Die Frankfurter Tagung „Politische Romantik“ suchte nach Leidenschaften in der Politik. Doch während deutsche Intellektuelle vor allem über die Vergangenheit redeten, kamen neue Impulse eher aus dem Ausland. Zum Beispiel von Srećko Horvat und Tariq Ali.

Kongress in Frankfurt: »Politische Romantik«

Melancholie heißt, zu wollen und nicht zu können

Von Franz Viohl

Nach einer verbreiteten Diagnose fehlt es der Politik heute an Visionen. So war es immer wieder zu hören auf der Tagung „Politische Romantik“ im Frankfurter Goethehaus, bei der im April ein Großteil der intellektuellen Prominenz Deutschlands von Peter Sloterdijk bis Norbert Bolz auftraten. Romantische Tendenzen, berichtete die Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, seien heute vor allem in Russland zu beobachten, wo sich ein Großteil der Bevölkerung die Sowjetunion zurückwünsche. In Deutschland hat es die Romantik im Zeitalter der (vermeintlichen) Alternativlosigkeit, das stellte die Konferenz fest, doch recht schwer. Gibt es heute eine Romantik im Sinne politischer Leidenschaft, die sich nicht in einer Rückwärtsbewegung erschöpft?

Anregungen hierzu kamen vom jungen kroatischen Philosophen Srećko Horvat, der seit einigen Jahren das „Subversive Festival“ in Zagreb veranstaltet und Kolumnen im britischen Guardian veröffentlicht. Er sprach über „linke Melancholie“, wohl auch ein Zug des Romantischen heute, begann aber mit einer Provokation. Er rief eine Szene des Films „Nymphomaniac“ von Lars von Trier in Erinnerung: Ein reicher Mann sitzt dort gefesselt auf einem Stuhl, derweil zertrümmern die Eindringlinge seine teuren Möbel. Die junge Joe erzählt dem Mann sexuelle Fantasien, bis hin zu Orgien. Bei ihm regt sich jedoch nichts – bis sie von einem spielenden Jungen in kurzen Hosen erzählt. Darauf richtet sich das Glied des Gefesselten auf. Er ist ein Pädophiler, ohne das gewusst zu haben.

Linke Melancholie

Was Horvat damit sagen will? „Wir brauchen ein Nymphomaniac für die Linke. Sie hat vergessen, was ihre Sehnsüchte sind.“ Horvats Vergleich mag weit hergeholt sein – sein Punkt ist wohl richtig. Linke Politik ist in Europa abseits des Common Sense von Bankenrettung und außerhalb politischer Sachzwänge kaum hörbar. Das aber liege auch daran, klagt Horvat, dass die politischen Eliten jede Bestrebung jenseits einer immer breiteren Mitte (große Koalition) als Populismus verurteilten. Horvat kritisiert die „Arroganz der 68er, Bewegungen wie Indignados oder Occupy Wall Street als unwichtig abzutun“. Das Argument, das sei ja alles schon mal dagewesen, führe zu nichts. „Es muss um die Unterstützung von politischen Leidenschaften gehen, auch wenn sie scheitern mögen.“ Fast wie zum Beweis trinkt er darauf nicht aus dem Wasserglas, sondern direkt aus dem Krug.

Linke Melancholie bezeichnet, nach einem Aufsatz von Walter Benjamin von 1931, die „politische Radikalität ohne politische Aktion“. Bekanntlich zerstritten sich KPD und SPD in der Weimarer Republik und hatten Hitler 1933 nichts mehr entgegenzusetzen. Trotzdem berge die Passion in der Politik, so Horvat, auch große Gefahren. So sei ausgerechnet Gavrilo Princip, der Attentäter Franz Ferdinands, ein leidenschaftlicher Leser von Bakunin, Strindberg und Oscar Wilde gewesen. Ihm sei es weniger um bosnischen Nationalismus als um den Kampf gegen das Imperium Österreich-Ungarn gegangen.

Heute hätten politische Aktivisten vielmehr das Problem, nicht ernst genommen zu werden. Horvat bemängelte aber auch (mit Benjamin) die „Ästhetisierung“ der Proteste, etwa von Occupy Wall Street. Dort sei man selbstbezüglich und berauscht von der medialen Aufmerksamkeit. Gibt es einen Ausweg? Horvat ist optimistisch, dass die Gesellschaft politische Alternativen jenseits des aktuellen Systems artikulieren würde. „Dafür muss man politische Romantik als eine Verbindung denken, zwischen Gefühl und Verstand.“

Marktwirtschaft als Glaube

Das sieht der britisch-pakistanische Publizist Tariq Ali ähnlich. In seinem Vortrag „Utopia Banished“ warf er dem Westen vor, der Leidenschaft keinen Raum zu lassen. „Ein radikales politisches Zentrum regiert unsere Länder“, sagte er im Hinblick auf die Ununterscheidbarkeit sozialdemokratischer und konservativer Politik. Niemand stehe dafür so sehr wie Angela Merkel und ihr Diktum von der Alternativlosigkeit. „Wer erwartet hatte, nach der Finanzkrise würden die Politiker aufwachen, wurde bitter enttäuscht.“

Auch in der Krise um die Ukraine hat Ali eine andere Lesart. Gorbatschow und US-Außenminister Baker hätten Ende der 80er Jahre den Pakt geschlossen, Russland werde die deutsche Wiedervereinigung akzeptieren, wenn sich die NATO im Gegenzug nicht weiter ostwärts bewege. „Diese Abmachung hat der Westen gebrochen und wundert sich jetzt über Putins Verhalten.“ Die USA und Europa würden die Marktwirtschaft heute als Generalkonzept verkaufen, Ali nennt das einen „semi-religiösen Glauben“. Also doch ein unerwartetes romantisches Element inmitten der verwalteten Welt!

Der Historiker Herfried Münkler und der Staatsrechtler Christoph Möllers wollten das so nicht stehen lassen: Die Politik lasse sich nicht auf das Kapital reduzieren, überhaupt sei die Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie äußerst komplex. Damit mögen sie recht haben, aber besonders viel Romantik lässt eine solche Analyse nicht übrig. Ali bemühte sich, seine Kontrahenten zu überzeugen: „Der Sozialismus ist einmal gescheitert, aber der Kapitalismus scheitert ständig.“ Man einigte sich auf eine Analyse des Jahres 1914, die Gegenwart war dann doch zu viel. Immerhin: Es gibt heute Stimmen einer politischen Romantik, es sind die Stimmen unkonventioneller Denker aus anderen Ländern. Sie klingen melancholisch, aber das waren die romantischen Dichter vor 200 Jahren auch.

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erstellt am 15.4.2014

»Politische Romantik« im Cantatesaal in Frankfurt. Foto: Alexander Paul Englert

Srećko Horvat

Srećko Horvat

Tariq Ali. Foto: Alexander Paul Englert

Herfried Münkler, Foto: Alexander Paul Englert