das halbe wort

Matthias Nawrat

Matthias Nawrat habe ich über ein Interview meines Kollegen Malte Abraham hier auf Faust-Kultur kennen gelernt.

Ein junger Mann, der in Polen auf die Welt kam, erst mit zehn Jahren nach Deutschland, genauer gesagt nach Bamberg, umgezogen ist. Auf den ersten Blick ein Junge, den man nach Statistik als „benachteiligten Jugendlichen“ (mit Migrationshintergrund) einordnen könnte. Nur nach Statistik. Er ist Akademiker geworden. Und vor allem ist er im deutschen Literaturbetrieb angelangt. Wenn nicht er, wer dann? möchte man fragen. Er hat diverse Preise gewonnen, Stipendien erhalten, viele Veröffentlichungen – und kann mittlerweile vom Schreiben leben. Eine wunderbare Erfolgsgeschichte. Einer, der es jetzt schon geschafft hat. Einer, dem man zuhören, den man lesen möchte.

Jannis Plastargias

texte

Von Matthias Nawrat

Nr. 2

Es ist noch viel Familiensinn im Pflanzenreich, da herrscht Zusammenhalt, man wächst auseinander hervor, wächst übereinander, überdauert einander und schiesst über sich selbst hinaus. Wir bilden Familie Gattung Art, wir sammeln getrocknete Exemplare, stopfen sie in Klarsichtfolien, es gibt Scheinblüten mit Perikarp, es gibt Rispen Dolden Spirren Doppeltrauben. Es sind bei Berührung zerstäubende Rose Kamille Enzian, sie sind nur weitläufig verwandt, hatten lange keinen Kontakt, die Dinosaurier starben aus und Öl entstand und jetzt bilden wir Familie Gattung Art, gehen bei der Bestimmung schrittweise vor: Schoten vierkantig, aufrecht, dem Stängel angedrückt. Fruchtklappen gewölbt mit starkem Mittelnerv. Samen zweireihig. Wir suchen unseren Weg durch den Wald, es sind Familienverhältnisse wie auf der Adelshochzeit, da wird im Kraut gezeugt, da wird Ausbreitung am angewandten Beispiel vorgezeigt. Wir bilden Familie Gattung Art, so wird in die Familie investiert.

Nr. 5

Ein Mikrosatellit kreist um die Erbmasse Erde die Abstammung der Pflanzen liegt lang zurück sie lässt sich (das haben wir im Gefühl) zurückverfolgen, aber wie, wo, wofür? Wir stehen in der Wiese das Zirpen macht taub es gibt populationsgenetisch wenig zu sagen über Verwandtschaft zu uns als Kinder schaukelten wir auf den Ästen des Stammbaums wir haben noch den Geruch der Rinde in uns hören das Summen der Wespen im Gras die biologische Verächtlichkeit mit der Mutter uns zum Essen ruft (es ist nicht ihre Verächtlichkeit, es ist die Verächtlichkeit der Zeit als Summe der Punktmutationen im Code des Alls) Pflanzenwelt oh Pflanzenwelt du bist unser Haus.

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erstellt am 01.4.2014

Matthias Nawrat. Foto: Lorena Simmel
Matthias Nawrat. Foto: Lorena Simmel

Matthias Nawrat wurde 1979 in Opole/Polen geboren. 1989 Umsiedlung nach Bamberg in Deutschland. Zwischen 2000 und 2007 Biologiestudium in Heidelberg und Freiburg im Breisgau. Zwischen 2009 und 2012 Studium Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Arbeitete zwischen 2007 und 2012 als Wissenschaftsjournalist. Seit 2013 freier Schriftsteller. 2012 erschien der Debütroman „Wir zwei allein“ bei Nagel & Kimche/Hanser. Matthias Nawrat lebt in Berlin. Er erhielt den 1. Preis beim MDR-Literaturwettbewerb 2011, den Silberschweinpreis der lit.Cologne 2012, den Literaturpreis des Kantons Bern 2012
und den Kelag-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2012 u.v.m. Literarische Publikationen (u.a.): „Unternehmer“; in „Klagenfurter Texte – Die Besten 2012“, Piper; 2012; „Wir zwei allein“, Roman, Nagel & Kimche Verlag Zürich; 2012.