Der Schriftsteller Urs Widmer ist tot. Er gehört zu den bekannten Autoren der Schweiz, und für seinen Beruf brachte er gute Voraussetzungen mit. Schon der Vater war Übersetzer, Literaturkritiker und Gymnasiallehrer, in dessen Haus Heinrich Böll häufiger Gast war. Widmer studierte in Basel, Montpellier und Paris Germanistik, Romanistik und Geschichte. Seine Doktorarbeit schrieb er über die deutsche Nachkriegsprosa. Nach der Promotion wurde er Verlagslektor beim renommierten Walter Verlag in Olten, dann ging er nach Deutschland zum Suhrkamp Verlag, nahm am ‚Aufstand der Lektoren’ teil, gründete den ‚Verlag der Autoren’ mit, blieb bis 1984 in Frankfurt, arbeitete in dieser Zeit für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und lehrte neuere deutsche Literatur an der Universität. Er schrieb viele erfolgreiche Bücher (zuletzt Der Geliebte der Mutter, 2000, Das Buch des Vaters, 2004, Ein Leben als Zwerg, 2006) und ebenso viele Hörspiele, aber eben auch Theaterstücke, von denen „Top Dogs“ einst visionär schien, heute indessen sehr aktuell ist. Marion Victor erinnert sich.

Zum Tod von Urs Widmer

»Mei Kopp is aach so voll«

Von Marion Victor

„Lachend, bestens unterhalten, aber immer wieder auch mit Beklommenheit begreifen wir: Da ist etwas faul, nicht nur im Staate Helvetia.”
Gerhard Jörder in seiner Preisrede für Urs Widmer beim Berliner Theatertreffen 1977

„Mei Kopp is aach so voll von Stücke, ohne Heroin. Hunnerde. Tausende.” (Im Original im Basler Dialekt: „I ha mi Kopf auch voll vo Schtügg, ohni Heroin. Hunderti. Dausigi.”) Dieser Satz von Urs Widmers Figur Hans in seinem 2. Theaterstück Nepal(1), das 1977 in Frankfurt an den Städtischen Bühnen uraufgeführt wurde, ist auch eine Beschreibung Urs Widmers von sich selbst. Und sie ist eher bescheiden, schaut man heute 46 Jahre später auf sein Werk. Hunderte, tausende Geschichten hat er uns geschenkt. Seit 1967 sind 29 Romane und Erzählungen, 40 Hörspiele, 16 Theaterstücke, unzählige Essays und Kolumnen, und 11 Übersetzungen unter anderem von Joseph Conrad, Alexandre Dumas und Eugène Labiche entstanden. Grob über den Daumen gepeilt 15 000 Druckseiten voller Geschichten!

Meine erste Begegnung mit dem Theaterautor Urs Widmer fand 1977 im Theater am Neumarkt in Zürich statt, wo ich die Schweizer Erstaufführung seines Stückes Nepal sah. Und so mag es nicht verwundern, dass diese Erfahrung mein Verhältnis zu seinen Geschichten und mein Verständnis seiner Geschichten bis heute prägt, obwohl heute alles ganz anders ist. Urs Widmer lebte damals noch in Frankfurt, wo er 1969 einer der Lektoren und Autoren war, die 1969 den Verlag der Autoren gegründet hatten, und ich war drauf und dran, Dramaturgin in Zürich im Theater am Neumarkt zu werden und hatte keine Idee davon, dass ich einmal in dem von Urs Widmer mitgegründeten Verlag arbeiten würde. Inzwischen lebe ich seit 29 Jahren in Frankfurt und Urs Widmer lebte in Zürich nur einen Katzensprung vom Schauspielhaus und Theater am Neumarkt entfernt.

