Der Maler und Graffitikünstler Alfredo Libre Gutiérrez arbeitet am Rand der Gesellschaft. Ganz Tijuana ist sein Atelier. Er ist überzeugt: Kunst muss Missstände sichtbar machen.

La Frontera: Künstler-Interview

»Ich bringe die Galerie auf die Straße«

Franz Viohl im Gespräch mit Alfredo Libre Gutiérrez

„Vagabundos“ nennt Alfredo Libre Gutiérrez nicht nur eine seiner Serien, sondern auch viele seiner Freunde. Mit Obdachlosen, Bettlern und Kriminellen hat es der 31-Jährige auf den Straßen Tijuanas jeden Tag zu tun, erzählt er. Mit seinen großflächigen Arbeiten will Libre Gutiérrez auch diejenigen ansprechen, die nicht ins Museum gehen. Damit hat er auch bei Kunstsammlern Erfolg.

Libre Gutiérrez, der in Tijuana geboren und aufgewachsen ist, orientierte sich zunächst an der Graffiti-Kunst in den USA. Bald interessierte er sich jedoch vermehrt für die soziale Realität seiner Heimatstadt, wo er mit 19 Jahren seine erste Wand gestaltete. Dass „jeder Mensch ein Künstler ist“ (Joseph Beuys) hieß für ihn immer, denen einen Ausdruck zu geben, die sonst unsichtbar und von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Libre Gutiérrez hat in Tijuana Architektur studiert und seine Arbeiten seit 2004 in Mexiko, Kuba und den USA ausgestellt, zuletzt in der Back Alley Gallery in Los Angeles.

Franz Viohl: Haben Sie als Architekt ein besonderes Faible für Mauern und Wände?

Alfredo Libre Gutiérrez: Zur Kunst bin ich über die Architektur gekommen. Ich habe immer versucht, Gebäude und Straßen in meine Arbeiten einzubeziehen. Es geht mir dabei auch um einen Dialog mit der Bevölkerung, denn ich arbeite hauptsächlich in sehr einfachen Vierteln. Viele schauen mir beim Malen zu oder suchen das Gespräch.

Wie finden die Leute, was Sie machen?

Sie freuen sich und ermutigen mich. Ich bringe die Kunst einem Publikum näher, das nie in Museen oder Galerien geht, Leuten, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten. Ich bringe die Galerie auf die Straße. Dort können die Leute nicht wegschauen. Sie sollen auch nachdenken über die sozialen Probleme, die ich in meinen Malereien verarbeite.

Da sind zum Beispiel die „Vagabundos“.

Das sind übrigens wirkliche Menschen, die ich während meiner Arbeit auf den Straßen getroffen habe. Ich unterhalte mich gern mit Obdachlosen und Bettlern, höre mir ihre Geschichte an. Es sind oft die, die niemanden haben, dem sie sie erzählen könnten. Viele „Vagabundos“ sind aus den USA nach Tijuana abgeschoben wurden und haben alles verloren. Wenn ich sie zeichne, versuche ich, den Betrachter ein Teil der Szene werden zu lassen.

Welche Maltechnik benutzen Sie dafür?

Ich arbeite mit Mischtechniken, einerseits mache ich klassische Graffitis, andererseits zeichne ich. Die meisten meiner Bilder enthalten beide Elemente.

Kürzlich haben Sie im schweizerischen Luzern ausgestellt. Gibt es einen Ort, der weiter entfernt ist von den Straßen Tijuanas?

Diesen Ort kann ich mir schwer vorstellen. Ich erinnere mich, wie ich in einer Kleinstadt in der Schweiz über eine rote Fußgängerampel laufen wollte. Aber meine Begleiter zogen mich an der Jacke und sagten, das gehe doch nicht. Dabei gab es überhaupt keinen Verkehr. Da wurde mir klar: In Tijuana haben wir sicher zu viel Chaos, aber es kann auch zu viel Ordnung geben.

Woran denken Sie bei zu viel Chaos?

An den Drogenkrieg. Ein Kollege von mir wurde mit einer Pistole bedroht, nur weil er eine Wand bemalte. Ein anderer stieg in ein Kartell ein und nach einem Monat war er tot. Die Gewalt hat zwar etwas abgenommen in den letzten Jahren, ist aber immer noch allgegenwärtig. Dabei kommen immer mehr US-Amerikaner in die Stadt, auch viele Drogenabhängige. Die beschweren sich dann über die Stadt, tun aber selbst nichts, damit es sich ändert.

Beziehen Sie Ordnung und Chaos auch auf Ihr Werk?

