Gewalt, Vergessen, Tod: Jenny Erpenbeck hat in ihrem Roman „Aller Tage Abend“ Familiengeschichten über mehrere Generationen skizziert und mit Politik und klassischer Literatur verknüpft. Dafür hat sie mehrere Preise bekommen, zuletzt den Hans-Fallada-Preis aus Neumünster. Wend Kässens hat die Laudatio gehalten.

Fallada-Preis 2014 für Jenny Erpenbeck

Die Sprache ist widerborstig bis zur Groteske

Von Wend Kässens

Ich nähere mich dem Lob des Werks von Jenny Erpenbeck, insbesondere ihres letzten Romans „Aller Tage Abend“ durch einen Begriff, den der aufklärungsskeptische Friedrich Nietzsche in seinen „Unzeitgemäßen Betrachtungen vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ verwendete: Die Legionäre des Augenblicks. Das sind jene Apologeten des Tatsächlichen, die den Erfolg, die Macht der Fakten bejubeln, und darauf auch schon ihre ganze Existenz gründen.
Nietzsche bezog sich auf Goethe, der das Klettern und Stürzen im „Faust“ zum Thema macht. „Es irrt der Mensch, so lang er strebt“, sagt der Herr im „Faust“. Des Menschen größter Fehler: Die Ungeduld. Enzensberger findet für die heutigen Legionäre des Augenblicks, die Ideologen der Globalisierung, der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und der generellen Machbarkeit das Bild von den „digitalen Evangelisten“. Einstein stellt nüchtern fest: „Die Technik gereicht dem Menschen zum Verderben, wenn die moralischen Kräfte verkümmert sind.“ In weiteren Zusammenhang ist auch Friedrich Schiller zu zitieren, der im achten Brief seiner „Ästhetischen Erziehung des Menschen“ danach fragt, woran es liegt, dass wir im doch ach so aufgeklärten Zeitalter immer noch Barbaren sind – er hat den Eindruck, dass die Trägheit der Natur und die Feigheit des Herzens der Aufnahme der Wahrheit entgegenstehen und bemüht die Kunst als Werkzeug, um den Menschen wieder ins Gleichgewicht zu bringen – im Spieltrieb. „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Oder, wie Manfred Osten es beschreibt: „Es müsse … künftig alles getan werden, den ratiohörigen homo sapiens zu kompensieren durch den homo ludens, um ihn zu entbarbarisieren.“

Wie weit wir davon entfernt sind, erzählt durchaus spielerisch das Werk von Jenny Erpenbeck. Ich versuche, wenigstens einen Teil der Tradition und des Horizonts vor Augen zu führen, vor dem Jenny Erpenbeck ihren Blick auf das 20. Jahrhundert und seine Menschen entfaltet. Schillers Satz, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt, verweist u.a. auf das Kind, das noch in der Lage ist, sich selbstversunken voll und ganz dem Spiel zu widmen. Identisch mit seinem Denken, Fühlen und Wollen, in seinen Möglichkeiten noch uneingeschränkt und von keiner Erziehung verbogen. Erziehung ist das Stichwort, jetzt nicht im Schillerschen Sinn als Befreiung und Menschwerdung, sondern ganz im Gegenteil: Das Kind als Objekt der Ein- und Anpassung, den Interessen der Erwachsenenwelt gnadenlos ausgesetzt – das ist in Jenny Erpenbecks frühen Büchern Thema. „Erziehung“, so sagt sie, für mich nachvollziehbar, „ist ja auch eine Art Diktatur“.

