Die Unabhängigkeitserklärung der USA erhebt das „Streben nach Glück“ zum Staatsziel. Die Verheißung eines besseren Lebens hat seit Gründung der Vereinigten Staaten Millionen Menschen angezogen. Doch schon seit Ende des 19. Jahrhunderts versucht die Politik, die Einwanderung zu regulieren. Nun will Barack Obama das Einwanderungsrecht grundlegend reformieren – und die Grenze zu Mexiko weiter ausbauen.

La Frontera: Aus amerikanischer Sicht

Land der begrenzten Möglichkeiten

Von Franz Viohl

Es liegt einige Ironie darin, ein Einwanderungsgesetz in den USA heute „DREAM Act“ zu nennen. Ist es doch der viel beschworene amerikanische Traum, der jedes Jahr Hunderttausende motiviert, ihr Glück in den Vereinigten Staaten zu versuchen – obwohl die Gesetze das immer schwieriger machen. Der „DREAM Act“ aus dem Jahr 2001 steht auch nicht für einen Traum, sondern ist die Abkürzung einer Novelle des Einwanderungsgesetzes mit dem Namen „Development, Relief, and Education for Alien Minors“. Jungen Einwanderern wird „Entwicklung, Abhilfe und Bildung“ in Aussicht gestellt, jedoch nur, wenn sie legal in die USA gelangt sind und dort High School und Militärdienst absolviert haben.

Für den amerikanischen Traum gibt es Auflagen. Dabei waren die Grenzen der USA über einhundert Jahre lang für jeden offen. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 nennt „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“ als Staatsziele. Für Millionen war dieses Versprechen im 19. Jahrhundert eine Einladung, in der Fremde ein besseres Leben zu suchen. Die Siedler näherten auf ihrem Weg nach Westen den Mythos, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Diese Vorstellung ist noch heute spürbar – ob im amerikanischen Unternehmergeist, im Misstrauen gegenüber staatlicher Macht oder im Ideal von „Do it yourself“.

Beschränkung der Einwanderung

Dabei ist die Einwanderung in der politischen Praxis immer weiter reguliert worden. 1882 verabschiedet der Senat den „Chinese Exclusion Act“: Einwanderer aus China, die in den Jahren zuvor vermehrt gekommen waren, erhalten plötzlich keine Visa mehr. 1921 führt man ein Quoten-System ein. Die Einwanderung wird beschränkt auf drei Prozent der bereits in den USA lebenden Einwandergruppe. Damit werden vor allem europäische Immigranten bevorzugt. Diese Regelung wird 1965 durch eine absolute Obergrenze ersetzt. 120.000 Personen aus der westlichen und 170.000 Personen aus der östlichen Hemisphäre können pro Jahr die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten.

Aber die Gesetze der Vergangenheit zeigen auch: Je mehr man die legale Einwanderung erschwert, desto stärker wächst die illegale. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind es besonders die Länder Lateinamerikas, aus denen die meisten Immigranten in die USA kommen, allen voran Mexiko. 1986 verbietet der Kongress die Beschäftigung illegaler Einwanderer. Trotzdem ist die amerikanische Wirtschaft weiter auf die günstigen Arbeitskräfte aus dem Süden angewiesen. In den Südstaaten trifft man heute nur selten einen Gärtner oder Bauarbeiter, der kein „Hispanic“ ist. Fast genauso selten ist es, dass er gültige Papiere hat.

Legalisierung und Sicherung der Grenze

Barack Obama hat sich zum Ziel gesetzt, das Einwanderungsgesetz grundlegend zu reformieren. Einerseits soll es Millionen illegal eingewanderter Menschen ermöglicht werden, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Im Gegenzug soll die Grenze zu Mexiko ausgebaut und der illegale Grenzübertritt stärker geahndet werden. Unterdessen wurden allein im vergangenen Jahr 400.000 illegale Einwanderer ausgewiesen. Beobachter sehen darin auch ein Zugeständnis Obamas an die Republikaner, an deren Widerstand die Reform bislang scheiterte. Obama, der seine beiden Wahlsiege auch den Stimmen der Latinos verdankt, wirbt weiter für sein Vorhaben: „Die Reform wird diese Menschen aus dem Schatten holen und ihnen die Chance geben, sich die Green Card oder die Staatsbürgerschaft zu verdienen“, sagte er 2013.

Die illegale Einwanderung ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Im Jahr 2000 haben noch eine Million Migranten versucht, ohne Papiere in die USA zu gelangen, neun Jahre später nur noch die Hälfte. Das hat einerseits mit der Finanzkrise 2008 und dem gesunkenen Bedarf an saisonalen Arbeitskräften zu tun, andererseits mit der immer stärkeren Sicherung der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Zum Aufspüren illegaler Einwanderer setzt die „Border Patrol“ dort seit einigen Jahren auch Drohnen ein.

Ein Land mit offenen Grenzen sind die USA schon lange nicht mehr. Aber noch immer glauben Millionen an den amerikanischen Traum – vor allem in den Ländern, in denen die Lebensbedingungen um ein Vielfaches schlechter sind. Sie werden sich auch von einer hermetisch abgeriegelten Grenze nicht abhalten lassen. Nach einer Prognose des Pew Research Center wird sich der Anteil der „Hispanics“ in den USA bis 2050 verdoppeln. Einen Großteil von ihnen in der Illegalität zu belassen, kann sich ein Land wie die USA kaum leisten.

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erstellt am 23.4.2014

Die Grenze in Playas de Tijuana, Mexiko, am Pazifischen Ozean aus mexikanischer Sicht. „Welcome to fortress America“. Foto: Stefan Falke

abbildungen aus:

LA FRONTERA
Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Ku?nstler
Ein Bildband mit Fotografien von Stefan Falke und literarischen Texten mexikanischer Autoren, sowie Essays von Claudia Steinberg und Claudia Bodin
In deutscher und spanischer Sprache
Gebunden, 232 Seiten, farbig
ISBN 978-3-9815893-5-1
Edition Faust, Frankfurt 2014

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Die Grenze in Nogales, USA. Foto: Stefan Falke