Der Tod, das Sterben und die Trauer sind die letzten Tabus der Gesellschaft. Dabei gehören sie zum Leben dazu. Irgendwann werden wir alle damit konfrontiert sein. Aber wie ist einem Sterbenden zu begegnen? Was sagt man jemandem, der dem Tod ins Auge schaut? Was kann in der Trauer trösten? Wie möchten wir selbst sterben? Pete Smith berichtet in seinem Essay von dem Sterben des Vaters und macht sich Gedanken über den Umgang mit unserer Endlichkeit.

Essay über das Sterben, den Tod und die Trauer

»Wer die Menschen sterben lehrt, lehrt sie leben.«

Von Pete Smith

I

Seit ihm der Kehlkopfschnitt das Atmen erleichtert, hat er das Sprechen verlernt. Sein Augenlicht hält ihn im Leben. Seine Blicke spinnen Fäden zu den Menschen, um sie an sich zu binden. Sie fragen, was mit ihm geschieht, flehen um Beistand, trauern, zürnen, zweifeln, hoffen, wundern sich, freuen sich über eine Berührung, verweigern sich dem Morgen, stimmen der Gegenwart zu, weiten sich vor Schmerz oder Angst, verlieren sich in Resignation. Manchmal schweift sein Blick zum Fenster hinaus. Er weint aus nichtigem Anlass oder ohne ersichtlichen Grund. Wenn er schläft, bleiben seine Lider einen Spalt weit offen. Als habe er Angst, die Fäden könnten reißen und damit das Band zur Welt.

Linien zeichnen sich in unser Leben. Solange sie sich bewegen, setzt sich sein Dasein fort: Sein Blut fließt, sein Puls schlägt, er atmet. Die Vektoren bleiben konstant, die Amplituden passen sich seiner Vitalität und Befindlichkeit an. Eine künstliche Nabelschnur versorgt ihn mit seinen Lebenselixieren – Glukose, Kochsalz, Aminosäuren, Heparin. Was oben zugeführt wird, kommt unten als Urin wieder heraus. Das Leben als Raffinerie.

Die Scham stirbt zuerst. In seinem Penis steckt ein Katheter. Wenn sich sein Darm entleert, liegt er im eigenen Kot, bis ihn ein anderer reinigt. Behandelt ihn eine Schwester wie ein Kind, schließt er die Augen, zu mehr Protest ist er nicht fähig. Selbst wenn er reden könnte, würde er schweigen. Ihr Wohlwollen bestimmt über seine Lebensqualität. Manchmal wächst seine Ohnmacht über ihn hinaus. Sehnt er den Tod herbei? Selbst darauf hat er keinen Einfluss.

Wie schön der Frühling draußen blüht, verschweige ich, die Vorstellung könnte ihn schmerzen. Der Gedanke ans Sterben kennt keine Zukunft, seine Gegenwart ist der Verlust. Dass ich gestern Abend mit Freunden essen war, behalte ich für mich – sein bisschen Magen ist zu Genüssen nicht mehr fähig. Worüber lässt sich überhaupt noch reden? Ich erzähle ihm von dem Film, den ich am Vorabend im Fernsehen gesehen habe, berichte ihm von der Geburt eines Bären im Zoo, dem Sieg seines Lieblingsvereins und dem Geheimkonto eines Ministers. Anekdoten heitern ihn auf. Ich bin nicht aufrichtig zu ihm. Ich verschweige ihm die Angst meiner Geschwister, wie sie ihm während ihrer Besuche meine Angst verschweigen. Ich grüße ihn von Freunden und Verwandten, die ich seit Jahren weder gesehen noch gesprochen habe. Jedes Lächeln, das nicht von Herzen kommt, ist eine Lüge.

Was richtig und was falsch ist, was ihm gut tut oder schadet, lässt sich allenfalls erahnen. Erinnerungen, Erlebnisse, Gedanken – ich erzähle ihm alles, was mir einfällt. Manchmal frage ich mich, ob ihn das Zuhören anstrengt. Womöglich will er ja nur noch seine Ruhe. Schweigend halte ich seine Hand. Und wenn er lieber allein wäre? Meine Gesellschaft am Tag lässt ihn die nächtliche Einsamkeit nur noch stärker empfinden. Ich muntere ihn auf, mache ihm Mut, glaube, seinen Überlebenswillen stärken zu müssen. Aber wenn er doch sterben will? Schweigend lauschen wir in das Zischen des Beatmungsgeräts, das Gluckern der Infusionen, das Fiepen des Monitors, die leisen Stimmen und Schritte auf dem Flur. Sein Lächeln fehlt mir. Pantomimisch ahme ich die Schwester nach. Sein Mund zuckt. Später stülpe ich mir seinen Fingerhut über – und siehe da, mein Blut bindet kaum mehr Sauerstoff als seines.

