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In eigener Weise erinnert das Jüdische Museum Hohenems an den Beginn des Ersten Weltkrieges – anhand von Objekten aus der Geschichte der „Habsburger Juden“. Museumsdirektor Hanno Loewy erläutert das von Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser kuratierte Projekt. Anschließend diskutiert Erik Petry die Frage, inwiefern man die Juden als die ersten Europäer sehen kann.

jüdische geschichte

Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914

In einem assoziativen Panorama wird die jüdische Welt des Habsburgerreiches dargestellt, jenes „Vielvölkerreiches“, in dem Juden in allen Landesteilen präsent waren – und in dem sie quer durch die europäischen Landschaften innerhalb des Habsburgerreiches aber auch weit darüber hinaus, durch Migration und Familienbeziehungen, durch kulturellen Austausch, durch Bildung und Handel vernetzt waren. Die Juden waren zugleich lokale Patrioten, glühende „Habsburger“, Europäer und Weltbürger.

Der Erste Weltkrieg warf nicht nur die Europäer gegeneinander, auf allen Fronten dieses Krieges fanden sich auch die europäischen Juden wieder. Wenn also von Habsburg als „Vielvölkerreich“ als einer Illusion die Rede sein kann, so doch von einer Illusion, die fruchtbar war wie wenige andere. In ihren Widersprüchen – und auf ihren sich verändernden Territorien – haben sich jüdische Kaufleute und Bettler, Rabbiner und Erfinder, Hausierer und Bankiers, Eisenbahnpioniere und Künstler, Arbeiter und politische Visionäre bewegt. Und haben diese Grenzen und Widersprüche fortwährend überschritten, physisch und geistig. Aus all diesen Spannungen ergibt sich das facettenreiche Bild einer transnationalen Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die als Realität an ihren Widersprüchen gescheitert ist und zugleich ein utopisches Potential in gegenwärtigen Debatten um die Zukunft Europas verkörpert. Der kritische Blick darauf soll keine falsche Nostalgie wecken, sondern den „Möglichkeitssinn“ (Robert Musil) schärfen. Solche Dimensionen lassen sich insbesondere in der Betrachtung von Objekten aus der Geschichte der „Habsburger Juden“ zwischen Bodensee und Bukowina, Süddeutschland und Italien entfalten. In der Geschichte ihrer Entstehung, ihres Gebrauchs und ihrer Deutung haben sich, hundert Jahre nach dem Beginn des „europäischen Bürgerkriegs“, alle Aspekte einer vergangenen, enttäuschten, missbrauchten und immer noch lebendigen europäischen Hoffnung verdichtet.

Hanno Loewy

essay

Die Juden – die ersten Europäer?

Von Erik Petry

In Stefan Zweigs Lebenserinnerungen „Die Welt von gestern“ lautet der Untertitel „Erinnerungen eines Europäers“. Stefan Zweig, der Europäer? Im Zuge heutiger transnationaler Zugänge zur Historiographie würde man Zweig schnell zustimmen, um sich dann aber doch der tieferen Analyse widmen zu müssen: Zweigs Selbstbezeichnung ist zwar ein illustrierendes Beispiel, aber noch kein Beweis für die im Titel angesprochene These, die jüdischen Gemeinschaften überhaupt seien die ersten Europäer gewesen. Nun denkt nicht erst die Ausstellung in Hohenems über diese Frage nach, wie z. B. ein Blick nach England zeigt. Am 2. Januar 1938 hält der englische Historiker Cecil Roth die präsidiale Eröffnungsrede vor der „Jewish Historical Society of England“ mit dem Titel „The Jew as a European“. Schon mit diesen beiden Texten von Zweig und Roth öffnen sich einige Fragen, die die so wohlfeil angenommene These ins Wanken bringen. The Jew as a European? Heißt es nicht, gerade die jüdische Bevölkerung sei zumindest bis zum Ersten Weltkrieg stark national fixiert gewesen? Und was ist überhaupt Europa, was ist europäisch? Muss man dies nicht erst einmal definieren?

