Es gibt Musik, die nach dem Hörer greift; und es gibt welche, die entdeckt sein will wie ein Mauerblümchen. Ebenso unterschiedlich muß sie gehört und gespielt werden. Hans-Klaus Jungheinrich beschreibt das genauer anhand der Gesamteinspielungen der Klavierwerke von Heinrich & Elisabeth von Herzogenberg, Domenico Scarlatti und der Klavierkonzerte von Johannes Brahms.

cd-kritik

Was das Klavier erzählt

Die Herzogenbergs, Scarlatti und Brahms in neuen Aufnahmen

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Mit ihrer These, die Tempi heutiger Klassiker-Interpretationen tendierten allesamt zur Verhetztzeit, erregte die Pianistin und Musikologin Grete Wehmeyer (gestorben 2011) gegen Jahrtausendende in der Musikwelt einiges Aufsehen. Äußerte sich da bloß das vitale Decrescendo einer alterfahrenen Klavierspielerin, die mit dem flagranten Zuwachs an professioneller Virtuosität bei den Jüngeren nicht zurechtkam? Hängte sie sich an die modische „Entdeckung der Langsamkeit“ (Sten Nadolny) an? Grete Wehmeyers Einspruch, vehement und mit Sprachmacht vorgetragen, entbehrte wohl nicht eines Körnchens Wahrheit. Nicht nur die Pop-Kultur der Superstars und Groß-Events bewegt sich im Hamsterrad des Überbietungszwangs. Wachstum, die Zauberformel der global herrschenden ökonomischen (Un-)Vernunft, deren Gültigkeit bis zum – vielleicht apokalyptischen – Gehtnichtmehr ungebrochen zu sein scheint, bildet sich derart auch in den künstlerischen Praktiken ab. Die Musik betreffende Indizien waren die stetige Erhöhung des Kammertones zwecks Erreichung einer gesteigerten Klangbrillanz und eben das kontinuierlich aufs „Gasgeben“ drängende moderne Tempogefühl. Ablesbar etwa auch an den Menuetten der Haydnsymphonien, noch vor einem halben Jahrhundert gewöhnlich in Dreierschlägen dirigiert, heute durchweg ganztaktig. Nahezu paradox verband die „originale“ Aufführungspraxis niedrigere Stimmung mit rascheren Tempi. Versuche von interpretatorischer „Entschleunigung“ scheinen also nicht ganz irrelevant; indes darf man ihre kompensatorische Wirkung auch nicht überschätzen. Wir können dem Zeitgeist nicht entrinnen, ohne selbst aus der Zeit zu fallen.

Auch die serbische Pianistin Natasa Veljkovic macht sich in ihren klugen und liebenswert persönlichen Anmerkungen zu ihrer Gesamteinspielung der Klaviermusik des Ehepaares Heinrich & Elisabeth von Herzogenberg Gedanken über die Wohltätigkeit einer sozusagen symbolischen Pulsverlangsamung. Für sie knüpft sich das vor allem an die überwiegend lyrisch gestimmte Poetik dieser brahms-nahen Tondichter aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es liegt nahe, sie als typische Repräsentanten einer „Welt von gestern“ (mit Stefan Zweigs berühmtem Buchtitel formuliert) zu sehen, weil sie eben keiner in die Zukunft stürmenden Fraktion (etwa der „neudeutschen“ liszt-wagner’schen) angehörten, sondern, wie die Mendelssohnisten, wie Max Bruch und Felix Draeseke und in Frankreich vor allem Camille Saint-Saens, im konservativen Geiste agierten. Diesen verkörperte Brahms auf gewaltigere und auch doppelsinnig-weiterwirkende Weise, während die Herzogenbergs mehr im Kleinmeisterlichen verblieben. Die gleichsam mittlere „Genialität“ mit der Aura des Bedächtig-Stimmungsvollen und der empathischen Geduld zu verbinden, ist ein origineller Ansatz. Pianistisch realisiert Natasa Veljkovic das auf unbestechlich-feinsinnige Weise und ohne jegliche Einbuße an manueller Kompetenz. Die ein wenig zurückgenommene Spielart ist unmissverständlich eine „artifiziell“ begründete Annäherung, niemals Sache der Bequemlichkeit.

