Für sein Langzeitprojekt »La Frontera« hat der Fotograf Stefan Falke fast 200 Künstler entlang der mexikanisch-amerikanischen Grenze porträtiert. Franz Viohl sprach mit ihm über die Faszination von Grenzen und die Macht der Kunst.

Interview mit Stefan Falke

»Künstler sind Botschafter des Friedens«

Für Stefan Falke waren Grenzen schon immer ein Faszinosum. Der 1956 in Paderborn geborene Fotograf fuhr früher ins geteilte Berlin, „einfach, um diese Mauer einmal zu sehen“. Auch die Grenze zwischen Mexiko und den USA teilt zwei Welten, den reichen Norden von einem Schwellenland. Tijuana klang für Falke schon immer wie eine Verheißung, erzählt er, 2008 bereiste er die Stadt zum ersten Mal. Dort traf er nicht nur den Grenzwall, sondern auf eine sehr lebendigen Kunstszene. Aus der Reise wurde ein Langzeitprojekt – „La Frontera“.

Falke hat über Jahre hinweg immer wieder die mexikanisch-amerikanische Grenze bereist, vom nordwestlichen Tijuana bis ins über 3000 Kilometer entfernte texanische Brownsville. Überall traf Falke auf Künstler, die er in ihrem gewohnten Umfeld – vor ihren Gemälden, im Theater, vor ihrem Auto – porträtierte. Seine nun im Instituto Cervantes und im mexikanischen Generalkonsulat gezeigten Arbeiten legen Rechenschaft ab von der kulturellen Vielfalt an der Grenze. Zum ersten Mal sind seine Arbeiten in Deutschland zu sehen. Dazu erscheint in der Edition Faust am 6. Mai der Bildband „La Frontera – Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Künstler“ mit Fotografien Falkes und bislang unveröffentlichten Beiträgen mexikanischer Schriftsteller.

Für Falke ist Tijuana mittlerweile fast zu einer zweiten Heimat geworden, viele Künstler von der Grenze zählt er zu seinen Freunden. Der Fotograf ist überzeugt: Oft ohne es zu wissen, tragen Künstler zu Frieden und Verständigung bei.

Franz Viohl: Wie sah Ihr erster Grenzübertritt nach Mexiko aus?

Stefan Falke: Es war, wie in einen Supermarkt zu gehen. Man fährt einfach über eine Brücke von den USA nach Mexiko und niemand hält einen auf. Andersherum ist das natürlich anders, die Schlange ist endlos. Das gleicht einer Fischreuse – man kommt rein, aber nicht wieder raus.

Das war ja nicht immer so. Noch in den 80er Jahren konnte man über die Grenze spazieren.

Der entscheidende Moment, das sagen alle in Amerika, war der 11. September. Daraufhin begann man, die Grenzanlage enorm auszubauen. Man vermutete die Terroristen zwar weniger in Lateinamerika, aber es gibt eine allgemeine Paranoia vor dem Fremden.

Früher hat Sie als Fotograf auch die innerdeutsche Grenze fasziniert. Gibt es Parallelen?

Auch damals standen sich zwei Welten gegenüber, ein wirtschaftliches starkes Land neben einem schwachen. Aber der Vergleich hinkt, weil ja die Mauer vom Osten gebaut wurde. Ein politisches System wollte sich gegen das andere schützen. Die USA dagegen wollen den eigenen Wohlstand gegen die anderen abgrenzen.

Wie lernten Sie die mexikanischen Künstler kennen, die Sie porträtiert haben?

In Tijuana empfing mich meine Freundin Marta Palau, eine bekannte Künstlerin in Mexiko. Sie stellte mich Kollegen vor und dann kam eins zum anderen. Es gibt einen großen Zusammenhalt der Künstler im Grenzgebiet, man kennt sich, schottet sich, anders als in Deutschland oder den USA, nicht gegeneinander ab. Das hat es für mich einfacher gemacht, denn jeder kannte jemanden. So kam ich auch ich in Städte weiter östlich von Tijuana.

In den Medien hat man ein eher negatives, von Drogen und Migration geprägtes Bild der Grenze. Wollten Sie das widerlegen?

Nein, ich hatte kein politisches Anliegen, sondern wollte einfach zeigen, was es an der Grenze noch gibt. Ich war selbst überrascht. Dabei setzt sich nur ein kleiner Teil der Künstler, ein Zehntel vielleicht, mit der Gewalt auseinander. Sie machen Kunst um der Kunst willen. Für mein Projekt interessierten sich dann aber auch traditionelle Medien. Wenn man jahrelang nur über Gewalt berichtet, will man irgendwann auch andere Geschichten hören.

