Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt unkonventionelle Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur.

kolumne

POP-SPLITTER

In dieser Folge seiner Kolumne „Pop-Splitter“ skizziert Michael Behrendt die Entwicklung eines schwer zu fassenden Begriffs: Pop. Was mit Andy Warhols Pop-Art-Musik in den sechziger Jahren als Rebellion begann, ist mittlerweile auch als Vorlage für Adaptionen durch ältere blonde Volksmusiksänger geeignet.

Du bist ja nur noch ein Strich, Pop!

Kapitulation vor einem magersüchtigen Phänomen

Teil 1: Wie Pop sich jeder begrifflichen Vereinnahmung verweigert und warum man selbst mit der „Populär“-Kategorie nicht weit kommt

Von Michael Behrendt

„Popsplitter“ nennt sich diese Rubrik. Aber was ist das eigentlich: „Pop“? Je genauer man hinsieht, desto flüchtiger wird dieses Phänomen. Und je mehr man hineinstopft an Sehnsüchten und Theorie, desto heftiger spuckt es Pop einem wieder vor die Füße. Pop wird lustvoll dünner und dünner, und bald wird nichts mehr übrig sein. Dann ist Pop das, was manche Kritiker schon seit Jahren postulieren: tot, tot, tot!

Brachialkeule Heino: Nicht kleckern, kotzen!

Die Strategien, mit denen Pop sich unseren Fütterungsversuchen widersetzt, sind vielfältig. Manchmal geht das still und leise vonstatten – etwa wenn abgehalfterte Crooner wie Tom Jones und Paul Anka mit schillernden Jungstars aus den Charts kooperieren. Oder wenn singende Mütter der Nation wie Helene Fischer plötzlich spektakuläre, vor Erotik strotzende Megashows auf die Bühne bringen, so wie einst Madonna. Dann schockt uns Pop mal eben im Schlagergewand – und man braucht einen Moment, bis man wieder das unerträgliche Heileweltgedöns durchklingen hört. Aber Pop kann auch den Holzhammer auspacken und uns derart vor den Kopf stoßen, dass uns Hören und Sehen vergeht. Solche Holzhämmer waren in der Vergangenheit Nazirock, dann antisemitische, dann schwulenfeindliche Songs. Hatte Pop nicht antibürgerlich und freiheitlich gesinnt sein sollen, politisch irgendwo links angesiedelt, friedliebend, multikulturell, tolerant?

Rassistisch und homophob – so wollten wir Pop auf keinen Fall sehen!

Die 2013er Brachialkeule, die Pop auf uns niedersausen ließ, hieß Heino. Jener – vorsichtig ausgedrückt – sehr konservative Volksmusikinterpret, der auch schon mal alle drei Strophen des Deutschlandlieds sang und in seinen wilden Jahren durch Südafrika tourte, trotz Apartheidregimes und Kulturboykotts. Ausgerechnet diesen Heino ließ Pop auf dem Album Mit freundlichen Grüßen vieles von dem, was wir an Pop so schätzen, adaptieren und mal eben gegen uns wenden. Unberechenbarkeit, ein großes Überraschungsmoment, das Spiel mit dem eigenen Image, mit Metaebenen, mit dem eigenen Waren- und Produktcharakter, respektloses Zitieren, das geschickte Verdrehen von Bedeutungen, Provokation, die Entwertung von emotional aufgeladenen Symbolen – all diese popkulturellen Strategien gegen Angepasstheit und Spießertum, Kommerz und 08/15-Mucke durfte der große Blonde mit der schwarzen Brille unverschämt aufgreifen und uns, den Pop-Fans und -Förderern, vor die Füße speien. Mit dem Ergebnis, dass uns Pop schon wieder deutlich dürrer erscheint als noch wenige Monate zuvor.

Volltreffer!