Liest sich da Jenny Erpenbecks erster Roman „Die Geschichte vom alten Kind“ von 1999 nicht wie ein faszinierendes, aber auch schmerzhaftes Epos der Verweigerung? Das Kind verweigert sich der Fremdheit der Welt, ihren Spielregeln und Verabredungen, ihren Leistungsorientierungen und ihren Strafritualen, es verweigert sich der Gesellschaft, die es nicht zuletzt durch Sprache in ihre Ordnung zu zwingen versucht – es wehrt sich, indem es vergisst, und sich weigert älter zu werden! Damit sorgt es bei den Menschen, die es umgeben, für Irritation. Es ist ein ganz und gar ungewöhnliches Kind, von der Gesellschaft natürlich als krank angesehen. Regression – Flucht, Verweigerung und trotzdem auch Martyrium!
Wer erinnert sich nicht an den Satz: „Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist“ in Handkes Stück „Kaspar“. Aber sehr schnell kommen die Einsager zu Wort und bringen Kaspar zum Verstummen. Damit beginnt der Prozess der Manipulation und Abrichtung in die Ordnungs- und Denkschemata unserer Konsumwelt. Jenny Erpenbecks „Wörterbuch“ geht auf eine wahre Begebenheit während der Militärdiktatur in Argentinien zurück. „Vater und Mutter. Ball. Auto. Das vielleicht die einzigen Wörter, die heil waren, als ich sie lernte“ sagt ein 16jähriges Mädchen. Was in diesem Buch als Spracherziehung am lebenden Objekt beginnt, gibt sich sehr schnell als Albtraum in einem autoritären Land des ewigen Sommers zu erkennen, wo Eltern verschwinden, Schüsse durch die Straßen peitschen, die Büsten von Politikern geköpft oder neu aufgestellt werden und männliche Gewalt zum Alltag gehört. Es dürfte verständlich sein, dass man ein Kind in einer solchen Umgebung, um seine Verstörung nicht noch weiterzutreiben, mit Lügen zu beruhigen und vielleicht auch zu schützen versucht, was immer nur partiell gelingen kann, weil man ein Kind auf Dauer vor der Wahrheit von Gewalt nicht bewahren kann.

Jenny Erpenbeck hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass ihr Erwachsenwerden mit Vater, Mutter und Großeltern in Berlin in der DDR mit dem Spaß des Kindes am Leben verbunden war. Was man nicht mit der ungeteilten Zustimmung zu den Lebensverhältnissen in der DDR verwechseln darf! Aber dieses Aufwachsen unter privilegierten Verhältnissen, der Vater ist Physiker und Schriftsteller, die 2008 verstorbene Mutter war eine renommierte literarische Übersetzerin aus dem Arabischen, und die Großeltern die in der DDR bekannten Schriftsteller und Publizisten Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck – zu diesem privilegierten Aufwachsen unter Künstlern in einer als frei empfundenen Kindheit gehörte auch der häufige Besuch im Haus der Großeltern am Scharmützelsee im Osten Brandenburgs. Vor allem in den beiden letzten Romanen, „Heimsuchung“ und „Aller Tage Abend“, wird die autobiografische Grundierung spürbar.

Mehrdeutigkeit und Ambivalenz zeichnen gute Literatur aus. Schon ein Titel wie „Heimsuchung“ ist mehrdeutig. Bei der Ambivalenz geht es um die Erkenntnis, dass es in jedem Menschen ein Nebeneinander von gegensätzlichen und sich eigentlich ausschließenden Gefühlen, Gedanken und Aussagen gibt – die Gleichzeitigkeit von Liebe und Hass z.B.. Ambivalenz in der Literatur heißt, dass der Leser auf höchst widersprüchliche Menschen stößt, aus denen er nur schwer klug wird! Der Leser ist also zu einer eigenen Meinung und Haltung zu den Widersprüchen herausgefordert, mit denen er konfrontiert wird. Das gilt übrigens für alle Bücher von Jenny Erpenbeck, die mit jedem Buch einen größeren politischen und historischen Horizont ausschreitet und doch exemplarisch und immer konkret bleibt. Irritierenden und humorvollen Verlustanzeigen in einem sich verändernden Deutschland geht sie in dem Buch „Dinge, die verschwinden“ nach, vom Palast der Republik bis zum Autor.

