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Um den Defizit zwischen individueller Sehnsucht und kollektiver Zufriedenheit im Kibbuz der sechziger Jahre kreisen acht neue Erzählungen von Amos Oz. Die emotionellen Nöte der Kibbuzniks reichen aber nicht mehr aus, um das psychologische Porträt einer Generation abzugeben, findet Stefana Sabin.

Acht neue Erzählungen von Amos Oz

Immer wieder Regen

Immer wieder regnet es in den neuen Erzählungen von Amos Oz: Es ist düster und ungemütlich im Kibbuz Jikhat und die kleinen Heizöfen in den Häusern kommen gegen die allgemeine Kühle nicht an. Denn die sozialen Regeln des Zusammenlebens in diesem Kibbuz der sechziger Jahre scheinen die einfachen Bedürfnisse nach Zuneigung und Vertrautheit aushebeln zu wollen. Mit kaum verbrämter Verzweiflung überlegt die junge Osnat, dass „vermutlich die meisten Menschen mehr Wärme und Zuneigung brauchten, als die anderen ihnen je geben konnten, und dass kein Kibbuz-Ausschuss je diesen Defizit zwischen Bedürfnis und Erfüllung decken konnte.“

Um diesen Defizit zwischen individueller Sehnsucht und kollektiver Zufriedenheit kreisen diese acht Erzählungen, in denen Oz zum Kibbuz als fiktiven Ort und in die sechziger Jahre als erzählte Zeit zurückkehrt. Hatte er schon in seinem Roman „Ein anderer Ort“ (1966) die emotionalen Verstrickungen innerhalb der Kibbuz-Gemeinschaft nachgezeichnet und dabei allgemeine Verhaltensmuster freigelegt, so führt Oz nun jene kleinen Beziehungsstörungen – sei es, zwischen Eltern und Kindern, sei es, zwischen Liebespartnern – vor, hinter denen die Seelenabgründe der Kibbuzniks erkennbar werden.

Ob Vater und Tochter „stillschweigend übereingekommen sind, Gefühle nicht zu berühren und auch einander nicht zu berühren“ („Unter Freunden“), ob ein junger Mann darüber grübelt, dass das Zusammenleben im Kibbuz die Einsamkeit im Namen des Kollektivs verneint („In der Nacht“) oder ob ein liebender Vater sich der verordneten Erziehungsstrenge beugt und seinen bedürftigen Sohn emotionell in Stich lässt („Der kleine Junge“) – es sind kleine, scheinbar unbedeutende Ereignisse, die keine wirkliche Handlung abgeben, sondern vielmehr auf ein inneres Geschehen hindeuten. Dabei ist es die lakonische Kühle der Sprache, den unspektakulären Episoden dramatische Spannung verleiht.

Wenn diese Erzählungen dennoch weniger wirkungsvoll als die frühen Oz-Erzählungen wirken, dann liegt es daran, dass das Kibbuzmilieu jeden Reiz eingebüsst hat – aber auch daran, dass die emotionellen Nöte der Kibbuzniks nicht mehr ausreichen, um das psychologische Porträt einer Generation abzugeben.

Amos Oz spricht über den Band „Unter Freunden“ (In englischer Sprache)

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erstellt am 10.4.2014

Amos Oz
Amos Oz

Amos Oz
Unter Freunden
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Broschur, 215 Seiten
ISBN: 978-3-518-46509-7
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

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