Wer ist das, der die Sammlung alter Meister besucht? Das sind wir, das staunende Publikum, das sind potentielle Bilderdiebe, Kunsthistoriker und Ikonoklasten, Betreiber von Rahmenhandlungen, unbekannte Maler und berühmte Bilderfälscher. Und manchmal läuft man sich über den Weg. Johannes Winter hatte in Dresden eine seltsame Begegnung.

Dresden von Canaletto (1748), Screenshot

Dresden, gesehen vom rechten Ufer der Elbe, von Canaletto (1748), Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlung Dresden

reportage

Unverhoffte Begegnung mit einem Fälscher oder

Tatort Dresdener Zwinger

Von Johannes Winter

„Wenn man in ein Museum kommt und sieht darin sein eigenes Bild da hängen, denkt man, ja verdammt, jetzt hängt das in allen möglichen Museen rum und keiner weiß, dass es von dir ist.“

Wolfgang Beltracchi, Kunstfälscher

Im an Kunstschätzen so reichen Dresden kann es geschehen, betritt man den Zwinger mit seiner Gemäldegalerie Alte Meister, dass einem der Atem stockt. Im Zwinger, wo schon die erste Blickachse sich – über das Publikum hinweg – Raffaels Meisterwerk, der so beliebten „Sixtinischen Madonna“ öffnet. Aber es ist auch möglich, dass der Blick abgelenkt wird von jemandem mitten im Gewusel der Besucher, einem hochgewachsenen Mann mit schulterlangen, grauweißen Haaren, Lederjacke, Kapuzenpulli, Jeans. Typ älterer Freak. Mit einer Frau an seiner Seite, wallende Haare über langem Mantel. Typ Hippie-Lady. Alles echt, vom Kopf bis zu den Klamotten.

Man verharrt und weiß im selben Moment: es ist ein Wiedersehen der besonderen Art. Ich hatte die beiden im Kino gesehen, in einer Dokumentation, die Wolfgang Beltracchi und seiner Frau Helene gewidmet ist. Genialer Titel: „Die Kunst der Fälschung“. Vor mir hatte ich zwei Originale, im Wortsinn, wie mir später klar werden sollte. An einem verregneten Samstagmorgen im Zwinger zu Dresden.

Im Film, das war mir unvergesslich geblieben, hatte er die Praxis seines Blendwerks an einem Beispiel vorgeführt. Mit einem schlichten Spachtel fabrizierte er einen aus Flusen und Staub komponierten „Original-Barcelona-Dreck von 1915“ und platzierte ihn hinter dem auf alt gemachten Rahmen eines Bildes, das nun unter falscher Flagge in den Kunsthandel segeln würde. Beltracchi wirkte dabei nichts als zufrieden und ließ erkennen, welche Prise Größenwahn seinem Schaffen eignete: Vermeer, Rembrandt, Leonardo – alles könne er malen, das sei „gar nicht schwierig“.

Und nun also eine Begegnung mit dem Fälscher im Olymp der Originale, wo Vermeer, Rembrandt, Raffael, Tizian in hinreißender Vielfalt versammelt sind. Mir kam es vor, als wären wir verabredet. Der Vorteil lag bei mir. Was tun? Sollte ich die Chance einer Führung, so klandestin wie kostenlos, fahren lassen? Es brauchte wenig, und ich entschied, das Vergnügen, das der Zufall mir beschert hatte, zu genießen. Mich an die Fersen des Mannes zu heften, den eine Zeitung zum größten Kunstfälscher der Nachkriegszeit geadelt, den der Papst der Kunstszene nicht zum Clown, sondern zum „Klon des Malers Max Ernst“ ernannt hatte. Wie zum Beleg, dass das Spiel mit Farben, das Beltracchi trieb – um das Spiel mit Worten angereichert – die Empörung über seine Jonglage mit Echt und Falsch, die Wut über seine Lust, hinters Licht zu führen, zum Skandal gesteigert hatte. Der europäische Kunstbetrieb – mit der Kraft des Bluffs in die Blamage getrieben.

Die beiden Beltracchis, wie sie unerkannt durch die Säle des Zwinger promenieren. Ich, der so tut, als kopiere er ihre Neugierde. Beltracchis Hingabe vor Dürers „Bernhard von Reesen“, nicht ohne einen Tipp für seine Frau: „Guck dir das mal an“. Beltracchis Neugier vor Rembrandts „Saskia mit der roten Blume“. Beltracchis Boykott von Rubens badender „Bathseba“, die der Maler mit soviel männlicher Lust an bloßen Brüsten, an barocken Schenkeln unterm hochgerutschten Rock gemalt hat. Beltracchis Interesse für Adrian van Utrechts gewaltiges „Stillleben“. Im Vorübergehen der kurze Blick auf Rubens „Trunkenen Herkules“. Des Fälschers Desinteresse für van Honthorsts „Zahnarzt“, für dessen grandioses Spiel mit Licht und Schatten, in dem der Doktor seinem Patienten im düsteren Schein einer einzigen Kerze zu Leibe rückt.

