Vor 43 Jahren musste Rafik Schami Syrien verlassen. Die von ihm 1965 gegründete Wandzeitung Al-Muntalek war inzwischen verboten worden. Früh hat sich Schami aktiv mit den schwierigen Herrschaftsverhältnissen in seiner Heimat auseinandergesetzt und deren Entwicklung aus der Ferne weiterhin kritisch beobachtet. Im Faust-Gespräch mit Andrea Pollmeier beschreibt er seine Erfahrungen aus der Entstehungszeit der Assad-Diktatur und erläutert innen- wie außenpolitische Hintergründe, die zur katastrophalen Entwicklung der Revolution beigetragen haben.

Interview mit Rafik Schami

»Die Zeit der Versöhnung ist vorbei«

Die gegenwärtigen Medienberichte über Syrien sind durch Gewalt und Zerstörung geprägt. An welche Besonderheiten Ihres Heimatlandes, das Sie im Alter von 25 Jahren verlassen haben, erinnern Sie sich und welche sind für Sie bis heute kostbar?

Zwei Erinnerungsorte sind für mich wichtig. Damaskus, die Stadt meiner Kindheit und Jugend, und Maalula, das aramäische Heimatdorf meiner Eltern, in dem ich im Sommer immer drei Monate in den Bergen verbracht habe. Bis heute telefoniere ich fast täglich mit meinen Geschwistern in Damaskus. Diese Gespräche beleben die Erinnerungen an die einfachen, aber paradiesischen Genüsse dieser Zeit. Wir tranken auf der Terrasse gemeinsam Kaffee oder Tee und hatten viel zu lachen. Meine Schwester Marie erinnert mich immer wieder an mein Versteck, eine winzige, helle Kammer, in der ich mich der Familie entzogen habe, um in aller Ruhe Romane der Weltliteratur zu lesen. Land für Land habe ich so kennengelernt. Das Leben in einer arabischen Familie ist geschützter, wenn man nicht aufpasst, zermalmt die Familie die eigene Zeit und Energie.
An Maalula bindet mich das kulturelle aramäische Erbe. Die Verbundenheit ist also eher intellektuell, aus Achtung vor einem der kostbarsten Orte in den Bergen, in dem die Sprache Christi immer noch gesprochen wird. Mit Damaskus verbinden mich hingegen starke Emotionen. Ich erinnere mich an die besonders gastfreundlichen Menschen und an die Gassen, die ich gut kenne, da ich früh ein Fahrrad besaß und nicht nur das christliche Viertel, sondern alle, ich betone, alle Viertel der Stadt erkundet habe. Solche Erinnerungen geben mir Hoffnung, dass diese mehr als zehntausend Jahre alte Stadt nicht untergehen kann.

Sie sind in einem aus der kolonialen Abhängigkeit befreiten Land aufgewachsen. Welche Stimmung hat diese Zeit geprägt? Können Sie rückblickend erkennen, welche Prozesse den Weg in die Diktatur begünstigt haben?

Die Befreiung von der französischen Kolonialherrschaft erfolgte nach vielen Aufständen und forderte auf der Seite des syrischen Volkes große Opfer. Sie ist das Ergebnis unendlich vieler Kompromisse und diplomatischer Verhandlungen. Man legte beispielsweise die Macht in die Hände derjenigen herrschenden, reichen Sippen, die zuverlässige Partner der osmanischen, französischen und englischen Kolonialisten waren. Dazu gehörte auch die Übernahme der Kolonialarmee, »L'Armée du Levant«, die aus charakterlosen syrischen Söldnern bestand, die Frankreich sklavisch dienten. Die Nationalkräfte versuchten eine Art Kopie der europäischen Demokratie zu praktizieren. Es gab ein Parlament, freie Presse, freie Parteigründungen und eine wirklich freie Meinungsäußerung. Bis zur Union mit Ägypten 1958 kannten wir die Angst vor dem Geheimdienst nicht. Die Politik des Landes basierte auf Kompromissen zwischen den Nationalkräften, sie wurden von aufgeweckten Bürgern immer stärker zu Entscheidungen angetrieben. Auch die Presse gewann zunehmend an Macht. Von diesen Errungenschaften können die heutigen Syrer nur noch träumen.

