Die Bevölkerung im Nordosten Syriens besteht mehrheitlich aus Kurden. In der Syrischen Arabischen Republik, wie Syrien offiziell heißt, versuchte man, ihre kurdische Identität zu untergraben. Kurdisch in der Öffentlichkeit zu sprechen war zeitweise verboten. Auch kurdisches Schrifttum wurde nicht erlaubt. Der Schriftsteller Haitham Hussein beschreibt in seinem Essay, welche Hoffnungen er sich als Kurde zu Beginn der Revolution gemacht hatte und warum er schließlich doch das Land verlassen musste.

stimmen aus syrien

Revolution … Traum und Heimat

Von Haitham Hussein

Weil Heldenepen sich dem Erzählen widersetzen, werde ich einige Geschichten über Enttäuschung, Vertreibung und Verlust berichten, die sich im Zuge der Vernichtung einer Heimat zugetragen haben. Jeder Versuch, die Verbrechen des Mörders zu beschreiben, kann nur blass und unvollständig sein. Die Gefühle verweigern sich der Übertragung in Worte, glühen aber in den Herzen weiter, auch wenn wir uns über sie erheben wollen.

Ich muss hier, an dieser Stelle, einräumen, dass die syrische Revolution das gesellschaftliche Gefüge auseinandergerissen und auf chaotische Weise neu zusammengesetzt hat.

Jahrzehntelang waren wir in Syrien von angstvollem Schweigen umgeben. Als die Revolutionen in den arabischen Ländern die Throne der Tyrannen ins Wanken brachten, machte sich auch unter uns Optimismus breit, dass der Despot unseres Landes gestürzt werden würde, denn das Rad der Geschichte dreht sich nicht zurück. Nach den Verbrechen an den Kindern von Deraa im Süden des Landes antworteten junge Leute im Suk der im Norden gelegenen Stadt Amouda aus voller Brust auf die Rufe ihrer Brüder. Die Situation war in höchstem Maße unübersichtlich, doch das Regime hatte sich auf jede nur mögliche Konfrontation vorbereitet.

Nachdem der Protestfunke übergesprungen war, versuchten die Geheimdienste mit allen Mitteln, die Wut der Kurden zu neutralisieren. Rechte, die man ihnen früher geraubt hatte, wurden ihnen nun wieder zugesprochen, und willkürlich Umgesiedelte durften an ihre früheren Wohnorte zurückkehren. Den sogenannten „Ausländern“ aus der Provinz Hasakeh wurde sogar ihre Staatsangehörigkeit per Gesetz zurückgegeben. Es war deutlich erkennbar, dass die Autoritäten versuchten, die Kurden von der übrigen Bevölkerung abzuspalten, damit sie sich nicht der syrischen Revolution anschlossen.

Die an der Grenze zur Türkei gelegene Stadt Amouda war berühmt für ihre humoristischen Demonstrationsbanner. Diese Banner sowie die Plakate aus dem Städtchen Kafranbel in der Provinz Idlib gruben sich tief ins Gedächtnis der Syrer ein und erinnern bis heute an die friedlichen Demonstrationen.

Amouda ist eine außergewöhnliche syrisch-kurdische Stadt. Trotz fieberhafter Versuche des Regimes, die Bevölkerung zu spalten und auszuhungern, gelang es ihm nicht, die Stadt zu bezwingen. Der Aufstand vom März 2004, in dessen Verlauf die Statue von Hafez al-Assad in Amouda umgestürzt worden war, stellt eine entscheidende Wende in der neueren Geschichte der Stadt dar. Nach diesem Aufstand umschloss die Faust des Regimes Amouda noch enger, und es verschärfte die Strafen gegen die Bewohner, um sie zu Reue und Kapitulation zu bewegen.

Als die syrische Revolution ausbrach, gehörte ich einer Gruppe von Leuten an, die willkürlich bestraft und für ein ganzes Jahr aus Amouda ausgewiesen worden waren. Ich hatte in einem Interview auf die Frage, was der arabischen Kultur fehle, geantwortet, es gebe einen enormen Bedarf an Selbstkritik; das Geflecht aus Beziehungen und Cliquen im Kulturbereich müsse aufgebrochen werden, die Einmischung der Politik in die kulturellen Angelegenheiten müsse ein Ende haben und die fixe Idee einer kulturellen Invasion aufgegeben werden. Kurz gesagt, eine kulturelle Revolution im wahrsten Sinne des Wortes sei vonnöten. In der Geheimdienstzentrale in Hasakeh wurde ich beleidigt, beschimpft und erniedrigt. Der Verhörer drohte mir alle möglichen Gliedmaßen abzuschneiden … Immer wieder sprach er das Wort Revolution wie ein Schimpfwort aus.

