Die Berliner Philharmoniker haben ihr Osterquartier nach Baden-Baden verlegt und absolvieren dort mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle ein „Best Of“-Programm. Da darf die Johannes-Passion in der Regie von Peter Sellars nicht fehlen. Aus Baden-Baden berichtet Thomas Rothschild.

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Es ist vollbracht

Von Thomas Rothschild

Seinen Don Giovanni schickte Peter Sellars einst in die Bronx, und seine „Così fan tutte“ verlegte er in einen Diner an der amerikanischen Ostküste. Jesus nähert er sich vorsichtiger. Er wird weder zum Hippieguru noch zum Lynchopfer fanatischer Südstaatler. Nicht nur islamische Fundamentalisten sehen es ungern, wenn man mit ihren Heiligen Schriften respektlos umgeht.

Die Berliner Philharmoniker, die ihr Osterquartier 2013 von Salzburg nach Baden-Baden verlegt haben, absolvieren hier im Verein mit ihrem Jesus – pardon: mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle – ein „Best Of“-Programm. Da darf die Johannes-Passion in der Regie von Peter Sellars nicht fehlen, die in der heimatlichen Philharmonie erst vor wenigen Wochen der Matthäus-Passion von 2010, in fast identischer Besetzung, nachfolgte.

Zu Bachs Zeiten war eine szenische Interpretation der Passionen von der Kirche ausdrücklich verboten. Nichts sollte von ihrem sakralen Ernst ablenken. Heute ist ein weltlicher Zugang zu Bach möglich. Man kann seine Musik lieben, auch wenn man nicht gläubig ist. Die These vom immanent religiösen Charakter dieser Musik lässt sich schwer beweisen. Zumal wenn man Intention und Wirkung von einander trennt. Und es fällt nicht schwer, den theatralen Charakter der Bibel zu entdecken. Mit ihrem Wechsel von erzählenden Partien und langen Mono- und Dialogen ist sie geradezu eine Herausforderung für das epische Theater – nicht nur weil Brecht, „Sie werden lachen“, die Bibel bekanntlich als sein Lieblingsbuch benannt hat.

Peter Sellars verzichtet zum Glück auf Psychologisierung. Er bemüht sich auch nicht um eine Umsetzung der Affektenlehre. Wohl aber visualisiert er die Musik eher als den Stoff. Seine Inszenierung basiert wesentlich auf Arm- und Handbewegungen des Chors und aus minimalistischen Positionierungen der unkostümierten Solisten. Die gestische Choreographie vermeidet den dumpfen Parallelismus, wie man ihn aus der Revue oder von Militärparaden kennt, und setzt vielmehr auf eine raffinierte Abfolge von ineinander verschachtelten, sich wiederholenden und variierten Bewegungen eines immer noch aus Individuen bestehenden Kollektivs. Er kontrastiert mit der Statik des kleinen Sänger-Solistenensembles. Auch einzelne Instrumentalsolisten und der Dirigent sind durch Standortwechsel und Licht in die Choreographie einbezogen. Dass da etwas von der Musik ablenkt: purer Nosens. Ihr Geist wird vielmehr sichtbar. Was sollte dagegen sprechen?

Das kleine Orchester aus Berliner Philharmonikern und Spezialisten für alte Instrumente fasziniert mit einem keineswegs mathematisch kühlen, aber erst recht nicht mit einem romantisch aufgemöbelten Bach. Ja, diese Musik ist innig (wenn man dieses aus der Mode gekommene Wort hier verwenden darf), aber sie ist mehr noch klar, transparent, filigran. Das gilt auch für Mark Padmore, den erfahrenen Interpreten des Evangelisten, der den Abend als das eigentliche Zentrum zusammenhält. Sein niemals koketter Tenor bleibt vorwiegend im lyrischen Bereich, um nur selten ins Dramatische zu wechseln.

Padmore muss sich freilich nicht in unpassender Umgebung aufhalten. Mit Roderick Williams als Christus, Christian Gerhaber als Petrus in den ersten beiden Akten und als Pilatus in den Akten III bis V und mit den Damen Camilla Tilling und Magdalena Kožená stehen ihm, buchstäblich, Kollegen zur Seite, die dem Genre auf vollkommene Weise gerecht werden, die zwar nicht opernhaft auftrumpfen, aber den dramatischen Charakter auch nicht einer falsch verstandenen pietätvollen Zurücknahme opfern. Mit dem Chor haben sie ohnedies nicht nur optisch, sondern gerade auch musikalisch ein Gegenüber, dessen Herausforderung angenommen werden muss, das aber auch zu Höchstleistungen animiert. Zu den berührendsten Momenten des mit einer Pause zweieinhalbstündigen Abends zählen die Arien des Soprans und des Alts, begleitet lediglich von zwei Flöten beziehungsweise Oboen und Continuo.

Räumlich gehört die rechte Seite der Bühne dem Orchester, die linke Seite dem Chor und die Mitte den Solisten, die durchaus auch mal dem Publikum singend den Rücken zuwenden. Musikalisch aber entsteht ein Ganzes, dessen Harmonie kaum übertroffen werden kann. Übrigens: Simon Rattle hat sein Pult nicht am vorderen Rand der Bühne, sondern nach hinten verschoben. Er konzentriert sich nicht so sehr auf das Orchester wie auf den Chor, auf den er auch mehrfach direkt zu geht. Und man sieht ihm an, wie sehr er bei der Sache ist.

Spätestens beim vorletzten Chor „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ ist auch der standfesteste Atheist überwältigt. Das ist die Macht der Musik. Zur Konversion gibt es keinen Anlass.

Am 18. April wird die Johannes-Passion noch einmal in Baden-Baden aufgeführt.

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erstellt am 14.4.2014

Johannes-Passion im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus

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Bach: Johannespassion

Regie Peter Sellars
Dirigent Sir Simon Rattle

Berliner Philharmoniker
Rundfunkchor Berlin

Festspielhaus Baden-Baden

Johannes-Passion im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus

Johannes-Passion im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus

Johannes-Passion im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus