Szene Ungarn im Burgtheater

Seitdem in Ungarn unter der rechtsnationalen Regierung Viktor Orbans das Parlament entmachtet, die Pressefreiheit eingeschränkt und die Juden ausgegrenzt wurden, ist dort ein Klima der Angst entstanden, dessen Folgen das Theater nicht aussparen. Thomas Rothschild besuchte ein Ungarn-Festival am Wiener Burgtheater, um mehr darüber zu erfahren.

Jenseits des Café Korb

Das Burgtheater widmet sich der »Szene Ungarn«

Von Thomas Rothschild

Mit Budapest hat Wien den Typus des Kaffeehausliteraten gemeinsam, der sich nicht durch das, was er schreibt, sondern wo er es tut, definiert. Analog also etwa zum Küchenliteraten. In Wien aber kann ein Kaffeehaus, in dessen Keller der große Philosoph Sloterdijk Hof hält, mit einer Nobelpreisträgerin werben: mit Elfriede Jelinek, der laut Wikipedia „das Zitat ,Wer das Cafe Korb kennt, der geht immer wieder hin!' zugeschrieben wird“. Wenn sonst für nichts, so hätte sie für diesen brillanten Vers den Nobelpreis verdient. Ein vergleichbarer Werbespruch für ein Kaffeehaus ist von Imre Kertész nicht bekannt. Kein Wunder, dass er mit der Emigration, die Elfriede Jelinek immer nur angedroht hat, Ernst machen musste. Einstweilen aber hat Elfriede Jelinek eins ihrer Stücke durch Matthias Hartmann, den Direktor des Burgtheaters, dem sie schon zwei Mal ein Aufführungsverbot erteilt hatte, inszenieren lassen („Wer das Burgtheater kennt, der geht immer wieder hin!“), damit sich der sein kümmerliches Jahresgehalt von 220000 Euro durch eine Regie aufbessern konnte. Das war vor etwas mehr als einem Jahr.

Matthias Hartmann hat sich ein paar Monate später zu den bedenklichen Entwicklungen in Ungarn geäußert, als andere schwiegen und Gleichgültigkeit mit Nichteinmischung verwechselten. Er ist nach Budapest gefahren, hat sich dort mit Theaterleuten getroffen und Gespräche geführt. Und er hat einige Inszenierungen zu einem kleinen Ungarn-Festival eingeladen, das jetzt in Wien stattfand. Ein ähnliches Projekt bot, fast zur gleichen Zeit, in Berlin das Hebbel am Ufer an – mit mehreren Vorstellungen der einzelnen Stücke, während im angeblich theaternärrischen Wien ein musikalisch-literarischer Abend zum Thema „Tradition ist kein Museumsstück“, für den man im letzten Moment verbilligte Karten ausgab, im zu zwei Drittel leeren Akademietheater stattfand. Die Neugier scheint sich im Land des Opernballs in Grenzen zu halten. Herrn Lugners Gäste interessieren mehr als das ungarische Theater.

Von der Nobelpreisträgerin war auch bei einer Podiumsdiskussion über „Das Theater in der ungarischen Gegenwart“ die Rede, nämlich ob die Proteste von Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Erwin Wurm, Michael Haneke eher produktiv oder kontraproduktiv seien. Die Antwort der ungarischen Gäste fiel zwiespältig aus. Aber die Nobelpreisträgerin wurde bei der Veranstaltung ebenso wenig gesichtet wie ihre österreichischen Kollegen. Auch hier scheint das Interesse über das Cafe Korb nicht hinaus zu reichen. Was jene denken, für die sich einzusetzen man vorgibt, will man nicht hören. Der in der vergangenen Woche entlassene Direktor Matthias Hartmann hat am Burgtheater Hausverbot. Für Jelinek und die anderen gilt es nicht.