Durch den üblichen Einsatz von Spitzeln und Bütteln versuchte das Regime, den Zusammenhalt der Kurden aufzubrechen und sie zu spalten. Es setzte Gerüchte über die Demonstranten in die Welt, bezichtigte sie, religiöse Fanatiker zu sein, und verbreitete Lügen über ihre angebliche Feindseligkeit gegenüber den Kurden, obwohl doch das Regime selbst über Jahrzehnte hinweg der größte Feind der Kurden gewesen war.

Gleichzeitig reduzierten die Geheimdienste die offene Unterdrückung der Bevölkerung und die Behinderung des Alltagslebens in den kurdischen Städten. Aus diesem Grunde wurde meinem Antrag stattgegeben, im Sommer 2011 nach Damaskus umziehen zu dürfen. Ich hatte in der östlichen Ghouta, in Schabaa, ein Haus gekauft und wollte nun beginnen, es einzurichten.

Auf den Straßen der Ghouta entging ich mehrere Male nur knapp dem Tod. Eines Nachmittags kam es dort zu einer friedlichen Demonstration, doch die Schergen des Regimes lösten sie mit Schüssen auf. Willkürlich wurde ein Kurde zusammen mit seinem einzigen Sohn erschossen. Niemand konnte den beiden zu Hilfe eilen, weil die Straßen gesperrt waren und man den Ort umstellt hatte. Ein anderes Mal, im Frühjahr 2012, wurde die östliche Ghouta mit Raketen, Fassbomben und Artillerie so beschossen, dass die Erde um uns herum bebte. Es waren gerade erst anderthalb Monate vergangen, seit meine Frau und ich in unser neues Zuhause umgezogen waren, doch nach diesem Angriff beschlossen wir, nach Amouda zurückzukehren. Das Leben in der Ghouta war unerträglich geworden, Tod und Belagerung drohten uns zu ersticken. Meine Frau war zu jener Zeit nach fünf aufeinanderfolgenden Fehlgeburten im fünften Monat schwanger, und ich hatte große Sorge, sie könne infolge des schrecklichen Bombardements und der grauenhaften Szenen von Tod und Zerstörung eine weitere Fehlgeburt erleiden.

Wir kehrten als Flüchtlinge nach Amouda zurück. Dort richteten wir uns zusammen mit vier anderen Familien im Haus meiner Eltern ein. Allmählich klärte sich die Situation in unserer Region, denn die Truppen des Regimes zogen sich von einigen Posten in Amouda und aus anderen kurdischen Städten zurück. Es zeichnete sich ab, dass das Regime diese kurdische Region in einen kurdisch-kurdischen Konflikt hineinziehen und ihn von da an am Glühen halten wollte. Dieser Konflikt riss tiefe Gräben in die kurdische Gemeinschaft und führte letztendlich dazu, dass im Sommer 2013 in Amouda Kurden das Blut von Kurden vergossen, und dies, während landesweit eine wahrhaftige Revolution gegen das Regime im Gang war.

Mein zerstörtes Haus auf Youtube zu sehen, war nur schwer zu ertragen, denn ich hatte mein gesamtes Vermögen hineingesteckt. Doch nicht nur der finanzielle Aspekt war bedrückend, die Zerstörung betraf auch Erinnerungen, Fotos und noch vieles mehr … Nur die Geburt meiner ersten Tochter, die ich „Hêvî“, kurdisch: „Hoffnung“, nannte, konnte mich dafür entschädigen. Sie würde die Hoffnung für meine Zukunft, ja für meine ganze Welt sein.

Vor der Revolution hatte ich ein Haus besessen und Arbeit gehabt. Trotzdem hatte ich in dieser Zeit kein Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit verspürt. Ich war der Ausgewiesene, der Verstoßene, Verfolgte und vom Regime Verdächtigte. Nach Ausbruch der Revolution verlor ich zwar Haus und Arbeit, wurde zum Exilierten, zum Vertriebenen, zum Flüchtling, doch das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu meiner Heimat wurde trotz allem stärker und stärker. Mein Leben ist geprägt von der Sehnsucht und dem Verlangen nach einer Zukunft, wie ich sie mir für mein Land wünsche.

