Als Mitglied der intellektuellen Kommune „Nook Farm” betätige sich der Essayist Charles Dudley Warner auch als Hobbygärtner und bündelte seine Erfahrungen zu einem Gartenbuch, das 1870 zuerst erschien und das seitdem immer wieder aufgelegt wird. Gerade ist wieder eine deutsche Ausgabe erschienen.

Charles Dudley Warner und die Gartenarbeit

Kampf dem Unkraut

Von Stefana Sabin

Als die Kulturzeitschrift „Critic“ 1884 eine Umfrage unter ihren Lesern veranstaltete und nach den „vierzig Amerikanischen Unsterblichen“ fragte, kam Mark Twain auf den vierzehnten Platz, Charles Dudley Warner auf den fünfzehnten. Diese Popularität verdankte sich der gemeinsamen Autorschaft von Twain und Warner an den satirischen Roman „Das vergoldete Zeitalter,“ der 1874 erschienen war. Dass sie es überhaupt unternahmen, einen Roman zusammen zu schreiben, hatte nicht zuletzt mit ihren Wohnverhältnissen zu tun. Beide wohnten in „Nook Farm“, jener intellektuellen Kommune, die 1851 von John Hooker am westlichen Stadtrand von Hartford, Connecticut gegründet wurde und deren Mitglieder allesamt wohlhabende, gebildete Leute und Anhänger eines liberalen Congregationismus waren und für die Abschaffung der Sklaverei eintraten: außer Mark Twain und Warner zählten der abolitionistische Senator Francis Gilette, die Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe und ihr Mann Calvin Stowe, ein angesehener Bibelgelehrter, Harriets Bruder Henry Ward Beecher, seinerseits ein populärer Theologe, der Zeitungsherausgeber Joseph Hawley, späterer Gouverneur von Connecticut.

Twain und Warner waren direkte Nachbarn und sie verbrachten viel Zeit miteinander. „Das ständige Kommen und Gehen zwischen meinem und Warners Haus,“ erzählte Twain in einem Interview, „gehörte zum Alltag unserer Freundschaft.“ Als sie bei einem Abendessen in Hause über die Literatur der Zeit lästerten, schlugen ihnen ihre Ehefrauen vor, selbst einen Roman zu schreiben. So entstand die Idee zum Roman „Der vergoldete Zeitalters,“ der in satirischer Überzeichnung dem korrupten Amerika der ‚Reconstruction’, der Wiederaufbauphase nach den Verwüstungen des Bürgerkriegs, den Spiegel vorhielt. Dieser Roman wurde ein großer Erfolg und gab der ganzen Epoche ihren Namen. Es war der erste Roman für beide Autoren, und er sollte ihre einzige Zusammenarbeit bleiben. In „Nook Farm“ allerdings erlebten sie beide eine besonders fruchtbare schriftstellerische Zeit.

Twain schrieb in jener Zeit einige seiner berühmtesten Werke, Warner verfasste eine Romantrilogie, Reiseberichte und autobiographische Skizzen und wechselte zwischen Literatur und Journalismus. Als Journalist der Sachlichkeit verpflichtet, pflegte er als Schriftsteller die Weitschweifigkeit des epischen Erzählens – und blieb dabei immer Realist. Darüber hinaus gab er die Buchreihe „American Men of Letters“ sowie einunddreißig Bände der „Library oft he World’s Best Literature“ heraus, schrieb eine regelmäßige Kolumne, „The Editor’s Study“, in der damals renommierten Kulturzeitschrift „Harper’s Magazine“, und veröffentlichte zahlreiche Essays. Als Essayist ist er bis heute bekannt.

1829 in Plainfield, Massachussets geboren, hatte er als Eisenbahninspektor in Missouri gearbeitet, bevor er wieder gen Osten ging. In Philadelphia versuchte er sich zuerst als Geschäftsmann, studierte dann an der University of Pennsylvania Jura und ließ sich schließlich in Chicago als Anwalt nieder, kehrte aber nach Neuengland zurück, als ihm die Herausgeberschaft der „Evening Press“ in Hartford angetragen wurde. Wegen der starken Kurzsichtigkeit wurde Warner während des Bürgerkriegs nicht eingezogen: Wie sein Freund Twain blieb auch er Zivilist, kämpfte mit der Feder und nicht mit der Flinte. Er baute die „Evenig Press“ regelrecht auf und als sich nach dem Bürgerkrieg die Medienlandschaft veränderte, vereinte er sie mit der Hartforder Konkurrenz „The Courant“ zu einer wichtigen liberalen Zeitung, die er bis zu seinem Tod 1900 führte.