Apropos Jelinek: Die erklärt der Zeitschrift „News“, die sich dadurch auszeichnet, dass sie Gerüchte und Ahnungen als gesicherte Nachrichten meldet, dass ihr Stück „Burgtheater“ außer in Bonn nirgends aufgeführt worden sei. Wir helfen ihrer Erinnerung gerne nach: 2005, Theater im Bahnhof. Das befindet sich in Graz, Österreich.

Wenige Tage vor dem Ungarn-Festival ist dem Burgtheaterdirektor gekündigt worden. Was immer man ihm organisatorisch, charakterlich, juristisch nun vorwerfen mag: sein Engagement für das ungarische Theater wird dadurch nicht falsch. Dass Hartmann großen Schaden angerichtet hat, steht mittlerweile fest. Aber der finanzielle Schaden wiegt wenig im Vergleich zu dem politischen Schaden, der entstünde, wenn Hartmanns Einsatz für mehr Demokratie in Ungarn durch seine Machenschaften, die damit nichts zu tun haben, desavouiert würde. Man sieht Orbáns Vasallen geradezu vor sich, wie sie sich ins Fäustchen lachen, weil ihre kulturpolitischen Sauereien nun durch Hartmanns Geschäfte in den Schatten gestellt scheinen. Wenn zunächst Attila Vidnyánszky seine „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ zurückzog, konnte man das noch mit Gelassenheit hinnehmen. Schließlich ist Vidnyánszky der neue Intendant des Ungarischen Nationaltheaters von Orbáns Gnaden, und es ist nicht ganz verständlich, wieso gerade er überhaupt in diesem Kontext nach Wien eingeladen wurde. Aber dass nun auch das kritische Theater Krétakör von Árpád Schilling abgesagt hat, muss beunruhigen – egal ob das Theater eingeschüchtert wurde, ob es in vorauseilendem Gehorsam Ungemach von sich abzuwenden hofft oder ob es nun seinerseits auf dem hohen moralischen Ross zu sitzen wähnt, von dem aus es erklären konnte, dass sich die „ungeklärten wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen am Burgtheater mit dem Anliegen der Gruppe nicht vereinbaren ließen“.

Wer freilich meint, Länderfestivals könnten noch mit völlig fremden, einzigartigen Theaterformen bekannt machen, sieht sich einmal mehr enttäuscht. Das Theater, jedenfalls innerhalb Europas, ist, wie das Warenangebot in den Supermärkten und die Architektur der Einkaufspassagen, immer einheitlicher, immer weniger unterscheidbar geworden. Erfolgreiche Regisseure reisen und inszenieren zwischen Budapest und Barcelona, zwischen Prag und Edinburgh. Moden werden verbreitet und aufgenommen. Der Festivaltourismus und spezialisierte Fernsehkanäle sorgen für eine Ästhetik, die unabhängig vom kulturellen und vom theatergeschichtlichen Hintergrund goutierbar ist. „Das große Heft“ nach dem Roman von Ágota Kristóf, von Erick Aufderheyde für die Bühne bearbeitet, eine Koproduktion von Szkéné Theatre und Forte Company in der Regie von Csaba Horváth, ist eine eindrucksvolle zweistündige Performance über die Kindheit eines Zwillingspaares im Zweiten Weltkrieg und kurz danach und über die Erziehung zu Kälte und Grausamkeit. Aber die Mittel der Darstellung sind uns vertraut: die epische Form, in der zwischen Rolle und Erzähler changiert wird, das frontale Sprechen, die Tanzsoli, die sich, scheinbar unabhängig von der Handlung, im Hintergrund oder am Rande abspielen, die fantasievolle Verwendung von Requisiten – im konkreten Fall: von Gemüse aller Art –, der filmische Einsatz von Musik, die Geschlechterindifferenz (die Großmutter wird von einem kahlköpfigen Mann verkörpert). Politisch ist die Deutung der Inszenierung offen. Sie lässt sich historisch-konkret interpretieren, dann handelt sie von der Generation, die in Ungarn den „Kommunismus“ zu verantworten hatte. Sie lässt sich anthropologisch interpretieren, dann handelt sie von der grundsätzlichen Schlechtigkeit des Menschen. Oder sie lässt sich metaphorisch interpretieren, dann handelt sie von unserer Gegenwart.