Wo einst der Enzian so blau blühte, wurden plötzlich Rockerinsignien wie Lederjacke und Raubvogelring ins Bild gehievt. Und wo früher brave Mädels in Dirndls durchs Bild tanzten, prangte nun ein Totenkopf, wie ihn furchteinflößender auch die Toten Hosen nicht vor sich hertragen könnten – natürlich forsch mit Blondschopf und Sonnenbrille dekoriert. Dagegen sahen Campino & Co richtig blass aus. In ihrem Song Junge hatten Die Ärzte spöttisch die Perspektive spießiger Eltern eingenommen, die ihren scheinbar missratenen Musikersohn in eine bürgerliche Existenz drängen wollen. In unseren Augen ein Riesenspaß! Doch was machte Heino mit dem Stück? Sang es so, als wäre er selbst der besorgte Vater, mit wahrhaft ernstem Anliegen: „Junge, brrrrich deinerrrr Mutterrrr nicht das Herrrrz!“ Anrührender hätte es auch der selige Freddy Quinn nicht rüberbringen können.

Und wenn wir schon beim rrrollenden R sind, dann dürfen Rrrrrammstein nicht fehlen: Die Berliner Brachialästheten haben uns zwar gern mal irritiert, weil sie mit Teutonentum kokettieren, mit Kruppstahlassoziationen und einer martialischen Haltung. Aber letztlich hatten sie doch immer etliches von dem, was wir in Pop gerne sahen. Im Song Sonne und im dazugehörigen Video lassen Rammstein eine kosmische Katastrophe anklingen, genauso wie das Motiv der Liebe, dazu den Rheingold-Mythos und das Volksmärchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen.

Schneewittchen konsumiert da Gold wie Koks, nämlich durch die Nase. Auch das ein feiner Spaß. Und Heino? Intonierte den Song, als würde er Im Frühtau zu Berge schmettern: „Hierrr kommt die Sonne, sie ist derrr schönste Sterrrn von allen…“ – „Ein wirklich schönes Stück Volksmusik“, wurde die schwarzbraune Haselnuss dazu in den Youtube-Kommentaren zitiert, „die Kollegen haben durchaus Talent für volkstümliche Texte.“ Echt tragisch für Rammstein. Und kein schöner Anblick für uns. Dann schrieb Heino schnell noch „Das verbotene Album“ quer übers Cover, und fertig war der entwaffnende Marketing-Coup. Ja, der Mann hat gelernt, sich nicht festlegen zu lassen – und stattdessen mit dem Publikum, mit Kollegen, der Kritik zu spielen. Clever gemacht, Pop. Du bist einfach nicht zu fassen, geschweige denn zu retten.

Was soll jetzt noch kommen? Wie können wir Pop noch mal päppeln? Wie schützen gegen das Böse und Affirmative in der Welt? Gegen Schlager und Volksmusik, gegen dröges oder gar dumpfes alltägliches Songhandwerk, gitarrenorientiert oder dancefloorkompatibel? Ich weiß es nicht. Unser Liebstes leidet an Magersucht. Und der ist einfach nicht beizukommen.

Pop kommt von Warhol

Was war doch Pop für ein hübsches Kind! Wir erinnern uns: damals, frühe 1960er Jahre. So klug, so lebendig, so kerngesund. Wir hatten allen Grund, uns große Hoffnungen zu machen, unsere Pläne für das neue Phänomen waren ambitioniert. Wir schmiedeten sie unter dem Eindruck der Entwicklungen in der bildenden Kunst. Pop Art hieß die neue Richtung, die Konsumgüter grell in Szene setzte, mit der Ästhetik der Werbeindustrie spielte, Gehobenes und Triviales vermengte, antiintellektuell und doch mit einem knallharten Konzept daherkam, ein eigens Starsystem schuf und so fortwährend die Kunstwelt provozierte. Pop-Art-Papst Andy Warhol war es auch, der sein „Pop“-Konzept in die Sphäre der sogenannten „populären“ Musik trug. Populäre Musik, das war bis dahin ziemlich vieles gewesen, von Folk und Blues über Swing und Schlager bis hin zu Rock’n’Roll und Rock. Dann, Anfang/Mitte der 60er Jahre, brachte Warhol, dessen Campbell-Suppendosen längst in Galerien hingen, zusammen mit der Band The Velvet Underground eine wilde multimediale Performance-Reihe namens „The Exploding Plastic Inevitable“ auf den Weg. Und die haute rein: Denn was da live passierte, war düster, unmelodiös und laut, dazu sorgte eine nervöse Lightshow für Desorientierung. Es war die totale Reizüberflutung, kombiniert mit Songtexten über Drogensucht und seelische Abgründe – eine schallende Ohrfeige für die Anhänger der Love-&-Peace- und Hippiekultur.