Für mich als syrischer Kurde – oder kurdischer Syrer, das macht keinen Unterschied – ist die wichtigste Errungenschaft dieser Revolution, dass mir meine geraubte nationale Identität zurückgegeben wurde. Jetzt bin ich stolz, einem Land anzugehören, das Menschen geopfert hat, die als heilige Ikonen in Erinnerung bleiben werden. Ich bin durch die Straßen von Amouda gelaufen und habe mich an den friedlichen Demonstrationen der Aktivisten beteiligt, doch die ganze Zeit über hinderten mich meine Tränen daran, auch nur ein einziges Wort zu rufen. Es waren Tränen des Glücks darüber, dass unser Leben, das über Jahrhunderte hinweg beschädigt gewesen war, neu beseelt wurde. In die Tränen mischte sich sogar ein Lächeln, denn ich gewann mein Vertrauen zurück, das Vertrauen in mich und in die mich umgebenden Menschen. Früher war ich äußerst pessimistisch gewesen und hatte an allem gezweifelt, sogar am Sinn des Schreibens und an der Wirkung des Wortes in einer Gesellschaft, die nicht liest.

Ich erinnerte mich an die ständigen Beleidigungen des Geheimdienstes, der mich demütigte, weil ich über eine Gesellschaft schrieb, die sich nicht für das interessierte, was ich für sie und über sie aufzeichnete. Auch die Erinnerung an die Angst einiger Menschen, sich auf der Straße zu mir zu gesellen oder mich zu grüßen, nachdem ich beim Regime in Ungnade gefallen war, schmerzte mich sehr. Zu sehr fürchteten sie um sich selbst, um ihren Lebensunterhalt, ihre Arbeit …

Nachdem ich wieder nach Amouda zurückgekehrt war, wurde auch seitens der Familie starker Druck auf mich ausgeübt. Ich wohnte unter widrigen Umständen in einem Haus, das mehr als zehn Personen beherbergte. Stundenlang fiel der Strom aus, auch fließendes Wasser gab es nur zeitweise. Hinzu kam die Vernachlässigung durch die Regierung. Diese hatte sich aus der Stadt zurückgezogen und sie einer kurdischen Partei überlassen, die genau die gleiche absolutistische Politik wiederaufleben ließ, gegen die sich die Syrer erhoben hatten.

Die Welt um mich herum wurde immer enger. Angesichts der erschreckenden Realität kam mir alles sinnlos vor. Also blieb mir ein weiteres Mal nichts anderes übrig, als Amouda auf der Suche nach einer sicheren Bleibe zu verlassen. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: entweder in Amouda auf die Geburt meiner Tochter zu warten und sie unter diesen schrecklichen Umständen auf Erden in Empfang zu nehmen oder mich auf die Suche nach einer Zukunft für sie zu machen. Der Entschluss brach mir das Herz, aber ich hatte keine andere Wahl, denn die Unterdrückung durch die kurdischen Brüder empfand ich als grausamer als jene durch das Regime.

Ich reiste in die Emirate und von dort nach Beirut. Anschließend verbrachte ich einige Monate in Kairo und in der Türkei. Jede Reise brachte Kummer und Trauer mit sich und war erfüllt von Sehnsucht. Jede Stadt erinnerte mich an meine Stadt, die ich gegen meinen Willen hatte verlassen müssen. Denn der Rückzug des Regimes, das zwar nicht mehr sichtbar war, aber hinter den Kulissen weiterhin die Fäden zog, war gefährlicher als seine öffentliche Präsenz. Auch für mich wurde das Risiko zu groß, denn ich war bekannt dafür, dass ich die Revolution unterstützte und Kritik daran übte, dass das Regime die Macht einer kurdischen Partei überlassen hatte, die sich mit Waffengewalt und Stärke zur Alleinherrscherin in der Region emporschwang.

Als ich von der bevorstehenden Geburt Hêvîs erfuhr, befand ich mich gerade in Beirut. Es zerriss mir das Herz, sie nicht in die Arme schließen und nicht ihren ersten Schrei auf dem Schlachtfeld des Lebens hören zu können.

Manchmal vergleiche ich mein Leben mit dem meiner Romanhelden. Da ist zum Beispiel Araam, der sich über seine Schmerzen hinwegzusetzen versucht. Ich bin leidenschaftlich verliebt in den Gedanken an eine Rückkehr in die Heimat und wollte Araam nicht als einen Einzelfall darstellen, sondern als Beispiel für ein allgemeines Phänomen … Jene Heimat, die ihre Bewohner dazu treibt, sie zu verlassen, die sie ins Unbekannte schickt, war Araams Geliebte und Angebetete. Also entschloss er sich trotz der ungerechten Behandlung, die er erfahren hatte, zur Rückkehr … Er erhob sich über seine Verletzung, über die Haft, die Folter, die Entfremdung und Ausweisung und wollte in ehrlicher Absicht den Boden für einen Neuanfang bereiten, den Schaden wiedergutmachen, der die Seelen erfasst hatte … Doch die schockierende Realität war stärker als er.

