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Neun Bernhard-Studien versammelt ein neuer, im Korrekturverlag erschienener Band des emeritierten Salzburger Germanistikprofessors Hans Höller. Alexandru Bulucz verteidigt Höllers emphatischen Ansatz, schließlich sei die Literaturwissenschaft, die Philo-logie, buchstäblich Liebe.

buchkritik

Eine Liebeserklärung an Thomas Bernhard

Hans Höllers „Der unbekannte Thomas Bernhard“

Von Alexandru Bulucz

„Der unbekannte Thomas Bernhard“, das im Korrekturverlag jüngst erschienene Buch des emeritierten Salzburger Germanistikprofessors Hans Höller, sei „einseitig kritiklos“, bemängelt ein Literaturkritiker. Mit welchem Recht, so muss man an dieses Urteil anknüpfen, setzt die Literaturkritik die Maßstäbe der Literaturwissenschaft fest, und geht davon aus, sie könne sich nicht auch über Kritiklosigkeit definieren? Warum bedenkt die Literaturkritik hier nur die in Abgrenzung zu anderen Begriffen entstehenden Begriffe – und nicht auch die Reaktionen, die Emotionen, die Affekte – der Literaturwissenschaft? Dabei ist die Literaturwissenschaft, die Philo-logie, buchstäblich Liebe. Und Liebe wäre nicht Liebe, wäre sie nicht kritiklos gegenüber dem Gegenüber, lebte sie zuweilen nicht gänzlich von Enthusiasmus und Begeisterung…

Hans Höllers Band versammelt neun Aufsätze. Bis auf zwei Erstpublikationen handelt es sich um ältere, bereits publizierte und nun eigens für diesen Sammelband überarbeitete Texte zu Thomas Bernhard. Alle neun Bernhard-Studien verbindet die Tatsache, dass sie auf einem Boden gründen, in den sich der erste Lektüreeindruck Höllers eingeprägt hat:

„Zu meinem Schrecken, und dann doch nicht nur enttäuscht, habe ich festgestellt, dass ich in meiner Dissertation [zu Bernhard] vor 40 Jahren keine prinzipiell anderen Gedanken gehabt und mir keine prinzipiell anderen Fragen gestellt habe. Noch immer kann ich mich nicht mit dem Bild vom Komiker und Allerweltsunterhalter anfreunden, und ich denke gern zurück an das Staunen der ersten Bernhard-Lektüre, das mir selbst mit der größten Lebenserfahrung und dem mit den Jahren zunehmenden Wissen über Literaturgeschichte und über die Gesetze der künstlerischen Form nicht abhanden gekommen ist.“ (S. 15)

Das ist vielleicht die zentrale Stelle des Sammelbandes, vielleicht sogar die Krönung der vor allem dem Wirken Thomas Bernhards gewidmeten akademischen Laufbahn eines Menschen, der „noch immer […] über die den Lesenden berührende Bejahung des Lebendigen“ (S. 15) staunen kann, die Thomas Bernhard eigen war und ihm in seinen Werken für immer eigen sein wird. Wer kann von sich behaupten, nach vierzig Jahren Auseinandersetzung mit der Literatur immer noch über sie staunen zu können? Gewiss keiner, dem die Berufsbezeichnung Germanist oder Literaturkritiker wichtiger ist als das, was ihn bewog, Germanistik oder Literaturkritik zu betreiben.

Gerade dadurch, dass er Bernhard und dessen „berührende Bejahung des Lebendigen“ sowie das, „was einem an dieser Komik beim Lesen weh[tut]“ (S. 11), „mit dem vertrackten Affekt“ (S. 29) seiner Liebe zu ihm behandelt, trägt Hans Höller ihm Rechnung: Durch seine zarte Berührung des Bernhardschen Werkes führt Hans Höller uns ganz dicht an Thomas Bernhard heran, ohne ihn dabei zu einem Gegenstand zu machen. Und vielleicht ist der „unbekannte Bernhard“ eine Aufgabe, die darin bestünde, sich mit allen Mitteln der Empfindung zu weigern, das Werk und das Wirken Bernhards zu vergegenständlichen, um weiterhin so über ihn staunen zu können, als wäre er erst gestern mit Frost über uns hereingebrochen in der Hoffnung, die alten und verbrauchten literarischen Ausdrucksformen mögen Feuer fangen; um weiterhin so über ihn zu staunen wie Hans Höller, der Bernhard zweifelsohne am nahesten gekommen ist. Höllers Liebeserklärung an Bernhard, sein mustergültiges Bernhard-Studium, besteht in seiner Indiskretion, ihm sich derart zu öffnen, dass ein endgültiges Kennenlernen sich ins Unendliche verzögern muss. Man muss sich Bernhard unbekannt halten, um ihn in der Tat kennenzulernen.

Wie sollten wir Bernhard nicht lieben und ihn nicht „einseitig kritiklos“ bejahen? Diesen großen Österreich-Kontrastierer, Gefäße-Entkalker, Zyniker, Hysteriker, Partisan und Tollwütigen der Liebe, diesen Vor-lauter-Liebe-Lungenkranken.

Die Liebe, diese Mustergültigkeit, die keine ist…

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erstellt am 21.4.2014

Thomas Bernhard. Foto (Ausschnitt): © Andrej Reiser / Suhrkamp Verlag

Hans Höller
Der unbekannte Thomas Bernhard
Gebunden, 168 Seiten
ISBN 978-3-9503318-4-4
Korrektur Verlag, Mattighofen 2014

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