Pop-Art-Musik

In den sechziger Jahren war aber auch jugendliches Ungestüm ein prägender Faktor für die Musik. Und mit dem Pop-Art-Turbo im musikalischen Getriebe entstand – POP-Musik! Popmusik schenkte uns ebenso plakative wie provokante Songstatements, erhob Plattencover zu Alltagskunst und machte lustvoll den eigenen Produktcharakter zum Thema. The Who brachten The Who Sell Out heraus, die Beatles ihr Sgt. Pepper-Album mit der berühmten Promi-Cover-Collage, The Velvet Underground überraschten mit der schälbaren Warhol-Banane auf der Plattenhülle, und Frank Zappa bekannte doppelzüngig: „We’re only in it for the money.“ Bob Dylan erfand sich popgerecht alle paar Monate neu, und alle zusammen spielten sie Katz und Maus mit Fans und Kritikern. Pop formulierte eine Anti-Establishment- bis rebellische Haltung, die sich über Kategorien wie „Rock“, „Soul“ oder „HipHop“ erhob. Und ganz im Sinne der Pop Art hatte Popmusik, die eigentlich Pop-Art-Musik hätte heißen müssen, ihre kurzen 15 Minuten Ruhm.

Aber dann ist Pop dieser Ruhm zu Kopf gestiegen. Oder Pop hat sich selbst rechts überholt. Und jetzt ist Pop fast schon „historisch geworden“.

Hipstertum. Coolness. Selbstbehauptung. Energie und Witz. Ein cleveres Sich-nicht-festlegen-Lassen. Soundtechnische Innovationen. Das Überwinden von Genregrenzen. Skepsis gegenüber dem Authentizitätsbegriff. Die ganz große Geste. Schock. Guerilla-Marketing. Grenzenlose Fantasie. Die schrille Selbstinszenierung. Ständige Häutungen und Wandlungen bis hin zu Balanceakten auf der Metaebene…

Das alles sind Elemente, die „Popmusik“ im engeren, im Pop-Art-Sinn, des Wortes prägen sollen. Auch wenn Pop mit zunehmendem Alter immer schwerer zu fassen war, gibt es bis heute unzählige Acts, denen wir intuitiv irgendeine Art von Pop-Sensibilität attestieren möchten: die Stones und die Beatles, The Monkees, Strawberry Alarmclock, Iggy Pop(!), The Clash, die Sex Pistols, Wire, XTC, die Talking Heads, aber auch David Bowie, Madonna, Prince, die Pet Shop Boys und Lady Gaga, Public Enemy und Missy Elliott, Laibach, The KLF, Brit-„Pop“-Helden wie Blur und Oasis, Eminem, Snoop Dog, dazu deutsche Acts von den Fehlfarben bis Blumfeld, von Ideal bis zu den Ärzten, von Fettes Brot bis Tocotronic.

Tönt das noch oder popt es schon?