Ich bewegte mich mit einer gewissen Verstohlenheit, wandelte von Saal zu Saal inmitten kunstsinniger Wochenendurlauber, die mir den Eindruck vermittelten, ich hätte als einziger das Los für dies Schnäppchen gezogen. Zugleich stand mein Entschluss fest, unentdeckt zu bleiben. Anteil zu nehmen am Freigang des Fälschers, wahrzunehmen, wie vertieft, wie unbeirrt er den Werken der großen Meister – ohne Zweifel Originale – ihre Geheimnisse zu entlocken suchte.

Schon vor der Kamera seines Dokumentaristen hatte Wolfgang Beltracchi in seinem leicht swingenden Rheinland-Idiom allen Erhabenheitsgefühlen, aller „Heiligkeit“ von Kunst, allen Entrückungen, die so manchen vis à vis der Werke großer Künstler anfallen – dergestalt, dass sie von Gänsehaut-Wellen überflutet werden – eine so klare Absage erteilt, dass ich hier, in der Bilderwelt des Zwinger nicht umhinkam war, mit ihm über Kreuz zu geraten.
Den Moment, mit einem großen Maler, einem berühmten Werk den Raum zu teilen, ihm Auge in Auge gegenüberzustehen und ihn mit diesem Glücksgefühl zu betrachten, diesen Moment wollte ich mir auch von Beltracchi, dem aus Schadenfreude so viele Sympathien zugeflogen waren, nicht nehmen lassen.

Nun also Parmigianinos „Madonna mit der Rose“, ein Gemälde, dessen geradezu laszives Jesuskind mit seinem detailgetreu ausgeführten Knabengemächt heutzutage den einen oder anderen Kinderschutzbündler in Aufregung versetzen könnte. Unbeachtet hing das Gemälde im Winkel, Eye-Catcher in diesem Saal war Raffaels „Sixtinische Madonna“ mit den über alles geliebten beiden Putten, umschwärmt, von großen Augen angestarrt, ja angehimmelt. Ein Werk, an dem sich der Kunstgeschmack deutscher Schlaf- oder Wohnzimmer noch immer gerne ausrichtet.

Vor Tizians „Dame in Weiß“ geriet ich in einen Stau, das Bild schlug meinen Cicerone in seinen Bann. Beltracchi zog sein Büchlein, ging in die Knie, notierte dieses und jenes und wies seine Frau wohl nicht zufällig auf die feinen Falten der hellen Puffärmel hin. Es mochte sein, dass sie ihn an das berüchtigte „Titanweiß“ erinnerten, die Farbe, die ihn per Pigment-Analyse überführt, entlarvt hatte. Nebenan wartete des älteren Cranachs Eva, sein Adam ihr zur Seite, die beiden schlanken Nackten, die dem Fälscher offenbar nichts sagten.

Cranachs „Heinrich der Fromme“ mit Ehefrau aber tat es ihm an, die rot-goldenen Gewänder verzückten ihn ebenso wie die Tiere des Paares, der Jagdhund für ihn, das Schoßhündchen für sie. Pingelige Betrachtung war das Gemälde ihm wert, bevor er, einem Peripatetiker gleich, seine Arbeit gemächlich fortsetzte.

Muße, mich meinen Gedanken hinzugeben. Gedanken, aus denen Fragen erwuchsen. Ob mir etwas schwante? Warum eigentlich spazierte Beltracchi durch die Sammlung? Er, der über Jahre das Blaue vom Himmel herunter gemalt hatte. Der in Kenntnis der Regel arbeitete, dass erst die – gefakte – Signatur den Akt der Fälschung vollendete. Suchte er ein Rendezvous mit einer eigenen Schöpfung, wollte er einem seiner Werke mal wieder Hallo sagen, sozusagen nach dem Rechten sehen? Nicht ohne den Triumph zu genießen, dass er unerkannt vor einem Bild aus seiner Werkstatt stand, inkognito inmitten einer gläubig-interessierten Kunstgemeinde, beschützt durch die Gewissheit, dass ihm niemand auf die Schliche kam? Ich wurde verzagt, war mir sicher: in diesem Falle würde ich mir betrogen vorkommen. Und zappelte im Netz der Vermutungen. Für ein Weilchen ging ich meiner Wege.

Um im nächsten Saal vor Rembrandts „Ganymed in den Fängen des Adlers“ zu stehen. Vor dem pinkelnden Gnom hatte ich ein Déjà-vu-Erlebnis. Es reichte zurück in längst vergangene Zeiten, als ich mich mit den schlichten menschlichen Ergüssen in der bildenden Kunst beschäftigt hatte. Mit einem Mal stieg auch Klingers „Pinkelnder Tod“ vor meinem inneren Auge empor. Bilder, die sich offenbar eingebrannt hatten. Während mir mein Cicerone aus den Augen geraten war.

