Der Komponist Ernstalbrecht Stiebler hält den Anspruch seiner Musik hoch und den Pegel niedrig. Er will niemanden damit überwältigen, sondern nur, dass man dem Klanggeschehen zuhört. Jetzt, da er großes Publikumsinteresse gefunden hat, ist er 80 Jahre alt geworden.

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Zu schade für Emotionen

Zum 80. Geburtstag von Ernstalbrecht Stiebler

Ernstalbrecht Stiebler ist der Meister des Innehaltens. Wer von seiner Musik eine kurzgeschnittene Clipästhetik erwartet, wird bitter enttäuscht. Bei ihm teilt sich der Klang selbst mit. Man muss sich also auf Musik einstellen.

Nach seinem Kompositions- und Klavierstudium an der Hamburger Musikhochschule besuchte Stiebler Kurse Karlheinz Stockhausens bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, mochte aber nicht dessen Weg in die formelgenerierte Komplexität und Hyperkomplexität gehen. In seinem eigenen Schaffen schlug er die Gegenrichtung ein und arbeitete mit äußerst reduziertem Klangmaterial. Von 1969 an wirkte er 26 Jahre lang als Redakteur für Neue Musik und Kammermusik beim Hessischen Rundfunk, gründete die Sendereihe „Studio für Neue Musik“ und die Konzertreihe „Forum Neue Musik“. Über viele Jahre hin schuf er ein Publikum für die zeitgenössische Tonkunst und öffnete ihm nicht nur die Tore für die amerikanische Avantgarde, die ‚New York School’ mit ihren Repräsentanten John Cage, Morton Feldman, La Monte-Young oder Christian Wolff, sondern etwa auch für die mystisch-intuitive Musik des edlen Außenseiters Giacinto Scelsi.

Im Gefüge der zeitgenössischen Kunstmusik steht der Komponist Ernstalbrecht Stiebler auf einer profilierten Außenposition. Sein Wunsch, den Hörer Teil der Musik werden zu lassen, lässt sich nur erfüllen, wenn er seinen Klängen den Klangraum lässt und ihn mit seinem inneren Klang in Einklang bringt. Nur wenn die Musik nicht zu komplex und unruhig ist, bietet sich dafür die Möglichkeit. Mit Gefühligkeit und emotionalem Ausdruck hat diese Musik dennoch nichts zu tun. In einem Interview äußerte Stiebler: “Musik ist zu schade, um sie mit Emotionen zu befrachten.“ Und seine Werkliste liest sich nicht gerade wie die Vertonung eines gefühlsdurchtobten Künstlerlebens: Chroma, Dreiklang, Duo, Fast ohne Bewegung, Im Klang, Intervall, Nine Lines, Quart plus, Quart solo, Sequenz, Studien, Zeile um Zeile lauten Titel seiner unermüdlichen Produktion. Jetzt scheint auch das Publikumsinteresse merklich zu wachsen. Eine neue Generation junger Hörer hat den starken Klangkünstler entdeckt, CDs mit seiner Musik werden veröffentlicht, und Konzerte mit seiner Musik finden in vollbesetzten Sälen statt. Als demletzt sein zweites Orchesterstück „De-Crescendo“ im Sendesaal des Hessischen Rundfunks uraufgeführt wurde, reagierten die Besucher enthusiastisch auf dieses schnörkellos geschliffene Klangwerk. Jetzt, da Stiebler 80 Jahre alt ist, ist er fast so etwas wie ein Star geworden.

(-ert.)

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erstellt am 28.3.2014

Ernstalbrecht Stiebler, Foto: privat
Ernstalbrecht Stiebler, Foto: privat

Ernstalbrecht Stiebler
Ernstalbrecht Stiebler
CD, m=minimal 2012

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Ernstalbrecht Stiebler / Ensemble Modern – Franck Ollu / Hans-Peter Schulz
Ton in Ton
CD, m=minimal 2013

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