Vom Verkauf des halben Landes bis zum Freihandelsabkommen – eine kleine Geschichte der mexikanischen-US-amerikanischen Grenze und wofür sie in der kollektiven Erinnerung der Mexikaner steht.

La Frontera: Zur Geschichte der Grenze

So weit weg von Gott, so nah an den Vereinigten Staaten!

Von Franz Viohl

In dem Song „Frijolero“ der mexikanischen Punkband Molotov gibt es diese Strophe: „Wenn du mal runterschaust / worauf du stehst / dieser amerikanische Boden / der dich jeden Mist glauben lässt / dann sei dir gesagt /wäre Santa Anna nicht gewesen / wäre das worauf du stehst /jetzt Mexiko correcto!“ Wer war Santa Anna? Hört man sich in Mexiko heute um, dann sind sich die meisten einig: „der Verräter des Vaterlands“ („traidor de la patria“). Denn Santa Anna steht für den Ausverkauf Mexikos an die Vereinigten Staaten und damit die erste neue Grenzziehung zwischen beiden Ländern.

Santa Anna, eigentlich Antonio López de Santa Anna, lebte von 1794 bis 1876 und war mehrmals kurzzeitig Präsident von Mexiko. Das junge Land USA marschierte 1846 in Mexiko ein, sich auf die Unabhängigkeitsbestrebung der nördlichen mexikanischen Bundesstaaten (vor allem Texas) berufend. Santa Anna kämpfte als General gegen die Amerikaner, aber als sie 1848 Mexiko-Stadt einnahmen, da blieb ihm nur, einen Friedensvertrag mit dem siegreichen Nachbarn auszuhandeln.

Mexiko verliert Hälfte des Territoriums

Was dann geschah, erschüttert die Mexikaner bis heute. Für nur 15 Millionen US-Dollar trat Mexiko im Zuge des „Vetrags von Guadalupe Hidalgo“ fast die Hälfte seines Territoriums an die USA ab. Das Gebiet umfasste die heutigen US-Staaten Kalifornien, Arizona, Nevada, Colorado, Utah und einen Teil Wyomings – Texas war schon im Krieg an die USA gefallen. Mexiko verlor eine Fläche fünf mal so groß wie Deutschland, zwar dünn besiedelt aber mit vielen Bodenschätzen. (Der „Gold Rush“ setzte dann ab 1853 ein, als Mexiko abermals eine Grenzregion im heutigen südlichen Kalifornien und New Mexico abtrat.)

Diese Mitte des 19. Jahrhunderts gezogene Grenze besteht heute weitgehend unverändert. In der Zeit der spanischen Kolonialherrschaft bis zur mexikanischen Unabhängigkeit 1810 war die nördliche Grenze des Landes kaum in Gefahr gewesen. Erst im 19. Jahrhundert beanspruchen die neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika jene Territorien, durch die die Siedler auf ihrem Marsch nach Westen wanderten. Aber der viel gescholtene Santa Anna gab den Wünschen des nördlichen Nachbarn nicht einfach nach. Er war selbst ein Anhänger des amerikanischen Fortschritts und glaubte, den Bewohnern von Texas oder Colorado gehe es besser, wenn sie zu den USA gehörten als zu Mexiko. Der „Verrat“, so die mexikanische Historikerin María del Carmen Rovira, sei für den General eine pragmatische Entscheidung gewesen. Und zumindest wirtschaftlich hat Santa Anna recht behalten: Das Durchschnittseinkommen liegt nach Angaben der OECD in Texas heute vier mal so hoch wie in Mexiko.

Vor diesem Hintergrund erzählt sich die Geschichte der mexikanisch-amerikanischen Grenze anders, als beliebte Versionen in beiden Ländern glauben machen. Es war nicht nur das imperiale Auftreten der USA, das Mexikos Einfluss zurückdrang, sondern auch die Unfähigkeit der mexikanischen Politiker, das von inneren Kämpfen geprägte Land im 19. Jahrhundert zu stabilisieren. Auch die Unabhängigkeit der Halbinsel Yucatán konnte 1848 nur durch den Einmarsch der mexikanischen Armee verhindert werden.