Ursprünglich eine Kolumne in der FAZ, ein Thema, das dann aber auch in den folgenden Büchern mit Intensität wieder anklingt. Ob und wie etwas verschwindet, das ist eine Frage der Erinnerungskultur. In beiden späteren Romanen wird William Faulkners viel zitierter Satz lebendig: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“ Die Vergangenheit wirkt also in der Gegenwart fort. Nur in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit können wir erfahren, wie geworden ist, was wir heute vorfinden – und daraus vielleicht auch Schlüsse für das Morgen ziehen.
Einige Sätze zu dem Roman „Heimsuchung“. Das Buch ist der 1931 geborenen Berliner Jüdin Doris Kaplan gewidmet, die, elfjährig, 1942 mit ihrer Mutter im Warschauer Ghetto verschwand und offenbar dort ermordet wurde. „Heimsuchung“ handelt von der „Vertreibung ins Paradies“, wie ein kleines Mädchen im Roman sagt. Alle Personen, die in besagtem Haus am Scharmützelsee ansässig werden, suchen das Besondere, einen Ort, an dem man die Seele baumeln lassen kann, an dem sie bei sich sein können. Und stellen dann fest, dass die äußeren Umstände dem entgegenstehen, sich sogar als Heimsuchung herausstellen. Das Haus ist ein Paradies, fast eine Idylle, über die die Ereignisse der Geschichte hinweggehen und Spuren hinterlassen. Von den 20er Jahren der Weimarer Republik über das Dritte Reich, den Stalinismus, den Weltkrieg, die DDR bis zum Mauerfall und dem wiedervereinigten Deutschland – konkretisiert und individualisiert an einem guten Dutzend Menschen. Der ursprüngliche Besitzer des Grundstücks, der Dorfschulze, verkauft einen Teil seines Waldes am See. Das erste Drittel an einen Kaffee- und Teeimporteur aus Frankfurt an der Oder, das zweite an einen jüdischen Tuchfabrikanten aus Guben als Erbe für seinen Sohn; das dritte an einen Berliner Architekten, der dort ein Sommerhaus bauen will.

„Ja, mach nur einen Plan“, heißt es bei Brecht – die schönen Pläne gehen nicht auf. Der Sohn des jüdischen Tuchfabrikanten ist nach Kapstadt ausgewandert, hat angesichts der Entwicklung in Nazi-Deutschland kein Interesse mehr am Erbe. Seine Eltern haben 1940 zwar die Pässe für die Ausreise nach Südafrika noch gerade rechtzeitig bekommen, aber nicht mehr das nötige Geld, sie sterben bei Litzmannstadt im Gas. Der Architekt hat dann das Badehaus des Tuchfabrikanten 1940 zum guten Preis zu seinem Haus dazukaufen können, er hatte sich nach dem Krieg für die Ostzone entschieden, Heimat eben. Aber nachdem sein Unternehmen 1951 doch noch enteignet worden ist, besorgte er sich zum Einhalten des Plansolls aus dem Westen Deutschlands auf eigene Kosten eine Tonne Messingschrauben. Fünf Jahre mindestens drohen ihm dafür im Osten. Es bleibt nur die Flucht mit der S-Bahn nach West-Berlin. Später kommen andere Mieter, Käufer, Pächter und Besucher des Hauses dazu. Auch die Schriftstellerin Hedda Zinner und ihr Mann, der Theatermann und Publizist Fritz Erpenbeck. Sie waren in Moskau im Exil, später evakuiert nach Ufa in Baschkirien, wo der Sohn geboren wurde, Jenny Erpenbecks Vater. Hedda Zinner war Jüdin, beide waren Kommunisten, überzeugt von der Idee des Sozialismus, und wollten sich dafür in der DDR engagieren.

Im Roman ist Hedda Zinner nur die Schriftstellerin. Sie hat das Haus gepachtet. Und findet sich im Nachbarschaftsstreit mit dem Arzt aus dem Regierungskrankenhaus wieder. Vitamin B, gute Kontakte zur Nomenklatura haben ihn gestärkt, ihr gepachtetes Grundstück soll für seinen Seezugang verkleinert werden, das Badehaus soll weg. „Ich kehre heim“, schreibt sie wütend auf ihrer Schreibmaschine, „mit dieser Schreibmaschine hatte sie all die Worte getippt, die die deutschen Barbaren zurückverwandeln sollten in Menschen und die Heimat in Heimat“ Sie ist eine harte Frau, hart zu den im Lande Gebliebenen, hart zur eigenen Verwandtschaft, hart zu sich selbst. Über ihr Leben zwischen den tödlichen Richtungskämpfen unter den Genossen in Moskau erfahren wir einiges in „Aller Tage Abend“. Und was sie in der DDR erlebt und sieht macht sie auch nicht froh. „Die neue Welt soll die alte fressen, die alte wehrt sich, das Neue und das Alte wohnen beieinander im selben Körper. Wo viel verlangt wird, bleibt mehr aus“, schreibt Jenny Erpenbeck in ihrem hinreißenden Stil. Solche Sätze lassen in ihrer Fremdheit aufhorchen, klingen nach. Irgendwann, Jahre nach der Wiedervereinigung, übersteigt der Verfall des gepachteten Anwesens die finanziellen Möglichkeiten der Familie. Ein Investor hat Pläne, aber ein Erbe das Recht.

