›Mystik und Totalitarismus‹ – dieses Begriffsgespann hat es in sich. Wenn man weiß, dass viele Führungspersönlichkeiten totalitärer Regime, vor allem des Nationalsozialismus, mystischen Traditionen nahestanden, entsteht Klärungsbedarf. Nach einer Tagung zum Thema erschien eine Dokumentation, die Jakob Ullmann sehr genau gelesen hat.

interdisziplinäre tagung

Die unheimliche Nähe

Über die Beiträge zu „Mystik und Totalitarismus“

Von Jakob Ullmann

Die Philologie einer mystischen Disziplin wie der Kabbala hat etwas Ironisches an sich. Sie beschäftigt sich mit einem Nebelschleier, der als Geschichte der mystischen Tradition das Korpus, den Raum der Sache selbst umhängt, ein Nebel freilich, der aus ihr selber dringt.
Bleibt in ihm, dem Philologen sichtbar, etwas vom Gesetz der Sache selbst oder verschwindet gerade das Wesentliche in dieser Projektion des Historischen? Die Ungewißheit in der Beantwortung dieser Frage gehört zur Natur der philologischen Fragestellung selbst, und so behält die Hoffnung, von der diese Arbeit lebt, etwas Ironisches, das von ihr nicht abgelöst werden kann.

Gershom Scholem, Zehn unhistorische Sätze über Kabbala I,
in: Judaica 3, Frankfurt am Main 1970

Mystik und Ideologie

Am 4. und 5. Mai 2011 fand, veranstaltet vom Internationalen Jacob-Böhme-Institut und einigen Kooperationspartnern, in Frankfurt am Main eine Tagung zum Thema „Mystik und Totalitarismus“ statt. Das vorliegende Buch dokumentiert den Ertrag dieser Tagung und wurde um einen Beitrag erweitert, der bei der Tagung selbst zwar nicht gehalten werden konnte, aber wegen seiner historischen und geographischen Erweiterung des Blickwinkels für das Folgende und für das Thema von solcher Bedeutung ist, dass die Herausgeber ihn an den Anfang der Textfolge gestellt haben.

Es zeugt durchaus von Mut, sicherlich auch von einer besonderen Dringlichkeit, dass sich die Organisatoren der Tagung und die Herausgeber des Buches weder von den eingangs zitierten Bedenken eines der wichtigsten Forscher auf dem Gebiet der Mystik im vergangenen Jahrhundert in ihren Anliegen haben beirren lassen noch von der Tatsache, dass die titelgebenden Begriffe „Totalitarismus“ und – sicher noch stärker – „Mystik“ kaum zu den besonders klar abgegrenzten, ja abgrenzbaren Termini der philosophischen, theologischen und soziologischen Diskussion und Forschung gezählt werden können. Den Grund für die Dringlichkeit der Untersuchung dieses auf den ersten Blick merkwürdigen Gespanns an Begriffen, vor allem aber des den einen Terminus an den anderen bindenden „und“ wird von Günther Bonheim in seiner Einführung klar benannt: es ist die verstörende Tatsache, dass führende Personen des NS-Staates in Politik, Ideologie und wissenschaftlicher Lehre mit einer offen zur Schau gestellten Affinität zu Traditionen und Vertretern eines Denkens, das auch in engeren Sinne zur Tradition – vor allem europäischer – Mystik gerechnet werden kann, dieses Denken und diese Tradition für den Nationalsozialismus, seine Ideologie, seine politische und soziologische Praxis reklamierten.