Aber während wir in all den Jahren eine gewisse „Pop“-Sensibilität im engeren Sinne krampfhaft, in vielen Varianten und oftmals verwässert beschworen haben, haben sich die begrifflichen Gegensatzpaare, die unser Reden über Musik prägten und über die wir Pop zu etwas Einzigartigem erheben wollten, aufgelöst. Im Wesentlichen ging es dabei um den Ursprung von Pop in der „populären Musik“ und um die Abgrenzung dieser „populären Musik“ gegen andere Begriffe, es ging um „populäre“ vs. „gehobene“ Musik, „U-“ vs. „E-“Musik, und schließlich noch einmal um das, was „Popmusik“ von „populärer Musik“ unterscheidet. Wir formulierten scharfe Definitionen, und Pop spuckte uns musikalisches Grenzgängertum zurück. Profitieren konnte Pop dabei von immer neuen technischen Entwicklungen, zuletzt von der Digitalisierung, und von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Dynamiken wie der Globalisierung. Heute verliert Pop immer mehr an Substanz, verschwindet allmählich hinter einem ständigen Verfügbarsein und einer stetigen Durchmischung – von Stilen, Genres, Definitionen. Was ist heute noch „populär“? Was „gehoben“ oder „ernst“? Wir können es nicht mehr sagen. Und wir fragen uns: Wer bist du, „Pop“?

Anfangs glaubten viele Musikwissenschaftler, die dich überhaupt nicht mochten, deine Mutter, die „populäre Musik“, als massenhaft verbreitete, nicht notierte, oft im Kollektiv entwickelte, anspruchslose, auf den Interpreten ausgerichtete und außerhalb der Sphäre des Konzertsaals goutierte 08/15-Musik von Klassik, Kunst-, E- und Neuer Musik abgrenzen zu können. Klassik, Kunst-, E- oder Neue Musik sollten sich dagegen als Produkte eines Schöpfergenies durch die Gewichtung auf eine schriftlich notierte Komposition, durch strukturelle Komplexität und ein entsprechend gebildetes Kennerpublikum auszeichnen, welches dieser Musik in meditativer Versenkung im Konzertsaal lauschte. Auch wenn einige Unverbesserliche immer noch mit dem bösen E-, dem noch böseren U- und dem nicht minder unsympathischen Kunst-Wort um sich schmeißen, haben sich diese eng gefassten Definitionen und Gegenüberstellungen heute weitgehend erledigt.

Rockkünstler wie Deep Purple und Pop- oder populäre Stars wie Joe Jackson schrieben – nein: notierten – Suiten. Rockmusik adaptierte die Opernform, die Operette das Rocksongformat, und aus Rockavantgardisten wie Frank Zappa wurden Helden der Neuen Musik. Sogenannte Kunstmusik-Komponisten wie Philip Glass stießen, man denke an das Projekt Songs from Liquid Days, in unseren geliebten „Pop“-Bereich vor, Klassik wurde gängig. Mit dem Ergebnis, dass heute Mozarts Kleine Nachtmusik – ein echter Klassik-Hit – wesentlich „populärer“ ist als, sagen wir, die letzte CD der Nischenband The Be Good Tanyas. Klassikvirtuosen wie Nigel Kennedy erlangten Rockstar-Status, bei Bands wie Silbermond ist man unsicher, ob das noch Rock oder schon wieder Schlager ist. Vermeintliche Kunstmusik ist manchmal entwaffnend einfach strukturiert und leichte, populäre Musik mitunter hoch komplex – man denke nur an Bob Dylan (die Texte!), Soft Machine oder Gentle Giant und Everything Everything (die Komposition!). Ernste Musik konnte schon immer durchaus unterhalten, so wie Unterhaltungsmusik manchmal derart nervt, dass man ernst machen möchte mit einer Strafanzeige. Auch bei Elektronik-Acts von LFO bis To Rococo Rot weiß längst keiner mehr, ob das noch Techno ist oder schon Experimentelle, gar Neue Musik. Popstars wie Bryan Ferry und Kraftwerk treten in altehrwürdigen Konzerthäusern auf – umgekehrt wurden im Rahmen der Berliner „Mingbattles“ Klassikpianisten zu Partyduellen in den Boxring geholt. Die Veranstaltungsreihe „Yellow Lounge“ wiederum schickt junge Klassikstars auf Tour durch angesagte Clubs in Frankfurt, Dresden, Berlin.

