Abbildung aus dem Buch

Die Wüste lebt! Noch. Denn Tiere, Menschen und Dämonen geraten in einen Schwundmodus. Rechtzeitig noch hat Marion Victor sich von Tarabin-Beduinen Märchen erzählen lassen, deren zwei, zusammen mit Überlegungen von Klaus Reichert, hier zu finden sind.

Die Dschinn der Beduinen

Klaus Reichert, der in der literarischen Reihe „Frankfurter Premieren“ des Kulturamtes Frankfurt am Main in der Historischen Villa Metzler die Lesung aus dem Buch „Märchen und Geschichten der Beduinen im Sinai“ von Marion Victor moderierte, erzählte in seiner Einführung von den Bedingungen und Hintergründen der Sammlung. Reichert, der selbst in der Wüste des Sinai war und darüber sein Buch „Wüstentage“ (insel taschenbuch 2007) verfasste, schilderte die Situation etwa so:
Es gibt, seitdem die Gebrüder Grimm Märchen aufgezeichnet haben, den Unterschied zwischen den sogenannten Volksmärchen, die mündlich tradiert und irgendwann aufgeschrieben worden sind, und den bearbeiteten Märchen, den Kunstmärchen, wie die, die Clemens Brentano und Achim von Arnim gesammelt oder in Gedichtform, wie in „Des Knaben Wunderhorn“ von 1804, veröffentlicht haben, – was die Grimm-Brüder angeregt hat, doch auch auf die Suche nach Märchen zu gehen. Die Märchen, die Marion Victor bei den Beduinen im mittleren Sinai-Gebirge, also um Nuweiba herum, gesammelt hat, werden sich etwas anders anhören als das, was wir mit dem Ausdruck ‚Märchen’ verbinden.
Die älteste Handschrift von „1001 Nacht“ stammt aus dem 16. Jahrhundert. Claudia Ott hat ein Manuskript von etwa 1250 gefunden mit Märchen, die aus dem Kontext von ‚1001 Nacht’ stammen. Das ist also die älteste Handschrift, die überliefert worden ist. Und schon darin sieht man so viele unterschiedliche Einflüsse, dass man von einer oralen Tradition eigentlich gar nicht sprechen kann. In dem Moment, da die Überlieferung fixiert ist, kommt ein Kunstwollen hinzu, um diese Dinge lesbar oder vorlesbar zu machen. Und diese Handschrift, die Claudia Ott unter den Schätzen des Aga Khan entdeckt hat, die im Berliner Gropius-Bau ausgestellt wurden, existierte schon in einer ausgearbeiteten, ausformulierten Form. Sobald ein Märchen fixiert ist, hört die orale Tradition auf. An „1001 Nacht“ haben Jahrhunderte weitergedichtet. Die erste Handschrift ist vergessen worden; es gibt sicher andere, die verloren sind. Alles in allem sind das immer weiter ausgeschmückte Kunstprodukte. Und es ist sehr schwer, an ein Originalmärchen zu kommen, was über die Jahrhunderte mündlich tradiert und niemals aufgezeichnet worden ist: Texte im Rohzustand sozusagen. Es gab 1930 ein berühmtes Buch von André Jolles, einem holländischen Literaturwissenschaftler, der in Leipzig gelehrt hat und in seiner Jugend ein Freund von Aby Warburg war. Das Buch trägt den Titel „Einfache Formen“. Darin steht, was wir als Literatur zu lesen bekommen, geht auf ein Dutzend einfacher Formen zurück, die zu Kunstformen ausformuliert wurden. Zu diesen einfachen Formen gehören der Witz, die Fabel, die Mythe, das Märchen, die Sage, Sprüche, Gesetzesformeln usw. Das war der erste Versuch, vor der Erfindung des Strukturalismus eine Grundstruktur dessen, was wir literarische Formen nennen, zu kennzeichnen. Und zu diesen Grundformen gehört eben auch das Märchen als eine nicht bearbeitete, erzählte Form. Es ist selten, dass man so etwas noch findet und auch versteht.
Diese vor-schriftlichen Märchen enthalten immer wieder Elemente grotesker Komik, drastischer Sexualität und maßloser Grausamkeit, ohne in irgendeinen moralischen Abschluss zu münden, Elemente, die aus den uns bekannten Märchen eliminiert wurden. Das Gute und das Böse findet da nicht statt.
Woher stammen die verschiedenen Beduinensprachen? Eine alte Pharaonensprache, wie eine Hypothese lautet, die sich in abgelegenen Berggegenden erhalten hat? Die Sprachwissenschaftler wissen es nicht. Was wir an Beduinenmärchen kennen, verdankt sich der Tatsache, dass ein Beduine auch des Arabischen mächtig war und diese Märchen auf Arabisch verbreitete. Enno Littmann, der große Orientalist, dem wir die schönste „1001 Nacht“-Übersetzung verdanken, hat von einem solchen Beduinen Märchen erzählt bekommen, aufgeschrieben und ins Deutsche übersetzt. Aber das war eben schon gefiltert.
Dass Märchen, in denen etwa ungeheuerliche Riesenvögel, die Menschen fressen, vorkommen, in der Wüste noch weitererzählt werden, setzt die Bereitschaft voraus, an die Existenz solcher Fabelwesen zu glauben. Tatsächlich gibt es echtes Entsetzen über die mythischen, menschenfressenden Vögel unter den Beduinen am Feuer, denn für sie ist die Wüste voller Dschinn, intelligenter, oft bösartiger Dämonen, die sich aus dem Stand materialisieren können.
Dennoch haben einschneidende Veränderungen stattgefunden: Unter Mubarak wurden die Beduinen sesshaft gemacht. Sie leben nicht mehr in der Wüste, sondern am Rand in Siedlungen. Sie haben auch keine Kamelherden mehr; man sitzt nun abends vor dem Fernsehapparat. Die Tradition, sich Geschichten, Anekdoten und Märchen am Kochfeuer zu erzählen, verliert sich. Die Schwierigkeit, der Märchen habhaft zu werden, die noch im Umlauf sind, besteht darin, dass sie in einer Sprache erzählt werden, die nicht verbreitet ist und für die es keine Wörterbücher oder Dolmetscher gibt. Die beduinischen Sprachen sind auf die Stämme beschränkt, deren weit entfernt lebende Mitglieder sich schon nicht mehr verständigen können. Marion Victor hatte das Glück, Fadeya Sabah, ein junges Mädchen vom Stamm der Tarabin, zu treffen, die die seltene Gelegenheit hatte, auf einer internationalen Schule Englisch, und, durch persönliche Kontakte, Deutsch zu lernen; sie, die auch über ein Laptop und einen Internetanschluss verfügt, übertrug die Rohfassung der Märchen ins Deutsche. (-ert.)