Es sind also gleich zwei Desiderate der philosophischen, theologischen, soziologischen, aber auch der philologischen Forschung der letzten 70 Jahre, die von den Organisatoren der Tagung und ihrer Dokumentation thematisiert wurden: zum einen die Frage, ob es überhaupt belastbare Auskünfte darüber geben kann, warum die nationalsozialistische Bewegung und ihre Repräsentanten bestimmte geistige Traditionen, Werke der Kunst und Ideen der sogenannten Geisteswissenschaft in den Kanon des durch den Nationalsozialismus zu ehrenden und zu pflegenden Erbes aufgenommen hat; ob die teilweise seltsame Züge tragende, ja durchaus unverständliche Auswahl solchen Erbes sich „nur“ persönlichen Vorlieben der – nicht nur in dieser Sache ja höchst unterschiedlich sozialisierten und agierenden – führenden Gestalten der nationalsozialistischen Bewegung und des nationalsozialistischen Staates verdankte oder ob es, sozusagen „in der Sache selbst“ liegende Beweggründe gibt, die den einen Autor, die eine Autorin, das eine oder andere Werk anschlussfähig an die nationalsozialistische Ideologie machte. Nur selten waren die Anführer der nationalsozialistischen Bewegung ja in der Lage, so eindeutige Traditionslinien zu ziehen wie im Fall Richard Wagners, dessen Antisemitismus sein Werk auch jenseits der persönlichen Bewunderung durch Hitler direkt für die Aufnahme in einen nationalsozialistischen Kanon empfahl. Nicht einmal direkte persönliche Stellungsnahmen und Sympathiekundgebungen von Zeitgenossen sicherten, wie man an Beispielen sieht, die zahlreicher sind, als man denken könnte, die Aufnahme in diesen Kanon und die uneingeschränkte Förderung durch das NS-Regime. Man wird es auch nicht, jedenfalls nicht allein einer auch aus anderen Zusammenhängen bekannten Politik der „Breite und Vielfalt“ in der Strategie der „Gleichschaltung“, mit der auch und vor allem bildungsbürgerliche Kreise der NS-Herrschaft geneigt gemacht werden sollten, zurechnen können, dass selbst Autoren wie z.B. Gotthold Ephraim Lessing oder eben Meister Eckhart – trotz dessen gut dokumentierter und offener Bewunderung für den „Rabbi Moses“ (Maimonides) – zu durch das Regime und seine Repräsentanten zu Vorvätern, ja „Ahnen“ des Nationalsozialismus ernannt wurden.

Ist schon diese Frage nicht zuletzt angesichts der innerhalb der Naziführung ja durchaus heterogenen Kanonbildung eines durch den Nationalsozialismus zu bewahrenden und ihn vorausnehmenden Erbes bis heute alles andere als geklärt, so stellt sich – quasi in entgegengesetzter Richtung – diese Frage vor allem dahingehend, ob es gewisse Eigenschaften, namhaft zu machende Gründe in der mystischen Tradition des Denkens oder vielleicht bei einigen Mystikern speziell ausgebildeten Formen dieses Denkens gibt, die eine Resonanz in einem Denken und einer Praxis zu erzeugen in der Lage war, die man nicht nur aufgrund persönlicher Affinität zu Autoren wie Meister Eckhart oder Jacob Böhme besser für ausgeschlossen hielte. Der Ausgangspunkt für beide Fragen erweist sich für das eigentlich geradezu halsbrecherische Unternehmen keineswegs als einengend, im Gegenteil verhilft dieser Ausgangspunkt zu einer Konzentration des Denkens und der Argumentation, die dem unklaren Erstreckungsbereich der titelgebenden Begriffe stets einen Fokus verleiht, der gerade durch seine das ganze Buch durchziehenden Wirksamkeit dem Leser nicht nur die Grenzen, sondern auch die Gebiete jenseits der Grenzen der durch diese Fokussierung in den Blick genommenen Areale sichtbar macht.