Die Frage nach einem Raum Europa erscheint im Westen, Norden und Süden beantwortbar, sind doch das Mittelmeer, der Atlantik und die Arktis geradezu idealtypische Grenzen, im Osten allerdings wird es schwierig, denn Europa ist kein eigener Kontinent, wo also hört Europa geographisch auf? Am Ural? Am Bosporus? Aber vielleicht ist dies auch gar nicht die entscheidende Frage, denn schaut man sich die heutigen Diskussionen über die politische Konstruktion der Europäischen Union an, geht es weniger um Grenzen, sondern viel eher um Konzepte, Gesellschaftsentwürfe, eine europäische Zivilisation. Da scheint es Traditionen zu geben, die als europäisch gelten und die man verteidigen möchte, da sie für die Moderne tauglich erscheinen. Geradezu gegensätzlich dazu stehen die spöttischen Kommentare aus den USA, es wäre dies das „alte Europa“, womit sich pejorative Herabsetzung verbindet. Ein Widerspruch?

Aber auch diese Diskussionen sind kein Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Europa ist in dem Moment Diskussionsgegenstand, in dem Europa als Referenzrahmen wahrgenommen wird. Die dort lebenden Völker erleben sich in der Bildung der monarchischen Herrschaften und der Regionen überspannenden Reiche, sehen sich in austauschendem Kontakt und dem Versuch dezidierter Abgrenzung, wozu seit der Neuordnung Europas nach dem Ende des Römischen Reiches auch immer kriegerische Auseinandersetzungen gehören. Die Fränkische Reichsteilung im 9. Jahrhundert in das Ostfrankenreich (=Deutschland) und das Westfrankenreich (=Frankreich), dazu die Reichbildungen in England und Russland sowie die Ausbildung der Herrschaften z. B. in Polen und Ungarn schaffen schon am Ende des Frühmittelalters den besagten Referenzrahmen Europa. Die Fränkische Reichsteilung kann hierbei als eine erste massive Spaltung Europas angesehen werden, auch wenn der französische Philosoph André Glucksmann dies die „Einheit in der Teilung“ nennt.

Eine jüdische Bevölkerung in Europa findet sich auf den Spuren des Römischen Reiches, denn nach dem Ende des Bar Kochba-Aufstands im Jahr 135 und dem Verlust aller politischen Rechte in Jerusalem existiert ein jüdisches politisches Gemeinwesen im Nahen Osten nicht mehr. Die Juden folgen den Wegen der Römischen Herrschaft, lassen sich zunächst in Kleinasien, Nordafrika und auch Spanien nieder, 212 erhalten sie das Recht auf Römisches Bürgerrecht, ziehen dann auch rheinabwärts, werden aber ab dem 5. Jahrhundert n. d. Z. von den nun christlichen römischen Kaisern aus der bürgerrechtlichen Gleichstellung wieder herausgenommen. Die jüdische Bevölkerung wird damit in Europa zu einem ersten Fall einer Gruppe, die nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Schicht, Kaste oder Berufsklasse, sondern die aufgrund ihrer Herkunft per se minder eingeordnet wird.

Ab dem 11. Jahrhundert erlebt die jüdische Bevölkerung gewalttätige Exzesse, die in den Kreuzzügen (ab 1096), den Vorwürfen des Ritualmordes, des Hostienfrevels und der Brunnenvergiftung, dies vor allem während der Pestumzüge 1348/49, ihre Höhepunkte finden. Die Kreuzzüge führen zur Ausbildung eines zweiten Siedlungsschwerpunktes der Juden, denn ab dem zweiten Kreuzzug (1148-50) wandern Juden in das Polnische Königreich aus, das sie mit vielen Vergünstigungen lockt, aber nicht mit einer Gleichstellung. Die jüdische Bevölkerung als eine als Volk wahrgenommene Gruppe des Mittelalters wird eine universale Erscheinung in Europa, wobei hier deutlich von einem marginalen Phänomen auszugehen ist, da der Anteil der jüdischen Bevölkerung nur in ganz wenigen Räumen signifikant hoch ist, in den meisten von ihnen bewohnten Räumen marginal klein, und in den allermeisten Herrschaften gibt es überhaupt keine jüdische Bevölkerung.