Doch die Demokratie stand auf dünnem Eis. Husni al Zai´im, ein korrupter Offizier, der Frankreich diente und mit den Nazis liebäugelte, beging Raubüberfälle und putschte 1949 im Auftrag der CIA, wie man heute weiß, gegen die Regierung. Dies war der erste Putsch in der Geschichte der arabischen Länder. Ihm sollten bis zum Putsch von Assad 1970 noch ca. 30 weitere folgen. Die Leichtigkeit, mit der solch ein Putsch durchgezogen werden konnte, hat auch mit dem Fehlen einer selbstständigen städtischen Bourgeoisie, dem Fehlen einer Gewerkschaftsbewegung und dem von Putsch zu Putsch immer größer werdenden Verlust der Freiheit zu tun. Syrien gewann an politisch-strategischer Bedeutung, da es ein Nachbarland des Jahrhundertkonflikts Palästina-Israel war, was für das syrische Volk unvorteilhaft wurde. Jedes Regime in Syrien herrschte mit Hilfe von Notstandsgesetzen, da wegen des Kriegszustands mit Israel angeblich die Entrechtung des Volkes erforderlich war. Auch wurde die Politik des Landes immer mehr von allen regionalen und internationalen Kräften beeinflusst. Aus den freigegebenen Dokumenten ist heute bekannt, dass der eine oder andere Putsch vom britischen oder französischen Geheimdienst finanziert und betreut wurde.

Entscheidender allerdings war, dass die Armee, die in der Regel aus den Reihen der armen Landbevölkerung und den Minderheiten bestand, das Schicksal des Landes in die Hand genommen hatte. Die reiche, städtische Bourgeoisie wollte ihre Söhne nicht in die Armee schicken. Damit begann die Tragödie des Landes. Assad ist ein klassisches Beispiel dafür. Er hat nichts Neues erfunden, als er wie seine Vorgänger, wie auch alle anderen arabischen Herrscher, den Staatsapparat mit den Angehörigen seiner Sippe besetzen ließ. Loyalität war für sein Regime wichtiger als die Qualifizierung, nicht die Zukunft des Landes, sondern der Machterhalt war ihm primäres Anliegen. Zudem hatte er, das war seine Besonderheit, die unterdrückte Minderheit der Alawiten auf seiner Seite. Die Sunniten hören es nicht gerne, aber die Alawiten sind über Jahrtausende hinweg verfolgt, gequält, vergewaltigt, entrechtet und ausgeraubt worden. Das ist keine literarische Metapher, das ist grausame Geschichte. Assad hat nicht alle zwei Millionen Alawiten für seine Macht ge- oder missbraucht, ein paar Hundert Sippenvorsteher und ein paar Tausend zu allem entschlossene Rächer reichten, um alle Apparate des Staates zu besetzen und ihn in ein Geflecht sippenhafter Beziehungen zu verwandeln, die am Ende wie ein Staat aussehen, ihn de facto aber zerstört haben. An diesem Prozess beteiligten sich seine Geheimdienste (die von Russen und Ostdeutschen geschult und vom Westen mit Technik ausgerüstet wurden) und die Angehörigen der anderen Konfessionen. So wirkten die wichtigsten Familien der Sunniten, Christen, Drusen etc. am wirtschaftlichen und politischen Aufbau mit und akzeptierten den Kompromiss, statt Mitspracherechten wirtschaftliche Vorteile zu erhalten. In Syrien war allgemein bekannt, dass ein kleiner alawitischer Geheimdienstler jeden Minister beleidigen durfte. Jeder alawitische Unteroffizier hatte mehr Macht als ein General, weil sein Cousin oder Schwager gegebenenfalls Chef einer Abteilung des Geheimdienstes ist und den General würde demütigen können.

Nach dem Putsch des damaligen Verteidigungsministers Hafis al-Assad gegen die linke Baath-Führung haben Sie Syrien verlassen. Welche Umstände veranlassten Sie zu diesem frühen Zeitpunkt zu diesem Schritt?