Mystische Erfahrung und öffentliches Handeln

In geradezu exemplarischer Weise ist dies: die phänomenologische Konzentration und die Erweiterung des Blicks gleichzeitig, im der Folge der bei der Tagung gehaltenen Vorträge vorangestellten Beitrag von Reiner Manstetten verwirklicht. Der Text des sowohl auf wissenschaftlichem Gebiet arbeitenden wie als Kontemplationslehrer wirkenden, sein Thema also aus theoretischer wie praktischer Erfahrung beherrschender Autor eröffnet den ersten Teil von Beiträgen, die unter der Überschrift: „Zur Problemstellung“ zusammengefasst sind. Sehr dezidiert geht dieser erste Beitrag auf einen Zusammenhang ein, der das zu Grenzen und Grenzüberschreitung Gesagte, die Mischung aus scheinbar Sinnfälligen und Unerwartetem thematisiert. Im ersten Teil wird in diesem Beitrag durch die Wahl der Referenzpersonen: Bernhard von Clairvaux, Ajatollah Ruhollah Chomeini und dreier Zen-Lehrer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht nur eine beträchtliche Erweiterung des Blicks auf das Phänomen mystischen Denkens und mystischer Tradition über den europäischen und häufig auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit beschränkten Horizont hinaus vorgenommen. Durch die Hinwendung zur Frage nach einer (öffentlichen) Praxis, die aus mystischen Erfahrungen und ihrer Interpretation resultiert, wird schon hier, also ganz am Anfang klar, dass es sich beim Phänomen mystischen Denkens und mystischer Erfahrung keineswegs um blosse individuelle Erlebnisse von Personen handelt, die ohnehin oder aufgrund der durch solche Erlebnisse ausgelösten Persönlichkeitsveränderungen zur Not ihr Leben in Zusammenhängen führen, wo sie einer Umwelt, der ihre Erfahrungen und die damit verbundenen Verhaltensmuster unverständlich erscheinen müssen, nicht gefährlich werden können. Wir lernen schon hier am Anfang, dass Mystik und mystische Erfahrungen von beträchtlicher öffentlicher Relevanz auch und gerade dort ist, wo öffentliches Handeln in besonderem Masse der Begründung, der Rechtfertigung bedarf. Die andere wesentliche Ausweitung des Problemhorizonts wird dadurch vollzogen, dass ein Problem in den Blick genommen wird, das vielleicht auf ganz andere Weise im Zusammenhang von Mystik und Totalitarismus erwartet worden ist: insofern der Totalitarismus als etwas durchaus negatives, als eine abzulehnende und zu überwindende Form gesellschaftlicher und politischer Praxis anzusehen ist, wird die Frage nach „gut“ und „böse“ oft genug nicht als Frage der Konnotation zu Mystik und Totalitarismus, sondern als Frage nach der Möglichkeit der Relation der „guten“ Mystik zum „bösen“ Totalitarismus gestellt. Solche vereinfachenden Zuordnungen machen die Ausführungen in diesem Beitrag wie in all den folgenden Texten, die auf dieses Thema immer wieder auf die eine oder andere Art zurückkommen, unmöglich. Gleichzeitig – und auch das ist ein unstreitiger Vorzug dieses Buches – wird der Leser sofort zu Überlegungen veranlasst und auf Fragen gebracht, die Anliegen und Umfang des Buches notwendig überschreiten müssen: Gerade weil die nationalsozialistische Terrorherrschaft als singuläre Form böser Herrschaft anzusehen ist, bleibt die Frage nach dem „Bösen“ hinsichtlich nationalsozialistischer Herrschaftspraxis und seines Selbstverständnisses nicht selten eher im Nebel. Im Vergleich mit der bei der Tagung und im Buch wesentlich zurückhaltender thematisierten kommunistischen Herrschaftspraxis, insbesondere mit der Terrorherrschaft Stalins könnte sich zeigen, dass die beiden Formen totalitärer Herrschaft sich gerade hinsichtlich ihres Verhältnisses zum „Bösen“ tief unterscheiden: der nationalsozialistische Versuch der Ausrottung (mindestens) der europäischen Judenheit entspringt ja weniger der Ansicht, dass es sich – trotz aller gern aufgegriffener Traditionen des Antisemitismus, die genau dies behaupteten – bei „dem Juden“ nicht um „das Böse“ oder seine Vertreter handelt. Der Versuch, der mit offenem, bürokratischem, geradezu emotionslosem Funktionieren staatlicher Institutionen die Existenz nicht nur jüdischer Menschen, sondern des Judentums zu beenden, ist vielmehr dem Versuch gleichzusetzen, den Unterschied von „gut“ und „böse“ zu beseitigen, was eine starke Affinität zum unausweichlichen Monismus mystischen Denkens und mystischer Erfahrung zur Folge hat. Ganz anders der Stalinsche Terror: er kann nicht nur jeden treffen, er trifft sogar besonders häufig gläubige Kommunisten, glühende Anhänger der totalen Machtausübung der Partei, weil sein Vor- und Urbild die Ketzerverfolgung ist. Die Stalinschen Schauprozesse, in denen völlig absurde, ja unmögliche Verbrechen gestanden wurden, aufgrund derer dann Todesurteile ergingen und vollstreckt wurden, sind strukturell ja die säkularisierte Übertragung des Modells der Inquisitionsprozesse, die es in der im Westen bekannten Form im alten Russland nicht gegeben hat. Aus diesen Andeutungen wird deutlich, wie stark das Buch den Leser herausfordert, die selbstgesetzten Grenzen der Unternehmung zu verlassen und dem Unternehmen eine umfangreiche Fortsetzung zu wünschen! Aber auch dieses zeigt schon der erste Beitrag: das Frösteln, das den Leser befällt angesichts dessen, was ein Weiterdenken der geäusserten Ideen an Kenntnissen aus Philosophie, Theologie und Soziologie zur Voraussetzung hätte, wird noch dadurch verstärkt, dass auch gegenwärtige politische und gesellschaftliche Phänomene sich in die von Reiner Manstetten aufgestellte Liste einordnen liessen: die berühmte „axis of evil“ des vormaligen US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der ja gern sich auf seinen Status als „reborn Christian person“ berief, würde hierher ebenso gehören, wie jene Formen sozusagen säkularisierter Mystik, die – im Versuch, das „Böse“ zu vernichten – sogenannte „humanitäre Kriegseinsätze“ zur weltumspannenden Realität eines räumlich und zeitlich prinzipiell unbegrenzten Kriegszustandes machten.