Aber das Judentum ist ein Faktor in der Entwicklung der Rechtsordnungen, die vom Römischen Recht beeinflusst auch einen stark klerikalen Einschlag haben. Der Versuch, die jüdische Bevölkerung als schutzwürdig zu definieren, zeigt sich z. B. in den Gesetzen, die die jüdische Bevölkerung dem Kaiser direkt unterstellen wie der Mainzer Reichslandfrieden 1235 oder die Kammerknechtschaft 1236. Doch ist der Blick der europäischen Herrschaften nicht einheitlich, neben gesetzlichen Regulierungen am Ort oder klerikal angeordneten Ausgrenzungen durch Konzilsbeschlüsse, gibt es lokale Vertreibungen, die in der Folge meist eine spätere Rückkehr erlauben, aber auch Vertreibungen aus großen Herrschaftsräumen, die als manifest gelten (1290 England, 1306/1394 Frankreich). Dies schafft in der jüdischen Bevölkerung keine Rechtssicherheit und zwingt sie, schon ab dem 11. Jahrhundert einer selbst verantworteten Zuordnung zu einem Raum zu misstrauen.

Die Herausbildung des zweiten größeren Siedlungszentrums, zunächst im Königreich Polen, später auch in weiteren Gebieten Zentral- und Osteuropas, trägt zur Mobilität, aber ebenfalls nicht zur Rechtssicherheit bei. Während dann im 16. und 17. Jahrhundert erste Diskussionen nicht nur über Herrschaftsräume, sondern auch über einen Oberbegriff wie „Teutschland“ beginnen, ist die jüdische Bevölkerung hiervon ausgeschlossen. Das 16. und 17. Jahrhundert denkt in Stämmen (die Bayern, die Franken, die Burgunder etc.), denkt aber im Falle „Teutschlands“ nicht an die Juden als Teil eines imaginierten Herrschaftsverbandes. Der Humanismus versucht sich zwar als eine Art Anwalt der Juden, besonders Johannes Reuchlin versucht eine Ebenbürtigkeit des Judentums mit dem Christentum aus religiöser Sicht zu begründen, doch die Reformation nimmt dies nicht auf. Die Frühe Neuzeit sieht also den absolutistischen Staat und sieht die Juden als Teil des Merkantilismusprojekts. Dies knüpft in einer Form der Longue durée an die Gründe der polnischen Herrscher an, die ab dem 12. Jahrhundert die Juden nach Polen holten rein aus ökonomischen Überlegungen. Die dabei gewährten Rechte fußten nicht auf Emanzipationsvorstellungen, sondern auf der Idee des Anreizes. Dies erfährt in der Frühen Neuzeit vor allem im deutschsprachigen Raum seinen Höhepunkt mit dem Konzept der jüdischen Hoffaktoren. Der Erfolg und das Berufsgeschick einzelner werden genutzt, diese aus der Rechtsumgebung der Bevölkerung herausgehoben und utilisiert, wobei keinerlei Zuordnungsanerkennung oder Rechtssicherheit stattfindet.

Für die jüdische Bevölkerung ist Europa auch in der Frühen Neuzeit der Referenzraum, der „Geschichts- und Erfahrungsraum“, der aber, wie es z. B. Ulrich Wyrwa in einer Untersuchung jüdischer Historiographie darlegt, daneben auch als Leidensraum erfahren wird. Wyrwa stellt dem Leidensraum die „Gelehrtengeschichte“ an die Seite, der aber explizit noch durch den Begriff des Kulturraums erweitert werden muss. Europa schafft den Rahmen für Kulturschöpfungen aus dem Judentum heraus und für das Judentum, die in einer reinen Leidensgeschichte marginalisiert würden, wie z. B. die verschiedenen Haggadot sowie Kunst- und Ritualgegenstände, z. B. der Chanukka-Leuchter der Familie Wertheim-Oppler, 1713 zeigen.

