Ein heilloses Durcheinander: Jeder weiß sofort, was mit »Politischer Romantik« gemeint ist. Aber jeder meint etwas anderes. Die Folgen für Diskussion im In- und Ausland benennt die Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, in ihrer Einführung zur Frankfurter Tagung »Politische Romantik«.

Kongress in Frankfurt: »Politische Romantik«

Wir müssen mehr geben als nur »Gedankenfreiheit«

Von Hortensia Völckers

Bis heute wird die Romantik gern, vor allem außerhalb Deutschlands, als dunkles Vermächtnis behandelt, als „eine deutsche Affäre“, die von Novalis, Schlegel, Fichte über Wagner und Nietzsche bis hin zu Hitler führte.
Dieser Makel haftet an ihr wie Pech und Schwefel.
Denken Sie an den Streit um die Ausstellung De l' Allemangne im Pariser Louvre vor einem Jahr unter der Schirmherrschaft des französischen Staatspräsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin. Die Schau gruppierte 200 Meisterwerke deutscher Provenienz um die Pole des „Apollinischen“ und des „Dionysischen“ – Werke aus der Zeit von 1800 bis 1939, von Caspar David Friedrich bis hin zu Max Beckmann.
Französische Kritiker wie Michel Crépu schwärmten von der geballten Ansammlung selten oder nie in Frankreich gesehener Bildwerke und der – ich zitiere – „innig poetischen deutschen Erfahrung des Heiligen“, die sie einem näherbrächte.
Dagegen erhoben Rezensenten in deutschen Zeitungen den Vorwurf, die Ausstellung gäbe ein klischeehaftes, kunsthistorisch längst widerlegtes Bild eines romantischen „deutschen Sonderwegs“ wider.
Dieses Bild evoziere, der deutschen Kunst sei – wie Adam Soboczynski in der ZEIT schrieb, ich zitiere: „das Grauen seit Goethe geschichtsphilosophisch eingeschrieben“.
Die Kommentatoren fragten, wieso Deutschland von seinen Nachbarn erneut – oder immer noch –in dieser verzerrenden Art und Weise dargestellt werde.
Und die Antwort, die sie fanden, war die neue wirtschaftliche und politische Vormacht Deutschlands in der EU, insbesondere sein Dirigismus in den Verhandlungen um
den europäischen Rettungsschirm.
Interessant ist dabei vor allem die Umkehrung der Rollen: Denn nicht „dunkle Triebhaftigkeit“ und Irrationalität, eben das, was oft als „dunkles, romantisches deutsches Erbe“ ebenso bekämpft wie bewundert wurde, warf man der deutschen Politik jetzt vor.
Sondern ihre kalte Rationalität, ihre Fixierung auf den Sachzwang, ihr kaum verbrämtes wirtschaftliches Kalkül.
Zeitgleich mit der Eröffnung der Deutschland-Ausstellung veröffentlichte die Zeitung Libération einen Text des italienischen Philosophen Giorgio Agamben.
Er fordert darin die Errichtung eines „Empire Latin“, eines lateinischen Reichs unter Führung der mediterranen und katholischen Länder Frankreich, Italien und Spanien.
Es solle an die Stelle der durch Deutschland dominierten EU treten. In diesem Europa sollte nicht Ökonomie das Leitmedium, sondern „Sprache, Lebensformen und Kultur“ die wichtigsten Werte sein.
Der Widerstand gegen die Zweckorientiertheit und Ökonomie-Basiertheit europäischer Politik unter Führung Deutschlands hätte romantischer nicht ausfallen können.