Die Fiktionalisierung der Welt

Die beiden folgenden Beiträge des ersten grossen Abschnitts tragen Wesentliches zur Klärung der das Verhältnis von Mystik und Totalitarismus bestimmenden Fragen bei, indem Thomas Petersen unter dem Titel „Allmacht und totale Herrschaft“ einen Blick von christlicher (von ihm genauer als „katholischer Orthodoxie“(sic!) bestimmt) Theologie auf die politische Theorie Hannah Arendts und von dort zurückwirft und Michael Gerhard die die europäischen Philosophie auch jenseits mystischer Zusammenhänge in beträchtliche Probleme und Schwierigkeiten stürzende Frage nach dem „nichts“ (die vielleicht eine Frage nach dem „Nichts“ ist) mit Erfahrungen und Erwägungen über „Leerheit“ und „die Unsagbarkeit“ in buddhistischer Tradition konfrontiert. Ersterem gelingt es, aus seinem besonderen Blickwinkel jene Hannah Arendt gelegentlich vorgeworfene „Präferenz metaphysischer Konstrukte gegenüber der Realität“ (Zitat von Eric Hobsbawm, S. 53) zu rehabilitieren und die gerade für jene Leser, die zu ihrem Vorteil über eigene Erfahrungen totalitärer Herrschaft nicht verfügen, so schwer nachvollziehbare gleichsam „strukturlose“ Verfasstheit totalitärer Herrschaftspraxis, die sich im berühmten Diktum Carls Schmitts „Heute ist das Gesetz Wille und Plan des Führers“ (Deutsche Juristenzeitung, 40. Jahrgang, Heft 15/16, Sp. 929) ebenso ausdrückt wie in der von Hannah Arendt beobachteten Identität der bzw. des Führers und seiner Agenten (vulgo: seiner willigen Vollstrecker), nahezubringen. Dies führt zu einer Fiktionalisierung der Welt, in der die totale Herrschaft Zerrbild der Allmacht Gottes ist, als dessen Teil sich der Mystiker ebenso zu fühlen berechtigt sieht, wie das Subjekt totaler Herrschaft als integraler Teil der Verwirklichung des Willensaktes ihrer Führer. Michael Gerhard bettet die Darstellung buddhistischen Traditionen in den Kontext neu- ja fast nachreligiöser, teils mystischer teils eher pseudomystischer Praxis im Westen ein und unterzieht dabei die allzu enge Verbindung von östlicher mystischer Praxis und deren lehrhafter Ausgestaltung mit Konzepten von „Leerheit“ und „nichts“ westlicher Theologie und Philosophie einer erhellenden Kritik.