Zusammengehalten werden die locker miteinander verwobenen exemplarischen Geschichten voller Geschichte durch einen Gärtner, der, irgendwann auftaucht und ebenso verschwindet. In einem der kurzen Gärtner-Zwischenspiele wird festgestellt, dass die gen Berlin vordringenden Russen, das dürfte also 1945 gewesen sein, den gesamten Honigvorrat beschlagnahmen, und wörtlich heißt es dann: „Zu dieser Zeit hat der Kartoffelkäfer in gegenläufiger Bewegung zur Marschrichtung der Rotarmisten die Sowjetunion bereits erreicht und schickt sich an, die Kartoffelfelder, die von den Deutschen verschont geblieben sind, leerzufressen.“ Diese und andere Szenen des Romans konterkarieren das aufscheinende Elend. Neben der Tragödie steht die Farce! Ein Prolog mit einer kurzen Vorgeschichte bis weit in die Eiszeit relativiert das Leben im und um das Haus am Scharmützelsee in seiner Zeitlichkeit der menschlichen Existenz. Ein Epilog gibt vom Abriss des Hauses Kunde.
Der Roman als Spurensuche und Verlustrechnung. Trotzdem ist da bei allem menschlichen Elend auch Platz für Charme und Witz, für verhaltene Melancholie und manchmal auch Spott. Die Sprache ist widerborstig bis zur Groteske. Sie verweigert sich dem leichtläufigen Zugang.

Warum ein Kind von Eltern behütet in Liebe und Frieden aufwächst, während ein anderes sich ohne Eltern in Südafrika oder Serbien als Kindersoldat durchschlagen muss – warum ein geliebter Mensch stirbt und ein verhasster hundert Jahre alt wird – Jenny Erpenbeck würde sich dagegen wehren, das Schicksal als Erklärung zu bemühen, weil meistens eine nachträgliche Sinngebung dahinter zu vermuten ist. Wahrscheinlich würde sie, wie Robert Musil es mal formuliert hat, das nüchterne Prinzip des unzureichenden Grundes als Argument akzeptieren. Es geht um Willkürlichkeit, gelegentlich auch um Zufall, um Kontingenz, auch um die Nicht-Berechenbarkeit menschlichen Verhaltens. Musil entwickelte daraus den Möglichkeitssinn, Mit den Worten Musils: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als eine Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist.“ Die Idee ist, die Hermetik und nachgetragene Logik der Fakten und Daten, die offizielle Biografien- und Geschichtsschreibung, zu hinterfragen und aus der historischen Erstarrung neu lebendig werden zu lassen. Auf diese Weise wird die im Rückblick als logisch erscheinende Folgerichtigkeit des Ablaufs eines Lebens in Frage gestellt, werden neue Dimensionen hinzugewonnen. Der Leser nimmt teil an auf- und anregenden literarischen Exkursionen, in denen historische Wirklichkeit als Prozeß erfahrbar wird. Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ ist ein Buch, das diesem Prinzip folgt. Wie übrigens auch ihre im Buch vorliegenden zwei Theaterstücke, „Katzen haben sieben Leben“, hier steckt der Möglichkeitssinn schon im Titel, und „Schmutzige Nacht“.
In bisher sieben gar nicht so umfangreichen, aber gewichtigen Büchern dokumentiert das in rund 20 Sprachen übersetzte Werk faszinierende und irritierende literarische Einlassungen auf die schmerzhafte Erfahrung des zunehmenden Fremdseins oder Fremdwerdens in dieser Welt. Und des sich selbst Fremdwerdens unter dem Druck der Veränderungen und der Verhältnisse. Es sind immer Mädchen oder Frauen, die sich als Heldinnen des Eigensinns dem gedankenlosen Funktionieren und Mitmachen entgegenstellen oder die Verhältnisse unterlaufen.
Die Bücher dokumentieren eine formale und inhaltliche Terrainerweiterung, die ihren bisherigen Höhepunkt im letzten Roman findet, in „Aller Tage Abend“. Der Roman öffnet sich dem 20. Jahrhundert bis in die Orte und Landschaften, in denen das Jahrhundert von den Menschen erlitten wurde. Ein Politologe hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Zahlen der Kriegstoten und der durch Massenmorde umgekommenen Menschen allein im 20. Jahrhundert zusammen etwa 292 Mio. Tote ausmachen – diese Zahl liegt auf jeden Fall höher als die Zahl aller Kriegstoten und aller durch Terror, Massenmord und Verbrennungen ums Leben gekommenen Menschen vom 6. Jahrhundert vor Christus bis zum 19. Jahrhundert unserer Zeit. Was ist los mit der Menschheit, dass sie das mit sich machen lässt? Der Tod ist interessant im Hinblick darauf, wie vorher gelebt wurde. Das verweist darauf, dass wir uns bei der Spurensuche nach den Ursachen des gegenseitigen Tötens noch intensiver in die Geschichte und in die Geschichte der Ideologien begeben müssen, als wir es sowieso schon tun – wohl wissend, wie Kirkegaard es mal formuliert hat, dass das Leben zwar nach vorne gelebt, aber nach hinten verstanden wird. Bei Jenny Erpenbeck erfahren wir dazu einiges!