Es bedrückt mich zutiefst, dass die Syrer heutzutage zum Thema der Medien und der Propaganda geworden sind, dass sie gezwungen sind zu betteln, dass sie Mitleid hervorrufen. Dies ist das Ergebnis der verlogenen Propaganda eines Regimes, das ein halbes Jahrhundert lang die Zerstörung seines Landes vorangetrieben hat. Der einzige Slogan, dem es sich tatsächlich verpflichtet fühlt, ist der vom Niederbrennen des Landes und der Vertreibung seiner Bewohner.

Der erste Sturz des Regimes begann, als es seine eigene Bevölkerung zu bombardieren begann. Der eigentliche Sturz aber steht ganz sicher bevor, doch der Preis wird weiteres Blutvergießen sein, und die Kosten sind enorm groß.

Trotzdem hat mir diese Revolution die Überzeugung zurückgegeben, mit Worten etwas bewirken zu können. Tief in meinem Inneren begab ich mich auf die Suche nach der Bedeutung von Begriffen wie Zugehörigkeit, Loyalität und Identität. Ich untersuchte die Bedeutung von Identität und ihre historische Komplexität im Denken der Menschen. Wie bilden sich Identitäten heraus, woraus setzen sie sich zusammen und wohin führen sie uns?

Ich fragte mich auch, wer ich hätte sein können oder wie meine Identität unter anderen historischen Umständen hätte aussehen können. Ich ließ meiner Fantasie freien Lauf und stellte mir vor, wie es gewesen wäre, hätte es auf der Landkarte eine Heimat für mich gegeben. Wäre ich dann gleichfalls meiner Identität beraubt gewesen?

Bevor die heutigen Grenzen in der Region gezogen wurden, sah die Landkarte anders aus. Doch die internationalen Interessen vernichteten die Landkarte meines Traums und teilten das Land zwischen mehreren Staaten auf.

Danach vermissten wir unsere eigene Landkarte und ketteten zugleich unsere Träume und Alpträume an sie. Von da an bargen die Kurden ihre Landkarte in ihren Herzen und ihrem Denken und klammerten sich daran, wo immer sie waren. Sie wurde zum Symbol ihrer eigentlichen Zugehörigkeit zu ihrem Territorium, zu ihrer Geschichte und ihrer Kultur. Doch die anderen begegneten ihnen mit Argwohn, unterstellten ihnen Separatismus und beschuldigten sie weiterer Vergehen. So blieben die Kurden Gefangene ihres Traums.

Doch ich werde weiter in meinem Inneren und in meinen Büchern nach den Menschen suchen, die die Grenzen und Identitäten überwinden.

Identität wird gebildet durch Sprache, Abstammung, Farbe, Gestalt, Traum, Wunsch, Vergangenheit, Hoffnung und Zukunft.

Der Schriftsteller versucht, seine Geschichte aufzuzeichnen, stellt sich seinen Mythos vor. Er kämpft auf seine eigene Art und versendet seine Botschaften durch eine Post, die in der Leere beginnt, hoffend auf einen Empfänger, der sie liebevoll aufnimmt.

Nun bin ich mit einer Wunde konfrontiert, die größer ist als Worte. Die schmerzhafte Realität beschämt mich, und ich kann nichts anderes tun, als still und leise beiseitezutreten, um dieser tiefen Wunde den Platz zu überlassen, damit sie die Geschichte von Blut und Gewalt und Irrsinn erzählt.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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erstellt am 21.4.2014

Haitham Hussein
Haitham Hussein
porträt

Haitham Hussein

Haitham Hussein, geboren 1978 in der nordsyrischen Stadt Amouda, hat drei Romane, drei Werke der Literaturkritik und eine Übersetzung eines kurdischen Theaterstücks ins Arabische veröffentlicht.

Nachdem er 1998 das Institut zur Lehrerausbildung im Fach Arabische Sprache abschloss, unterrichtete er einige Jahre in Hasakeh. Als er gezwungen war, Syrien zu verlassen, versuchte er in mehreren arabischen Staaten und in der Türkei Fuß zu fassen und lebt heute in London.

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