Erzählt von Said Salama

Das Vermächtnis

Es war einmal ein reicher Mann. Bevor er starb, machte er sein Testament. Zu seinem Sohn sagte er:
Mein Sohn, bau dir überall, wo du wohnst, eine Moschee, wohne immer bei den Bäumen und ziehe jeden Tag ein neues Gewand an.
Dann starb der Vater und sein Sohn machte genau das, was sein Vater von ihm verlangt hatte. Er zog mit seiner Frau fort von dem Dorf, wo sie gewohnt hatten, zog hinaus zu den Bäumen, baute in jedem Land eine Moschee und zog jeden Tag ein neues Gewand an, bis er arm war und kein Geld mehr hatte.
Die Leute redeten darüber, wie sehr reich er gewesen und wie arm er jetzt war.
Da ging er weg aus seinem Dorf und verließ seine Familie.
Er kam zu einem reichen Mann, bei ihm konnte er arbeiten. Der Mann gab ihm ein paar Schuhe aus Ziegenleder und sagte:
Du kannst bei mir arbeiten, bis diese Schuhe kaputt gehen, dann will ich dir als Lohn drei Kamele geben.
Der Mann arbeitete und arbeitete, er ging jeden Tag mit den Kamelen hinaus, wo sie genügend Grün zum Fressen fanden.
Eines Tages, als er mit den Kamelen unterwegs war, traf er eine alte Frau. Sie setzte sich zu ihm und er erzählte ihr seine Geschichte. Da sagte die Frau zu ihm:
Wenn deine Schuhe kaputt gehen sollen, dann lege sie in der Nacht, wenn du schläfst, bis zum Morgen ins Wasser.
Der Mann tat, was die Frau ihm gesagt hatte, und nach wenigen Tagen waren seine Schuhe kaputt.
Da ging er zu dem reichen Mann und sagte:
Meine Schuhe sind kaputt, gib mir die Kamele, die du mir versprochen hast, ich will dich verlassen.
Der Mann gab ihm die drei Kamele und er ging und ging und ging. Auf seinem Weg traf er einen alten Mann. Und wie er bei ihm saß, erzählte er ihm seine Geschichte. Da sagte der Mann:
Ich will dir erklären, was dein Vater meinte, aber für jede einzelne Erklärung musst du mir ein Kamel geben.
In Ordnung, antwortete er ihm.
Dein Vater meinte damit, dass du in jedem Land eine Moschee bauen sollst, dass du dir in jedem Land einen Freund gewinnen sollst. Und „dass du bei den Bäumen wohnst“ meint, dass du bei deiner Familie bleiben sollst, und „dass du jeden Tag etwas Neues anziehen sollst“, meint, dass du jeden Tag dein Gewand waschen sollst.
Ich gebe dir noch zwei Ratschläge. Der erste ist, geh zu einer Hochzeit. Und der zweite ist, schlaf nicht auf Blut, also töte niemanden.
Dann ging der Mann und ging und ging, bis er zwei Männer mit zwei Kamelen traf. Er ging mit ihnen. Sie trafen auf eine Hochzeitsgesellschaft. Nur er, nicht seine beiden Freunde, gingen zur Hochzeit. Als er schließlich zurückkam, fand er die beiden Männer tot auf. Während seine beiden Freunde da geblieben waren, waren sie in Streit geraten und hatten einander getötet.
Der Mann fand in den Satteltaschen der Kamele sehr viel Geld. Das nahm er an sich wie auch die beiden Kamele. Nun wollte er heimkehren, zu seinem Stamm und seiner Familie. Er lief und lief und lief, bis er zu seinem Dorf kam.
Aber er ging nicht in das Dorf hinein. Von weitem beobachtete er sein Haus.
Da sah er, dass immer nachts ein Mann in sein Haus ging. Und jede Nacht wollte er zu seinem Haus gehen und seine Frau töten, weil sie ihn betrog.
Aber er erinnerte sich an den Ratschlag des alten Mannes, dass er nicht auf Blut schlafen solle.
Da ging der Mann schließlich zu seinem Haus und fragte seine Frau:
Wer ist dieser Mann?
Und sie sagte: Das ist dein Sohn, denn ich war schwanger, als du weggegangen bist.

