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Der syrische Künstler Tammam Azzam verbindet europäische Kunsttraditionen mit der Katastrophe in seinem Heimatland. Als seine ersten Bilder auf Facebook die Runde machten, begeisterte er viele mit seiner ungewöhnlichen Kunst. Martina Sabra hat ihn Anfang 2014 anlässlich einer Ausstellung in Beirut getroffen.

Gespräch über Kunst von Tammam Azzam

»Verzweiflung ist die einzige Wahrheit«

Tammam Azzam, Sie sind ein vielseitiger Künstler. Mit welchen Materialien arbeiten Sie am liebsten?

In erster Linie bin ich Maler, und als solcher bevorzuge ich Leinwände und Acryl. Aber ich probiere auch gern andere Materialien und Techniken aus. In den Jahren von 2000 bis 2006 zum Beispiel habe ich mit chinesischer Tinte auf Papier experimentiert. Vor dem Beginn der Revolution hatte ich begonnen, mit gefundenen Objekten zu arbeiten. Eine Serie habe ich „Wäscheserie“ genannt (Laundry Series). Kleidung ist ja viel mehr als nur verarbeiteter Stoff. In jedem Stück, das jemand getragen hat, stecken ganze Bündel von Geschichten und Erinnerungen. Alte Kleider sind ein machtvolles Symbol dessen, was man zurücklässt. Ich habe Kleidungsstücke zusammengetragen und sie verfremdet und arrangiert, durch den Einsatz von Farben und durch den Mix mit unterschiedlichen Medien.

In Ihren Collagen aus Fotos und berühmten Gemälden haben Sie unter anderem Werke von Goya, Munch, da Vinci, Gauguin, Matisse und van Gogh verwendet. Welche Bedeutung haben diese Künstler für ihre eigene Entwicklung?

Das war eher ein künstlerisches Spiel. Persönlich haben mich als Maler vor allem die deutschen Expressionisten beeindruckt und geprägt. Das hat sich durch meine Studien bei Marwan Kassab-Bachi noch verstärkt.

Sie sind 1980 in Südsyrien in eine drusische Familie geboren und wuchsen in Syrien auf. Nach dem Kunststudium haben Sie bis 2011 in Damaskus gearbeitet, hatten dort auch ein Atelier. Wie war die Stimmung unter den Künstlern in Syrien vor der Revolution?

Das Regime in Syrien setzte enge Grenzen. Die bildenden Künstler wurden im Großen und Ganzen jedoch nicht stark zensiert. Sie hatten keinen großen Einfluss auf die Gesellschaft und das Regime hatte keine Angst vor ihnen. Das Regime fühlte sich stark aufgrund seiner Brutalität. Es mordete, folterte, sperrte Menschen ein – nicht für ein, zwei Jahre, sondern für 10, 20 Jahre oder für immer. Wer sich wehrte, musste damit rechnen, erschossen zu werden oder sein Leben im Gefängnis zu beenden. Das Regime fürchtete sich vor nichts, und am wenigsten vor den Künstlern.

Wenige Monate nach Beginn der syrischen Revolution sind Sie mit ihrer Familie nach Dubai gezogen. Sie hatten einen Einberufungsbefehl der syrischen Armee erhalten, aber Sie wollten nicht auf Ihre Landsleute schießen. Sie können nun auf absehbare Zeit nicht in ihr Land zurück. Was bedeutet das für Ihre künstlerische Arbeit?

Kunst und Inspiration machen nicht an Staatsgrenzen halt. Als ich von Syrien nach Dubai zog, stand ich von jetzt auf gleich vor einer ganz neuen Situation. Normalerweise male ich großformatig. Nun hatte ich kein Atelier, keine Leinwände, keine Farben, nichts. Aber ich wollte unbedingt arbeiten und kreativ sein. Also habe ich überlegt: Was hast du zur Verfügung? Da waren der Computer, Bildbearbeitungsprogramme und Bildmaterial. Also habe ich mit diesen Materialien gearbeitet, ohne Pause. Als Künstler muss man sich ständig verändern. Wichtig ist, dass man überzeugt ist von dem, was man tut. Und dass man nach immer größeren Herausforderungen sucht. Mittlerweile habe ich wieder ein Atelier und ich kann wieder malen. Das ist sehr gut.