Das Zeitalter der Aufklärung und die damit beginnenden Debatten über die Emanzipation ersinnen in gewisser Weise die jüdische Bevölkerung als „Testfall“, denn Juden sind in diesen Debatten immer ein Thema, da an ihnen eben das aufklärerische Denken und Handeln bewiesen werden kann und soll. Dies offenbart sich dann aber nicht nur in der Philosophie und Literatur, sondern auch im Herrschaftskonzept des aufgeklärten Absolutismus. Gotthold Ephraim Lessing fokussiert das Thema literarisch mit seinem Stück „Nathan der Weise“ (1779), indem er alle drei monotheistischen Religionen gleichsetzt, staatsrechtlich ergänzt dies Christian Wilhelm Dohm mit seinem Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ (1781/82), worin er die Juden zwar als dringend zu verbessern bezeichnet, die Schuld für diese Situation aber der christlichen Herrschaft zuschreibt. Und tatsächlich werden diese Vorstellungen in Ansätzen auch schon vor der Französischen Revolution umgesetzt, wie das 1782 erlassene Mährische Toleranzpatent des österreichischen Kaisers Joseph II., ein klassischer Vertreter des aufgeklärten Absolutismus, zeigt.

Mit der Aufklärung, mit dem Primat der Ratio, wird auch über Europa nachgedacht, dies aber in zwei unterschiedlichen Zügen, denn während die Romantiker aus der Ratio wieder stärker die Religion, was christliche Religion meint, extrahieren wollen, zielen eher liberale Denker auf ein anderes Europabild, das eben Europa und Nationalstaat synergetisch denkt. Damit sind die Debatten des 19. Jahrhunderts lanciert, die dann durch die Amerikanische Revolution und der ersten vom Emanzipationsgedanken geleiteten Verfassung 1786 (Virginia) sowie der Französischen Revolution stark angefeuert werden. Aber was ist Europa im 19. Jahrhundert und wo wird dort die jüdische Bevölkerung eingeordnet, wo ordnet sie sich selbst ein?

Europa erlebt ab der Französischen Revolution eine verdichtete Zeit, was sich allerdings nicht in linearen Entwicklungen zeigt, sondern in widersprüchlichen, ambivalenten Entwicklungen, die den Bezugsrahmen Europa zu einem schwierig zu definierenden Phänomen machen. Für die jüdische Bevölkerung setzt das revolutionäre Frankreich mit der vollständigen Emanzipation 1791 ein erstes Zeichen, doch ziehen die anderen europäischen Länder nicht nach, müssen sie doch zuerst ihr Verhältnis zur Revolution klären und sich dann gegen das revolutionär-imperialistische Frankreich Napoleons wehren. Napoleons Versuch der Unterwerfung Europas lässt die fortschrittlichen Gesetze Frankreichs in den Hintergrund treten, die jüdische Bevölkerung kann nach den Befreiungskriegen hiervon nicht mehr profitieren, es beginnt in den meisten Ländern ein z.T. jahrzehntelanges Aushandeln der Emanzipation. Die jüdische Bevölkerung wird dabei erneut zum Testfall degradiert, progressive Kräfte sind für die Emanzipation, konservative dagegen, aber es geht immer um das Aushandeln einer Staatsräson, nicht um die tatsächliche Bevölkerung. Hier unterscheiden sich die europäischen Staaten nicht, nur das Ende des Aushandelns differiert massiv: von 1790/91 in Frankreich, über z. B. 1796 in den Niederlanden, 1867 in Österreich-Ungarn, 1871 in Deutschland, 1874 der Schweiz bis zu Russland 1917 und Spanien 1919.