Ja, in gewisser Weise steht die Ordnung für die USA, das Chaos für Mexiko. Beides prägt die Grenze. Die Ordnung symbolisiert aber auch das Individuum, seine Aufrichtigkeit. Auf der Straße bin ich vielen beeindruckenden und weisen Menschen begegnet. Das Chaos steht für die Gesellschaft, Gewalt und Korruption, kurz, alles was falsch läuft und die Leute trennt.

Ist Ihnen in den Jahren auf der Straße nie etwas zugestoßen?

Zum Glück nicht. Dabei begeben wir uns als Künstler in Tijuana oft in Gefahr. Vor einigen Jahren haben wir ein Projekt über den „Zerstückeler“ gemacht, einen Mann, der für ein Drogenkartell über 300 Leute verstümmelt und in einer Grube in Salzsäure aufgelöst hat. Zum Zeitpunkt des Projekts war er aber schon im Gefängnis. So grausam das auch ist – ich glaube, die Kunst kann ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Wirklichkeit nicht so sein muss, wie sie ist.

Ist das die wichtigste Aufgabe der Kunst? Muss sie sozialkritisch sein?

Das ist zumindest mein Weg. Es wäre aber falsch, das zu verallgemeinern und anderen vorzuschreiben. Im Kino gibt es ja auch nicht nur Arthouse, sondern auch Unterhaltungsfilme. Es muss beides geben.

In Mexiko-Stadt haben Sie in einem Gefängnis gearbeitet, worum ging es da?

Ich habe dort mit den Insassen Kunst-Workshops gemacht. Die Idee war, ihre Energie in etwas Sinnvolles zu kanalisieren. Außerdem mussten die Gefangenen einen monatlichen Geldbetrag für das Essen im Gefängnis bezahlen, was eigentlich illegal ist. Dieses Geld konnten sie durch den Verkauf ihrer Kunstwerke verdienen statt durch Diebstahl.

Manche ihrer Arbeiten beschäftigen sich nicht mit sozialen Themen, zum Beispiel das Graffito „Niño Delfín“ („Delphinkind“). Was war die Inspiration für dieses Bild?

„Niño Delfín“ ist ein Selbstporträt. Als Kind wuchsen meine Füße schief, ein bisschen wie die Flossen eines Delphins. Im Wartezimmer des Arztes hingen mehrere beeindruckende Bilder mit weinenden Kindern. Ich fand das damals sehr traurig und verbinde damit einen Teil meiner Kindheit.

Sprechen Sie mit Ihren oft sehr melancholischen Werken auch Sammler an?

Ich arbeite auch für Galerien und Sammler, das Interesse an meinen Arbeiten ist sehr groß, auch wenn sie eine ungeschminkte Realität zeigen. Ich bleibe meinem Stil treu, egal ob ich auf der Straße oder für eine Ausstellung arbeite. Diese Botschaft vertrete ich auch in den Workshops, die ich für verschiedene Institutionen in Tijuana und Mexiko-Stadt mache.

Heute leben Sie in Mexikos Hauptstadt, haben Sie manchmal genug von Tijuana?

Ich verdanke meiner Heimatstadt sehr viel, die Grenzkultur hat mich geprägt. In den 90ern war ich Skater, im Landesinneren hatte man davon zu der Zeit noch nie etwas gehört. All das Unbekannte hatten wir ja in San Diego vor der Haustür. Es gibt aber einen Punkt, wo man als Künstler in Tijuana nicht weiter wachsen kann. Trotzdem kehre ich immer wieder zurück, verbringe mehrere Wochen in der Stadt. Letztlich exportiere ich die Grenze.

Können die Künstler die Wahrnehmung der Grenze verändern?

Daran glaube ich. Wir stellen uns den Problemen mit den Mitteln der Kunst. Die Widersprüche in der Gesellschaft liefern ja erst das Material. In der Schweiz war zwar alles sehr ordentlich. Aber als ich hörte, wie hoch die Selbstmordrate war, änderte sich mein Bild.

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erstellt am 22.4.2014

Alfredo Libre Gutiérrez. Foto: Stefan Falke
Alfredo Libre Gutiérrez. Foto: Stefan Falke
ausstellung in frankfurt

»La Frontera. Die mexikanische- US-amerikanische Grenze und ihre Künstler«

06.05.2014 — 31.07.2014

Jaime Ruiz Otis, Pablo Llana, David Maung, Alfredo Libre Gutiérrez, Mauricio Sáenz

Art Virus Ltd. Bergesgrundweg 3, Frankfurt am Main

Alfredo Libre Gutiérrez: Niño Delfín. 2008, Öl und Sprühfarbe auf Leinwand. 180 × 210 cm

Alfredo Libre Gutiérrez: La Parvada. 2010. Öl und Sprühfarbe auf Leinwand. 160 × 170 cm