Das Ausmaß der Gewalt und Zerstörung in Syrien ist unvorstellbar. Millionen sind auf der Flucht, hunderttausende wurden getötet, verstümmelt, traumatisiert. Ein Ende des Konfliktes ist nicht in Sicht. Wie schaffen Sie es, dennoch Energie aufzubringen und kreativ zu sein?

Das Leid der Zivilbevölkerung in Syrien übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Manchmal bin ich wie betäubt von der Wucht des Schmerzes. Der Zorn und die Trauer kennen keine Grenzen. Als alles anfing, hat man noch über Lösungen debattiert, sich auseinandergesetzt. Jetzt sprechen viele Syrer nicht mehr über ihren Zorn und ihre Trauer, weil sie sich verlassen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass die Welt sagt: Schluss, aus. Keine Lösung des Konfliktes, lasst das Töten weitergehen. Es ist sehr schwer, unter diesen Umständen zu arbeiten.

In vielen westlichen Medien spricht man vom „syrischen Bürgerkrieg“. Sie sagen, dass die Gewalt in Syrien kein Bürgerkrieg sei. Aber was ist es dann?

Ein Bürgerkrieg vollzieht sich zwischen zwei Parteien, die ähnlich stark sind. Aber in Syrien haben wir auf der einen Seite ein hochgerüstetes Regime, das die Lufthoheit besitzt und das sich auf Kräfte aus dem Ausland stützt – die libanesische Hisbollah, Militär aus dem Iran. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die mit der Waffe in der Hand ihre Häuser verteidigen, ihren Grundbesitz, ihre Würde. Was wir hier erleben, ist kein Bürgerkrieg, sondern immer noch eine Revolution. Die meisten Revolutionen weltweit waren bewaffnet. In manchen Fällen hat es mehr als zehn Jahre gedauert, und es sind alle Arten von Menschenrechtsverletzungen passiert. Für mich, als Syrer, der sein ganzes Leben in Syrien verbracht hat, ist klar: Dies ist eine Revolution gegen das Regime. Wäre es anders, wäre der Konflikt schon beendet.

Was erwarten Sie von den Europäern und von den Deutschen in bezug auf eine Lösung des Konfliktes in Syrien?

Ich bin sicher, dass die normalen Bürger in Deutschland und Europa Mitgefühl mit der syrischen Zivilbevölkerung haben und helfen möchten. Was die Politik angeht, bin ich pessimistisch. Die europäischen Regierungen verfolgen nur ihre eigenen Interessen.

Eines Ihrer digitalen Kunstprojekte trägt den Titel „Syrian Museum“. Können Sie das Konzept des Projektes erklären?

Die Revolution und die digitalen Medien haben meine Arbeit verändert. Der gesellschaftliche und politische Hintergrund sind sichtbarer geworden. Aber mir war immer klar, dass ich keine politischen Poster machen wollte. Die Eigenständigkeit der Kunst, die künstlerische Botschaft sollte weiterhin im Vordergrund stehen. Ich habe begonnen, international bekannte Kunstwerke zu sichten, die den Krieg und bewaffnete Gewalt zum Thema hatten, wie zum Beispiel die Werke des Spaniers Goya. Sein Werk und die Werke anderer Künstler die im 18. oder im 19. Jahrhundert entstanden sind und die sich mit dem Krieg befassen, haben bis heute einen starken Einfluss auf das Publikum. Ich habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass die Menschen für Ausstellungen dieser historischen Werke in Museen Schlange stehen, während aktuell in Syrien ganz reale Grausamkeiten in riesigem Ausmaß begangen werden und man der Opfer eigentlich täglich gedenken müsste? Wenn die Menschen auch 200 Jahre nach dem spanischen Befreiungskrieg immer noch Goyas Bilder betrachten, warum führt der Massenmord an den Syrern dann nicht dazu, dass die Menschen in aller Welt sich fragen: Was geschieht aktuell in Syrien? Das hat mich auf die Idee gebracht, die kraftvollen Bilder von Goya und anderen Künstlern in die Fotos der Zerstörungen in Syrien hineinzumontieren.