Auf jüdischer Seite gibt es herausragende Vorkämpfer dieser Emanzipationsbestrebungen, wie David Salomons in England (1797-1873) und Gabriel Riesser (1806-1863) in Deutschland, denen bewusst sein muss, dass ein Aushandeln der Emanzipation in eine sich homogenisierende, bürokratisierende Gesellschaft auch eine Forderung nach Anpassung enthält – für und von allen Beteiligten. Die jüdische Bevölkerung ist ein Indikator der Offenheit bürgerlicher Gesellschaften, aber zumeist als Objekt, trotz all der Riessers und Salomons‘. Ist also einzig das Jude-Sein, nicht das Erkennen der Humanitas, der Grund für die Emanzipation, ein Beweis der Modernität, denn eigentlich will man sie nicht in den Verbund der Nation hineinlassen? Dies erscheint möglich, aber die jüdische Bevölkerung lässt sich ihr europäisches Projekt nicht so schnell rauben.

Ausgehend von England wird Europa einer zweiten Revolution unterworfen, der Industrialisierung, die einen harten Wechsel in der Arbeits- und Lebensrealität der Menschen mit sich bringt. Die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erreichte Unabhängigkeit der Wirtschaft von Erntezyklen wird mit einer sich für die Zeitgenossen rasant und undurchschaubar entwickelnden Ökonomie bezahlt. Ein gesamteuropäisches Phänomen, auch wenn hier keine Gleichzeitigkeit zu konstatieren ist, sondern eher ein Entwicklung von West nach Ost. Die Rasanz und Veränderung lässt sich eindrucksvoll an der Entwicklung der Eisenbahn und der Medienlandschaft erkennen. So gab es in Europa 1850 bereits 23.500 Eisenbahnkilometer, 1910 sollten es dann 358.250 Kilometer sein. Güter- und Personentransport stehen auf einer völlig neuen Stufe. Zwar werden auch schon vor der Eisenbahn Waren durch ganz Europa befördert, aber die nun möglichen Quantitäten und der schnellere Transport veränderten die Ökonomie nachhaltig.

Dazu kommt der Zuwachs an Informationsmöglichkeiten durch das Zeitungswesen, das ab 1830 exorbitant wächst. Die Informationen erreichen nun schneller und in schnellerer Kadenz auch die entlegeneren Winkel eines Staates. Aus dem Erkennen eher langfristiger Entwicklungen wird nun die Chance der täglichen Information, der kleinschrittigeren Wahrnehmung. Zu der Arbeitsbelastung tritt das subjektive Gefühl einer beschleunigten Zeit hinzu, die dazu die Menschen des 19. Jahrhunderts mit einer Fülle an Neuerungen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich im wahrsten Sinne des Wortes überfällt. Medizin und Naturwissenschaft, aber auch die Kriegstechnik verändern sich und damit die europäischen Gesellschaften grundlegend, und dem stehen die Geisteswissenschaften in nichts nach. In allen diesen Bereichen haben Juden ihren Anteil. Das Aufbrechen ständischer Berufsstrukturen, die neue Berufe anfordernde Gesellschaft öffnet sich allen Personen, die diese Forderungen erfüllen können. Die Moderne, um es einmal etwas holzschnittartig zu formulieren, schaute nicht mehr darauf, wer welcher Religion angehörte, sie schaute nur nach den Modernisierern.

Dagegen regt sich Widerstand, der sich in verschiedenen Formen des europäischen Denkens zeigt. Ist der aufgeklärte Staat im Nachgang der Französischen Revolution möglicherweise auf dem Weg gewesen, ein europäisch-liberales Nationenmodell in den verschiedenen Staaten umzusetzen, zerstört dies schon die Napoleonischen Kriege, bzw. setzt man diesem Weg Modelle restaurativen Charakters entgegen. Gegen die Moderne kann man sich nicht gut wehren, aber man kann mit ihr gehen und dabei Sabotage betreiben.