Der wiederum aus drei Aufsätzen bestehende zweite Teil des Buches befasst sich nun dezidiert mit der „Mystik-Rezeption im Dritten Reich“. Den gewichtigsten Beitrag in diesem Zusammenhang liefert Sibylle Rusterholz, die sich akribisch mit Person und Arbeit Hans Grunskys auseinandersetzt, der Kennern und Interessenten von Werk und Person Jacob Böhmes als Autor einer der wichtigsten Monographien zum Werk des „Philosophus teutonicus“ bekannt sein dürfte. Ausgehend von dem weniger bekannten Faktum, dass dieser Autor unter dem Namen Hans Alfred Grunsky bereits 1940 einen auf einem zwei Jahre früher gehaltenen Vortrag beruhenden Aufsatz unter dem Titel: „Jacob Böhme als Schöpfer einer germanischen Philosophie des Willens“ veröffentlicht hat, gelingt es der Autorin überzeugend, nicht nur die Einbettung und – meist durch einfache Weglassungen – Dienstbarmachung von Person und Denkens Böhmes in und für die Zwecke der nationalsozialistischen Ideologie plausibel nachzuweisen; sie zeigt auch erstaunlich klar, an welchen inhaltlichen Bruchkanten entlang die Darstellung von 1956 den früheren Text korrigiert und das Denken Böhmes in wesentlichen Zügen restituiert. Insofern ist gerade dieser Text ausserordentlich erhellend nicht nur für das im Titel des Buches angesprochene Problem, sondern auch in Hinsicht auf die eingangs gestellten Fragen und Desiderate in der Erforschung totalitärer Herrschaft und deren Auswirkung auf Denken und wissenschaftliche Arbeit. Ergänzt wird dieser Teil durch einen Beitrag zu „August Faust und den Beginn der Böhme-Gesamtausgabe im Kriegswinter 1941/42“ von Marta Kopij-Weiß, der interessante Schlaglichter auf die auch in anderen Bereichen wissenschaftlicher Arbeit und universitären Handelns zu beobachtenden Rang- und Einflussstreitigkeiten im NS-Staat wirft und eine knappe Darstellung der Eckhart-Rezeption Alfred Rosenbergs von fr. Victor Lossau, der die Vorstellungen des zwar häufig als „Chefideologen“ der Nazis bezeichneten, nichtsdestotrotz mit seinen Vorstellungen und Zielen nicht selten ins Abseits der Hauptlinien der NS-Politik gestellten Autors des „Mythus des 20. Jahrhunderts“ darlegt.

Dass, wie die Herausgeber schon zu Beginn und, noch einmal, in einer Rezension am Ende des Buches unter Hinweis, auf das „und“ des Titels bemerken, die Unternehmung keinesfalls als abgeschlossen gelten kann, ja vielleicht gar nicht abschliessbar ist, das wird besonders in den drei Ausätzen deutlich, die unter dem Titel „Reflex des Themas im Werk von Autoren des 20. Jahrhunderts“ zusammengefasst sind. Der polnische Professor für Literatur und Ästhetik, Karol Sauerland, unternimmt es, in diesem Zusammenhang einen wenigstens kurzen Blick auf die Mystikrezeption und mystisches Denken bei Autoren der politischen Linken zu werfen. Es ist für den Leser, der das Buch von vorn nach hinten liest, von grossem Nutzen, den Essay zu Hans Grunsky vor dieser Darstellung gelesen zu haben, bietet sie doch – mutatis mutandis – und gleichsam in umgekehrte Richtung am Beispiel des Denkens und Schreibens von Georg Lukács eine ähnliche Uminterpretation eigener Positionen hinsichtlich mystischer Traditionen wie im Fall des Nazi-Alliierten. Angesichts der ausführlichen Bezüge zu Dostojewski wird der Blick des Lesers abermals auf ein ganzes Feld gelenkt, das es verdiente, im Rahmen der als Titel gestellten Aufgabe bearbeitet zu werden: natürlich wünschte man sich mit der weiteren und tieferen Auseinandersetzung mit mystischen Traditionen auf dem Feld der politischen Linken (etwa in Zusammenhang mit Walter Benjamin, aber auch mit jüngeren Autoren etwa aus Italien) eine Betrachtung und Ortsbestimmung vor dem Hintergrund der reichen mystischen Traditionen des europäischen Ostens, die die mystische Theologie der Alten Kirche und die spirituelle Tradition der Wüstenmönche in ganz eigener Weise (und wohl nicht unbeeinflusst von islamischen Anregungen) im Mittelalter im Hesychasmus und später bei Nil Sorskij und der russischen Bewegung der Starzen ebenso wie der sogenannten „Jurodivij“ („Narren in Christus“ nach einem Pauluswort 1. Kor. 4.10).