Warner schrieb sowohl politische Kommentare als auch regelmäßige Kolumnen, in denen er – lange vor der sogenannten „Alltagsliteratur“ – in der Unauffälligkeit des Alltags beschreibenswert Auffälliges entdeckte und im Besonderen das Allgemeine erkannte. Rhetorisch geschickt – schließlich war er Rechtsanwalt gewesen! – und philosophisch wie literarisch gebildet, gestaltete er seine Kolumnen als Essays, die sich mit den Verhaltensmustern des amerikanischen Bildungsbürgertums auseinandersetzten. Und weil sie über die Tagesaktualität hinausgingen, wurden diese Kolumnen immer wieder thematisch zusammengefasst und in Buchform veröffentlicht.

Auch „Mein Sommer in einem Garten“ besteht aus Prosastücken, die Warner für seine Zeitung verfasst hatte. Er lässt sich darin ebenso ernst wie spielerisch über die Kunst der Gartenpflege aus: registriert genauestens die Folgen von Witterungen und Jahreszeiten und die Entwicklung des Gartens von Frühling bis Herbst; philosophiert über die wechselnden Stimmungen der Natur; erzählt von der besonderen Vorsicht, mit der Samen ausgesucht und gesät werden müssen, und von der Pflege, die geboten ist, damit sie keimen und gedeihen; stellt verschiedene Beeten- und Kartoffelsorten, Sellerie und Bohnen vor, und erzählt von der Befriedigung, Selbstgeerntetes zu essen; berichtet von Techniken des Umgrabens und der Bewässerung und von der Düngung des Erdreichs – und immer wieder, als Leitfaden, beschreibt er den stetigen Kampf gegen das Unkraut, das die Früchte schwerer Gartenarbeit zu vernichten droht.

Aus der abstrakten Leidenschaft zum Garten wird eine konkrete Beziehung zur Scholle, zu dem Stück Land, das einem gehört und dem man sich zugehörig fühlt. Dabei wird Warner nie pathetisch; er kultiviert einen leichten Plauderton, seine Prosa bewegt sich zwischen Beschreibung und Reflexion und bleibt immer ironisch. Das Gärtnern nutzt Warner als thematisches Sprungbrett, um über Ehe, Kindererziehung, Freundschaft und Nachbarschaft, Moral und Psychologie, Politik und Wirtschaft zu schreiben.

Dabei schöpft Warner aus einer uramerikanischen Tradition der Naturbeschreibung: Von den Berichten der Pioniere im 17. Jahrhundert bis zur Naturschwärmerei der Transzendentalisten im 19. Jahrhundert war die Darstellung von Landschaft und Klima ein wichtiges literarisches Thema, das ganz verschiedene stilistische Ausformungen annahm. Warner kombiniert Naturbeschreibung mit Alltagsszenen und spickt seine humoristische Gartenlehre mit kaum verdeckten literarischen Anspielungen. Wie Emersons philosophische Essays sind auch Warners Prosastücke von der akribischen Beobachtung der Naturverhältnisse wie von der Suche nach einer Entsprechung zwischen den Launen der Natur und den seelischen Stimmungen geprägt. Ging Melvilles Ismael zur See, wenn er melancholisch wurde, so geht Warners Hobbygärtner in den Garten. Wie Thoreau am Walden Pond lernt auch Warners Gärtner einfachen Freuden schätzen, die dem Leben in der Natur abzugewinnen sind. Und wie Voltaires Candide nimmt Warners Gärtner den philosophischen Grundsatz ernst, dass „man seinen Garten pflegen muss.“ Zwar ist die unendliche Weite der Natur buchstäblich eingezäunt und somit zum Garten reduziert, die Wildnis gezähmt – aber ganz im Sinne des amerikanischen Transzendentalismus findet Warners Gärtner in seinem Garten geistigen Frieden und schöpft aus dem Umgang mit den Elementen neue Kraft. Wenn nur das immer und überall wuchernde Burzelkraut nicht wäre, könnte der Garten tatsächlich ein Stückchen Paradies sein!

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erstellt am 19.3.2014

Charles Dudley Warner
Charles Dudley Warner
Das Haus von Charles Dudley Warner
Das Haus von Charles Dudley Warner
Originalausgabe
Originalausgabe

Charles Dudley Warner
Mein Sommer in einem Garten
Erfahrungen eines Hobbygärtners
Aus dem Englischen von Herbert Allgeier
160 Seiten
Schöffling & Co.

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