Auch dieser Roman „Aller Tage Abend“ ist mit 285 Seiten vom Umfang her überschaubar. Gleichwohl ein literarischer Parforceritt. Als Motto steht ihm ein Zitat aus W.G. Sebalds letztem Buch, dem Roman „Austerlitz“ voran. Ein Satz seiner Mutter, 1939 in Prag gesprochen zur Nachbarin: „Noch im vergangenen Sommer sind wir von hier nach Marienbad gefahren. Und jetzt, wohin fahren wir jetzt?“ Austerlitz ist im Jahr 1939 von seiner Mutter in einen Kindertransport nach London gesetzt worden. Sie selbst kam 1942 nach Theresienstadt und wurde 1944 im Osten ermordet. Die Spur von Austerlitz‘ Vater verliert sich in einem Internierungslager in den Pyrenäen.,
„Aller Tage Abend“ ist ein Buch über den Tod, der in der Regel aus männlicher Gewalt erwächst. Viermal stirbt die Protagonistin, bevor ihr Leben mit 90 Jahren endgültig zu Ende geht. Ein Thema mit Variationen durch die Epochen des Jahrhunderts. Vielleicht kann man den Roman als eine Art Requiem bezeichnen. Denn der Tod holt nicht nur die Hauptfigur immer wieder ein. Rechts und links neben ihr hält der Tod ebenfalls reiche Ernte.
Der Roman besteht aus fünf Teilen, als Bücher bezeichnet, dazwischen vier Intermezzi, Zwischenspiele also – ein Hinweis auf die musikalische Struktur!
Das erste Buch erzählt auf gerade mal 65 Seiten vom Auflösungs- und Zerstörungsprozess einer jüdischen Familie während der Habsburger Monarchie im ostgalizischen Brody, der Joseph-Roth-Stadt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Am Beispiel von drei Generationen – von den jüdisch orthodoxen Großeltern bis zur Enkelin, die gegen deren Willen einen Goj, einen katholischen Christen, geheiratet und jetzt, siebzehnjährig, ihr Baby verloren hat. Der Tod ist der Ausgangspunkt, von dem aus in kurzen und kürzesten Vor- und Rückblenden das ärmliche, angefeindete und zerstrittene Leben dieser Familie zwischen jüdischem Ghetto, kleinstädtischer Enge, orthodoxen Riten und religiösen Ressentiments ins Licht gerückt wird. Polnische Christen haben bei einem Progrom das jüdische Familienoberhaupt ermordet. Ein zentrales Bild, das sich einbrennt. Außerdem hat ein Steinwurf den neunten Band der familiären Goetheausgabe beschädigt. Das Profane und das Existenzielle, das Erhabene und das Hässliche stehen unmittelbar nebeneinander! Aus dem Gefälle erwächst mancher gallige Witz, der buchstäblich im Halse stecken bleibt. Es ist der ganz konkrete Alltag der Menschen, die in den Widersprüchen dieser vielfach geschundenen, bekriegten, besetzten, immer neu aufgeteilten und sich gegenseitig aufhetzenden Vielvölkerregion leben. Der Bahnbeamte elfter Klasse, der christliche Vater des Babys, nutzt den Tod für die Flucht aus dem jüdischen Umfeld in die USA. Als der Großvater stirbt, müssen Tochter und Mutter versuchen, die schwere Arbeit im Kolonialladen ohne Männer zu bewältigen. Ein Offizier verführt die Tochter, hinterlässt ihr Geld und weitere Interessenten, woraus ihr ein aufgezwungenes, heimliches Gewerbe zuwächst. Am Ende des ersten Buches verlässt die Tochter Brody, um, wenn schon, denn schon, in der nahen galizischen Metropole Lemberg ihre Arbeit als „Heiße von Lemberg“ einträglicher zu gestalten. Schon das erste Buch konfrontiert den Leser mit einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen, sozialen, religiösen und auch familiären Gewaltverhältnissen. Am Ende die Sätze: „Was unter anderen Umständen die Glieder einer Familie hätten sein oder werden können, ist nun so weit auseinandergerissen, dass eine Zerteilung mit Pferden dagegen wie nichts ist. „