Doch zunächst beginnt eine Verbürgerlichung der europäischen Gesellschaften. Aber wer ist ein Bürger? Auf eine Kurzformel gebracht setzt sich der Bürgerstand aus einem sich ausdifferenzierenden Mittelstand zusammen, der als Stadtbürger in der modernen Ökonomie tätig ist oder in den bürgerlich-städtischen Kreisen einem Berufe nachgeht. Diese Bürgergesellschaften fordern die politische Herrschaft heraus, stellen alte Herrschaften in Frage. Herrschaft ist immer statisch, sie will herrschen über gut zu Beherrschendes, das sich möglichst wenig beweglich in einem von der Herrschaft vorgegebenen Rahmen bewegt. Damit sind die politischen Konflikte des 19. Jahrhunderts um die politische Herrschaft bestimmt. Die jüdische Bevölkerung als zu einem guten Teil städtischer Bevölkerung partizipiert an und profitiert von dieser Verbürgerlichung. Sie war nie Teil einer Herrschaft, kann sich aber jetzt in die neu zu bildenden politischen Strukturen einbringen.

Ein „Sabotageakt“ des 19. Jahrhunderts ist der immer radikaler gedachte Nationalismus. Auf dem Hambacher Fest 1832 denkt einer der Redner, Johann August Wirth, die Nationalstaaten noch in einer gesamteuropäischen Idee synergetisch, zwar fordert er die Bildung der Nationalstaaten, auch die Aufrichtung der zu dieser Zeit eigentlich nicht mehr existierenden Staaten wie Italien, Polen und Ungarn, doch habe dies alles einen gesamteuropäischen Zweck mit dem Ergebnis: „Europa ist wiedergeboren und auf breiten natürlichen Grundlagen organisirt [sic!]. […] Freiheit des Welthandels ist die köstliche materielle Frucht und unaufhaltsames Fortschreiten der Civilisation der auβer jeder Berechnung liegende geistige Gewinn eines solchen Weltereignisses.“ Wirths Idee bleibt zunächst ein Traum, den der Nationalismus lässt nicht nur die Nationalstaaten gegeneinander antreten und Europa 1914 schließlich in ein Schlachtfeld ungeahnter Zerstörung verwandeln, sondern bestimmt immer radikaler, wer zu einer Nation nicht dazugehört. Gerade in den deutschsprachigen Staaten wird dies ein Exkludierungsargument gegen die jüdische Bevölkerung, das sich mit dem rassistischen Antisemitismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbindet.

Warum aber schließt man die jüdische Bevölkerung aus? Gilt sie als unzuverlässig? Nicht staatstreu? Dieses Argument würde stark an die im Deutsche Kaiserreich vorgebrachten Vorwürfe gegenüber der katholischen Bevölkerung erinnern. Die jüdische Bevölkerung kann so ein Vorwurf nicht treffen, trotz der hasserfüllten Polemik des führenden Berliner Historikers Heinrich von Treitschke, der 1879 die Juden als „unser Unglück“ bezeichnet und damit den „Berliner Antisemitismus-Streit“ vom Zaun bricht. Empört antwortet unter anderem der von Treitschke angegriffene Breslauer Historiker Heinrich Graetz und betont seine sowie die Loyalität der jüdischen Bevölkerung gerade zur deutschen Nation.