Die Tradition und das Böse

Fragen ganz anderer Art wirft der Beitrag von Thomas Regehly zu Ernst Jüngers Essay „Der ‚mystische’ Arbeiter“ auf. Es gelingt dem Autor auf eindrucksvolle Weise nicht nur, den Text Jüngers als genuinen Teil mystisch beglaubigter Erfahrung und deren erstaunlich adäquater sprachlicher Umsetzung kenntlich zu machen, es gelingt ihm dank bester Kenntnisse auch und gerade jener Teile europäischer Geistes- und Kulturgeschichte, die ebenso wie die Texte Jacob Böhmes eher in die Kategorie „non leguntur“ eingeordnet werden, die Jüngersche Schrift in eine Tradition des Denkens und Argumentierens zu implementieren, die in Böhme nur einen – wenn auch herausragenden – Vertreter hat. Dennoch wirft ausgerechnet dieser Text – immerhin ist es ein Text eines der Herausgeber! – für den Leser mehr oder minder grosse Probleme auf. Die Bewunderung des Autors für den Essay von Jünger sei ihm unbenommen. Aber böte dieser Text nicht die Gelegenheit, um noch deutlicher zu werden: müsste nicht anhand dieses Textes gerade die offene Auseinandersetzung nicht nur mit der Praxis des Nationalsozialismus, sondern vor allem mit seiner Sprache geführt werden? Allzuoft begegnet man – selbst wenn man sich nur auf die erfreulich ausführlichen Zitate Regehlys im Text verlässt – Formulierungen, die ohne weiteres zum Bestand, auch zum Kernbestand der Sprache des Nationalsozialismus gehören. Dies ist hier wie an einer zweiten Stelle, auf die gleich zu kommen sein wird, mehr vonnöten als anderswo, weil sich die Frage nach dem Verhältnis von Mystik und Totalitarismus nicht an Ehrenrettung oder Verdammung bemisst, sondern an der dringlichen Antwort darauf, ob das, was nicht zuletzt hier an beeindruckenden Menschheitstraditionen versammelt ist, tatsächlich nur eine Resonanz im totalitären Denken und totalitärer Praxis gefunden hat oder ob es nicht darüber hinaus eine Sympathie in der Sache selbst gibt, diese Traditionen ihrem Gebrauch gegenüber so schutzlos machen.
Auf nochmals exemplarische Weise zeigt der letzte Text des Bandes, Günther Bonheims Auseinandersetzung mit Franz Kafka und seinem literarischen Nachlass, besonders seinen beiden Romanen „Der Prozess“ und „Das Schloss“, auf welche Schwierigkeiten die Interpretation mystischer Traditionen und noch ihrer säkularisierten Residua trifft, auch und gerade dann, wenn sie längst aus Philosophie und Theologie, aus praktischer Erfahrung und individuellem Erleben in die Sprache von Kunst und Literatur eingegangen sind. Nicht ohne Grund kommt Gershom Scholem, dessen einsichtsvollen Sätze zur unausweichlich ironischen Form der Auseinandersetzung mit den Traditionen der Mystik in Form der Wissenschaft oben zitiert wurden, im 10. seiner „Unhistorischen Sätze über Kabbala“ auf Franz Kafka zu sprechen. Nun möchte man angesichts neuerer Forschungen das Urteil Scholems nicht unbedingt unterschreiben, nach dem Franz Kafka das „kabbalistische Weltgefühl“ (a.a.O. S. 271) „unbekannt“ gewesen sei. Das mag auch mit der Abgrenzung des Terminus „Weltgefühl“ zusammenhängen. Über Scholem hinausgehend aber bleibt die Frage, wieso selbst noch in einem Zeitalter, in dem die Ironie mit anderen Sprachen auch die Sprache der mystischer Tradition erfasst und womöglich zersetzt hat (vgl. Michail Bachtin, Esthétique de la création verbale, Paris 1984, S. 351), solche Tradition noch immer derartige Funken in der Realität zu entfachen in der Lage ist, dass die Totalität der Wirklichkeit davon betroffen wird.