Verkehrte Welt: Genau die Kultur, die im Unterschied zur deutschen immer als die maßvolle, gefestigte, rationale – eben „apollinische“ – Kultur galt, wird hier als Antidot gegen „deutschen“ oder auch „anglo-amerikanischen“ Zweckrationalismus in Stellung gebracht.
„Kein Ding auf Erden ist so sehr dem Wechsel unterworfen als die Romantik.“
Das hatte 1833 der Burschenschaftler, Autor und zwischenzeitliche Politiker Heinrich Laube in einem Essay mit dem Titel „Die Romantiker à la Mode“ festgestellt.
Und vielleicht lässt sich nur so erklären, wie einer Kultur gleichzeitig der Vorwurf gemacht werden kann, zu romantisch und zu wenig romantisch zu sein.
Alles das wäre der Rede nicht wert, ginge es um bloße Spiegelfechterei. Aber nein: Wer romantisch argumentiert, meint es verdammt ernst. Die romantische Reaktion reklamiert in aller Regel das Wahre, das Bessere, das Eigentliche.
Romantik setzt auf Werte. Das macht sie anschlussfähig in allen Zeiten und allen modernen Gesellschaften. Je nach den Zeitumständen oszilliert sie dabei zwischen Reaktionärem und Utopischem.
Wenn sich behaupten ließe, dass wir heute wieder romantischen Zeiten entgegengehen, dann ist die europaweite Ausbreitung von Wertefragen in den öffentlichen Debatten ein Indiz dafür.
Sie bedienen politische Pole jedweder Couleur: Die Rechtspopulisten in Ungarn bemühen Werte ebenso wie die Indignados in Madrid oder die Demonstranten im Istanbuler Gezi-Park.
Politische Bewegungen verstehen es, mit romantischen Mitteln zu mobilisieren: Sie nutzen Affekte als Störfaktoren rationalen Handelns – und haben damit Erfolg! Die emotionale Neutralität demokratischer Politik ist ihnen ebenso ein Gräuel wie ihnen der Verfassungspatriotismus fremd ist.
Die romantische Haltung hat einen Hang zur Radikalität. Der speist sich aus einem starken Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, denen mit Argumenten Verfahrenslogiken nicht beizukommen sei, und daraus leitet sich ihre grundsätzliche Bereitschaft zum Widerstand ab.
Romantiker sind Rebellen, sie finden sich nicht ab mit der Realität und glauben an eine bessere. Und deshalb können wir nicht auf sie verzichten.

Wieso widmen wir 2014, hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, dieser janusköpfigen Geisteshaltung einen ganzen Kongress?
Ein solcher Kongress wäre überflüssig, wenn wir „politische Romantik“ lediglich zur Denunzierung beliebiger beziehungsweise missliebiger politischer Positionen verwenden oder sie in den ideologischen Giftschrank sperren wollten. Das könnte sogar naheliegen denn, was derzeit in Europa passiert, schürt Befürchtungen, Konstellationen von 1914 könnten sich wiederholen.
Wie bewerten wir die Vorgänge auf dem Majdan, wie die auf der Krim, wie die Abkühlung des Verhältnisses zwischen der EU und Russland?
Können wir den Volksbewegungen in Spanien oder in der Türkei etwas Zukunftsweisendes abgewinnen? Müssen wir die Politikmüdigkeit unserer saturierten Konsumgesellschaften nicht mindestens so fürchten wie die Destabilisierung durch leidenschaftlich um demokratische Rechte kämpfende Massen auf den Straßen?
Und deshalb bleibe ich dabei, wir brauchen das Romantische als Geisteshaltung, wir brauchen es als ein Widerlager der instrumentellen Vernunft, die Krisen nur verwaltet oder bürokratisch abarbeitet.
Dem Visionären, dem Mut zur „großen Erzählung“ und der Leidenschaft für das erst übermorgen Wahrscheinliche gehört unser Respekt.
Hüten wir uns davor, die leidenschaftlich gefochtenen Kämpfe um politische Neuordnungen im östlichen Europa und anderswo auf der Welt unter ein romantisches Verdikt zu stellen.

Wir müssen mehr geben als nur „Gedankenfreiheit“!

Hortensia Völckers ist Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes

Kulturstiftung des Bundes

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erstellt am 15.4.2014

Eröffnung im Cantatesaal mit dem Ensemble Modern, Foto: Alexander Paul Englert

Hortensia Völckers am 10. April 2014 in Frankfurt. Foto: Alexander Paul Englert

Peter Sloterdijk bei seinem Eröffnungsvortrag in Frankfurt am 10. April 2014. Foto: Alexander Paul Englert

Peter Sloterdijk danach, Foto: Alexander Paul Englert

Sahra Wagenknecht und Rüdiger Safranski (Moderation: Jens Bisky), Foto Alexander Paul Englert