Längst habe ich mich in seinem Zimmer eingerichtet. Der Stuhl, auf dem ich wache, ist mein Lesesessel, der Monitor mein Fernseher, die Bilder an den Wänden gefallen mir jeden Tag ein bisschen mehr. Wir essen gemeinsam, wir sind uns so nah wie noch nie. Ich wische ihm den Schleim aus den Mundwinkeln, bette ihn auf die Seite, tupfe ihm den Schweiß von der Stirn. Die Vokabeln der Ärzte und Schwestern lerne ich wie eine Fremdsprache. Ihre Geschäftigkeit beruhigt mich, sie verwandelt den Ausnahmezustand in einen Alltag. Meine Tränen muss ich nicht mehr zurückhalten: Sie bleiben einfach aus. Wenn er schläft, sehe ich hinaus. Der Abendhimmel ist schön. Jede Nacht zähle ich die Sternschnuppen. Immer seltener sehne ich mich in mein altes Leben zurück.

Mehr Gegenwart als in den vergangenen Monaten habe ich tatsächlich nie erfahren. Was war, ist vergessen, was sein könnte, ändert sich jeden Tag. Ein Mensch geht. Stumm verabschiedet er sich aus seinem und meinem Leben. Je länger er liegt, desto sichtbarer wird sein Sterben. Die Haut bleicht, die Knochen treten hervor, Muskeln und Gelenke sind schon so steif, dass jede Bewegung schmerzt. Obwohl er dünner und dünner wird, lastet sein Gewicht so schwer, dass, wo er aufliegt, Geschwüre entstehen.

Je länger er stirbt, desto seltener lasse ich ihn aus den Augen. Hat er Schmerzen? Bekommt er ausreichend Luft? Träumt er oder wacht er? An was erinnert er sich? Was geht in ihm vor? Vergisst man, wenn man Monate nichts mehr gegessen hat, den Geschmack eines Bratens? Vermisst er den Alkohol, den Rauch seiner Zigarette? Hat er Angst vor dem Tod? Oder würde er gern sterben? Lebt er womöglich nur noch, weil wir ihn nicht gehen lassen?

Zum Ende hin sehne ich mich an den Anfang zurück: da er das erste Mal operiert war, aber noch reden, selbstständig atmen, essen, Mitteilungen kritzeln konnte. Wie lang ist das her, dass er mir Geld für die Schwestern zusteckte, sich über die Schnarchgeräusche seines Bettnachbarn beschwerte, die Physiotherapeutin mit dem Hinweis fortschickte, der Arzt habe ihm strengste Ruhe verordnet, und ausgerechnet bei der Spirometrie nach einer Zigarette verlangte?

Jahre nachdem er gestorben ist, sehe ich ihn noch immer am Krankenhausfenster sitzen und in das Mundstück blasen. Von der Seite betrachtet, ähnelt das gebogene Rohr einer Pfeife. Versonnen blickt er hinauf in den Himmel. Alt ist er geworden. Mit seinem zurückgekämmten grauen Haar, seinen eingefallenen Wangen und seinem spitzen Kinn sieht er beinahe aus wie ein Indianer. Mein Vater, der Häuptling.

II

Nicht alles von mir wird sterben

„Nicht alles von mir wird sterben“, schreibt Horaz.

Während ein Mensch stirbt, finden wir Trost in dem Gedanken, dass sein Leben einen Sinn gehabt hat. Selbst ein entbehrungsreiches Dasein, das Krieg, Leid und Hunger gekannt hat, gilt uns als erfüllt, sofern es jenseits aller Entbehrungen auch glückliche Momente darin gab. Familie symbolisiert Glück. Tatsächlich trösten wir uns mit dem Gedanken, dem Sterbenden durch unseren Beistand Trost zu spenden: Wir sind für ihn da.

Trost schöpfen wir aus der Überzeugung, dass der Tod eines geliebten Menschen eine Qual beendet, für den Sterbenden daher eine Erlösung ist.

Trost suchen wir in der Metaphysik: im Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits.

