In zeitgemäßer E-Book-Form bricht Carlo Schäfer mit den Gesetzmäßigkeiten der Krimiliteratur, indem er auf Subversion durch Witz, Kodderschnauze und Sinnverweigerung setzt. Der Tod dreier Männer heißt Schäfers Werk, das Bruno Laberthier äußerst lesenswert findet.

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Die Dicken und der Diakon

Carlo Schäfers Der Tod dreier Männer rechtfertigt den lieben Gott mit den Mitteln der Farce und huldigt nebenbei gekonnt dem Absurden Theater

Von Bruno Laberthier

Mit einer Prise Augenzwinkern und viel sprachspielerischem Elan kommen sie neuerdings daher, die etablierten Kriminalschriftsteller aus dem Raum Rhein-Main-Neckar, und bürsten das absatzträchtige Genre kräftig gegen den Strich. In Darmstadt konfrontiert Autor Christian Gude seine kommissarischen Pensionärs- und pensionierte Kommissarsfigur Rünz mit immer abstruseren Mordfällen und betreibt engagiert die ironische Brechung der geläufigen Verbrechensdarstellung. Besagtem Rünz schob er 2010 hobbykriminalschriftstellerische Ambitionen unter (in Kontrollverlust) und trieb ihn zuletzt in ein Kammerspiel (2012) mit einem Psychoanalytiker. Zwei Personen, ein Raum, vielleicht eine Leiche: so hebelt man die Konventionen des Krimis aus, und das wirkungsvoll. Im selben Jahr 2012 dreht Paul-Hermann Gruner, der aktuelle „Turmschreiber“ von Darmstadt, die Gesetze und Logiken des Kriminalplots durch den Wolf und lässt dabei seine beeindruckende Sprachwut von der Leine (in Wunderlich und die Logik).

Ein paar Kilometer weiter südlich langt jetzt auch Carlo Schäfer hin. In zeitgemäßer E-Book-Form bricht er nach fünf Heidelbergkrimis um Kommissar Theuer mit den Gesetzmäßigkeiten der Unterhaltungsliteratur gewordenen Todesfallermittlung und setzt wie Gruner kunstvoll auf deren Subversion durch Witz, Kodderschnauze und einen beherzten Griff in den Sinnverweigerungsfundus der jüngeren Literaturgeschichte. Der Tod dreier Männer heißt das digitale Werk, das es verdient, einer Leserschaft ans Herz gelegt zu werden, die im Krimisuppeneintopf der Gegenwart noch nicht komplett den Tellerrand aus den Augen verloren hat.

Das Todesartenprojekt des Carlo Schäfer: Theodizee als Farce

Die drei romantitelgebenden Tode sind zwar allesamt mysteriös, weisen aber nicht auf Fremdeinwirkung hin. Gibt es wenigstens ein Merkmal, dass allen drei Toden eignet? Nicht wirklich: allenfalls das eines gestörten Metabolismus‘ und aus den Nähten Platzens. Karl Karst, unbescholtener Kneipengänger, platzt am zehnten Tag wortwörtlich: und zwar ohne an Gewicht zuzunehmen und damit anders als der zweite tote Tote, ein an kräftiger Adipositas und in seiner Eigenschaft als Zeitungbeitragsschreiber unter bedauerlichem Mindertalent leidender Zeitgenosse namens Konrad. Dessen Restlebenslaufzeit hat mit Karst ebenso wenig zu tun wie mit dem dritten Toten, den „eine seltene Stoffwechselkrankheit“ dahinrafft, „eine zunehmende, hoffnungslose Vergiftung: Verwirrung, Koma, Tod“. Die drei Dahingeschiedenen begegnen einander zwar nicht, lassen sich dafür aber mitsamt der wenigen Weggenossen kleiner und größerer Ticks und Allzumenschlichkeiten überführen. Wie diese Vignetten aus alltäglichen Alltäglichkeiten einem zwar bissigen, aber nie spottenden Erzähler gelingen, ist durchaus eine Freude.

Für jemanden wie mich ist es wichtig, ein Hobby zu haben.
Meines ist es, „Antenne Gott“, einen christlichen Taliban-Sender zu schauen. Aber ich habe auch an kleinen Dingen Vergnügen: „Wieder mal Lust auf mehr Stuhl?“, eine Annonce im lokalen Anzeigenblatt dieser Woche, Werbung eines Schreiners.
Bei dem werde ich mal meinen Sarg bestellen, aber nun zu dem, wovon ich berichten will:
Am Abend bevor ich David kennenlernte, schaute ich „Antenne Gott“.