Migration und Wirtschaftsabkommen

Nach der Revolution 1910 agierte Mexiko mit neuem Selbstbewusstsein und die Grenze zu den USA blieb im 20. Jahrhundert unangetastet. Der Präsident Lázaro Cárdenas verstaatlichte 1938 die mexikanische Ölförderung – auch gegen amerikanische Begehrlichkeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die USA Mexiko freilich wirtschaftlich weit überholt, weshalb schon Mitte des 20. Jahrhunderts eine erste Auswanderungswelle in das nördliche Nachbarland einsetzte. Die Löhne waren und sind dort um ein Vielfaches höher. Heute machen die Geldsendungen der Migranten nach der Ölförderung die größte Einkommensquelle Mexikos aus.

Bis in die späten 1980er Jahre war die Grenze zwischen Mexiko und den USA ein leicht überwindbarer Zaun oder in vielen Teilen physisch gar nicht existent. Doch der Zustrom mexikanischer und lateinamerikanischer Migranten wuchs auch trotz der Befestigung der Grenzanlage in den 90er Jahren stetig. 1994 unterschrieben die USA, Kanada und Mexiko ein nordamerikanisches Freihandelsabkommen (NAFTA). Es legte den freien Warenverkehr und niedrige Zölle zwischen den Handelspartnern fest, doch vom freien Personenverkehr ist im Vertrag keine Rede. Diese Ambivalenz ist international immer wieder kritisiert worden. Symbol dafür sind Montagebetriebe (maquiladoras) in den mexikanischen Grenzstädten und amerikanische Güterzüge auf mexikanischen Gleisen.

Mexiko war 2013 erstmals Einwanderungsland

Es war der Präsident Carlos Salinas de Gortari, der das NAFTA-Abkommen unterschrieb und eine Privatisierungswelle in Mexiko in Gang brachte. Die mexikanische Linke sieht in ihm daher nach Santa Anna den zweiten großen Verräter der Geschichte. Heute gibt es nur noch eine komplett mexikanische Bank. Auch die derzeitige Regierung unter Enrique Peña Nieto will das Ölgeschäft wieder privaten Investoren öffnen.

Das mächtigste Land der Erde neben einem Schwellenland – dieses Verhältnis macht diese Grenze seit Jahrzehnten zum Politikum. Trotz oder wegen Santa Anna und NAFTA: Weiter suchen Hunderttausende ein besseres Leben in den USA. Der amerikanische Traum ist für sie noch nicht vorbei. Im letzten Jahr allerdings wanderten erstmals mehr Menschen nach Mexiko ein als das Land verließen. Viele Mexiko-Amerikaner kehren in die Heimat zurück, aber auch für Amerikaner, Europäer und Chinesen stellt sich das lateinamerikanische Land als immer größerer Wirtschaftsfaktor dar.

Ende des 19. Jahrhunderts klagte der mexikanische Diktator Porfirio Díaz über das Schicksal seines Landes: „So weit weg von Gott, so nah an den Vereinigten Staaten!“ Dieses Diktum prägt die mexikanische Selbstwahrnehmung noch heute. Aber es gilt nicht ewig.

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erstellt am 22.4.2014

Der Grenzzaun in Arizona, USA. Foto: Stefan Falke

ABBILDUNGEN AUS:

LA FRONTERA
Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Ku?nstler
Ein Bildband mit Fotografien von Stefan Falke und literarischen Texten mexikanischer Autoren, sowie Essays von Claudia Steinberg und Claudia Bodin
In deutscher und spanischer Sprache
Gebunden, 232 Seiten, farbig
ISBN 978-3-9815893-5-1
Edition Faust, Frankfurt 2014

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