Der interessanteste Beitrag war das allerdings bereits vier Jahre alte „Miststück“ von und mit dem 1970 geborenen Béla Pintér und seiner Compagnie. Es beginnt wie ein absurdes Drama von Václav Havel oder Sławomir Mrożek. Aber nach und nach werden alle Erwartungen enttäuscht. Das Mädchen Rózsi, das Irén und Attila aus dem Waisenhaus geholt haben und vor dem sich alle wegen seiner schlechten Zähne ekeln, wird, nachdem es die Sympathie nicht nur der Mitmenschen aus der Bühne, sondern auch der Zuschauer errungen hat, zu einem antisemitischen und antiziganistischen „Miststück“, die junge Zigeunerin Anita erweist sich als opportunistische Pharisäerin, und auch die übrigen Figuren des in der Gegenwart spielenden Stücks lügen, heucheln, sind nie, was sie zu sein scheinen. Dargestellt wird das in einer stilisierten, typisierenden Spielweise, komisch und beklemmend zugleich. Volksmusik und Laientheatergruppen werden parodiert, Klischees des Ungarntums veräppelt.

Deutschen Gruppen, die mit ähnlichen theatralischen Mitteln arbeiten, haben „Das große Heft“ und „Miststück“ voraus, dass sie, wie immer man sie verstehen mag, nicht um den eigenen Bauchnabel kreisen, dass sie sich in die Geschichte begeben und Realität nicht mit Fiktion, Kolportage nicht mit Kunst verwechseln. Der scheinbare Widerspruch zwischen Literaturtheater und Wirklichkeitsperformance, der fast immer auf Kosten des Artifiziellen aufgelöst wird, wird hier ad absurdum geführt.

„Anamnesis“ wiederum vom renommierten Katona József Theater, das die unerschrockene und ansonsten gut informierte Moderatorin einer Gesprächsrunde hartnäckig zu einem „Kantona József Theater“ umtaufte, spielt in einem Krankenhaus arbeitet mit den vertrauten Verfahren des Kabaretts, der Revue, der Fernsehcomedy, von Monty Python, aus der Popkultur. Am Anfang hören wir aus den Boxen „Riders on the Storm“. Nur eine halbe Woche zuvor erklang der Song von den Doors zu Frank Castorfs „Krönung Richards III.“. Die selben Versatzstücke für so unterschiedliche Bühnenereignisse. Egal? Sind die Texte nur noch sekundär gegenüber der vordergründigen Musik mitsamt den Assoziationen, die sie hervorruft? Regie führte Viktor Bodó. Am Tag zuvor hatte er eine Premiere in Graz, wo er mittlerweile Dauergast ist. Da bleibt wenig Platz für ungarische Eigenheiten. Ein paar aktuelle Anspielungen und Nebensätze reichen da nicht aus. Zurzeit ist Bodó eine gefragte Marke. Wie Mars oder Nescafé. Die „Szene Ungarn“ könnte ebenso gut als „Szene Graz“ reüssieren. In „Anamnesis“ wird das berühmte Schlusstableau aus Tschechows „Drei Schwestern“ zitiert. Mit den „Drei Schwestern“ hatte das Katona József Theater seinen ersten großen internationalen Erfolg. Regisseur war damals Tamás Ascher. Jetzt saß Ascher im Publikum. Zu ihm verhält sich Viktor Bodó wie Herbert Fritsch zu Peter Stein. Und das hat nicht unbedingt mit Orbán zu tun.