Trost finden wir in gemeinsamen Gesprächen, Riten und Bräuchen, im Gebet, in der Ablenkung oder bei jemandem, der uns den fehlenden Menschen ersetzt.

Untröstlich sind wir, wenn ein uns nahestehender Mensch aus dem Leben gerissen wird: durch einen Infarkt, ein Unglück oder einen Unfall. Wären wir bei ihm gewesen, hätten wir seinen Tod womöglich verhindert oder sein Sterben gelindert, uns zumindest von ihm verabschieden dürfen.

Unerträglich ist es uns, wenn er von eigener Hand stirbt, ohne dass wir von seinem Entschluss wussten.

Stirbt ein Kind, setzt die Zeit aus. Mit ihm stirbt unsere Zukunft.

III

Gern richten wir uns an der Vorstellung auf, dass der plötzliche Tod für den Dahingeschiedenen eine Gnade sei, da er sein eigenes Sterben versäumt. Den schleichenden Tod hingegen empfinden wir als doppelte Qual – für den Sterbenden wie für uns selbst.

Wann aber setzt das Sterben eines Menschen ein? Wenn jede weitere Therapie aussichtslos und seine Genesung nach medizinischen Kriterien undenkbar ist? Wenn er selbst seinen Tod nahen sieht? Wenn sich der Tod in seinen Blick schleicht? Vielleicht versteckt er sich hinter einem Ausdruck der Trauer, der Erleichterung, Freude, Resignation. Oder kleidet sich in eine Einsicht.

Letzten Endes ist es die eigene Seele, die wir im Blick des Sterbenden ergründen. Wieviel Zeit bleibt uns noch? Haben wir Angst vor der Dunkelheit? Imaginieren wir ein transzendentes Glück? Was schrieben wir in einen Nachruf auf unser eigenes Leben?

„Wer die Menschen sterben lehrt“, sagt Montaigne, „lehrt sie leben.“

IV

Biologisch trennt sich das Leben vom Menschen mit dem Versagen einzelner Organe, fortschreitendem Verfall und Kräfteverlust. Die Wahrnehmung trübt sich, der Atem flacht ab, Seh- und Hörfähigkeit gehen verloren, wenn Atmung und Herzschlag aussetzen, tritt der klinische Tod ein, der reversibel ist, da ein gerade gestorbener Mensch beatmet, sein Herz durch Massage oder Schock zum Schlagen gebracht, sein Organismus also wiederbelebt werden kann und danach womöglich selbsttätig fortlebt. Demgegenüber ist der Hirntod unumkehrbar. Er tritt ein, wenn kein Blut mehr durchs Gehirn fließt, die Neuronen absterben und die zentralnervöse Steuerung elementarer Lebensfunktionen erlischt: Da unsere Schaltzentrale zerstört ist, verliert das Ich seine Autonomie – und das endgültig. Zu den apparativen Kriterien des Hirntods gehören ein Null-Linien-Elektroenzephalogramm (EEG) über einen Zeitraum von mindestens 30 Minuten und ein mithilfe zerebraler Hirnperfusionsszintigraphie oder Doppler-Sonographie mindestens zweimal im Abstand von wenigstens 30 Minuten festgestellter Durchblutungsstopp in allen hirnversorgenden Gefäßen. Die klinischen Kriterien zum Nachweis des unumkehrbaren Ausfalls der Hirnfunktion müssen von verschiedenen, in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen erfahrenen Ärzten zu verschiedenen Zeiten bestätigt werden, erst dann wird der Hirntod erklärt. Als sichere Todeszeichen gelten zudem die Totenflecken, die Totenstarre und die Fäulnis.

Wissenschaftlich betrachtet ist das Sterben ein Verlauf, der mit dem festgestellten Hirntod nicht endet, da durch den ausbleibenden Stoffwechsel weitere Zellen und Zellgruppen sterben: nach den Neuronen die Zellen des Herzgewebes, der Leber, Lunge, Nieren und schließlich der Haut. Die Körpertemperatur sinkt (Algor mortis), das Blut sackt ab (Livor mortis), die Totenstarre setzt ein (Rigor mortis), aber noch immer sterben Zellen, zersetzt sich der Körper, quillt auf, verfärbt sich, vertrocknet und zerfällt.

Stirbt das Gehirn, so sterben unser Geist und unser Gefühl, heißt es, selbst zum Schmerz seien wir nicht mehr fähig, aber gilt das für jedes gesonderte Organ, das Gewebe und Rückenmark, die einzelne Zelle?