Ich war seit meiner Jugend Mitglied der moskautreuen kommunistischen Partei, 1969 schloss ich mich der rebellierenden Gruppe um Riad al Turk an, die gegen die Führung eine unabhängige Partei gegründet hatte. 1976 verließ ich auch diese Partei, weil sie zwar dem Stalinismus abgeschworen hatte, ihn aber intern noch praktizierte.

Sechs Jahre zuvor, 1970, hatte sich diese Partei jedoch mutig dem Putsch von Assad entgegen gestellt, während die Stalinisten ihn auf Anweisung Moskaus begrüßten. Die KP in Syrien ähnelte hinsichtlich ihres Umgangs mit den Herrschern der katholischen Kirche, sie hatte allerdings nicht deren Erfolg. Dokumente belegen, dass die KP alle früheren Herrscher bis hin zu den Kolonialisten willkommen geheißen hatte. Dieser Verrat wurde erst bei der Spaltung 1969 öffentlich. Die Geschichte, dieser gnadenlose Richter, strafte sie mit Bedeutungslosigkeit. Sie zählt heute, trotz ihres opportunistischen Verhaltens gegenüber dem Assad-Regime, nicht einmal 500 Mitglieder. Als unbelehrbare Stalinisten stehen sie immer noch auf der Seite des Mörders Assad. Er hat sie mit seinem Schicksal gefesselt.
Aber damals, 1970, fürchtete ich eine Verhaftung. Es war nur eine Ahnung, doch kam hinzu, dass mich, neben einer gescheiterten Liebe, die Zensur erstickte. Ich schrieb schon damals gerne Geschichten, sie wurden gnadenlos zusammengestrichen. Ich musste das Land verlassen und flüchtete nach Beirut. Dort versteckte ich mich drei Monate und bekam dann eine Zulassung zur Fortsetzung meines Chemiestudiums in Heidelberg. So rettete das Exil mein Leben und vor allem meine Zunge. Zwei meiner besten Freunde saßen zehn und 14 Jahre unschuldig im Gefängnis.

Hätte es aus Ihrer Sicht nach dem Ende des Kalten Krieges für den Westen eine Möglichkeit gegeben, die Entwicklung in Syrien konstruktiv zu beeinflussen?

Mit Sicherheit, aber der Westen hatte und hat bis heute kein Interesse an einer demokratischen Entwicklung in Syrien. Das zu hören ist bitter, doch ist es noch bitterer, diese Worte zu formulieren. Der Westen heuchelt professionell, seine Medien machen freiwillig mit. Ihr gemeinsames Interesse gilt nicht der weltweiten Verteidigung der Freiheit (Syrien ist ja näher als der Hindukusch), sondern, ganz nüchtern, der Suche nach wirtschaftlichen Vorteilen. Leider kann der Diktator eines Entwicklungslands mehr Vorteile gewähren als eine dort herrschende demokratische Regierung. Natürlich würde auch eine demokratische Regierung in Syrien (oder auch Saudi-Arabien) das Erdöl nicht trinken anstatt es zu verkaufen, sie würde nicht den römischen Pflug wieder einführen und auf die Traktoren und alle Importe verzichten. Aber eine demokratisch gewählte Regierung würde versuchen, die besten wirtschaftlichen Bedingungen auszuhandeln. Die ungeheuren Gewinne des Westens würden also dezimiert. Einen Diktator korrumpiert man hingegen leichter. Man besticht den Cousin des Präsidenten (Rami Machluf), der im Volksmund »Mister twenty percent« heißt. Gestern war er noch ein Bauernbub, heute ist er ein mehrfacher Milliardär. Die Syrer zahlen die Zeche. Auch politisch ist den westlichen Regierungen ein Diktator lieber, der mit ihren Geheimdiensten zusammenarbeitet. Bis heute arbeiten die deutschen, französischen, amerikanischen und britischen Geheimdienste mit dem Assad-Regime eng zusammen.