Und da sind weitere Phänomene, die die Grenzen zwischen „Gehoben“, „Ernst“ und „Populär“ aufweichen. Zum Beispiel die Kirchenmusik. Eine jahrhundertealte Tradition, die simple Lieder ebenso umfasst wie komplexe „klassische“, „ernste“ Kompositionen, dabei sämtliche Gesellschaftsschichten durchdringt, also populärer kaum sein kann. Oder das Phänomen der Film-Soundtracks, die Songs mit sinfonischen Werken mischen und durch Kino-Blockbuster an die Spitze der Charts katapultiert werden. Kirchenmusik und Film-Soundtracks sind weitere gewichtige Spielverderber, die Pop all jenen entgegenspuckt, die wertend und hierarchisierend versuchen, ästhetische Grenzen zwischen Gehoben und Nieder, zwischen Ernst und Populär zu zementieren. Frei nach dem Motto: Tönt das noch, oder popt es schon?

„We don’t know what we’re talking about.“

Das alles hat natürlich viel Befreiendes für uns gehabt und wurde dementsprechend spöttisch zur Kenntnis genommen. Eine der umfassendsten und unterhaltsamsten Abhandlungen zum Konflikt zwischen vermeintlich „gehobener“ und vermeintlich „niederer“ Musik ist der Beitrag Don’t call my music POPULARMUSIK! – Anmerkungen zu einem akademischen Phantom, den Markus Heuger bereits 1998 in einer Festschrift für den Musikwissenschaftler und Ethnologen Alfons Michael Dauer veröffentlicht hat. Heuger bezieht sich auf das beliebte und von Dauer zu Recht kritisierte „Verfahren, die Überlegenheit eigener Präferenzen, Hörgewohnheiten und Ideologien vornehmlich durch die Stigmatisierung des musikalischen Verhaltens anderer zu suggerieren“, sprich: den eigenen Geschmack als den „richtigen“ Geschmack zu verkaufen. Süffisant zitiert er Kritiker, die sich etwa bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik 1996 durch die „Verwandlung des Publikums in ‚eine Horde johlender U-Musik-Fans‘“ verunsichern lassen, und entlarvt Vertreter der musikalischen Verwertungsgesellschaft GEMA, die zwar gerne behaupten, bei „E-“ und „U-Musik“, also „Ernster“ und „Unterhaltungsmusik“, handele es sich nicht um ästhetische, sondern lediglich um rein organisatorische Kategorien, dann in „Streitfällen“ aber doch einen „Werkausschuss“ über die „korrekte“ Einordnung eines Musikstücks entscheiden lassen. Schließlich erklärt er, warum „die U- und E-Dichotomie“ als theoretisches Fundament einer wissenschaftlichen Disziplin „nicht taugt“, und belegt die Tragik auch von engagierten, wohlwollenden U- und Populärmusikforschern, die sich jahrelang auf Symposien die Köpfe heißreden, um immer wieder wie Charles Hamm festzustellen, dass sie keinen Schritt weitergekommen sind: „We have a problem. We don’t know what we’re talking about.“

Das ewige Crowdpleasing – Musikgeschichte als Popularisierungsgeschichte

Tja… Wie Heuger bestätigt, macht die begriffliche Diskussion nicht den Eindruck, als wäre ihr Ende samt „konsensfähigen Definitionen“ abzusehen. Und sie lässt sich auf Begriffe wie „Pop“ und „Rock“ ausweiten. Die teilweise abenteuerlichen Argumentationen haben einen gewissen Entertainmentwert, zeigen aber auch, wie aussichtslos der Kampf um ein „richtiges“ Verständnis von Musik heute ist. Auch unser Satz „Pop kommt von Warhol“, siehe oben, ist da nur eine von vielen möglichen definitorischen Festlegungen, wenn auch eine gängigere. Und damit hat Pop auch uns, die wir nur das Beste wollen, in die Bredouille gebracht. Denn wo noch nicht mal klar ist, was das „Populäre“ ist, verliert auch „Pop“ deutlich an Substanz.