V

„Emori nolo, sed me esse mortuum nihil aestimo”, wird der griechische Dichter Epicharmos (540 – 460 vor Christus) vom römischen Redner Cicero zitiert: „Sterben will ich nicht, aber tot zu sein achte ich für nichts.“

Wenig kränkt den Menschen mehr als seine Sterblichkeit. Ihre Überwindung ist ein uralter Traum, dessen Verwirklichung wir uns beständig nähern. Hunger, Seuchen, Katastrophen, Krieg und Gewalt –infolgedessen müsste heute niemand mehr sterben. Die meisten Krankheiten sind therapier- oder gar heilbar, schadhafte Organe, Gelenke und Zellen tauschen wir aus und nähren, indem wir unseren Tod weiter und weiter hinauszögern, die Vorstellung, wir könnten das Altern und das Sterben tatsächlich irgendwann überwinden. Selbst der Tod eines Greisen erscheint uns heutzutage als ein vorzeitiges, mithin vermeidbares Ende.

Unsere Ignoranz kleiden wir in Worte. Der Mensch stirbt nicht. Er entschläft, verlässt uns, scheidet hin oder geht heim. Tritt seine letzte Reise an. Wird abberufen. Segnet das Zeitliche. Selten kommt ein Mensch um. Soldaten fallen. Wer das treffende Wort in den Mund nimmt, stellt ihm verschämt ein Präfix voraus: Ein Mensch verstirbt oder ist verstorben. Der Tod ist Schlafes Bruder. Ärzte nennen ihn Exitus: Selbst die, die dem Tod von allen Menschen am nächsten sind, finden im Ausgang ihren Ausweg, das Unvermeidbare zu benennen.

VI

Mit einem Lächeln auf den Lippen wollte er in die Ewigkeit eingehen. Er hat nicht gesagt: sterben. Sein Geist gleitet hinüber in ein anderes Sein. Das Licht, das ihn zu Lebzeiten umgab – nach seinem Tod strahlt es heller denn je.

An Schlaf ist in der Nacht seines Todes nicht zu denken. Ein Leben ohne ihn kann sich niemand vorstellen. Einmal noch wollen sie ihm nah sein. Vor seinem Haus legen sie Blumen nieder. Sie schreiben Abschiedsbriefe und stecken sie an den Zaun. Sie halten Kerzen in der Hand oder Bilder ihres Idols. Einige schicken Papierlaternen in den nachtschwarzen Himmel.

Ein Mann schreit. Eine Frau schlägt die Hände vors Gesicht. Menschen liegen sich in den Armen. Manche stimmen ein Lied an. Sie tanzen. Sie beten miteinander. Ein Kind weint. Den Verstorbenen kennt es nur aus dem Fernsehen. Seine Mutter nennt ihn so. Tot wird er nie sein. Manche sagen, er sei heimgegangen, andere, er ruhe in Frieden. Weggefährten erzählen sich Geschichten aus seinem Leben. Ein Mann lacht, als er seiner gedenkt.

Tatsächlich ist er Monate lang gestorben. Im engsten Kreis seiner Familie, und doch vor den Augen der Welt. Ob er selbst noch leben wollte? Nach einem halben Jahr auf der Intensivstation durfte er endlich heim. Der Schläuche in Mund und Nase wegen konnte er nicht mehr reden. In seinen letzten Minuten habe man auf seine künstliche Beatmung verzichtet – aus Respekt.

Nach seinem Dahinscheiden erweist ihm sein Land die höchste Ehre, deren es fähig ist, ein landesweit verordnetes Gedenken.

Mitten hinein in die Staatstrauer platzt der Regen. Menschen blicken hinauf. Der Himmel weint, sagen sie, auch Gott trauere um den verlorenen Sohn. Für sie ist der Verstorbene ein Idol. Weise und großherzig sei er gewesen, ein Kämpfer, Versöhner, Held, mutig und weitsichtig, sie sagen, dass er den Lauf der Geschichte verändert habe, und sehen in seinem Vermächtnis eine Quelle der Inspiration. Größeres lässt sich über einen Menschen nicht sagen. Sie sprechen ihn heilig. Dabei wollte er selbst nie ein Heiliger sein. Ein Diener seines Volkes, ja, ein guter Sohn, Vater, Großvater, Ehemann, Bruder und Freund.