David spielt im weiteren Verlauf natürlich noch eine Rolle, dasselbe gilt für die fundamentalistische Spielart der Frömmigkeit. Den toten Männern Eins und Zwei begegnet, als sie noch leben, ein Vertreter dieser Spielart: stellt sich als Diakon vor und belästigt sie mit so unerbetenen wie hartnäckigen Angeboten des Beistands. Die Szenen der Dicken mit dem Diakon sind der Auftakt für einen der wenigen roten Fäden, die Schäfer durch alle vier Teile der kurzen Erzählung webt. Am Ende, soviel sei verraten, hat es der Diakon zum Ex-Diakon gebracht, der Urlaubsanwesen auf einer unter deutschen Touristen eminent beliebten Insel rentokilt. Und dabei trotz allem nicht loskommt von seiner alten Berufung. Als Farce-Variante einer Theodizee präsentiert er seinen verblüfften Zuhörern „die Antwort“ auf die Frage nach dem Grund für das viele Leid unter dicken Männern und beiseite geräumtem Ungeziefer. Gott spielt in der Rechtfertigung für all das Leid nicht nur die erwartet wesentliche Rolle, sondern hat durchaus seinen Spaß. „Und weil er alles kann, besiegt er sich“.

Ein bisschen Deus Ludens, ein bisschen Ionesco und Beckett

Das Ende ist so offen und kryptisch, wie es sich hier liest. Der Verweis auf Gott als Deus Ludens, dem es Spaß bereitet, gegen sich selbst zu zocken und als Einsatz diverse Tode diverser Männer auf den Spieltisch zu werfen, unterstreicht den Charakter der Farce, den das Leben auf Erden im Allgemeinen und dem in Kleinbürgerdeutschland im Besonderen ausmachen.

Farce, „Groteske“ (so die Verlagsankündigung), das Absurde: so heißen die Register, die Schäfer zieht und die zur Anzeige bringen sollen, dass die herkömmlichen Sinnstiftungsmodelle der Gegenwart versagt haben. Was dem sich ein ganz klein wenig autistisch und enorm sprachspielbegabten gebärdenden David (einer der eindrücklichsten Figuren auf Schäfers Planet der Allzumenschlichen) ein Dorn im Auge ist: „dass sie so viel SINN verordnet haben, die armen SCHIFFESCHIFFE“

Absurd ist auch sonst das Stichwort. Wenn auf „Antenne Gott“, wo der Spieltrieb Gottes offenbar am allergründlichsten missverstanden wird, der TV-Prediger es „absurd“ findet, „dass in Deutschland ein Mann innerhalb relativ kurzer Zeit so stark angeschwollen ist, dass er geplatzt sei“, dann wird hier nicht nur an den Tod des ersten Mannes angeknüpft, Karl Karst. Sondern auch an die Tradition des Absurden Theaters, etwa an die Stücke Eugène Ionescos, in denen es vor wuchernden Wesen und Kreaturen nur so wimmelt. Amédée oder Wie wird man ihn los (1954) mit dem platzensnah aufgeschwemmten Toten etwa, den weder der Theaterschriftsteller Amédee noch „Eugène“ deroselbst aus der Wohnung zu schaffen vermögen (weil der Verlust von Sinnhaftigkeit immer nur noch mehr Verluste von Sinnhaftigkeit produziert – oder weil Gott sich gerade einen Spaß aus dem Leid der Amédées und „Eugènes“ macht) zählt ganz offensichtlich zu den nicht eben wenigen und gut verborgenen Intertexten in Schäfers gerissenem Todesartenprojekt. Auch mit Pröbchen absurder Dialoge, die Samuel Beckett kaum schöner hinbekommen hätte, wird man in Der Tod dreier Männer reichlich versorgt.

„Ja?“
„Es spricht David.“
„Hallo David!“
„Kannst du mir sagen, warum wir das eine vergessen und das andere nicht?“
„Das weiß ich auch nicht, David.“
„Ich habe DIE ANTWORT vergessen und die Frage weiß ich noch.“
„Das tut mir leid!“
„Es gibt Ideen, die gut sind und trotzdem wäre es manchmal besser, man hätte sie nicht.“

Unterm Strich

Carlo Schäfers Idee, aus dem Krimischriftstellersegment auszusteigen und es mit einer weitaus abgründigeren Textsorte zu versuchen, mag gewagt sein – gut ist sie auch. Noch besser wäre es, wenn Der Tod dreier Männer eines nicht hätte: zu wenig Leser/innen.

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erstellt am 24.3.2014

Carlo Schäfer
Der Tod dreier Männer
E-Book, 100 Seiten
ISBN 978-3-944818-10-8
CulturBooks, Hamburg 2013

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