das halbe wort

Lena Gorelik

»Das Wort gehört zur Hälfte dem, welcher spricht, und zur Hälfte dem, welcher hört.«

Das ist das Motto dieser Reihe. Lena Gorelik wird zugehört. Sie wird auch gefragt. Sei es am Holocaust-Gedenktag über die Belagerung von Leningrad , über das Jüdischsein in München , über Deutschlands Umgang mit MigrantInnen , oder über Homophobie in Russland. So bin ich durch ihren Text im Deutschlandradio „Russische Kräuter gegen Homosexualität“ auf sie gestoßen. Darin sagt sie: „Die Hatz gegen Homosexuelle kann nicht nur Putin oder Neonazis angerechnet werden. Die internationale Empörung müsste sich gegen Vorurteile und Abneigungen in der gesamten russischen Gesellschaft richten.“

In all diesen Artikeln schreibt sie kluge, pointierte Dinge – und arbeitet gegen das Schubladendenken. Im Roman „Die Listensammlerin“, aus dem ich hier zwei Auszüge präsentieren darf, erzählt Lena Gorelik eine ungewöhnliche Familiengeschichte aus Sicht eines neurotischen Mädchens, das über alles Listen anfertigt. Sie stolpert über die Geschichte ihres Onkels, der schon als Kind anders als die anderen war. Und hier eben schließt sich wieder der Kreis. Hören wir zu, was sie zu sagen hat – es ist aktuell und wichtig.

Und vielleicht sollten wir das sogar täglich tun. In ihrem Blog hat sie eine Rubrik „Five Minutes a Day“ – täglich fünf Minuten schreibt sie da öffentlich Notizen. Über ihren Nachwuchs, das schreiben, Lesungen, das Weltgeschehen, über alles, was ihr gerade in den Sinn kommt. Ich mag das. Genauso wie ihre Beiträge auf Facebook. Eine vielsagende Autorin. Ja, hören wir ihr zu!

Jannis Plastargias

romanauszüge

Von Lena Gorelik

Grischa

Der Tod stank also bestialisch, und während das schummrige Licht zumindest im Zimmer seiner Eltern blieb, klebte der Geruch des Todes überall, er strömte aus den Gardinen hervor, breitete er sich aus, das erleichternd leer wirkte, seit Andrej da nicht mehr wohnte (dafür war seine Schwester aus dem Zimmer ihrer Eltern aus- und bei ihm einquartiert worden, aber das war immer noch besser als sein Bruder), auch in den beiden Zimmern ihrer Kommunalka-Mitbewohner hing der Geruch. In der Küche schaffte es weder der Geruch der eingelegten Salzgurken noch der des Apfelkuchens noch der des Borschtschs, ja nicht einmal der des täglichen Knoblauchbutterbrots, das Nikolaj Petrowritsch zu sich nahm, um Viren „von vornherein den Garaus zu machen“, den Geruch des Todes zu übertünchen, im Bad nicht der von Seife, auf der Toilette nicht der von Exkrementen, obwohl es da unerträglich stank, weil das Badezimmer kein Fenster hatte (vor allem, nachdem die Frau von Nikolaj Petrowitsch es aufgesucht hatte). Der Geruch klebte an Grischa, auch wenn er unterwegs war, er klebte an seinem Wintermantel, seiner Pelzmütze, seinen Schuhen, wahrscheinlich auch an seiner Haut, bestimmt war der Geruch in seine Haut eingezogen, aber das konnte er nicht überprüfen, weil er sich außerhalb von zu Hause, wo alles stank, nicht auszog. 

Sofia

„Was schreibst du denn da so auf?“, fragte der Psychologe, zu dem mich meine Mutter geschleppt hatte.
         „Verschiedenes. Ich führe Listen.“ Ich war bereit, darüber zu sprechen, schämte mich nicht und hielt mich selbst nicht für verrückt. Ich war stolz auf meine Listen, in manchen steckte jahrelange Arbeit. Jahrelange. 
         „Was für Listen sind denn das?“
         „Oh, sehr verschiedene. Also, ich habe zum Beispiel eine Liste schöner Menschen. Ich habe eine Liste mit Büchern, die mich zum Weinen gebracht haben, eine mit Büchern, die mich zum Lachen gebracht haben, eine Liste mit Büchern, die ich besser nicht gelesen hätte, eine mit Büchern, die ich noch einmal lesen will. Eine mit Büchern, die noch geschrieben werden müssen, eine mit Büchern, die ich gerne schreiben würde. Ich habe auch eine Liste mit möglichen Allergien, eine mit Tomatengerichten, weil ich Tomaten hasse, eine mit Gerichten, die Zwiebeln enthalten, weil Frank keine Zwiebeln verträgt. Ich habe eine Liste mit tollen Hundenamen, eine mit peinlichen Kosenamen, eine Liste mit Lehrern, die besser etwas anderes hätten werden sollen, eine mit Ideen, was für andere Jobs diese Lehrer sich hätten suchen sollen, eine Liste mit Begriffen, die ich mal nachschlagen muss, weil ich mir nicht sicher bin, was sie bedeuten, eine Liste mit meinen Aufstehzeiten seit dem 23. Dezember letzten Jahres, eine Liste mit Schimpfwörtern, die die Jungs aus meiner Klasse benutzen, eine mit meinen Noten in allen Fächern. Eine Liste mit Dingen, die ich niemals geschenkt haben möchte, eine mit Stars, die ich gerne treffen würde, eine mit Stars, die ich gerne wäre, eine mit Sätzen, die meine Mutter wiederholt, eine mit den Noten von Christina, das ist meine beste Freundin, eine mit den Anrufzeiten von Christina seit diesem Schuljahr, eine mit den Kuchen, die meine Großmutter backt, sie probiert gerne neue Rezepte aus. Soll ich weitermachen?“ 
         Ich musste nie wieder zum Psychologen. 

Aus: Lena Gorelik, Die Listensammlerin © Rowohlt Berlin, 2013

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erstellt am 10.3.2014

Lena Gorelik. Foto (Ausschnitt): Charlotte Troll
Lena Gorelik. Foto (Ausschnitt): Charlotte Troll

Lena Gorelik, 1981 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman „Meine weißen Nächte“ (2004) wurde die damals dreiundzwanzigjährige Autorin als Entdeckung gefeiert, ihr zweites Buch, „Hochzeit in Jerusalem“(2007), war für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2013 erschien ihr Roman „Die Listensammlerin“ bei Rowohlt Berlin.