Vor Murillos „Madonna mit dem Kind“ entdeckte ich ihn, das schmale Rechteck des Saales machte ein Ausweichen unmöglich. Die Beltracchis kommen mir entgegen, der Zufall verwandelt sich in Gewissheit. Ein leichtes Grinsen auf beiden Seiten; ihm deutet es an, dass ich weiß, wer er ist. Und mir, dass er das inzwischen bemerkt hat. An der Dezenz der Begegnung ändert sich nichts. Beltracchi wirkt, als könne er kein Wässerchen trüben. Ich leiste es mir, das Spiel mit dem Falsifikanten fortzusetzen, ziehe es gleichwohl vor, in der selbstgewählten Anonymität zu bleiben. Warum sollte ich ihm einen Bären aufbinden?

Vermeers „Kupplerin“ machte er seine Aufwartung, das gelbe Wams des Freudenmädchens wurde genauem Studium unterzogen. Mir kam die Szene aus seinem Film in den Sinn, in der Beltracchi umständlich ein kräftiges Gelb anmischt und sich dabei nicht verkneift zu sagen, die Farbe würde er am liebsten „ablutschen“. „Kuck dir das an“, sagte er zu seiner Frau, auf „das Spiel der Hände“ des Freiers deutend, die die Puffmutter sorgsam bewacht. Unüberhörbar hatte ihn der intensive Farbton des hellleuchtenden Wäschestücks in seinen Bann geschlagen. Vielleicht eine „unheimliche Begegnung“? Eine Begegnung, wie er im Film sagt, in der das Bild ihn „erkennen“ müsse. Hatte Beltracchi nicht vor der Kamera geprahlt, einen Vermeer zu malen, sei „gar keine Kunst“?

Vermutungen, keine Ahnungen. Die Vorstellung trieb mich um, ob der Fälscher bloß Anregung suchte für neue Werke, für neue Projekte, denen er sich als Freigänger widmen würde. Noch war ja einiges abzusitzen.

Im Film, so erinnerte ich mich, hatte er abgewogen, wie es für ihn weitergehen, ob es in Zukunft um die Alternative gehen solle, einen „Beltracchi“ aus seiner Werkstatt auf den Markt zu bringen oder einen „Max Ernst – von Beltracchi“. Im Gespräch mit einem Kunsthistoriker war er eher Letzterem zugeneigt gewesen. Der Markt würde schon für neue Einkünfte sorgen.

Einmal musste das Stück im Zwinger zu Ende sein. Bevor der Vorhang fiel, sah ich mich im Canaletto-Saal sitzen, vor der „Kreuzkirche in Trümmern“, die der Maler 180 Jahre vor der Bombennacht des 2. Weltkriegs gemalt hatte. Freie Sicht auf „Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke“, das Gemälde, das die Stadt als „Canaletto-Blick“ so sehr liebt. Das Prunkstück von Bellotto alias Canaletto, ausgebeutet für touristische Zwecke. Niemand, der eine Rundfahrt durch die Stadt macht, kommt an diesem Panorama-Blick auf das barocke Elb-Florenz vorbei, von der Stelle am jenseitigen Elbe-Ufer, die dem Sightseeing, dem Knipsen, dem Staunen vorbehalten ist. Der Ort am Fluss, an dem der Maler seine Staffelei aufgestellt haben soll.

Im Canaletto-Saal also das Original – davon ging ich aus, gleichwohl bemerkte ich, wie Misstrauen zu wuchern begann-, der „Blick“ über die Augustus-Brücke auf die authentische Skyline Dresdens, auf die monumentalen Bauten von Brühlscher Terrasse, von Hof- und Frauenkirche, Residenzschloss. Zu Füßen wuselt das Volk, ganz zeitgenössisch als Miniatur, Reiter und Müßiggänger mit Pferden, Kutschen, Leiterwagen, auf dem Fluss sich abmühende Bootsleute. Eine Szenerie von südlicher Gelassenheit.

Andächtig stand Beltracchi davor, verharrte still und bemerkte schließlich zu seiner Frau, wie „leicht“ das gemalt sei. Und fügte an: „Der Platz, der ist da jetzt ja immer noch“. Während sich ihre Neugierde auf das rote Wams einer Waschfrau am Flussufer richtete, konnte er sich an der Technik Canalettos, der Elbe eine spiegelnde Wasserfläche zu zaubern, nicht sattsehen.

„Simmer dursch?“ fragte er in der Melodie seiner rheinischen Heimat, im Dialekt, der immer Züge von „Original“ trägt, die Museumswärterin. Und als sie mit dem wunderbaren „Nu“ ihres sächsischen Idioms bejahte, schickte er in kölscher Nonchalance ein “Feierabend! Danke!“ hinterher. Zapfenstreich für einen Freigänger. Wie verliebt verschwindet das Paar, die beiden Überlebenden des Dramas vom „Fukushima des Kunstmarkts“. Es blieb die Ahnung, dass einer, der es liebt und dem es gelingt, ein ganzes Universum – die sogenannte Kunstwelt – zu narren, selber Züge eines Schelms trägt. Ich packte meine Tarnkappe ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.4.2014