagt Reis. Er blickt sie hoffnungsfroh an. Das ist ein Zeichen. Eindeutig ein Zeichen.

“Könntest du woanders weinen?”, fragt sie.

“Wo … an …”, stottert Reis.

Hängenden Kopfes stemmt sich Reis aus seinem Schreibtischstuhl nach oben. Morgen wird er wieder los müssen. Seine Frau, die Kinder und die Geliebte lieben ihn nicht.

Er hat sein Leben in den Sand gesetzt. Hat alles falsch gemacht. Er ist ein erfolgreicher Loser. Einer von vielen.

Reis trottet ins Kinderzimmer und öffnet das Fenster, um zu springen.

Umständlich müht er sich aufs Fensterbrett und blickt in die Ferne. Die Stadt liegt wie ein elektrischer Sternenhimmel vor ihm.

Reis erinnert sich an ein Gespräch mit Professor Prompt.

“Was machen Schriftsteller, mein Junge?”

“Sie schreiben.”

“Nein, Gort, das kommt nachher. Sie träumen. Sie erfinden. Sie spielen ein Stück, das aus ihnen wächst. Sie improvisieren.”

Reis, der seinen Namen innerlich abschüttelt, steigt vom Fensterbrett.

Ich muss mich erfinden, denkt Gort. Ich werde improvisieren. Kein Zwang mehr, sondern ein Leben im Spiel. Ich werde die schöne Leiche und die schönen Leichenkinder verlassen, um mein Leben zu spielen.

Und ich werde NUR noch schreiben, wenn es im Spiel geschieht.

Diese großen Gedanken verwirren Gort. Er macht einen ausladenden Schritt und erwischt aus Versehen mit dem rechten Fuß das Skateboard.

Wie ein Artist überschlägt er sich und landet auf dem Rücken, nicht ohne sich vorher den Kopf am Schreibtisch gestoßen zu haben.

Gort ist augenblicklich tot.

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erstellt am 25.4.2014