VII

Mit einem Schrei auf den Lippen ist er gestorben. Auch er stand einst im Licht, vom Volk verehrt, als Lenker gepriesen. Nun demütigt man ihn, nennt ihn einen Volksschädling, schmäht ihn als Schmutz, der beseitigt werden muss. Nach seinem staatlich angeordneten Dahinscheiden fügt ihm sein Land die größte Schmach zu, zu der eine Gemeinschaft fähig ist: die Tilgung seines Andenkens.

Dem biologischen folgt der soziale Tod, den die Staatsmacht lustvoll inszeniert. Einst sakrosankt, geachtet und gefürchtet, wird er nun an den Pranger gestellt: Man klagt ihn eines monströsen Verbrechens an, führt ihn in einem Schauprozess vor, zwingt ihn, sein Todesurteil zu begrüßen, richtet ihn grausam hin und macht sich schließlich daran, jede Erinnerung an den Verräter aus dem kollektiven Gedächtnis zu löschen. Dazu braucht es einen großen Plan, eine ausgeklügelte Systematik. Fotos müssen retuschiert, Filme manipuliert, Chroniken verändert, Beiträge, die ihn erwähnen, bereinigt, seine Schriften verbrannt, sein Geburtshaus geschleift, Straßen, Plätze und Schulen, die seinen Namen tragen, umbenannt und am Ende alle Leerstellen wieder besetzt werden, auf dass auch das, was fehlt, nicht mehr an ihn erinnert.

VIII

Der Tod verbirgt kein Geheimnis

„Der Tod verbirgt kein Geheimnis“, schreibt Norbert Elias, „er öffnet keine Tür. Er ist das Ende des Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt.“

Die Trauer des Sterbenden sowie die Trauer jener, die ihn beweinen, speisen sich aus derselben Quelle: ihrer Erinnerung. In ihr wird der Verlust in seinem ganzen Ausmaß sichtbar, sie ist Quelle für Reue und Trost. Uns erinnernd bilanzieren wir, was wir erreicht oder aufgegeben haben, woran wir gewachsen oder gescheitert sind, was endgültig oder veränderlich ist. Uns erinnernd fragen wir uns, ob sich die Wunde, die der Sterbende in unser Leben reißt, je wieder schließen wird.

Wir erinnern uns, indem wir ihm dort nachspüren, wo wir ihm im Leben begegnet sind: im gemeinsam bewohnten Haus und auf den Wegen, die wir miteinander beschritten, in den Büchern, die wir gelesen, der Musik, die wir zusammen gehört, den Filmen, die wir geliebt haben. Wir suchen ihn auf Fotos, in Briefen und auf Postkarten, in Tagebüchern und Notizen. Wir begegnen ihm immer und überall, auch wenn wir ihn lieber vergäßen: Jemand trägt dieselbe Uhr wie er, benutzt sein Parfüm oder verwendet eine für ihn typische Wendung.

Die Erinnerung bereitet den Trauernden Schmerz, zugleich ist sie die Salbe, die ihn lindert und auf wundersame Weise tilgt. Tatsächlich überwinden wir unsere Trauer, indem wir uns erinnern, indem wir uns dem Schmerz wieder und wieder aussetzen, dem Verlust der Farben, dem Entzug der Wärme, dem abnehmenden Licht. Uns erinnernd lassen wir die Vergangenheit irgendwann los, schleicht sich die Gegenwart zurück in unser Leben, scheint die Zukunft mit all ihren Möglichkeiten unerwartet auf.

„Mit den Flügeln der Zeit“, schreibt La Fontaine, „fliegt die Traurigkeit davon.“

Unsere Trauer ist eigennützig: Sie hilft uns, den Verlust zu begreifen, seine Endgültigkeit anzunehmen, das entstandene Vakuum nach und nach zu füllen.

In unserer Trauer sind wir uns selbst am nächsten.

IX

Jede Trauer braucht ihre Zeit

Vier Tage beweinen die Navajos ihre Toten, 13 Tage die Inder, ein Jahr lang trug meine Großmutter schwarz, als mein Großvater starb.

Jede Trauer sucht sich ihren Weg.

Die einen schreien ihren Verlust heraus, die anderen beweinen ihn in aller Stille. Angst, Unruhe, Beklemmung, Herzrasen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Apathie – die Symptome der Trauer sind vielfältig, aber ist sie deswegen eine Krankheit?

Die aktuelle Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-5), das Diagnosehandbuch der American Psychiatric Association, das, weltweit beachtet, festlegt, welche Verhaltensweisen als psychische Störungen anzusehen sind, schreibt fest, dass, wer länger als zwei Wochen trauert, vielleicht bereits depressiv ist, ein Urteil, das die Verschreibung von Psychopharmaka erlaubt.