Das fängt schon bei der ungeklärten Frage nach dem Ursprung der „populären Musik“ an. Etliche Theoretiker und Hobbykritiker haben sie als ein Phänomen des 20. Jahrhunderts verstanden, eng geknüpft an die Entwicklung der modernen Massenmedien Schallplatte und Rundfunk. Andere verlegten ihre Ursprünge in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – in die Zeit, als alle möglichen musikalischen Spielarten und Stile Amerikas und Europas in neuen „crowdpleasenden“ Formaten gebündelt und weiterentwickelt wurden: in sogenannten „Minstrel Shows“, in den Programmen von Music-Halls, Vaudevilles, Varieté-Theatern und Revuen. Wieder andere, etwa Mario Baroni und Laura Callegari, setzen den Beginn der populären Musik bei den ersten französischen Chansons des 18. Jahrhunderts an. Es war Peter Wicke, der angeblich „erste Rockprofessor der Welt“, der 1998 in seiner Abhandlung „Von Mozart zu Madonna“ Wolfgang Amadeus Mozarts Vater Leopold mit den 1780 geäußerten und oben schon angeklungenen Worten „Vergiß das so genannte populare nicht…“ zitierte und daran anknüpfend die Anfänge der „populären Musik“ im ausgehenden 18. Jahrhundert verortete, in der Zeit des aufkommenden Bürgertums: „Es ist die durch den modernen bürgerlichen Staat eingefasste und auf die Idee der Nation gegründete Gesellschaft, in der das ‚Populäre’ sowohl zu einem öffentlich verhandelten Problem als auch in Form einer ‚Kultur für jedermann’ nach und nach zu einem eigenständigen und rasch kommerziell organisierten Bereich kultureller Praxis wird.“

Wicke argumentiert, dass zuvor jeder gesellschaftliche Stand oder Bereich – Bauern, Bürger, Edelleute, Tagelöhner, Handwerker, Kaufleute, Kirchen, Höfe oder Wirtshäuser – seine eigene Musik und seine eigenen Formen des Musizierens gehabt und um sich herum einen eigenen musikalischen Kosmos geschaffen habe. Dem muss man aber nicht unbedingt zustimmen. Und warum nicht? Weil Musik aus Schallwellen besteht und Schallwellen weder Mauern noch gesellschaftliche noch ideologische Grenzen kennen. Kirchenlieder, Kinder- und Wiegenlieder, das eine oder andere Volkslied und die Tatsache, dass etwa Musik für die adeligen Kreise mitnichten auch ausschließlich von Adeligen komponiert und gespielt wurde, dürften nur einige Beispiele musikalischer Praxis sein, die bereits lange vor dem Aufstieg des Bürgertums von höheren und niederen gesellschaftlichen Schichten geteilt wurden. Und es sind immer auch bahnbrechende technische Errungenschaften, die die Entwicklung der Musik vorangetrieben und Definitionsversuche ins Wanken gebracht haben. Solche technischen Errungenschaften waren nicht nur Schallplatte, Radio und Internet, sondern auch schon der Buchdruck. Hier reden wir vom 15. Jahrhundert sowie von Entwicklungen, die beispielsweise auch das schriftliche Fixieren und die Verbreitung von Volks- und Straßenballaden ermöglichten. So muss das Verständnis von „populärer Musik“ wesentlich weiter gefasst und ihr Ursprung zeitlich lange vor dem Aufstieg des Bürgertums verortet werden. Man könnte sogar behaupten, dass es in der Geschichte der Musik grundsätzlich um einen Prozess der Herauskristallisierung von Gängigkeit geht, der fortschreitenden Popularisierung von Musik, vermeintlich kunstmusikalische Phänomene inklusive. Und eigentlich hat es sich heute längst auspopularisiert…

Im zweiten Teil: Von der babylonischen Definitionsverwirrung zum Great Western Songbook

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erstellt am 26.3.2014