In Nepal sind zwei Männer, ein Älterer und ein Jüngerer, vor der Polizei, vor gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Straße geflohen – und unversehens an einem ihnen unbekannten Ort, auf der Bühne eines Theaters gelandet. Diese Situation hat etwas Paradigmatisches für das gesamte Werk Urs Widmers. Die Bühne ist ein Ort, der außerhalb des Alltags liegt. Von ihrem Autor sind die Figuren reichlich mit Witz ausgestattet worden, damit sie mit Poesie und Spiel die Wirklichkeit verwandeln können. Und so widerstehen seine Figuren mit der Kraft ihrer Phantasie den Unbillen der Wirklichkeit. Ob ein Aufmarsch der Polizisten, die Sintflut, ein Amoklauf, eine Hetzjagd oder ein Bankencrash den Hintergrund der Handlung bildet, immer wollen Urs Widmers Figuren an dem Traum von einer anderen Welt festhalten. Ihrer Sehnsucht nach „Herz. Liebe. Leidenschaft. Wärme. Schönheit. Mut. Heftigkeit. Kraft. Zärtlichkeit”(2) wie es Hans in Nepal formuliert, sind sich die Figuren sehr wohl bewusst. Und diese neun Sehnsuchtspunkte sind zugleich die neun Ingredienzien, die bis heute den unverwechselbaren Ton seiner Texte bestimmen.

Was sind das für Figuren, denen wir in den Theaterstücken Urs Widmers begegnen? Sie sind nicht wie bei Cechov komplexe, psychologisch treffsicher gezeichnete Gestalten. Seine Figuren sind auch nicht wie bei Beckett in Fragmente zerlegte und sich gegenübergestellte Teile eines Unterbewußtseins.(3) Urs Widmer zeigt uns die Menschen wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Er rückt seine Figuren quasi in eine Distanz zu uns, die einen fremden Blick auf sie zuläßt und sie uns dadurch mit ihren Ängsten und Sehnsüchten in ein neues Licht taucht. Dieser Blick durch das Fernrohr offenbart die Komik der Figuren und der Situationen, in denen sie stecken. Die damit gewonnene ironische Distanz macht zwar die Welt nicht besser, aber doch erträglicher, weil wir lachen können.

So landen zum Beispiel in seinem 1980 am Münchner Theater am Sozialamt mit Jörg Hube und Philipp Arp uraufgeführtem Stück die beiden amerikanischen Filmhelden Stan und Ollie, nachdem sie von der donnernden Stimme aus dem Himmel gewiesen worden sind, in Deutschland. Sie kommen von einem fremden Stern. Ihre unvoreingenommene Unwissenheit prallt auf den alltäglichen Wahnsinn. Die beiden machen zum Beispiel Bekanntschaft mit einem Polizisten, einer Bedienung, Herrn Meier, einem Jogger und einem Theaterautor.

Stan: höflich Wie heißt Ihr Stück denn?
Autor: Stan und Ollie in Deutschland.
Stan: Siehst Du, das ist doch Deutschland.
Ollie: Ein Irrenhaus.
Autor: Früher musste ich alle Stücke selber schreiben, die Theaterintendanten gaben sich damals überhaupt nur mit speziell ausgebildeten Leuten ab, die in Theaterstückschreibschulen so Theaterstückschreiben gelernt hatten, dass die Theaterstückzuschauer sofort sahen, dass sie ein Theaterstück sahen.
Stan und Ollie: Ah.
Autor: Heute schau ich einfach, dass das Theater immer da ist, wo Sie sind. Wir haben 40 Bühnenarbeiter, die das Theater außen anpacken und durch die Stadt schleifen, ohne Rücksicht auf Verluste.
Stan und Ollie: Ah.
Autor: Die Leute betreten das Theater, da, wo Sie beide gerade sind, sagen wir an der Haimhauserstraße, und wenn sie Pech haben, sind sie nach dem fünften Akt vor dem Olympiastadion.
Stan und Ollie: Ah. Verstehe.(4)

Stan und Ollie verstehen natürlich gar nichts. So viel Realismus ist aber auch auf der Bühne eines Theaters unbegreiflich, ist das doch ein Ort, der sich außerhalb der Gesetze des Alltags befindet. Nicht nur der Polizist oder Herr Meier scheinen einem Irrenhaus entsprungen – sondern auch dieser Autor! Der Lebensentwurf von Stan und Ollie hat für Urs Widmer etwas zauberhaft Utopisches(5), was nicht von dieser Welt ist, sie aber gerade deshalb in Frage stellen kann.