Der Pathologisierung der Trauer steht deren Romantisierung gegenüber. Trauer ist weder eine Haltung noch Ausdruck von Melancholie – Trauer bedeutet Arbeit, Trauerarbeit, für welche die einen Wochen oder Monate benötigen, die anderen Jahre.

„Es führt kein Weg an der Trauer vorbei“, sagt der griechische Psychologe Jorgos Canacakis, „sondern nur durch sie hindurch.“

Trauer geht nicht vorüber, Trauer bleibt. Sie verwandelt sich nur, wie sie auch den, der sich ihr aussetzt, verwandelt, damit er sie annimmt und ansieht wie ein vergangenes Glück, über das man manchmal lacht und manchmal weint.

X

Der Toten erinnern wir uns in Bildern

Der Toten erinnern wir uns in Bildern. Sie hängen daheim an den Wänden, kleben in Alben, stehen gerahmt auf unserem Tisch. Unser Gedächtnis ist ebenfalls ein Album, in dem wir blättern. Die Momentaufnahmen, die wir speichern, verändern sich mit der Zeit – durch Transienz und Verzerrung. Lebendig bleiben vor allem jene Bilder, die wir mit Emotionen verknüpfen: das strahlende Lächeln einer Braut vor dem Altar, das verklebte Auge des Neugeborenen, der Blick in den Abgrund.

Und wenn es keine Bilder der Toten gibt?

Jeden Tag werden irgendwo auf der Welt Menschen in die Luft gesprengt, erschossen, enthauptet, gesteinigt, gehenkt oder vergast – sie ertrinken, ersticken, werden verschüttet oder verbrannt, ihr Tod ist ein öffentliches Ereignis, hinterlässt aber keine bleibenden Spuren, wir nehmen ihn nur als Ziffer, als statistische Größe wahr. Nicht dass er uns nicht berührte. Aber die Bilder, die uns heute beschäftigen, werden schon morgen durch andere verdrängt. Ertrunkene Bootsflüchtlinge in Leichensäcken, gefallene Soldaten in fahnengeschmückten Särgen, der in Tüchern gewickelte Leichnam eines Demonstranten, der Scheiterhaufen, in dem die Opfer des Wirbelsturms verbrennen. Namenlose. Gesichtslose. Statt der Menschen schreiben sich Daten und Ortsnamen in unser Gedächtnis: der 11. September, Katyn, My Lai und Srebrenica, Biafra und Darfur, Bhopal, Lockerbie, Ramstein und Eschede.

Um die Toten trauern wir nicht, wohl aber mit jenen, die ihre Toten beweinen. Ihr Schmerz spiegelt unsere Angst, durch ihre Augen blicken wir in den Schlund, in den zu fallen uns einmal mehr erspart blieb.

XI

Man stirbt, wie man lebte

„Man stirbt, wie man lebte“, schreibt Ludwig Marcuse. „Das Sterben gehört zum Leben, nicht zum Tod.“

Krieger sterben im Krieg, Flüchtlinge auf der Flucht, Besitzlose infolge ihrer Armut. Ängstliche Menschen fürchten den Tod, abgeklärte sehen ihm gelassen ins Auge, Kämpfernaturen werden sich ihm bis zum letzten Atemzug erwehren.

Wer sich in der Blüte seines Lebens die eigene Endlichkeit vergegenwärtigt, hat im Angesicht seines Todes die letzten Dinge geklärt. Das Leben vom Tod her zu denken, bedeutet, ohne Reue zu sterben. Neben Versäumnissen und verpassten Chancen werden am Ende eines Lebens ein Streit mit dem Sohn, ein böses Wort zur Mutter oder eine aufgekündigte Freundschaft beklagt.

„Bevor ich ein alter Mann wurde“, notiert Seneca, „war ich darauf bedacht, würdig zu leben. Jetzt, im Alter, richtet sich mein ganzes Streben darauf, in Würde zu sterben.“

Ein Tod in Würde setzt ein selbstbestimmtes Sterben voraus. Weder der medizinische Fortschritt noch die Verzweiflung derer, die den Sterbenden betrauern, sollte über Ort und Zeit seines Todes entscheiden. Wer es vorzieht, in vertrauter Umgebung, im Kreis seiner Familie zu sterben, akzeptiert die Wahrscheinlichkeit eines schnelleren Todes. Wer am Ende seines Lebens bei klarem Verstand bleiben möchte, nimmt womöglich größere Schmerzen in Kauf. Manche Menschen sehnen sich in den letzten Stunden nach Beistand, andere nach Ruhe.