Man kann die einzelnen Bücher nicht nacherzählen, weil es eine Handlung im klassischen Sinn nicht gibt. Es werden Zustände gezeigt, aber nicht wirklich auserzählt, der Leser wird in den Prozess des Entstehens und Verstehens einbezogen. Es handelt sich hier um eine gestische Sprache. Vor allem Walter Benjamin und Bert Brecht haben sich mit gestischer Sprache befasst, mit der Dramaturgie der Sprünge, der wechselnden Rhythmen. Es geht darum, die Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit der Sprache auszuschöpfen, den Text gegen die Glätte des Gekannten und Erkannten, des Abgegriffenen und Vorgegebenen in der Sprache aufzurauhen, sie widerständig und damit den Text brüchig zu machen – damit auch ein Stück weit fremd. Dazu dienen auch diverse Zitate aus Gedichten, die eingefügt werden, vielfach von Goethe; jiddische Sätze, vor allem die Älteren in der jüdischen Familie sprechen gelegentlich Jiddisch; es gibt auch Motive aus der rabbinischen Literatur oder der Bibel, Lebensweisheiten, Kinderverse, ein Satz des Orakels von Delphi oder von Robespierre oder Sätze aus der griechischen Mythologie, literarische Fundstücke aus alter Zeit oder aus dem Liederbuch der sozialistischen Jugend – all das dient zur direkten oder indirekten Kommentierung, gelegentlich auch zur Ironisierung der rudimentären Handlung, oder, wie das Jiddische, zur atmosphärischen Verdichtung – immer aber auch als zusätzliches Material zur Erweiterung des Themas.

Die Intermezzi stellen eine Verbindung zwischen den Büchern her. In der Form des Irrealis wird das vorherige Buch hinterfragt und das nächste als alternative Möglichkeit daraus entwickelt: „Hätte …die Mutter oder der Vater in der Nacht das Fenster aufgerissen, hätte eine Handvoll Schnee vom Fensterbrett gerafft und dem Kind unters Hemd gesteckt, dann hätte das Kind vielleicht plötzlich wieder angefangen zu atmen…“ Dann wäre vier Jahre später auch die kleine Schwester geboren worden und die Großmutter hätte der jungen Familie eine Reise nach Wien geschenkt, wo der Vater, der nun nicht in die USA geflohen wäre, einen Studienkollegen getroffen hätte, der sich zumindest beruflich für ihn in Wien verwenden würde. Usw.
Das zweite Buch beginnt im Jahr 1919 in Wien und belegt die im Intermezzo angedeutete Zukunft. Die Familie kommt vom Regen in die Traufe. Das verstorbene Baby ist inzwischen 17, so alt wie bei seinem Tod seine Mutter. Der Vater hat hier eine kaum besser bezahlte Stelle im Meteorologischen Institut. Am meisten beschäftigen ihn steirische Erdbeben des vergangenen Jahrhunderts – es scheint nicht mal mehr der Boden unter den Füßen noch sicher zu sein! Seine 17jährige Tochter hat inzwischen eine 13jährige Schwester. Die Schwestern stehen nachts an für das Nötigste oder klauben auf, was die Gemüsehändler wegwerfen. Die Armut in Wien ist bitter, der Judenhass nicht geringer als in Brody. Wien, nach vier Jahren Krieg, eine verwilderte Stadt. Die Freundin der älteren Schwester stirbt an der Spanischen Grippe. Der Straßenbahnwagen 7031 fährt nachts die Toten in Spezialfächern zum Zentralfriedhof. Und die Freundin legt sich zum Freund der verstorbenen Freundin, Trost brauchen beide. In Vor- und Rückblenden die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Elend. Zahlreiche Perspektivwechsel. Deshalb immer wieder die Frage: wer spricht! Der Leser ist gefordert! In diesem Buch stirbt die des Lebens müde ältere Schwester durch den Schuss eines liebeswirren Medizinstudenten. „Dann aber“, so geht es weiter, „klingelt der Vetter, der noch niemals zu Besuch gekommen ist, nur um zu sagen, dass. Ja, was denn? Dass die Großmutter noch am Abend desselben Tages, an dem sie vom Tod der älteren Enkelin erfahren hat, die Treppe hinuntergestürzt und, wie der Vetter es ausdrückt, unglücklich gefallen und, nun, sie wüssten wahrscheinlich schon, was er meine. Die Mutter steht auf und stellt die schmutzigen Teller übereinander.“ Und es stirbt ein Jahr später, am 2.12. 1920, auch der Vater – an Herzmuskelschwäche sagt der Arzt, am Krieg meint die Tochter.