Im März 2011 haben Wandtexte von Kindern den syrischen Aufstand in der Bevölkerung ausgelöst. Warum ist gerade in diesem Moment diese gewaltige Bewegung entstanden?

Der Ausbruch einer Revolution ist immer schwer auf eine eindeutige Ursache zurückzuführen. Man könnte natürlich klassische Interpretationen auf die syrische Revolution übertragen: Verarmung, Unterdrückung, Stagnation der Entwicklung etc. Solche Versuche klingen gut, noch dazu, wenn man sie mit den modernen Kommunikationsmitteln wie Handy, Internet, Facebook, Twitter etc. verknüpft. Doch all diese Erklärungen halten der Prüfung nicht stand. Warum hat von der Opposition oder von den 15 Geheimdiensten niemand etwas über den Aufstand zuvor erfahren? Wie bricht ein Aufstand perfekt organisiert aus, ohne eine Führung zu haben? Warum haben die Kinder und nicht Teile des Militärs, der Intellektuellen, der Studenten oder – wo das Elend am stärksten ist – Teile der Arbeitslosen die Revolte entzündet?

Es gibt ganz seriöse Untersuchungen, die besagen, dass die Revolution in Daraa im März 2011 nicht ausgebrochen wäre, wenn Atef Nagib, der Cousin des Präsidenten und Chef des Geheimdienstes in Daraa, einer der bekanntesten korrupten und brutalen Folterer, die Eltern der verhafteten Kinder nicht zutiefst beleidigt hätte. Als die Eltern ihn anflehten, die Kinder, die Parolen an die Wände geschrieben haben, frei zu lassen, hieß es: »Bringt eure Frauen hierher, wir schwängern sie, damit ihr genug gute Kinder bekommt«.
Der Aufstand von Daraa hätte sich nicht ausgebreitet, wenn Assad die Bitten der ersten Demonstranten verstanden und erfüllt hätte. Sie flehten ihn an, er solle sie als Präsident und Chef aller Geheimdienste gegen die Übergriffe der korrupten Mafia und der Geheimdienste in ihrer Stadt schützen. Assad ließ aber stattdessen Panzer und Scharfschützen schicken und auf die Demonstranten schießen. Niemand kann erklären, wie der Aufstand einer kleinen Elterngruppe, deren Kinder gefoltert worden waren, das ganze Land in Aufruhr bringen konnte. Es kamen Tage, an denen fast vier Millionen Demonstranten in 150 Orten auf der Straße waren. Das sind fast 40-50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

Syrien ist ein multiethnischer und multireligiöser Staat. Westliche Analysen der aktuellen Lage legen oft den Fokus auf die religiös motivierten Gegensätze der Konfliktparteien. Welcher Stellenwert kommt aus Ihrer Sicht – insbesondere zu Beginn des Bürgerkriegs – diesen religiösen Zusammenhängen zu?

Sie haben Recht mit Ihrer Beobachtung. Komischerweise tendiert der Westen im syrischen Konflikt zu irrationalen und bisweilen stupiden Vereinfachungen, die zu Entscheidungen führen, die gegen die freiheitliche demokratische Bewegung gerichtet sind. Der Aufstand in Syrien galt von Anfang an dem klaren Ziel, die Diktatur zu überwinden, um in Freiheit zu leben und ein demokratisches politisches System aufzubauen. Sechs Monate liefen die Demonstranten friedlich durch die Straßen und riefen »Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins!« Ganz bewusst riefen sie nicht das arabische, nicht das sunnitische oder muslimische, sondern das syrische Volk, um alle Ethnien und alle Religionen zusammenzuhalten. Das Regime schoss in die Menge und die Welt schaute zu.

