In der Flut zweifelhafter Klassik-Neuerscheinungen gehen die wirklich interessanten Aufnahmen schnell unter. Hans-Klaus Jungheinrich sind diesmal zwei junge, prominenter Geigerinnen, eine Sopranistin aus Südafrika sowie ein chinesischer Nachwuchspianist aufgefallen.

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Fast ins falsche Ohr gegeigt

CDs, die ich beinahe gar nicht gehört hätte

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Tja, die einstmals GROßEN Tonträgerkonzerne! Als machtvolle, ihre kulturelle Verantwortung behäbig vor sich hertragende Musik-Editoren konnten sie sich tatsächlich mit den führenden Buchverlagen messen lassen. Diese zehren inzwischen, wenn es um Gedrucktes geht, vornehmlich von jenen Bestseller-Scheußlichkeiten oder -Banalitäten, die heute bergeweise in den Buchkaufhausketten herumliegen und morgen durch ähnliches literarische Junk Food ersetzt werden, schreihälsig angepriesen auch von den Medien. Ein dem literarisch Hochwertigen von Shakespeare bis Grünbein vorbehaltener Büchermarkt: schöner Gedanke, im Ergebnis aber magerstufige Verkäufe. In der Musik wäre allenfalls das Popgeschäft mit dem der „leichten“ Belletristik zu vergleichen; dort fehlt der immense und regelmäßige Ausstoß einer gepflegten Unterhaltungsware. Als musikalisches Pendant zu Charlotte Link könnte man sich etwa eine “entraffinierte“ Korngold-Partitur oder aufgeblähte Petitessen aus der Feder Leonard Bernsteins vorstellen. Derlei gibt es kaum. Léhar, Lloyd Webber hätten Symphonien schreiben sollen! Das Repertoire der E-Musik, jener oft beschworene „ewige Vorrat“ klassischer Tonkunst, seit der LP-Phase überhaupt erst kompendiös als Konserve verfügbar, war einschließlich von viel Entlegenem, Speziellem und Uraltem schnell ausgeschöpft und lässt sich auch mit neuen Technologien nicht mehr in großem Umfang umwälzen. Die Existenz des Netzes macht schließlich die ältere Art der Tonträger-Distribution tendenziell sowieso zunichte.

Die Klassik-Departments der ehemals großen Konzerne, nur mehr ungeliebte Hinterzimmer-Anhängsel von lediglich noch an ihren Popquoten interessierten Beschallungswaren-Verwertern, stehen nun ziemlich erbärmlich da. Stolze Beethoven-Gesamtaufnahmen, im Straussjahr all seine Opern in Neuaufnahmen: Tempi passati. Großprojekte sind nicht mehr drin. Reizvolle Repertoirenischen: Mit deren Entdeckung beschäftigen sich erfolgreich noch kleinere Labels wie Hänssler oder cpo. Neue Musik? Dass damit durchaus schwarze Zahlen geschrieben werden können, zeigt ECM seit Jahrzehnten. In früher splendiden Häusern fehlt es für solche Strategien an künstlerischer Leidenschaft und händlerischer Findigkeit. Mit unvorstellbarer Dumpfheit wird von den Chefs (denen die Musik ungefähr soviel bedeutet wie Schuhcreme) immer nur dasselbe Rezept verfolgt: Stars machen! Was sind Stars der Klassik-„Szene“? Natürlich keine lebenden Komponisten, sondern Interpreten, die am besten mit bestechenden Glamour-Attributen auf sich aufmerksam machen und gut und gerne die Schrillheit von Pop-Ikonen imitieren dürfen. Mit solchen editorischen Elaboraten einer ebenso aufdringlichen wie jämmerlichen Promotion-Wut wird auch der professionelle Musikjournalist regelmäßig „bemustert“. Man kann das, Erheblicherem zugewandt, einfach ignorieren – und versäumt dabei nicht viel.