Zu den vielen Fragen, die das verdienstvolle Werk beim Leser auslöst, zählen verständlicherweise vor allem solche nach vermeintlichen Auslassungen, nach Lücken und nach Personen, derer in einem solchen Zusammenhang gedacht werden müsste. Solche Vorhaltungen sind – angesichts des Umfangs und der Problematik der Unternehmung – ebenso wohlfeil wie sie sich daher verbieten. Dass ich dennoch auf eine solche Leerstelle aufmerksam machen möchte – wohl wissend, damit den Umfang der Untersuchung beträchtlich zu erweitern – liegt daran, dass ich mir von einer Einbeziehung des Themen- und Fragenkomplexes einiges für die Erhellung des anfangs zitierten „und“ der Herausgeber verspreche, weil über das reine Denken und den konkreten historischen Ort in der ausgehenden Antike auch die Vorgeschichte(n) totalitären Denkens und totalitärer Praxis im 19. Jahrhunderts von hier aus noch einmal mit anderer Klarheit in den Blick genommen werden kann. Die Leerstelle betrifft Person und Lehre des nachchristlichen persischen Religionsgründers Mani, der am Ende der Antike eine Art ökumenischer Weltreligion gründen wollte, die nicht nur die jüdische und christliche Tradition, sondern auch andere religiöse Überlieferungen und Traditionen ernst- und aufnehmen sollte. Man kann heute die gleichsam pazifistischen Schilderungen der in sich ruhenden Lichtwelt kaum weniger mit Bewegung lesen als die Passagen über das unendliche Sehnen der Finsterniswelt, das im Begehren nach dem Licht wieder und wieder einen Weltkampf im Raum der Menschen auslöst. Ist nicht gerade hier eine bis in unsere Zeit, wenn auch oft verballhornte und verstümmelte Tradition wirksam, die genau auf das „und“ des Titels zielt, das den Herausgebern zu Recht so wichtig ist?

Eine zweite Frage erlaube ich mir: Am Ende der Rezension des Buches von Hans-Joachim Friedrich kommt Thomas Regehly auf eine Traditionslinie der Philosophie zu sprechen, die wesentlich von der Erkenntnis des „Ungrundes“ im Grund bestimmt sei. Jacob Böhme, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Martin Heidegger seien jene Denker, die uns helfen könnten, „mit dem Elend der Globalisierung im Zuge der Selbstzerstörung des ‚Irrsterns’ Erde fertig zu werden“. Regehly beklagt in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Vorurteile gegen alle drei Denker. Sicherlich hat sich Heideggers Philosophie nicht schon deshalb erledigt, weil er sich den nationalsozialistischen Machthabern angedient hat, nicht angesichts seiner Rektoratsrede und nicht einmal angesichts seines Schweigens nach der Befreiung 1945. Aber wäre es dann nicht eigentlich die Aufgabe zu zeigen, wieso ein Denker dieses Ranges sich ausgerechnet mit denjenigen gemein machen konnte, die diejenigen auslöschen wollten, die die Grundlage im Denken geschaffen haben, von der noch er hinsichtlich des „Ungrundes“ zehrte. In seiner letzten selbst veröffentlichten Schrift hat F.W.J. Schelling bemerkt, dass „es nur zwei Erklärungsarten des Bösen gebe – die dualistische, nach welcher ein böses Grundwesen, gleichviel mit welchen Modifikationen, unter oder neben dem guten angenommen wird, und die kabbalistische, nach welcher das Böse durch Emanation und Entfernung erklärt wird“ (F.W.J.Schelling, Über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände, hrsg. Von Thomas Buchheim, Hamburg 1997, S. 83). Ganz ausdrücklich gibt Schelling hier zu verstehen, dass er die Quelle des Denkens vom „Ungrund“ in der kabbalistischen Theorie kennt. Wie konnte dann sein Erbe jenen behilflich sein wollen, die eben jene Quelle auszulöschen sich anschickten?

Diese und ähnliche Fragen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der Unternehmung von Günther Bonheim und Thomas Regehly um ein höchst verdienstvolles Unterfangen handelt, dem nicht nur dringend die Kenntnisnahme, sondern in mindestens gleicher Dringlichkeit eine Fortsetzung gewünscht werden muss. Dem WeißenseeVerlag ist zu danken, dass er sich eines so sperrigen Themas angenommen und die Dokumentation dieser wichtigen Tagung in für heutige Verhältnisse keineswegs selbstverständlich ansprechenden und angemessenen Form präsentiert.

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erstellt am 31.3.2014

Ausschnitt aus einem im Deutschen Literaturarchiv Marbach befindlichen Typoscript der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft von Hannah Arendt (Zugangsnummer HS.NZ80.0003, S. 22).

Günther Bonheim, Thomas Regehly (Hrsg.)
Mystik und Totalitarismus
Böhme-Studien. Beiträge zu Philosophie und Philologie, Bd.3
252 Seiten
ISBN 978-3-89998-211-4
Weißensee Verlag, Berlin, 2013

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