Ihr eigener künstlerischer Beitrag ist dabei auf ein Konzept reduziert, einen Grundgedanken.

So ist es. Ich habe eine Grundidee und ich leihe die Werke anderer Künstler quasi aus, um diesen Gedanken auszudrücken: Zum einen von den Fotografen, die die Zerstörungen in Syrien dokumentiert haben und zum anderen von den bildenden Künstlern, die die Werke geschaffen haben. Ich betrachte es als einen Akt der künstlerischen Freiheit. Kunst kennt keine Grenzen, und ich denke, ich habe das Recht, diese Werke miteinander zu verschmelzen.

„Syrian Museum“ spielt mit dem Konzept der Street Art, eine Kunstform, die im Zug der arabischen Revolten sehr populär geworden ist …

Auch das hatte spielerischen Charakter. Ich habe geträumt, dass ich bei den Menschen bin, mitten in der syrischen Revolution, und dass ich die Mauern und Wände anmalen könnte. Aber das ist unmöglich. Deshalb kam ich auf die Idee der Montagen. Es sollte so aussehen, als wäre mein Traum wahrgeworden und als hätte ich tatsächlich in Syrien gearbeitet.

Eine andere aktuelle Serie von Ihnen trägt den Titel „Bon Voyage“. Es handelt sich um Fotomontagen mit einem wiederkehrenden Motiv: Ein zerstörtes Gebäude, das an einem Bündel Luftballons befestigt ist, schwebt über wechselnden Orten, die den meisten Betrachtern wohlbekannt sind: Das World Trade Center in New York, das Parlament in London, die Vereinten Nationen in Genf. Was war ihre Idee bei dieser Arbeit?

Viele Syrer haben heute kein Zuhause mehr, sondern nur noch eine Erinnerung an ihr zerstörtes Heim. Fakt ist, dass die meisten Flüchtlinge nicht in ihre ehemaligen Häuser zurückkehren werden. Den geographischen Ort gibt es nicht mehr, er existiert nur noch in der Phantasie. Wir sprechen heute über fast 7 Millionen Syrerinnen und Syrer auf der Flucht. Die Erinnerung an ihre zerstörten Häuser ist alles was ihnen bleibt. Sie tragen sie mit sich, ob in Syrien, in den Libanon, nach Jordanien, in die Türkei oder nach Europa.

Bei genauerem Hinsehen gewinnt man den Eindruck, dass nicht nur Syrien, sondern auch der Westen vom Untergang bedroht ist …

Es gibt einen weltweiten moralischen Niedergang. Die Serie zeigt auch, wie selektiv die Politik der Erinnerung ist. Die Attentate auf das World Trade Center am 11. September 2001 waren eine Katastrophe. Mehr als 3000 Menschen starben. Das ist grausam, ich trauere um diese Menschen und ich finde es richtig, dass man alljährlich an sie erinnert. Aber in Syrien sind seit 2011 aufgrund von Kämpfen, in Gefängnissen oder wegen mangelnder medizinischer Versorgung in Syrien schätzungsweise 300.000 Menschen gestorben. Wie soll man verstehen, dass ihrer nicht gedacht wird? Dieses Kunstwerk spricht auch über meinen Schmerz. Das Leben der Syrer scheint nichts wert zu sein, und ich kann nicht verstehen, warum das so ist.

Was sollte die Welt Ihrer Meinung nach tun, um den Menschen in Syrien zu helfen und um das Leid zu beenden? Kann der Westen sich jetzt überhaupt noch einmischen? Ist die Lage nicht viel zu verfahren?

