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Auch junge Dirigenten sind bestenfalls Animateure zeitgenössischer, zumeist aber Reanimateure klassischer Musik. Thomas Rothschild spricht dem Letten Andrís Nelsons, der in Wien mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra auftrat, alle belebenden Fähigkeiten zu.

Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra

Lettisch-britische Freundschaft

Von Thomas Rothschild

Als Claudio Abbado starb, wurden Stimmen laut, wonach mit ihm die „großen Dirigenten“ endgültig ausgestorben seien. Die Überlebenden von Harnoncourt über Jansons bis Thielemann dürften derlei Respektbezeugung für den Dahingeschiedenen wenig goutiert haben. Aber wie die meisten Endzeitdiagnosen ist die bezüglich der Dirigierkunst wohl ohnedies eher eine rhetorische Volte als ein ernst zu nehmender Befund. Es gibt nach wie vor „große Dirigenten“, und es wachsen stets neue nach. Wer möchte Gift darauf nehmen, dass man ihre Namen nicht einst mit der gleichen Bewunderung (und der gleichen Verklärung) nennen wird wie heute Toscanini, Furtwängler, Klemperer, Bernstein oder eben Abbado.

Unter den jüngeren Dirigenten hat in den vergangenen Jahren ein Landsmann von Mariss Jansons höchstes Lob erfahren: der 1978 geborene Andrís Nelsons, dessen steile Karriere vorläufig beim angesehenen City of Birmingham Symphony Orchestra Halt macht, das er, als mittelbarer Nachfolger von Simon Rattle, seit 2008 leitet. Ab Herbst wird Nelsons das Boston Symphony Orchestra leiten. Zur Zeit reisen das Orchester aus Birmingham und sein Chefdirigent durch halb Europa, begleitet von zwei Damen, die die Verringerung der Kluft zwischen Spitzenkünstlerin und Model maßgeblich in die Wege geleitet haben: Hélène Grimaud und Anne-Sophie Mutter. Im Gepäck führen sie Stücke von Beethoven, Brahms, Prokofjew, Strawinsky und Richard Strauss mit sich.

Igor Levit
Igor Levit

In Wien allerdings hat Hélène Grimaud am Tag des Konzerts und ohne Angabe von Gründen abgesagt. Auch so kann man seine Wertschätzung für das Publikum beweisen. Dieses freilich demonstrierte auf imponierende Weise, dass es nicht auf Stars fixiert ist, dass ihm künstlerische Qualität nicht weniger gilt als große Namen. Es jubelte nach Beethovens 4. Klavierkonzert Igor Levit zu, der im letzten Moment für die kapriziöse Dame eingesprungen ist. Und in der Tat: es war nichts weniger als bloß Ersatz. Der 27jährige Russe, der seit seiner Kindheit in Deutschland lebt, setzt auf Klarheit, nicht auf Kraft, auf Lyrik, nicht auf Dramatik. Und damit befand er sich in völliger Übereinstimmung mit dem CBSO und mit Andrís Nelsons. Der zweite Satz etwa endete mit einer klanglichen und dynamischen Harmonie, als hätten Orchester und Solist tagelang mit einander geprobt.

Nach der Pause: Prokofjews „Romeo und Julia“. Hier nun zeigte sich Nelsons von der vitalen Seite. Hatte er Beethovens Konzert fast intim, introvertiert aufgefasst, so gab er nun dem Ballett, was des Balletts ist, die große Geste. Und tatsächlich: es bedarf dafür keiner Tänzer. Man sah sie vor dem geistigen Auge. Die Musik dieses Orchesters war mit jedem Takt Tanz, kontrastreich, mit Sprüngen und gleitenden Bewegungen, mit Solisten und Ensembles. Dass dabei keine der Instrumentengruppen durchhing, nicht die Blech- und Holzbläser und nicht die Streicher, nicht die Perkussionisten und nicht das Klavier, kam dem raffiniert instrumentierten Stück entgegen. Andrís Nelsons hat für sein Konzert aus den zwanzig Stücken der drei Suiten, die Prokofjew aus seiner Ballettmusik zusammengestellt hat, eine eigene zehnteilige Suite angeordnet. Die Folge schien durchaus logisch, wenngleich nicht zwingend, passte aber formidabel in den Zeitrahmen eines halben Konzerts, das sein nicht eben jugendliches Publikum nicht überfordern will.

Das Violinkonzert von Johannes Brahms – das populärste Exemplar dieser Gattung neben den Violinkonzerten von Beethoven, Mendelssohn Bartholdy und Tschaikowski – muss Anne-Sophie Mutter wohl im Schlaf spielen können. Brahms gehörte von Anfang an zu ihrem Repertoire, und ihre Aufnahmen mit Karajan und Masur liegen in zahllosen Neuauflagen vor. Da kann nichts schief gehen. Eine Überraschung freilich ist bei diesem so vertrauten Werk selbst mit Nelsons nicht zu erwarten.

Dann aber, bei einer weiteren Ballettmusik, läuft der lettische Dirigent zu Höchstform auf. Strawinskys „Petruschka“, 24 Jahre vor „Romeo und Julia“ entstanden, aber weitaus gewagter und moderner als Prokofjews Ballett, wird zu einem Rausch der Klangfarben und der rhythmischen Akzente. Die Beschwörung von visuellen Eindrücken durch Musik scheint Nelsons ebenso zu liegen wie der Humor, den Strawinskys Komposition in sich birgt. Er dirigiert nicht – er inszeniert, und der Wiener Musikverein verwandelt sich in einen russischen Jahrmarkt.

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erstellt am 19.3.2014

Andrís Nelsons und das City of Birmingham Symphony Orchestra

Andrís Nelsons