Der Schriftsteller und Übersetzer Günter Ohnemus will einen Liebesroman ohne Liebesgeschichte schreiben und erzählt von einer spannungslosen Dreiecksbeziehung. Die Figuren im Roman scheinen dennoch zu wissen, dass Liebe alles ist, meint Stefana Sabin.

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Liebe ist alles

Von Stefana Sabin

Es beginnt und endet am Flughafen: Gloria, die NATO-Spionin mit dem goldenen Herzen, und Tom, der sein gebrochenes Herz in der Münchener Schickeriaszene herumträgt, lernen sich auf einem Flug zwischen Los Angeles und San Francisco kennen, wenige Wochen später besucht sie ihn, und sie fangen eine lose Beziehung an, die Jahrzehnte dauern wird. „Dann kamen Jahre, in denen sie sich trafen und nicht trafen. Und Jahre, in denen sie nichts voneinander hörten. Dann, einmal, kamen sechs, sieben Monate, in denen sie sich fast jede Woche trafen.“ Es war ein (Liebes)Spiel, das Tom weniger gelassen spielte als Gloria. Bis sie eines Tages zu ihm nach München zog.

Von da an probieren die zwei Einzelgänger verschiedene emotionale Strategien aus, um aus ihrer offenen Beziehung einen bürgerlichen Alltag zu machen. Sie rücken näher aneinander, dann entfernen sie sich wieder voneinander, sie finden sich und verlieren sich – und sie pflegen dabei leise, undramatische Töne. Und der Flughafen als Ort, wo Freiheiten beginnen (können), fungiert als Symbol einer ungebundenen Beziehung nach dem Motto „Love is nothing“ – Liebe ist gar nichts. Diese Zeile aus einem Lied der amerikanischen Sängerin Liz Phair, einer Mitbegründerin des sogenannten girly-sound in der Rockmusik, gibt dem Roman seinen Untertitel, „Die Liebe ist gar nichts“, und seine thematische Ausrichtung. Denn die Figuren im Roman machen sich nichts aus Liebe – und suchen sie dennoch, denn sie scheinen zu wissen: Liebe ist alles!

Ob in einer Parallelbeziehung zu einer viel jüngeren Frau oder in einer Fantasiebeziehung zu einer Gestalt aus seiner Jugend – trotz der ‚coolness’, die er sich und allen andern vormacht, ist Tom ein Kryptoromantiker! Als er am Ende Gloria zum Flughafen bringt und ihr nachwinkt, ist zwar unklar, wie es weitergeht, aber es ist klar, dass es weiter geht. Zum Abschied sagt Tom zu Gloria: „Ich werde da sein, weil Du meine Zukunft bist.“ Das scheinbar offene Ende ist schließlich doch ein happy end, das in seiner Beiläufigkeit an die ereignislose Handlung angepasst ist.

Tatsächlich pflegt Günter Ohnemus in diesem Roman ein minimalistisches Erzählen. Dem Sprech- und Denkgestus nachempfunden ist die Sprache bilderarm, dafür voller englischer Zitate, die der Figur von Gloria Authentizität verleihen sollen. Die Handlung läuft ohne Spannungsmomente und ohne Höhepunkte ab, und auch die Dreieckbeziehung kennt keine leidenschaftliche Dramatik, sondern nur eine abgeklärte Zufriedenheit. Die Erinnerungsfetzen, die Toms Jugenderlebnisse rekonstruieren und sein gebrochenes Herz erklären, strukturieren den Verlauf des Geschehens und verbreiten in der sonst gleichmässig guten Stimmung einen Hauch von Traurigkeit. Und die Gespräche zwischen Tom und Gloria, in denen das politische Tagesgeschehen – meistens eher plakativ – behandelt wird, führen die erzählte Zeit in die Gegenwart der Erzählzeit zurück.

Ohnemus, der 1946 in Passau geboren wurde, ist als Übersetzer vor allem amerikanischer Popliteratur – er hat den ganzen Richard Brautigan mit angemessenem Witz ins Deutsche übertragen – und als Autor von Jugendliteratur renommiert. In diesem Roman tritt er als realistischer Schriftsteller auf und erzählt von der Gratwanderung zwischen der romantischen Suche nach Geborgenheit und dem ebenso romantischen Misstrauen gegenüber dem Liebesglück.

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erstellt am 29.3.2014

Günter Ohnemus
Ava oder Die Liebe ist gar nichts
Roman
Gebunden, 237 Seiten
ISBN 978-3-406-65966-9
C.H. Beck, München 2014

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