Werden die Juden vielleicht als Gegenmodell zum Nationalismus gesehen und daher abgelehnt? Wäre dies so gewesen, müsste man sich fragen, wie man eine derart loyale Gruppe ablehnen, was man von einer derart loyalen Gruppe noch verlangen kann. Die Antwort weist einerseits auch wieder auf die Debatte der Emanzipation zurück, man führt einen de jure-Vorgang aus, dem ein de facto-Vorgang nicht folgen muss, andererseits lässt die Analyse des Verhaltens der jüdischen Bevölkerung im Referenzrahmen „Nation“ den Schluss zu, dass die jüdische Bevölkerung keine Antithese ist, im Gegenteil, denn sie entscheidet über ihre Zugehörigkeit aus dem Leben an einem Ort heraus, sie akzeptiert nicht nur den Wohnort als ihren Ort, sondern übernimmt die Attribute der Wohngesellschaft, bringt sich in die Gesellschaft ein. Die jüdische Bevölkerung entscheidet also, dass sie zu der Nation gehört, der sie durch Wohnen und Empathie verbunden ist. Und das ist eine höchst moderne, höchst europäisch-zukunftsträchtige Entscheidung, die aber im Denken des 19. Jahrhunderts, d.h. einer immer klaren Zuordnung jeder einzelnen Person zu einer Nation, noch schwierig nachzuvollziehen ist. Einmal entschieden, agiert die jüdische Bevölkerung dann in den Parametern der Nation. Da aber diese Parameter nicht immer linear vorgegeben sind, finden sich Juden in höchst konservativen, dem Adel zugetanen Kreisen, ebenso wie in den Reihen der Revolutionäre 1848 (vgl. Revolutionstagebuch Benjamin Kewall) – beiden Gruppen ging es in der Argumentation um die Nation, um den Staat.

Die bisherige Argumentation bezieht sich in hohem Maße auf Teile Mitteleuropas und auf Westeuropa. Wie aber lassen sich die osteuropäischen Juden hier einordnen? Ohne sich auf eine längere Diskussion darüber einzulassen, ob es „Ostjuden“ oder „Osteuropäische Juden“ heißen sollte und was dies überhaupt meine, sei als Basis Heiko Haumann zitiert, der diese Diskussion aus der Raumebene herausnimmt: „Bei einem Ostjuden handelt es sich um einen Menschen, der sich bewusst zum Judentum bekannt, dessen Verständnis sich ihm in schweren Konflikten erschlossen hat. Tradition und Erinnerung üben dabei prägende Wirkung aus (…) Zwar kleidet sich der Ostjude in der Regel in eigener Tracht und lebt nach streng befolgten religiösen Gesetzen, überlieferten Sitten und Ritualen, doch Ausnahmen bilden keineswegs nur eine Randerscheinung. Auf jeden Fall gehört zum Ostjuden die jiddische Sprache.“ (Vgl. Karl Emil Franzos, Halb-Asien) Dass es zwischen den westeuropäischen Juden und den osteuropäischen Juden in Bezug auf die nationale Zugehörigkeit und der damit verbundenen Hilfeverpflichtung erhebliche Wahrnehmungsunterschiede gibt, zeigt sich massiv ab den 1880er Jahren, als nach der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 und den sich anschließenden Pogromen die Migration aus dem Osten beginnt, die zwar eigentlich nach Amerika führen soll, aber sehr viele Auswanderer erst einmal in den westlichen Metropolen stranden lässt, z. B. in Wien (Leopoldstadt), Berlin (Scheunenviertel), London (East End). Die Westjuden sehen ihre Eingliederung in die westlichen Gesellschaften gefährdet, wollen die Brüder und Schwestern aus dem Osten aber auch nicht ohne Hilfe lassen, mühen sich also darum, diese möglichst bald Richtung Westen weiterzuschieben, in Richtung „Columbusses Medine“ – Amerika.

Es kann also auch im aschkenasischen Bereich nicht von einem einheitlichen Judentum die Rede sein, doch gerade das ist die Außenwahrnehmung, vor deren Konsequenz sich die Westjuden fürchten. Aber könnte man diese Situation nicht auch idealtypisch europäisch deuten? Eine Gruppe, die sich auf denselben Ursprung beruft, auf denselben Referenzrahmen, behält diesen Ursprung, diesen Referenzrahmen, auch bei, die Phänomene entwickeln sich aber derart unterschiedlich, dass der Eindruck streng getrennter Gruppen sich bilden könnte. Für die jüdische Bevölkerung in ganz Europa wäre dies die Religion, für Europa selbst wäre dies der Referenzrahmen Europa. Und dies würde an Johann Gottfried Herder anknüpfen, der Europa schon im 18. Jahrhundert gedacht hat und in seinem Text „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ schreibt: „[…] der die ganze Einheit einer, aller Nationen in alle ihrer Mannigfaltigkeit denkt, ohne dass ihm dadurch die Einheit schwinde….“