Drei prall gefüllte CDs mit vier Stunden Musik – da offenbart sich ein auf seine Art immenser klavierpoetischer Kosmos oder – um es mit dem Timbre Natasa Veljkovics zu sagen – ein großer, stiller Garten. Es überwiegen kleine und mittlere Formate, oft zu mehr additiven als zyklischen Einheiten zusammengefasst. Die Titel streifen gelegentlich die Schumann-Sphäre (Vier Phantasiestücke, Phantastische Tänze), ohne dann doch literarisierende Inspirationen auszudrücken. Verschiedentlich beschäftigt sich Heinrich mit strengen oder altmeisterlichen Formen (Variationen, Fugen und Fughetten), aber das gehörte in der Mendelssohn/Schumann-Nachfolge zum Standard. Größere idiomatische Unterschiede zwischen den Werken des Ehepaares sind nicht merklich; Elisabeths Acht Klavierstücke sind ähnlich von frischer Melodiosität erfüllt und formal „rund“ wie die Piècen von Heinrich. Das alles anhören, ist – da darf man die Pianistin paraphrasieren – ähnlich wie durch ein umgedrehtes Fernglas schauen.

Ganz anders die Klaviererzählungen Domenico Scarlattis in der Lesart des deutschen Pianisten Christoph Ullrich, der sich vorgenommen hat, bei Tacet sämtliche 55 Sonaten des neapolitanischen Meisters einzuspielen. Dass er dabei ein modernes Instrument benutzt und kein der Entstehungszeit entsprechendes Tasteninstrument, hat gute Gründe. Der Cembalo-Scarlatti zeigt zweifellos eine eher „historisierende“ Konnotation. Scarlatti, als Pionier der neuzeitlichen Tastenmusik dem Bach der Suiten, Partiten und des „Wohltemperierten Klaviers“ gleichrangig, kann aber auch legitim dargestellt werden als der Begründer eines Instrumentalcharakters, der in vielerlei morphologischen Kurven bis zur spätromantischen und modernen Pianistik reicht. Lapidar gesagt: Domenico Scarlatti, der zeitliche und poetologische Antipode zu Skrjabin. Dort äußerste Konzentration und Phantasiereichtum bei minimaler Variabilität der formalen Gestalt. Hier Entgrenztheit, Verflüssigung, Hang zur Exaltation, narkotische Lebenssteigerung. Ullrich betont das Gezirkelte, Gefasste dieser in sich perfekten Gebilde, die unter dem Anschein mechanischer Abläufe ein hohes Maß an figurativem Variantenreichtum entfalten. Seine gestochene, akribische Diktion hat selbstverständlich nichts von dem schwesterlich-nostalgischen Gestus des Veljkovic’schen Sich-Hinabbeugens auf die Musik der Herzogenbergs. (Auf 2 CDs ist nun im ersten Anlauf etwa ein Zehntel dieses Werkblocks ediert).

Das wäre auch gründlich verfehlt angesichts einer Musik, deren Originalität und Grandeur ihresgleichen sucht. Domenico Scarlatti, anders als sein Komponistenvater Alessandro, war einer der dezidiertesten Monomanen der Kompositionsgeschichte. Sein Ruhm fokussiert sich auf einen noch viel kleineren Bereich als etwa derjenige Chopins; fast durchweg folgen seine Sonaten oder Essercizi dem Prinzip einer zweiteiligen, mit Durchführungs-Elementen „stimmig“ gemachten Faktur. Die Fünf-Minuten-Grenze wird selten überschritten. Domenico Scarlatti war übrigens nicht nur ein Generationsgenosse von Bach und Händel, sondern wurde auch exakt im selben Jahr 1685 wie diese geboren. Solch ein Glücksjahr für die Musik hat es wohl sonst niemals gegeben.

Nach den Ausflügen in die wenig bekannten und weitläufig auszumessenden Gefilde der Herzogenberg- und Scarlatti-Oeuvres können wir abschließend kurz einkehren bei alten Freunden, den beiden Klavierkonzerten von Brahms, die zu den großen, unerschöpflichen gehören, die bei aller Vertrautheit immer wieder Aspekte einer umwerfenden, überwältigenden Beredtheit bereithalten. Zumal, wenn sie von Hélène Grimaud dargeboten werden (zusammen mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Andris Nelsons). Jede Epoche, sagte Leopold von Ranke, sei „unmittelbar zu Gott“. Ebenso möchte man behaupten, dass alle zehn, zwanzig Jahre eine Interpretation dieser Brahms-Meisterwerke entsteht, der man Unumstößlichkeit zumessen kann. Hier ist eine davon. Tagesaktuell und doch in ihrer Art unvergänglich.

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erstellt am 15.3.2014

Heinrich & Elisabeth von Herzogenberg
Complete Piano Works
Natasa Veljkovic
cpo 777 789-2

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Domenico Scarlatti
Complete Piano Sonatas, Vol.1
Christoph Ullrich, Piano
Tacet 199

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Johannes Brahms
Klavierkonzerte d-moll und B-Dur
Hélène Grimaud, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Wiener Philharmoniker, Leitung: Andris Nelsons
Deutsche Grammophon 479 1058

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