Welchen Künstler haben Sie besonders in Erinnerung?

Da gibt es natürlich mehrere. Aber ich war sehr beeindruckt von Alfredo Libre, den ich in Tijuana traf und sehr schätze. Als ich sein Graffito eines amerikanischen Obdachlosen sah, war das etwas ganz Neues. Auch die gibt es in Mexiko! Außerdem gibt Libre seine Erfahrungen weiter, arbeitet viel mit Jugendlichen. Viele der Künstler an der Grenze arbeiten nicht allein im Atelier, sondern sind Teil ihres Viertels, der Gesellschaft.

Was reizt Sie als Fotograf an der Kunst?

Ich glaube, dass Kunst etwas bewegen kann. Das zeigte sich auch in Trinidad und Tobago, wo ich Kinder auf riesigen Stelzen, die „Moko Jumbies“, fotografierte. Das war visuell überwältigend, bald wurde mir aber klar, dass die Kinder damit auch die Gesellschaft verändern. Die Gemeinschaft der Stelzenläufer bewahrt sie vor der Kriminalität. Im jungen Alter entdecken sie die eigene Kreativität und viele von ihnen sind heute im Ausland Schauspieler oder arbeiten im Zirkus. Oft ist es den Künstlern selbst nicht bewusst, aber sie sind Botschafter des Friedens.

Haben Sie deshalb bei „La Frontera“ nicht die Kunst in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Künstler?

Ja, ich wollte lebende Menschen zeigen, die Einfluss auf ihre Umgebung haben. Die Kunst habe ich dabei immer mitfotografiert, sie gehört ja zu den Künstlern.

Ist es als Fotograf heute nicht schwieriger geworden, solchen eigenen Projekten nachzugehen?

Das ist sicher so. Die Auftragslage in den Print-Medien ist nicht rosig, die Finanzierung längerer dokumentarischer Projekte kompliziert. Anstatt einen Fotografen oder Reporter an einen fernen Ort zu schicken, überlegen die Redaktionen, ob das nicht jemand machen kann, der dort ansässig ist. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man seinen eigenen Träumen und Projekten nachgehen sollte. Später werden die Medien darauf aufmerksam. Das war auch bei „La Frontera“ so. Jetzt werden die Bilder in Frankfurt gezeigt, im September wird es eine Ausstellung in New York geben.

Was haben Sie in Zukunft vor?

Zunächst möchte ich das Frontera-Projekt fortsetzen. Es gibt viele Städte an der Grenze, die ich noch nicht bereist habe und ich möchte weitere Künstler zu Wort kommen lassen. Dafür werde ich auch Videos aufnehmen. Derzeit arbeite ich auch an einem ähnlichen Projekt in Detroit. Nach dem Niedergang der Industrie liegt die Stadt am Boden. Aber es kommen viele Künstler, angezogen vom günstigen Wohn- und Arbeitsraum. Da entsteht gerade etwas ganz Neues. Ein bisschen wie früher in Berlin.

Gedeiht die Kunst vor allem in gesellschaftlichen Umbrüchen?

In schwierigen Situationen entsteht die bessere Kunst. Das habe ich auch an der mexikanisch-amerikanischen Grenze beobachtet. Die Kunst ist dort frei und nicht kommerziell, weil es vor Ort gar keinen Markt dafür gibt. Für mich war es ein großes Privileg, an der Grenze so viele mutige und beeindruckende Menschen kennen zu lernen. In Tijuana bin ich schon ein bisschen Teil der künstlerischen Szene und gebe dort mittlerweile auch Seminare. Für diese Erfahrungen bin ich den Künstlern dankbar.

Das Gespräch führte Franz Viohl

Stefan Falke

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erstellt am 22.4.2014

Stefan Falke. Foto: Neil Beckermann
Stefan Falke. Foto: Neil Beckermann

LA FRONTERA
Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Ku?nstler
Ein Bildband mit Fotografien von Stefan Falke und literarischen Texten mexikanischer Autoren, sowie Essays von Claudia Steinberg und Claudia Bodin
In deutscher und spanischer Sprache
Gebunden, 232 Seiten, farbig
ISBN 978-3-9815893-5-1
Edition Faust, Frankfurt 2014

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Die alte Grenze in Playas de Tijuana am Pazifischen Ozean, gesehen aus Mexiko (Mexiko links, USA rechts, San Diego im Hintergrund). Foto: Stefan Falke