So hätte ich auch die im folgenden besprochenen Titel fast achtlos liegengelassen. Da die neue Ernte zweier junger, prominenter Geigerinnen dabei war, fand ich’s dann aber doch lohnend und eventuell einer sarkastischen Betrachtung würdig. Schon die Eingangs-Überlegung, dass seit Anne-Sophie Mutter offenbar in der Musikwissenschaft tiefe Übereinstimmung darüber herrscht, es gehörten ausschließlich blutjunge und außerordentlich hübsch knusprige weibliche Geigentalente aufs Konzertpodium, musste ja einmal formuliert werden. Jetzt präsentiert also Hilary Hahn (auf 2 CDs), sekundiert vom Pianisten Cory Smith, 27 „Encores“, und ehe ich, angewidert von der Vermutung, es handle sich um die zusammengekehrten üblichen Zugabe-Schmankerln aus der Virtuosenpfanne, die CD in die Ecke schmeiße, fällt mir glücklicherweise noch auf, dass es um lauter Novitäten und Auftragsmusiken geht. Hilary Hahn sprach befreundete Komponisten an, ihr Kleinformatiges, als „Encore“ Geeignetes zu schreiben, und dabei kam keine Ansammlung von Billigwaren heraus, sondern überwiegend Schönes, manchmal Poetisches, nur selten Leerläufiges. Als faszinierende Mini-Exkursion ins Reich der spinnwebfeinen, fast unhörbaren Klänge erweist sich zum Beispiel Bun-Ching Lams „Solitude d’automne“. Abenteuerlich-ereignisreich auf engem Raum Franghiz Ali-Zadeh mit „Impulse“, und profiliert auch die Handschriften von Mark-Anthony Turnage und Valentin Silvestrov. Man folgt gerne den höchst unterschiedlichen stilistischen Konzepten (auch Altväterlichem wie Einojuhani Rautavaara), und endlich entsteht kaum der Höreindruck einer flippernden Spritzfahrt durch Nichtigkeiten, sondern eines Mosaiks kleiner, verdichteter Poeme, die zu mehrmaligem Hören einladen. Hilary Hahn begleitet diese Tour d’horizon durch eine vielfältige zeitgenössische Komponierlandschaft übrigens mit einem liebevollen, persönlich gehaltenen Booklet-Essay.

Nicht ganz so apart die ausführliche Bemühung Julia Fischers um die folkloristisch inspirierte romantisch-virtuose Violinmusik von Pablo de Sarasate (1844-1908). Gewiss, die spanische Sphäre dieser meist kurzen, oft tänzerisch gestimmten Piècen wird eher tonsetzerisch schlicht imaginiert, und von der kompositorischen Faktur ist weit weniger Aufhebens zu machen als vom spezifisch geigerischen Schwung und Schmiss. Trotzdem geigt Julia Fischer diesmal bei mir nicht unbedingt ins falsche Ohr, weil die Sarasate-Musik in solch ungeteilter Fülle Zeit hat, sich auszubreiten, und nicht als schneller, unverbindlicher Spuk vorüberzieht wie dann, wenn sie als Zugabematerial verwendet wird. Zusammen mit Milana Chernyavska am Klavier entstand ein opulentes Sarasate-Panorama.

Böse sein kann man auch der Sopranistin Pumeza Matshikiza nicht, wenn sie die Visitenkarte einer jungen Sängerin aus Südafrika abgibt und dabei afrikanische Lieder (überwiegend in Xhosa-Sprache) mischt mit berühmten Opernarien von Puccini und Mozart. Im Blick auf die Firmenpolitik ist die problematische Programmatik eines Crossover-Titels merklich, aber das wird gerade noch kompensiert durch das mit dem Veröffentlichungsmotto „Voice of Hope“ markierte autobiographische Moment einer aus den schwarzen Townships hervorgegangenen Ausnahmebegabung. Mit ihrem klangvollen, in der Tiefe besonders gut fundierten Organ ist die an der Oper Stuttgart tätige Sängerin vor allem für das italienische Repertoire bestens gerüstet.

Wenn es um windige, lächerliche Editionspraxis gibt, dann gebührt dem gelben Etikett der ehemals so konservativ-geschmackssicheren Deutschen Grammophon diesmal die goldene Gurke. Die DG lanciert den chinesischen Nachwuchspianisten Yundi auf der CD-Vorderseite als so etwas wie einen blinden Hellseher und auf der Rückseite wie den untoten Grafen Dracula. Was soll da assoziiert werden? Die somnambule Unfehlbarkeit eines musikalischen Mediums? Oder ist das nur ein popiger Gag, Aufmerksamkeitserregung durch knallige Zufallsingredienzien? Jedenfalls freut man sich, dass Yundi durchaus „normal“ spielt, ohne die Exaltationen und die Micky-Mouse-Forciertheiten seines Landsmannes Lang Lang. Das Beethovenkonzert hat derart eine unangestrengte Grandeur, während die C-Dur-Fantasie Schumanns doch noch etwas mehr an romantischer Versunkenheit vertragen hätte.

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erstellt am 21.4.2014

In 27 Pieces – The Hilary Hahn Encores
Hilary Hahn, Violine, Cory Smythe, Piano
Deutsche Grammophon 779 1725

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Pablo de Sarasate
Musik für Violine und Klavier mit Julia Fischer und Milana Chernyavska
DECCA 478 5950

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Voice of Hope (Opernarien, afrikanische Lieder)
Pumeza Matshikiza, Sopran
DECCA 478 6316

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5. Klavierkonzert Es-Dur von Beethoven und die C-Dur-Fantasie op.17 von Schumann
Yundi; Berliner Philharmoniker, Dirigent: Daniel Harding
Deutsche Grammophon 481 0710

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