Das Jüdische Museum Wien rekonstruiert die Familiengeschichte der früh verstorbenen Popsängerin Amy Winehouse und stellt ihre Verbindung zum Judentum dar. Faust-Kultur druckt eine leicht gekürzte Fassung des Vorworts aus dem Ausstellungskatalog ab.

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Amy Winehouse: Ein jüdisches Mädchen aus Nordlondon

Von Danielle Spera

Unter den außergewöhnlich vielen jüdischen Pop- und Rockstars ist Amy Winehouse sicherlich eine herausragende Persönlichkeit, die berühmteste Sängerin ihrer Zeit. Eine brillante Musikerin mit einer unvergesslichen Stimme, die klang wie aus vergangenen Tagen. Aus ihrer Herkunft hat Amy Winehouse nie ein Geheimnis gemacht. Im Gegenteil: Sie war stolz auf ihre jüdischen Wurzeln, ihre jüdische Identität. Bis zu ihrem tragischen und frühen Tod blieben Details ihrer Familiengeschichte aber weitgehend unbekannt. Amys Bruder Alex Winehouse, dem wir die Ausstellung „Amy Winehouse: Ein Familienporträt“ zu verdanken haben, war es ein Bedürfnis, der Öffentlichkeit auch diese Seite der Ausnahmesängerin vorzustellen.

Die Geschichte der Familie Winehouse steht stellvertretend für viele jüdische Migrationsgeschichten. Der Urgroßvater Harris stammte aus Weißrussland. Zu dieser Zeit gab es für Juden im zaristischen Russland starke Einschränkungen. Letztendlich flüchtete er 1890 wie viele Jüdinnen und Juden vor den gewalttätigen Pogromen aus seiner Heimatstadt Minsk. Winehouse verkörpert hier das Schicksal, das Joseph Roth so treffend in seinem Essay „Juden auf Wanderschaft“ beschrieben hat.

„Ach! die gemeine Welt denkt in herkömmlichen, faulen, abgegriffenen Schablonen. Sie fragt einen Wanderer nicht nach dem Wohin, sondern nach dem Woher. Indessen ist einem Wanderer doch das Ziel wichtig, und nicht der Ausgangspunkt.“ (Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft, 1976 und 1985, Verlag Allert de Lange, Amsterdam und Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, S. 77)

Für Harris Wienhouse war New York das Ziel, doch in London blieb er hängen. Das East End wurde zum neuen Lebensmittelpunkt. Vom Arbeiterviertel folgte der Aufstieg in den Mittelstand – durch harten Einsatz. In diesem jüdischen Haushalt kommt Amy Winehouse am 14. September 1983 zur Welt. Vor allem ihre Großmutter Cynthia hielt die jüdischen Traditionen aufrecht. Bei ihr wird aber nicht nur jede Woche am Freitagabend der Shabbat gefeiert, Cynthia ist auch in der Welt des Jazz zu Hause. In ihrer Wohnung taucht Amy in diese Welt ein. Sie hört Frank Sinatra und vor allem Ella Fitzgerald. Auch Amys Eltern, Vater Mitch und Mutter Janis, teilen die Liebe zur Musik und geben sie an ihre Tochter weiter. Nach der Trennung der Eltern, als Amy neun Jahre alt ist, wird die Großmutter, die Amy so sehr geprägt hat, eine noch wichtigere Bezugsperson.

Die Schulausbildung bleibt kurz, Amy ist zwar so begabt, dass sie in der Schauspielschule einen Jahrgang überspringen kann, sie muss die Sylvia Young Theatre School jedoch bald verlassen, als sie sich während des Unterrichts mit einer Nadel ein Loch ins Ohrläppchen stößt.

Doch wenig später beginnt der rasante Aufstieg: Mit 16 wird sie entdeckt, mit 18 erhält sie ihren ersten Plattenvertrag, mit 20 wird ihr Debutalbum Frank zu einem Hit und Amy über Nacht berühmt. Auch ihr zweites Album Back to Black wird in Großbritannien zur meistverkauften CD, ein Rekord, der bis heute aufrecht geblieben ist.