Einheitlichkeit in der Mannigfaltigkeit, oder um es etwas schärfer zu formulieren: Einheitlichkeit in der Differenz kann für das Europa ab der Frühen Neuzeit stehen, und die jüdische Bevölkerung steht eben nicht einfach nur am Rand, sondern repräsentiert dies als Gruppe, an der dann aber auch die Widerstände, die Auseinandersetzungen ausgeführt werden, von juristischen Ungleichheiten über die Sabotage der Moderne bis hin zum Völkermord. Cecil Roth sieht ein „Europäisches Zeitalter der Geschichte“ vom 10. bis zum 20. Jahrhundert, Yuri Slezkine in seiner 2004 publizierten Untersuchung „The Jewish Century“ macht eher das 20. Jahrhundert als das Jüdische aus, und während Roth die Zeit vom 10. bis zum 20. Jahrhundert als jüdisch definiert, da sich die jüdische Geschichte zu einem Großteil in eben diesem Europa abgespielt habe, bezeichnet Slezkine das 20. Jahrhundert als die Moderne und schreibt: „Modernization (…) is about everyone becoming Jewish“. Mirjam Thulin hat 2010, in Anlehnung an Dan Diner, die Juden, da sie überall in Europa lebten, ohne Nationalstaatsbindung, multilingual, mobil gewesen seien und vorwiegend urban gelebt hätten, als „Europäer avant la lettre“ bezeichnet. All diesen Verortungen ist mit Abstrichen zuzustimmen, doch lässt mich das Fazit aus dem hier Gesagten zu einem pointierteren Schluss kommen: Die Juden sind vor allem im 19. Jahrhundert nicht nur die ersten Europäer, sie sind zu dieser Zeit die einzigen Europäer, da sie als Gruppe das schon angedachte und von ihnen mitgedachte, als Idee existierende Projekt Europa repräsentieren.

Zum Abschluss soll noch einmal Stefan Zweig zu Wort kommen, der sich in einem Brief vom Januar 1917 an Martin Buber nicht nur zum Europäischen des Judentums, sondern zum Weltbürgerlichen äußert: „Dass ich die Diaspora liebe und bejahe als den Sinn seines (des Judentums, E.P.) Idealismus, als seine weltbürgerliche allmenschliche Berufung. Und ich wollte keine andere Vereinung als im Geist, in unsrem einzigen realen Element, nie in einer Sprache, in einem Volke, in Sitten, Gebräuchen, diesen ebenso schönen als gefährlichen Synthesen.“

Aus dem Ausstellungskatalog „Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914“.
Mit freundlicher Genehmigung des Jüdischen Museums Hohenems

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

PD Dr. phil. Erik Petry ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel

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erstellt am 21.4.2014

Jüdisches Museum Hohenems. Foto: Dietmar Walser

ausstellung in hohenems

Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914

Bis 5. Oktober 2014

Jüdisches Museum Hohenems

Ausstellungsansicht: „Die ersten Europäer“, Jüdisches Museum Hohenems. Foto: Dietmar Walser

Abzeichen aus dem Ersten Weltkrieg. Metall, gegossen, emailliert. Österreich-Ungarn, 1914. Sammlung Ariel Muzicant, Wien

Stefan Zweig: Blick auf mein Leben – Entwurf einer Autobiographie. Manuskript, 1941. Library of Congress, Washington, D. C.

Ausstellungsansicht: „Die ersten Europäer“, Jüdisches Museum Hohenems. Foto: Dietmar Walser

Tora-Mantel. Wien 1857/58. Seide, Baumwolle. Jüdisches Museum Wien

Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914
Hg. Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser
Ausstellungskatalog, 184 Seiten
ISBN 978-3-85476-439-7
Mandelbaum Verlag, Wien 2014

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