Der Staat ist in Zeiten der Diktatur ausgehöhlt und genießt kaum Respekt beim Volk, deshalb verschwinden seine Reste schnell, sobald ein Bürgerkrieg ausbricht. Das Regime ist dann nichts anderes als eine von mehreren starken, gut organisierten bewaffneten Gruppierungen. Ziel des Regimes ist es, in den Machtzentren zu überleben, in Syrien sind das Damaskus, Aleppo und das Alawitengebiet. Gesetz, Ordnung und Grenzen interessieren kaum noch jemanden. Daher werden in einer solchen Phase nicht nur in Syrien Abenteurer aller Couleur die Gunst der Stunde nutzen und mit der Waffe in der Hand die Früchte der Revolution rauben. Das können kleine Gauner oder kriminelle Verbände sein, die sich bereichern wollen, das können aber auch Islamisten sein, die Dörfer und Städte, welche von mutigen Zivilisten befreit worden sind, nun an sich reißen.

Welche Schritte müssen jetzt von syrischer und internationaler Seite erfolgen, um die Gewaltspirale aufzubrechen und einzudämmen?

Ich halte Hunger, Kälte und Krankheit für die schlimmste Art der Gewalt. Sie trifft Unschuldige. Daher soll zumindest gegen diese Gewalt großzügig geholfen werden. Es gibt Kinder, die seit drei Jahren keine Schule mehr besucht haben. Diese Kinder lernen nur das Überleben, und das ist gefährlich. Sie werden, wenn sich die Welt nicht beeilt und Reste ihrer Kindheit rettet, ein Reservoir für Kriminelle und Dschihadisten bilden.

Der Westen deckt Assad in einem Maß, wie er nicht einmal seine besten Verbündeten deckt. Doch bevor ich über die notwendige Schritte spreche, die der Westen unternehmen sollte, möchte ich erklären, warum der Westen seine eigenen Werte schützen muss. Bei diesen Worten fühle ich mich schon als Entwicklungshelfer in Sachen Demokratie und Freiheit. Ich empfehle den Regierungen, ihre Informationen über die Verbrechen, die das Regime begangen hat, gnadenlos bekannt zu machen. Sie sollten vorgehen, wie sie das damals gegenüber dem Osten und heute gegenüber dem Diktator der Ukraine tun. Diese Bekanntmachung würde die westlichen Regierungen und ihre Geheimdienste zwingen, ihre Zusammenarbeit mit dem Regime zu beenden. Das wäre eine großartige Hilfe für die Völker in Syrien, aber vor allem für die westlichen Demokratien, weil sie dann kein Blut an den Händen haben würden. Schwerwiegend ist die Schuld der deutschen Politiker nicht erst seit der Regierung Angela Merkels. Auch Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben gewusst, dass das Regime Giftgaswaffen baut, sie ließen es zu, dass deutsche, neben französischen, holländischen, amerikanischen und englischen Firmen die Chemikalien und Geräte (Schott und Ferrostahl) geliefert haben.

In dem auf Ihrer Website veröffentlichten Interview mit der syrischen Journalistin Nadia Midani, das im Oktober 2011  (also sieben Monate nach Ausbruch der Revolution) entstanden ist, sagen Sie: »Die Straße politisiert sich wie noch nie in den letzten hundert Jahren. Jede Regierung wird das zu spüren bekommen.«  Aus diesen Sätzen spricht Hoffnung. Können Sie angesichts der brutalen Kämpfe im Land und der Zerstörung noch wie damals Zuversicht empfinden?

Die syrische Revolution hat mit der Tapferkeit ihrer Frauen und Männer zwei Siege davon getragen und scheiterte in zwei entscheidenden Punkten.
Der erste Sieg war ein Sieg gegen die Angst, die schwerer als Blei auf der Brust dieses friedlichen Volkes lag. Das syrische Volk liebt das Leben, das Lachen, den Frieden. Seine Gastfreundschaft ist legendär. Gastfreundschaft ist Respekt vor Fremden. Ich habe nicht nur im Haus meiner Familie erlebt, dass dem Gast der beste Schlafplatz und das beste Essen und Trinken angeboten wurde. Die Worte meiner Mutter klingen mir bis heute in den Ohren und leiten mein Verhalten: »Ein Gast ist ein Heiliger. Wenn er zufrieden ist, segnet er in seinem Herzen dein Haus«. Ich habe als ein aus politischen Gründen strafversetzter junger Lehrer im Süden des Landes (in Daraa und Suwaida) selbst erlebt, wie mich die armen Bauern auf Händen getragen haben.

