Zwei Uraufführungen und ein moderner Klassiker standen auf dem Programm beim jüngsten Abend des Stuttgarter Balletts. Intendant Reid Anderson hat einmal mehr bewiesen, dass er eine der besten deutschen Ballettcompagnien leitet und dass er mustergültige Programme zusammenzustellen versteht, meint Thomas Rothschild.

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Getanztes Triptychon

Von Thomas Rothschild

Wenn ein im Schatten fast unsichtbarer Mann seinen nackten Unterarm zwischen den Beinen eines anderen, gut ausgeleuchteten Mannes hindurch steckt und schräg nach oben ragen lässt, sieht das Publikum darin einen überdimensionierten Phallus. Zumal wenn eine ganze Gruppe von Männern vor dem Standfestesten unter den dislozierten Unterarmen stramm steht und salutiert und dieser sich dann, nachdem er seinen Triumph ausgekostet hat, langsam senkt. Aber der Als-Ob-Phallus ist zugleich immer noch ein Unterarm eines zweiten Mannes, der sich hinter dem scheinbaren Träger des Gemächts versteckt. In keiner Bühnenkunst ist, wer eine fiktive Figur „verkörpert“, der Träger einer Rolle zugleich so sehr er selbst wie im Tanz, sogar noch im Handlungsballett. Der Körper des Tänzers ist niemals nur Mittel, er ist stets auch eigentlicher Inhalt des Tanzes. Der Unterarm mag einen fremden Phallus darstellen – er bleibt ein Unterarm und als solcher wahrnehmbar.

Mit dem Wettstreit der phallischen Arme endet ein eben uraufgeführtes Ballett, das genau das Gegenteil dessen zeigt, was der Titel „No Men's Land“ ankündigt: ein ausschließlich aus Männern bestehendes Land. Gleich wenn sich der Vorhang öffnet, schält sich eine geschlossene Riege aus dem Dunkel an der Rückwand. Mit eckigen Bewegungen und verqueren Haltungen, die seinen Stil kennzeichnen, lässt Choreograph Edward Clug die Herren mit nackten Oberkörpern wie mechanische Puppen erscheinen. In der Folge wechseln sich kleine Formationen ab, ehe eine Serie von Sakkos auf Kleiderbügeln aus der Oberbühne herabgesenkt wird. Sie dienen den Tänzern für groteske und an Magritte erinnernde surrealistische Bilder – ein Meistereinfall der Zwiesprache zwischen menschlichem Körper und totem Gegenstand. Was aber wäre diese fantasievolle und animierende Choreographie ohne die effektvolle Musik von Milko Lazar, eine „Ballettsuite für Cello und Orchester in 5 Sätzen“, die wie aus dem Studio eines Hollywoodkomponisten klingt, dramatisch, gestisch und exzellent instrumentiert. Der Slowene Milko Lazar und der längere Zeit in Slowenien beheimatete Rumäne Edward Clug arbeiten nicht zum ersten Mal zusammen. Da haben sich zwei Geistesverwandte gefunden. Man spricht viel über legendäre Kooperationen von Librettisten und Komponisten. Die Geschichte der glücklichen Begegnungen von Choreographen und Komponisten ist nicht weniger spannend.

Mit dem jüngsten Abend des Stuttgarter Balletts hat Reid Anderson, dessen Vertrag erst vor Kurzem bis 2018 verlängert wurde, einmal mehr mit Bravour bewiesen, dass er nicht nur eine der besten deutschen Ballettcompagnien wenn nicht die beste leitet, sondern dass er auch mustergültige Programme zusammenzustellen versteht. Zwei Uraufführungen bilden den massiven Rahmen, beide von Choreographen, die dem Haus eng verbunden sind, beide zu neuen Auftragskompositionen, beide mit einem wesentlichen Anteil des Corps de ballet, ausschließlich mit Männern die eine, ausschließlich mit Frauen die andere besetzt. Dazwischen stellte Anderson wie den Mittelteil eines Flügelaltars oder auch den langsamen Satz eines Konzerts einen modernen Klassiker, Maurice Béjarts choreographische Interpretation von Gustav Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ von 1971, die von 1976 bis in die neunziger Jahre zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehörte. Sie bietet zwei Solisten, diesmal Jason Reilly und Evan McKie, Gelegenheit, ihre perfekte Kunst zu demonstrieren, und wirkt wie ein Ruhepol, wie eine Atempause zwischen den beiden anderen Balletten des Abends, im Kontrast schon ein wenig altmodisch, wie die Erinnerung an eine Tradition, ohne die es den modernen Tanz zwar nicht gäbe, die aber durch diesen mittlerweile überwunden scheint – jedenfalls für seine Fans.

Wo Edward Clugs „No Men's Land“ mit (männlicher?) Dynamik arbeitet, bevorzugt Demis Volpis „Aftermath“ (weiblich?) fließende Bewegungen. In seinem Stück steht eine Solistin, Hyo-Jung Kang, einem gesichtslosen Kollektiv gegenüber, das die Individualistin wie eine Wasserwelle zu verschlingen droht und am Ende, schön anzusehen und unheimlich zugleich, tatsächlich zum Verschwinden bringt. Hierfür hat Michael Gordon eine Musik geschrieben, die ebenso wie die von Milko Lazar üppige Klanglandschaften beschwört und von den Möglichkeiten eines großen Orchesters reichlich Gebrauch macht. Und wie Béjarts „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in der Umgebung der aktuellen Choreographien von Clug und Volpi fast schon antiquiert wirken, so klingt der von Julian Orlishausen aus dem Orchestergraben betörend gesungene Zyklus von Mahler neben den Kompositionen von Lazar und Gordon, als wäre er zugleich mit Schuberts „Winterreise“ entstanden. In allen Fällen aber erweist es sich, dass es für das Ballett durchaus eine Bereicherung darstellt, wenn die Musik nicht von einer Aufzeichnung stammt, sondern an Ort und Stelle entsteht. Auch für sie ist Benjamins Aura eine sinnvolle Kategorie. Freilich: mit James Tuggle hat das Staatsorchester Stuttgart einen balletterprobten Dirigenten, für den Reid Anderson ebenso dankbar sein muss wie für seine wunderbaren Tänzer und Choreographen.

Auf Bühnenbild wird verzichtet. An seine Stelle tritt die Lichtregie. Das Licht strukturiert den Raum und überlässt ihn den Tänzern. Ganz nebenbei spart das Geld. Auch die Kostüme üben sich in Understatement. Am exzentrischsten war noch das Zivil, in dem Demis Volpi sich verneigte: ein hochgeschlossenes Hemd unter einer Art Frack-Parodie über Edeljeans und weißbesohlten Sportschuhen.

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erstellt am 20.4.2014

Lieder eines Fahrenden Gesellen am Stuttgarter Ballett. Foto: Ulrich Beuttenmüller

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Fahrende Gesellen

Choreographien von
Edward Clug, Maurice Béjart und Demis Volpi

Stuttgarter Ballett

Aftermath am Stuttgarter Ballett. Foto: Ulrich Beuttenmüller

No Men's Land am Stuttgarter Ballett. Foto: Ulrich Beuttenmüller

No Men's Land am Stuttgarter Ballett. Foto: Ulrich Beuttenmüller