Privat erlebt Amy Winehouse eine Niederlage nach der anderen. Am meisten getroffen wird sie vom Tod ihrer geliebten Großmutter Cynthia. Es folgen die Scheidung von ihrem Mann, Depression, Drogen- und Alkoholexzesse. Amy Winehouse stirbt am 23. Juli 2011. „Am Ende des Tages bin ich ein jüdisches Mädchen“, soll sie gesagt haben, eine Aussage, die ihr Bruder Alex Winehouse unterstreicht: ein jüdisches Mädchen aus Nordlondon mit einem riesigen Talent.

Ob ein jüdisches Museum der richtige Ort für eine Ausstellung über Amy Winehouse ist, wurde anlässlich der Eröffnung im Jewish Museum London hinlänglich diskutiert. Dabei wurde die Frage in den Raum gestellt, ob ein Star, der zufällig jüdisch sei, als „jüdischer Star“ zu bezeichnen ist. Es wurde argumentiert, dass Amy Winehouse gar nicht religiös gewesen sei, gleichzeitig hatten sich aber Kommentatoren im Zusammenhang mit der Beerdigung der Musikerin den Kopf darüber zerbrochen, ob denn ihre vielen Tätowierungen ein Hindernisgrund für ein jüdisches Begräbnis seien. Die Bibel verbietet dezidiert Selbstverletzungen, als einen Eingriff in den von Gott geschenkten Körper: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr“ (Wajikra 19,28). Immer wieder diskutieren Rabbiner heute über dieses Thema, wobei Einigkeit darüber besteht, dass jeder Jude dazu verpflichtet ist, auf seine Gesundheit und Unversehrtheit zu achten.

„Jüdisch zu sein heißt für mich, als richtige Familie miteinander Zeit zu verbringen … Es geht nicht darum, eine Kerze anzuzünden und eine Bracha zu sprechen“, sagte Amy Winehouse über ihre jüdische Identität. Das ist auch das große Thema der Ausstellung, die wir vom Jewish Museum London übernommen haben und im Museum Judenplatz in Wien zeigen. Der Zusammenhalt der Familie ist eine der wichtigsten Säulen des Judentums. Die Liebe zu ihrer Familie ging für Amy Winehouse über alles. Dies spürt man in jeder Facette der Ausstellung, die eine frische Perspektive auf das Leben der Sängerin ermöglicht. Sie hinterlässt eine ganz neue Erinnerung an eine große Musikerin, deren tragisches Schicksal weltweit Schlagzeilen gemacht hat.

Ein wichtiger Grundsatz von Amy Winehouse war: „Ich möchte, dass die Menschen meine Stimme hören und fünf Minuten lang ihre Sorgen vergessen.“ Das leistet die Ausstellung, denn sie spart die Tragödie des Absturzes aus, die ohnedies hinlänglich bekannt ist. Ein jiddisches Sprichwort sagt: A jidische neschume ken men nit schazen – Eine jüdische Seele kann man nicht ergründen. Doch man kann versuchen, sich ihr zu nähern.

Dr. Danielle Spera ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien.

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erstellt am 07.4.2014

Amy Winehouse (1983-2011). Foto: © Photofest
Amy Winehouse (1983-2011). Foto: © Photofest
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Amy Winehouse: Ein Familienporträt

Bis 20. August 2014
Jüdisches Museum am Judenplatz

Jüdisches Museum Wien

Ausstellungsansicht Jüdisches Museum an Judenplatz, Wien. Foto: © www.wulz.cc

Ausstellungsansicht Jüdisches Museum an Judenplatz, Wien. Foto: © www.wulz.cc

Ausstellungsansicht Jüdisches Museum an Judenplatz, Wien. Foto: © www.wulz.cc