Fast 20 Jahre nach Stan und Ollie in Deutschland entstand 1996 in Zürich am Theater am Neumarkt in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Volker Hesse Urs Widmers wohl berühmtestes Theaterstück Top Dogs. Es wurde bis jetzt weltweit von 128 Theatern gespielt und in 17 Sprachen übersetzt. Der Stoff des Stückes ist dieses Mal die Arbeitswelt. Aber es ist kein Sozialdrama. Es sind eben nicht die armen Hunde, deren Schicksal Arbeitslosigkeit ins Rampenlicht geholt wird, sondern die top dogs. Nur äußerst mühsam begreifen die, die bis zu ihrer Kündigung über das Los von Hunderten entschieden, dass sie jetzt nichts mehr zu sagen haben, dass sie nicht mehr auf dem hohen Ross sitzen. In einem Outplacement-Büro, in einer „Art Baumschule für Gefällte”(6), haben sie sich versammelt und sollen lernen, die Realität zu akzeptieren.

Deér: Wir haben riesige Zuwachsraten, wir sind in nur vier Jahren das drittgrößte Catering-Unternehmen der Welt geworden. Alles lief problemlos. Und dann höre ich, dass sie einen SAS-Mann holen wollen, exakt meine Qualifikation. Einkauf, auch er. Ohne mich in der Sache auch nur zu begrüßen. Hab den sogar schon gesehen. In meinem Büro. Saß darin als seis seins.
Wrage: Ist seins.
Deér: Saß an meinem Schreibtisch! Füße drauf, im Stuhl zurückgelehnt, telefoniert dröhnend! Wie kommt der dazu?
Wrage: heftig Es ist sein Büro!
Deér: ebenso, Echo Das ist mein Büro!
Wrage: Sie haben kein Büro mehr!
Deér: Da könnten Sie recht haben! Lange mache ich das nicht mehr mit! Nicht mehr lange!

Einem anderen dieser top dogs wurde gerade am Tag seiner Kündigung ein neuer Porsche geliefert. Jetzt, nach der Kündigung, wird der 911er jeden Morgen in der Garage einmal angelassen, bis ein satter Ton aufheult, aber gefahren wird er nicht mehr. 
Indem Urs Widmer uns die Unangemessenheit in der Reaktion auf die Situation, das Nicht-begreifen-können vorführt, er die Kluft zwischen Realität und Handeln sichtbar macht, legt er die clowneske Struktur des Handelns frei. Aufgrund der damit entstandenen ironischen Distanz gewinnt die Komik über die Tragik die Oberhand. Erkenntnis und Lachen gehören hier zusammen.

In all seinen 17 Theaterstücken besteht Urs Widmer auf der Künstlichkeit des Mediums, auf der Wirkung von Kunst und Theater. Und gerade deshalb beschenkt er uns mit einem klaren Blick auf Menschen und Situationen und dem damit verbundenen befreienden Lachen. Dafür haben wir ihm zu danken.

1) Urs Widmer, Nepal / Der neue Noah, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 1986, S. 15

2) ebenda S. 41

3) Vgl. Urs Widmer, Ernst, unterhaltend, langweilig? in: Urs Widmer; Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück, Zürich, Diogenes Verlag 2002, S. 125ff

4) Urs Widmer, Stan und Ollie in Deutschland / Alles klar, Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1987, S. 52ff

5) Das Theater von Urs Widmer, Verlag der Autoren, S. 39

6) ebenda, S. 84

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erstellt am 03.4.2014

Urs Widmer, Foto: Wolfgang Becker
Urs Widmer, Foto: Wolfgang Becker