Es hätte tausend Möglichkeiten gegeben, sich einzumischen. Ich habe keine politische Theorie. Aber ich weiß, dass weltweit in den meisten Ländern die syrischen Botschaften immer noch geöffnet sind. Syrische Flugzeuge können immer noch fliegen und in vielen Ländern erhalten sie nach wie vor eine Landeerlaubnis. Es gibt keine ernsthafte Drohkulisse des Westens gegen das syrische Regime, kein deutliches „Nein“, keine Flugverbotszone. Dabei kommt die meiste Zerstörung in Syrien aus der Luft. Auch wenn man nicht militärisch eingreift, so könnte man wenigstens eine Flugverbotszone einrichten. Die syrische Luftwaffe wirft täglich Fassbomben auf Wohngebiete ab. Diese Fassbomben töten keine bewaffneten Rebellengruppen, sondern vor allem Zivilisten – einfache Menschen von nebenan.

Irgendwann wird der Konflikt in Syrien beendet sein. Welche Rolle können, sollen Künstler Ihrer Meinung nach beim Wiederaufbau der Gesellschaft und des Landes spielen?

Angesichts dessen, was in Syrien passiert, ist die Frage nach der Zukunft sehr sehr schwierig – allgemein und für Künstler ganz besonders. Denn die Kunst spielt keine Rolle für den Verlauf des Konflikts. Bildende Kunst kann keine einzige Fassbombe aufhalten, keine Kugel stoppen, kein einziges Kind vor dem Tod retten. Kunst ist auf das Ich bezogen. Ich als Einzelner kann eine Aussage machen. Ich kann meinen persönlichen Standort bestimmen, fragen: Wo stehe ich? Aber insgesamt bin ich sehr pessimistisch. Verzweiflung ist die einzige Wahrheit.

Hat der Westen sich in den letzten Jahren für die arabische moderne Kunst geöffnet?

Der arabische Frühling hat die Beziehungen von Grund auf verändert. Die vergangenen drei Jahre haben mehr verändert als die Jahrzehnte davor. Der Westen sieht die arabische Welt heute auf allen Ebenen mit anderen Augen. Auch das Interesse der westlichen Medien an meiner Arbeit ist heute ganz anders. Dass man sich für meine Arbeit heute interessiert ist meiner Ansicht nach ein Ergebnis der syrischen Revolution. Ohne die Revolution wäre ich nicht so bekannt geworden.

Sie sagen immer, sie seien nicht politisch, aber ihre Kunst ist sehr politisch …

Meine Kunst wird politisch interpretiert, aber es ist keine politische Kunst. Ich bilde keine Diktatoren in meinen Arbeiten ab, und es geht mir auch nicht um die Diktatoren. Mir geht es um die Menschen. Ich will die Menschen abbilden, nicht die Tyrannen. Ich habe einen politischen Hintergrund wie alle Leute, denn ich bin schließlich Syrer, aber ich bin niemandes Sprachrohr.

Haben die arabischen Künstler heute mehr politisches Bewusstsein als früher?

Leider sind auch die Künstler in der arabischen Welt sehr gespalten. Es gibt sehr viele Leute, die die mörderischen Regime unterstützen. Das ist wirklich erstaunlich.

Das Gespräch führte die Islamwissenschaftlerin und Journalistin Martina Sabra

siehe auch:

Schwerpunkt Syrien

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erstellt am 24.3.2014

Tammam Azzam im Atelier Foto: Sueraya Shaheen

porträt

Tammam Azzam

Tammam Azzam wurde 1980 in Damaskus geboren und hat nach dem Ausbruch der Revolution Syrien verlassen müssen. Er lebt und arbeitet heute in Dubai. Ausgewählte Einzel- und Gruppenausstellungen erfolgten in der Ayyam Gallery London (2013); der 30sten Biennale Graphischer Kunst, Slowenien (2013); Ayyam Gallery Al Quoz, Dubai (2012, 2009); Ayyam Gallery DIFC, Dubai (2011); Ayyam Gallery Beirut (2010); Ayyam Gallery Damascus (2010).

Tammam Azzam: Collage aus der Serie “Syrian Museum”

Tammam Azzam: Collage aus der Serie “Bon Voyage”

Collage von Tammam Azzam

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