Wer sich von dem kleinen Ungarn-Festival am Burgtheater Aufklärung über die (kultur)politische Lage im Nachbarland erhofft hatte, sah sich enttäuscht. Klarheit zu gewinnen, ist deshalb so schwer, weil die ästhetischen Normen der nationalistischen Rechten jenen des Sozialistischen Realismus weitgehend gleichen: gefordert und gefördert werden Schönfärberei (in der alten sowjetischen Terminologie: „Lakirovka“), positive Helden, Volksmusik, hoffnungsstimulierender Optimismus. Die traditionelle Unterscheidung von Links und Rechts greift nicht, zumal wenn man darauf beharrt, dass der Stalinismus und selbst noch das Kádár-Regime zum Bestand der Linken gehörten. Auch anderswo neigen Politiker dazu, den Künstlern ihre Vorstellungen aufzwingen zu wollen, und es sind fast immer reaktionäre, antimodernistische Vorstellungen. Das Ungarn-Festival fand an einer Stelle statt, an der ein Bundeskanzler Thomas Bernhard einst der Psychiatrie anempfohlen hat. Und auch anderswo versucht man, die Theater zu erpressen. Nicht nur in Ungarn werden die unabhängigen Freien Gruppen finanziell unter Druck gesetzt. Und es ist nicht nur der Staat, der über die Gelder die Inhalte bestimmt. Man denke an das Beispiel der Metropolitan Opera oder des Zürcher Schauspielhauses. Auch in unseren Breiten geraten Wortbeiträge im Rundfunk seit Jahrzehnten unter Beschuss, wird leichte Unterhaltung gepredigt, hat die Volksmusik eine einflussreichere Lobby als die Avantgarde. Was Ungarn zur Zeit auszeichnet, ist die Schamlosigkeit und die Reichweite der Einflussnahme durch die gegenwärtige Regierung. Freilich zeigte sich in Wien auch, dass sich die Opposition, zumal im Ausland, nicht zu sehr hervor wagt, dass sie in Auskünften und Antworten eher eiert, als Klartext zu sprechen.

Die Erklärungsversuche zur gegenwärtigen Situation sind eben so widersprüchlich wie die ästhetischen Bekenntnisse. Einerseits verdanke sich Orbáns Popularität den Skandalen der Sozialisten. Andererseits werde Kádár in der Erinnerung der Menschen verklärt, weil sie zu seiner Zeit, anders als viele Arme heute, immerhin genug zu essen hatten. Einerseits sei die aktuelle Lage eine Folge der versäumten Vergangenheitsbewältigung. Andererseits repräsentiere der gewendete Orbán den genauen Gegensatz zu dieser Vergangenheit. Einerseits habe man in Ungarn die demokratischen Grundregeln noch nicht erlernt. Andererseits sei die Mehrheit, die Orbán wählt, zu respektieren. Der 15. März, der ungarische Nationalfeiertag, an dem eins der Gespräche stattfand, trägt diesen Widerspruch in sich: Er steht für die Revolution von 1848 und zugleich für das Erwachen des ungarischen Nationalismus. Als die Gäste nach antisemitischen und homophoben Angriffen auf den früheren Intendanten des Nationaltheaters Róbert Alföldi befragt wurden, erklärten sie, dass in Ungarn auch Leute als Juden diffamiert würden, die gar keine Juden sind, und dass man Alföldis Homosexualität nicht explizit angesprochen, sondern ihm „bloß“ im Parlament wiederholt einen weiblichen Vornamen verpasst habe. Als ob das die Sache besser machte. Die chilenischen Künstler zeigten zur Zeit Pinochets eine andere, mutigere Haltung, obwohl sie stärker gefährdet waren als es die Ungarn unter Orbán sind. Deren Haltung wird sich vielleicht erst ändern, wenn man sich endlich entschließt, die Bezeichnung „Vaterlandsverräter“ als Auszeichnung und nicht als Vorwurf zu interpretieren. Wenn man seine Wünsche nicht mit der Realität verwechselt, muss man sich eingestehen, dass der Nationalismus, nicht nur in Ungarn, seit der Gründung der EU nicht ab-, sondern zugenommen hat. So lange man darum konkurriert, der bessere Patriot zu sein, hat man gegen die Nationalisten schlechte Karten.

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erstellt am 20.3.2014