Noch eine Ergänzung zu literarischen Zitaten und Erweiterungen des Materials: An zentraler Stelle in der Mitte des Romans, am Ende des 2. Buches, gibt es in der Wohnung der verstorbenen Großmutter für die Tochter ein Wiedersehen mit der Goetheausgabe der Familie. Die erinnert die Tochter an einen Besuch auf den billigsten Plätzen im Burgtheater bei Goethes Schauspiel „Iphigenie auf Tauris“, das ihr Herz getroffen hat. Iphigenie gelingt es durch Menschlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit nicht nur die Gewaltverhältnisse mit Menschenopfern für die Göttin Diana auf Tauris zu beenden. Sie kann auch König Thoas davon überzeugen, ihr freies Geleit zu geben für die ersehnte Rückkehr in die griechische Heimat. Dieses menschliche Herz mit Durchsetzungsvermögen lässt auch die Götter nicht kalt. Sie heben den Tantalidenfluch, mit dem ihre Familie belegt ist, auf und retten so auch Iphigenies zum Mörder gewordenen Bruder Orest. Also: Mitten im Roman Goethes Kritik an Gewalt, Krieg, Mord und Verbrechen. Es sind die Frauen, die die Sprache haben und den Weg weisen.
Nicht nur das Was gesagt wird, auch das Wie ist wichtig. Wer nach einer Sprache sucht, die zugleich zeigt, was gemeint ist, also ein Bild findet für das, was er sagen will, der liefert mehr als nur akustische Information. Extremen Formen des brüchigen, indirekten, eher verbergenden als offenbarenden Redens spielen eine große Rolle im 3. Buch, im Moskau-Kapitel im Zentrum der Kommunistischen Bewegung und des europäischen Exils. Denn fast alles, was dort verhandelt und kontrolliert wird, ist geheim.
Hier ist seit 1935 die ältere der beiden Schwestern im Exil, bereits 1920 in Wien der KPÖ beigetreten. Über Prag ist sie 1935 mit ihrem Mann nach Moskau gekommen. In Moskau ist das Leben als Kommunist lebensgefährlich. Linkssektierer, Trotzkisten oder Bucharinisten, werden massenhaft zum Tode verurteilt. Schon wen man auf der Straße trifft, mit wem man spricht, macht einen verdächtig. Jeder versteckt sich hinter einem Pseudonym. Denunziation unter den Genossen ist an der Tagesordnung. „Gehörte Lenin auch schon zu den Verfemten?“, fragt sie sich, „war er vielleicht, als sie den Tee holen ging, noch ein Klassiker, und als sie mit der Tasse in der Hand zurückkam, schon ein Verbrecher?“ Wir sind mitten in der Stalin-Zeit. Eine Satz wie „Hätten die Kommunisten die Frontlinie nicht zwischen sich und der Sozialdemokratie gezogen, sondern mit den Sozialdemokraten eine Front gegen die Nazis gebildet, hätte es keine Mehrheit gegeben für Hitler“, konnte einen Genossen den Kopf kosten. Der Satz galt erst dann als richtig, wenn die Partei ihn sich offiziell zu eigen gemacht hat. Ihr Mann wird verhaftet. Und auch sie wird abgeholt. Oder träumt sie das? Jeder muss durch das Höllenfeuer von Kritik und Selbstkritik. Verdächtigt, eine trotzkistische Spionin zu sein, stirbt sie in der arktischen Kälte eines Straflagers. Aber wäre das alles so vorgefallen, erfahren wir im Intermezzo, dann wäre sie nicht bei der Moskauer Zeitschrift „Internationale Literatur“ als Übersetzerin für sowjetische Lyrik eingestellt worden. Die Nierenbeckenentzündung erweist sich in Ufa, wohin sie vor den deutschen Luftangriffen auf Moskau evakuiert wird, als Schwangerschaft im sechsten Monat. Nach dem Krieg geht sie auf Einladung der Genossen mit dem Kind nach Berlin zurück, um beim Aufbau der DDR zu helfen und als Schriftstellerin ihren Beitrag zum Neuanfang zu leisten. Nun also SED, erstes Theaterstück, literarische Erfolge.