Erzählt von Mubarak Selim

Bruder und Schwester

Es war einmal ein Mädchen. Tag für Tag ging sie mit den Ziegen in die Berge.
Ihr Bruder blieb im Haus und bereitete das Essen in der Zeit bis seine Schwester zurückkam. Einer ihrer Nachbarn sagte zum Bruder:
Gib mir deine Schwester zur Frau.
Nein, antwortete er.
Alle im Dorf waren traurig über die Antwort des Bruders.
Eines Tages kam das Mädchen nach Hause und wollte wie immer von dem
Essen kosten. Aber dieses Mal war zwar das Essen da, aber ihr Bruder lag daund rührte sich nicht. Sie ging zu dem Essen, um es zu probieren, und das Essen war sauer.
Warum schläfst du, wenn die Sonne gleich untergehen wird, mein Bruder? fragte sie ihn.
Da der Bruder nicht antwortete, ging sie zu ihm hin und da sah sie, dass er tot war. Der Mann, der ihren Bruder getötet hatte, war der, der sie heiraten wollte. Und jetzt heiratete er sie.
Sie bekam drei Söhne von ihm. Allerdings schlief ihr Mann nicht so oft bei ihr, weil er immer Angst hatte, dass sie ihn wegen ihres toten Bruders töten würde.
Dann kam das Fest Aid. Und ihr Mann brachte für die Kinder neue Kleider mit. Während er seinen Söhnen die Kleider anzog, sah er, wie seine Frau glücklich lachte. Da sagte er zu sich selbst: endlich hat sie die Geschichte mit ihrem Bruder vergessen. In dieser Nacht schlief er mit seiner Frau. Aber als er eingeschlafen war, tötete sie ihn und nahm die Leber aus seinem Körper. Das restliche Festessen brachte sie zu seinen Schwestern. Als sie es probierten, sagten sie:
Das schmeckt ja sauer!
Ihr sollt dasselbe essen wie ich.
Und sie meinte damit die Leber ihres Bruders. Dann ging sie weg und die Schwestern des Mannes fanden ihren Bruder tot auf. Sie aber ging zurück zu ihrem Haus.

Auszüge aus: Marion Victor, Märchen und Geschichten der Beduinen im Sinai, Reichert Verlag, Wiesbaden 2013

Mit freundlicher Genehmigung © Reichert Verlag

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erstellt am 14.4.2014

Marion Victor
Märchen und Geschichten der Beduinen im Sinai
Broschur, 96 Seiten
ISBN: 9783895009853
Reichert Verlag, Wiesbaden 2013

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