Ein Sterben in Würde bedeutet, ohne Hunger und Durst, ohne Schmerz und Beklemmung, ohne Angst oder Sorge aus dem Leben zu gehen. Die Freiheit des Sterbenden ist ebenso zu achten wie seine Integrität. Seine Würde setzt unsere Achtung voraus: vor seinem Willen, seinen Bedürfnissen und seinen Gefühlen. Seine Würde gebietet unseren Respekt: In seiner Anwesenheit sprechen wir nicht über ihn, sondern mit ihm. Der einsame Tod ist würdelos.

XII

In einem Appartement liegt die mumifizierte Leiche eines Rentners. Der 67-Jährige ist seit fünf Jahren tot. Niemand hat sich gewundert. Seine Abwesenheit wurde noch nicht einmal bemerkt – weder von den Nachbarn noch von den Behörden. Miete und Nebenkosten gingen per Lastschrift von seinem Konto ab, die Rente glich das Soll zur Monatsmitte aus. Der vollgestopfte Briefkasten des Mannes hat niemandes Argwohn geweckt. Wessen Post über Monate nicht zugestellt werden kann, der wird von Amts wegen abgemeldet. Fünf Jahre lang erstrahlte jeden Abend, von einer Zeitschaltuhr gesteuert, die Lichterkette seines künstlichen Weihnachtsbaums, sommers wie winters.

Ob er sterbend um Hilfe rief? Von seinen Nachbarn hat ihn offenbar keiner gehört. Ein unangenehmer Geruch ist niemandem aufgefallen. Kälte zögert die Verwesung hinaus – der Rentner ist im Winter gestorben – und später trocknet der Körper aus. Der genaue Tag seines Todes ist nicht mehr zu ermitteln. Eine aufgeschlagene Illustrierte grenzt die Zeit seines Ablebens ein.

Jedes Jahr werden Tote entdeckt, die niemand vermisst. Manche sitzen Wochen lang vor dem laufenden Fernseher, andere liegen Monate leblos im Bett. Anwohner, auf den Toten angesprochen, behaupten, dass ihr Nachbar allein stand, zurückgezogen gelebt habe, ein Einzelgänger gewesen sei, ein ruhiger Zeitgenosse. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass er sich gern einmal betrank. Die Familie neben ihm wähnte ihn im Urlaub, das Rentnerpaar vis-à-vis glaubte, er sei in Kur. Manche haben etwas gerochen, gewundert haben sie sich nicht. Nicht jeder im Haus sei schließlich so sauber wie sie. Natürlich hätte man dem Verwalter Bescheid geben können, aber hat der jemals auf einen Anruf reagiert? Irgendwann war der Gestank wieder fort und mit ihm die Fliegen.

XIII

Während jene hinter verschlossenen Türen sterben, treten andere am Ende ihres Lebens ins Scheinwerferlicht: Sterbende Schriftsteller schreiben Bücher über ihr Sterben, sterbende Regisseure bringen ihren nahenden Tod auf die Bühne, ein sterbender Papst trägt sein Kreuz vor den weinenden Augen der Welt.

In der medialen Inszenierung des Todes bewegen sich sowohl die Akteure wie auch ihr Publikum auf schmalem Grat. Zwischen künstlerischem Impetus, Selbsttherapie und der Kommerzialisierung des eigenen Sterbens verwischen die Grenzen ebenso wie zwischen Anteilnahme, Neugierde und Voyeurismus.

Ein ALS-Patient nimmt sich vor laufender Kamera das Leben, das Publikum sieht ihm am Fernseher beim Sterben zu.

„Gleichgültig was gezeigt wird und aus welchem Blickwinkel“, konstatiert Neil Postman in seiner Studie „Wir amüsieren uns zu Tode“, „die Grundannahme ist stets, dass es zu unserer Unterhaltung und unserem Vergnügen gezeigt wird.“

Der inszenierte Tod ist keine Erfindung der Neuzeit. In der Antike starben Gladiatoren in der Arena, im Mittelalter wurden Ungläubige auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Indem die Herrschenden ihnen das Menschsein absprachen, degradierten sie sie zum Objekt: der Begierde, Belustigung, Abschreckung und Zerstreuung. Wer heute sein Sterben in Szene setzt, ist Subjekt und Objekt zugleich.