Nur weil das syrische Volk so friedlich ist, konnten die dämlichsten Offiziere es versklaven. Assad verwandelte das Land in eine »Farm der Angst«. Es herrschte Friedhofsruhe, wer das nicht glauben möchte, den mögen die 15 Geheimdienste eines Besseren belehren. Die Gefängnisse erlebten vor den Augen der Welt Hochkonjunktur, doch niemand fragte nach. Die Syrer waren isoliert und im Stich gelassen, das hat ihre Angst noch größer gemacht, und daher ist ihr Sieg gegen ihre Angst großartig.

Der zweite Sieg der Revolution war die Entlarvung eines geheim geführten Kriegs gegen das syrische Volk. Das Regime führte einen regelrechten Krieg gegen das eigene Volk. Es tötete, nahm Menschen gefangen und vertrieb über 50.000 Gegner des Landes. Die Welt schaute zu. Zweimal wurde der Krieg für jeden sichtbar, nur nicht für den Westen. Assad, der Vater, beging 1981 und 1982 zwei Massaker. Einmal richteten Spezialkommandos aus Rache für einen vereitelten Mordanschlag gegen Präsident Assad in Palmyra tausend politische Gefangene hin, ein anderes Mal wurden in Hama, einer Stadt in Mittelsyrien, 30.000 Zivilisten umgebracht, weil dort hundert Islamisten die Baath- und Geheimdienstzentrale angegriffen hatten. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Drittel der damaligen Bevölkerung der Stadt musste sterben, weil hundert Kriminelle die Machtzentren in der Stadt angegriffen hatten. Das Regime wollte ein Exempel statuieren und das wirkte. Diese Gewalttaten hielten keinen einzigen Westpolitiker davon ab, dem Regime gegenüber seine Aufwartung zu machen. Franz Josef Strauß ließ sich damals anbiedernd im arabischen Gewand fotografieren und Joschka Fischer demonstrierte den angeblich herrschenden Frieden in Damaskus, indem er zusammen mit seinen Leibwächtern (aber umgeben von unsichtbaren syrischen Geheimdienstlern) durch die Straßen joggte, kein Wort verlor er über die politischen Gefangenen und die Folter in den Geheimdienstkellern. Auch Honecker und die sowjetische Führung waren vor Ort. Sie alle gaben sich die Klinke in die Hand. Als Assad die Macht an seinen Sohn vererbte, klatschte ein Marionettenparlament in Damaskus dem neuen Herrscher zu. Es veränderte in zehn Minuten die Gesetze, um den ungeheuren Schritt, dass ein Republik vererbbar wurde, möglich zu machen. Der Westen setzte seine Zusammenarbeit mit dem Regime unter dem rassistisch anmutenden Vorwand fort, Baschar al-Assad habe in London studiert – als ob dies ein Qualitätssiegel sei. Baschar al-Assad realisierte zehn Jahre lang keine Reformen, sondern führte den Krieg gegen das eigene Volk weiter.
Gescheitert ist die Revolution in zwei Punkten. Es gelang ihr nicht, die Opposition zu vereinen und das Regime zu stürzen. Beides bedingte einander. Der längste, offene Kampf für Demokratie und Freiheit in der arabischen Geschichte hatte seine Tribute gefordert. Er zersetzte die Macht, aber auch die Opposition. Das Regime erholte sich durch die Unterstützung der Hisbollah, der faschistischen syrischen Nationalsozialisten, der schiitischen Killer aus Irak und Iran und der Söldner der gescheiterten arabischen Nationalisten u.a.
International ist kein Riss in der Front seiner Freunde zu sehen, auch nach dem Verbrechen mit dem Giftgas und den Scud-Raketen auf die Städte. Die Opposition hat hingegen viel an Sympathie verloren, weil man ihr die Aktivitäten der Dschihadisten zurechnete, und weil die Zivilbevölkerung müde wurde.