Buch IV handelt vom Tod und der Beerdigung der inzwischen erfolgreichen Schriftstellerin kurz vor Vollendung ihres sechsten Lebensjahrzehnts in Berlin. Das dazugehörige Intermezzo erzählt von der Wende – „was bisher ein Leben hieß, heißt nun ein vierzig Jahre langes Warten, was sich endlich gelohnt hat“. Das Kind der Verstorbenen ist inzwischen ein Mann, hat Frau und zwei Kinder, den großen Sohn und die kleine Tochter, das dürfte Jenny sein. Es gehört auch noch seine Mutter dazu, von den Toten wieder auferstanden, aber sehr alt. Ihr Sohn besucht sie regelmäßig am Sonntag um vier. Sie sitzt gelegentlich schon mal im Nachthemd am Bordstein und weint.

Buch V ermöglicht einen Blick ins Pflegeheim, wo die inzwischen aggressiv demente, aber sporadisch klare Dame jetzt Frau Hoffmann heißt, ein in Galizien häufiger Name. Sie wird von den Albträumen und Ängsten ihres Lebens eingeholt. „Pro Minute werden jeweils zehn Häftlinge erschossen.“ erinnert sie und zählt jeden einzelnen mit. Das vierfache Leben der Frau Hoffmann geht zu Ende, sie wird 90. „Wir haben uns vorgenommen, wir werden es alles machen. Und dann ist es so armselig geworden“ murmelt sie vor sich hin, aber es hört keiner mehr zu. Bei ihrem Geburtstag erzählt die alte Frau von ihrer Angst davor, dass die Spur verloren geht. „Ich weiß nicht mehr, woher und wohin.“ Wenn die Vergangenheit verschwunden ist, zählt auch die Zukunft nicht mehr. Auch davon handelt der Roman. Am Tag nach ihrem 90. Geburtstag starb sie.

Meine Damen und Herren, „Aller Tage Abend“ ist ein großer Roman über den Tod – aber vor allem auch ein Buch über unsere Gegenwart, unsere Geschichtsvergessenheit, unseren Utopieverlust – oder ist es nicht sogar ein freiwilliger Utopieverzicht? Ein völliges Sich-Einrichten in den Ablenkungen aus Arbeit und Unterhaltung, begleitet von einem wohligen Gefühl der zunehmenden Ohnmacht? Ein Buch auch über das Verschwinden – von Ländern, von Landschaften, von Menschen sowieso, von Häusern, von Wörtern und Sprache überhaupt, von Solidarität, von Menschlichkeit, von Ruhe und Gelassenheit, von vielen Werten, die das Zusammenleben der Menschen erleichtert haben! Es ist ein Buch über Gewaltverhältnissen – nicht zuletzt zwischen Männern und Frauen. Assoziativ fallen mir neben den schon Genannten Klassikern auch die Erzählungen von Marieluise Fleißer dazu ein, Brechts kaukasischer Kreidekreis, Heiner Müllers „Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessings Schlaf Traum Schrei“, George Taboris abgründige Farcen. Die Bücher von Jenny Erpenbeck sind politisch brisante, herausfordernde Sprachkunstwerke in der Tradition der literarischen Moderne. Das gilt in besonderer Weise für den Roman „Aller Tage Abend“, der Adornos Diktum von Literatur als „Gedächtnis des akkumulierten Leidens“ in herausragender Weise bestätigt.

Neumünster, 13.3.2014

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erstellt am 19.3.2014

Jenny Erpenbeck (Screenshot)
Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck
Aller Tage Abend
Roman
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 288 Seiten,
ISBN: 978-3-8135-0369-2

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Jenny Erpenbeck: Mit jedem kleinen Schritt, den man tut, kommt ein ganzes Universum hinten nach. © InterviewLoungeTV