Wir hätten den Tod aus unserem Leben verdrängt, heißt es, der Tod sei tabu. Aber das ist nicht wahr. Der Tabubruch ist längst die Regel, die Zurschaustellung toter Menschen kaum mehr ein Skandal. Plastiniert und präpariert gelangen Leichen heute selbst ins Museum. Tabus schützen eine Gemeinschaft. Wir verschließen nur die Augen vor dem eigenen Tod, dem Tod der anderen setzen wir uns aus.

XIV

Wie nun will ich selbst sterben?

In Würde, natürlich: sanft, bei hellem Bewusstsein und im Kreis meiner Familie. Vor allem selbstbestimmt. Niemand außer mir soll über die Weise meines Sterbens bestimmen. Das impliziert die Entscheidung, meinem Leben, wenn ich es für geboten halte, selbst ein Ende zu setzen.

Was ich nicht will: dahin zu siechen; dauerhaft auf andere angewiesen zu sein, selbst bei alltäglichen Verrichtungen; beständig große Schmerzen erleiden zu müssen; Menschen zur Last zu fallen in dem Bewusstsein, dass die Last Zeit meines Lebens nicht mehr von ihnen abfällt; nie mehr der sein zu können, der ich einmal war; weniger und weniger zu werden, bis nichts mehr ist.

Ein Leben im Rollstuhl kann ich mir vorstellen, ein Leben im Dämmerzustand nicht.

Meine Befürchtung: dass mich die Gemeinschaft dereinst dazu zwingen könnte, ein mir unerträglich gewordenes Leben auf unbestimmte Zeit zu erdulden.

Freiheit und Selbstbestimmung sind Menschenrechte, insofern egalitär und universell. In der Realität stößt mein Recht auf einen selbstbestimmten Tod jedoch auf Grenzen, Ländergrenzen, vor allem wenn die Handlungsfreiheit einer Erkrankung wegen eingeschränkt ist und den freien Willen blockiert. Weltweit gibt es nur drei Länder, die aktive Sterbehilfe erlauben: die Niederlande, Belgien und Luxemburg, unsere Nachbarn im Westen. Während Belgien sogar unheilbar kranken Minderjährigen das Recht einräumt, den Zeitpunkt ihres Todes selbst zu bestimmen, überlegt man in Deutschland, wo bereits aktive Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen strafbar sind, nun auch den assistierten Suizid zu sanktionieren. Womit nicht mehr nur jene eine Bestrafung riskierten, die einem Sterbewilligen auf dessen Wunsch hin tödlich wirkende Medikamente verabreichen, sondern auch die, die ihm solche Arzneien besorgen und bereitstellen, auf dass er sie selbst nimmt. Faktisch deutet der Gesetzgeber damit das Menschenrecht auf Leben in eine Pflicht, wenn nicht gar einen Zwang zum Leben um.

Von vier möglichen Ausgängen aus dem eigenen Leben bliebe dem Sterbenden dann nur noch eine Tür, vor der er mitunter quälend lang wartet, weil jene, die sie aufreißen könnten, tatenlos darauf warten müssen, bis sie sich irgendwann von alleine öffnet. Passive Sterbehilfe steht an dieser Tür, ein sich widersprechender Begriff, an dem nur das Adjektiv stimmt. Um mein Recht auf diese Option zu wahren, musste ich in einer Patientenverfügung meinen Willen dokumentieren, dass man für den Falle, dass ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess oder Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit befinde oder meine Fähigkeit, Einsichten zu gewinnen, Entscheidungen zu treffen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten infolge einer Hirnschädigung oder eines fortgeschrittenen Hirnabbaus unwiederbringlich erloschen ist, auf lebensverlängernde Maßnahmen wie künstliche Ernährung oder Beatmung verzichte, mein natürliches Sterben also zulasse.

Was ich mir für die Zeit nach meinem Tod wünsche: dass die, die zurückbleiben, Trost finden in der Gewissheit, dass ich meine Endlichkeit schätze, ohne Reue gehe, weder an Wiedergeburt noch an ein Jenseits glaube, insofern ohne Angst bin, dass sie mein Leben erhellt haben und mein Sterben entlastet.

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erstellt am 16.4.2014

Fotografien von Alexander Paul Englert

Foto (Ausschnitt): Alexander Paul Englert
Foto (Ausschnitt): Alexander Paul Englert
Foto (Ausschnitt): Alexander Paul Englert
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Fotos © Alexander Paul Englert