Meine Hoffnung schwindet dennoch nicht. Dieses Regime kann nicht mehr regieren, nicht nach so vielen Morden. Es ist eine gefährliche Pattsituation, aber niemals werden sich die Syrer nach 150.000 Toten und über 200.000 Gefangenen mit dem Mörder versöhnen. Die Zeit der Versöhnung ist vorbei. Man wird mit Hilfe von Übergangsregierungen und Kompromissen einen Weg finden. Das Regime, das bisher regiert hat, ist samt seiner Führung Geschichte geworden.

Geht die Zeit der Diktaturen, wie Sie es jetzt beschreiben, wirklich dem Ende entgegen, oder besteht ein hohes Risiko, dass  – denken Sie an Algerien und jetzt Ägypten – neue autoritäre Machthaber das Vakuum füllen und keine Zeit für die Entwicklung eines demokratischen Systems bleibt, das der syrischen Gesellschaft entspricht?

Die Sorge ist berechtigt. In jedem der Länder, in denen der Aufstand ausbrach, wurde die Revolution für Freiheit und Demokratie über mehreren Stadien hinweg erwürgt. In Tunesien erfolgte dies durch die bestorganisierten moderaten Islamisten. In Ägypten dito, dort waren sie nur zu unfähig. Der ägyptische Präsident Mursi hatte zwei Jahre Zeit, war jedoch zu beschäftigt, die Posten im Staat auf seine Parteimitglieder zu verteilen und oberflächliche Maßnahmen zu treffen, die weder die Krise lösten, noch für Freiheit und Demokratie sorgten. Das Militär putschte. Und hier spaltete sich die Opposition in eine Befürworter- und eine Ablehnungsfront.
Wir in Syrien haben nur eine Chance: Wir müssen in den befreiten Gebieten schnell demokratische Strukturen errichten. Sie sollen der Bevölkerung als Alternative gegen die islamistische und diktatorische Alternative angeboten werden. Mit der Bevölkerung zusammen können wir dort wieder lernen, wie man Ordnung ohne Terror, Gerechtigkeit ohne Unrecht, Freiheit ohne Barbarei und Vielfalt der Kulturen ohne Anarchie gedeihen lassen kann.

Ihre Generation hat in Ihrer Jugend noch sehr bewusst die Tradition Syriens erleben können. Was möchten Sie aus dieser Zeit für die Zukunft retten?

Eine schöne und liebenswürdige Frage, deren Antwort problematisch ist, da ich leider nur über die Macht meiner Sprache verfüge. Aber ich möchte gern träumend darauf eingehen:

Was ich retten möchte:
1. Das Lachen der Kinder.
2. Die Gastfreundschaft der Syrerinnen und Syrer.
3. Ihre frühere Gelassenheit.
4. Ihre unnachahmliche Art mündlich zu erzählen und zu lästern.
5. Ihren friedlichen Umgang mit Andersdenkenden.
6. Ihre Selbstironie und ihren Witz gegen ihre Herrscher.
7. Die Vielfalt der Ethnien und Religionsgemeinschaften, die jahrtausendlang friedlich miteinander gelebt haben.

Kommentare


Adler Erika - ( 12-01-2015 08:20:19 )
Lieber Herr Schami,
ich möchte mich ganz herzlich für Ihre klaren Worte und Ihren Mut bedanken. Ganz besonders möchte ich mich für Ihre wunderbaren Geschichten bedanken. Ich wünsche Ihnen und allen die Ihnen nahestehen viel Glück und Schutz. Und ganz besonders wünsche ich Ihnen und allen Syrern Freiheit und das Sie einmal in Ihrer Gasse mit Ihrer Frau und Ihrem Sohn Murmeln spielen können.
Ganz herzliche Grüße und vielen Dank, Erika Adler

Nicola Abu-Khalil - ( 13-06-2014 01:28:33 )
Lieber Sohel,
deine Ausführungen bewerte ich als die beste Analyse der syrischen Geschichte und "Revolution", die ich bis jetzt gelesen habe. Dein Interview werde ich an so viele Interessierte senden und empfehlen.
Danke
nicola

wa dal - ( 14-03-2014 12:24:58 )
Lieber Rafik Shami, vielen Dank für die Aufklärung. Als Syrerin und Damaszenerin kann ich ihre Worte nur bestätigen.

Sami - ( 21-12-2014 11:54:19 )
Rafik Schami ist ein Meister des Wortes und hat uns allen in diesem Interview die Wahrheit über die syrische Revolution aufgezeigt wie kein anderer der sogenannten Journalisten zuvor. Auf den Punkt analysiert und entfesselnd, Augen öffnend und traurig. Nichts ist klarer als die Wahrheit, die hier gesprochen wurde. Lange lebe die friedliche Revolution! Syrien, dein Volk wird dich befreien!

Detlev Claussen - ( 25-08-2014 11:16:19 )
Ein sehr lesenswertes Interview, informativ und überzeugend. Habe es weiter verteilt...

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erstellt am 12.3.2014

Rafik Schami, Foto: R. Leeb

Rafik Schami, Foto © Root Leeb

Rafik Schami

Rafik Schami wurde 1946 in Damaskus geboren und lebt seit 1971 in Deutschland, 1979 promovierte er im Fachbereich Chemie in Heidelberg, seit 2002 ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Sein Werk wurde in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis »Gegen das Vergessen – Für Demokratie« (2011) und dem »Hamburger Tüddelband« im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals in Hamburg (2013). Im Hanser Kinderbuch erschien zuletzt Das Herz der Puppe(2012) und Meister Marios Geschichte (2013), im Erwachsenenprogramm des Verlages Das Geheimnis des Kalligraphen (2008) und Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (2011). Rafik Schami ist Mitgründer des Vereins Schams e.V. zur Förderung und Unterstützung von syrischen Kindern und Jugendlichen.

Siehe auch:

Unterstützung für Kinder und Jugendliche aus Syrien

schams.org

Mehr von Rafik Schami:

syria.alsafahat

kishmalek

syrischefreiheit

Website des Autors

»Sechs Monate liefen die Demonstranten friedlich durch die Straßen und riefen »Eins, eins, eins, das syrische Volk ist eins!« Ganz bewusst riefen sie nicht das arabische, nicht das sunnitische oder muslimische, sondern das syrische Volk, um alle Ethnien und alle Religionen zusammenzuhalten. Das Regime schoss in die Menge und die Welt schaute zu.«

»Ich halte Hunger, Kälte und Krankheit für die schlimmste Art der Gewalt. Sie trifft Unschuldige. Daher soll zumindest gegen diese Gewalt großzügig geholfen werden. Es gibt Kinder, die seit drei Jahren keine Schule mehr besucht haben. Diese Kinder lernen nur das Überleben, und das ist gefährlich. Sie werden, wenn sich die Welt nicht beeilt und Reste ihrer Kindheit rettet, ein Reservoir für Kriminelle und Dschihadisten bilden.«

»Wir in Syrien haben nur eine Chance: Wir müssen in den befreiten Gebieten schnell demokratische Strukturen errichten. Sie sollen der Bevölkerung als Alternative gegen die islamistische und diktatorische Alternative angeboten werden. Mit der Bevölkerung zusammen können wir dort wieder lernen, wie man Ordnung ohne Terror, Gerechtigkeit ohne Unrecht, Freiheit ohne Barbarei und Vielfalt der Kulturen ohne Anarchie gedeihen lassen kann.«

»Meine Hoffnung schwindet dennoch nicht. Dieses Regime kann nicht mehr regieren, nicht nach so vielen Morden. Es ist eine gefährliche Pattsituation, aber niemals werden sich die Syrer nach 150.000 Toten und über 200.000 Gefangenen mit dem Mörder versöhnen. Die Zeit der Versöhnung ist vorbei. Man wird mit Hilfe von Übergangsregierungen und Kompromissen einen Weg finden. Das Regime, das bisher regiert hat, ist samt seiner Führung Geschichte geworden.«

‪Schriftsteller Rafik Schami zur Situation in Syrien, 2011

Siehe auch: