Helmuth Plessners philosophische Anthropologie musste fast zwangsläufig zwischen alle Stühle geraten. Heute jedoch scheint sich wieder ein vorsichtiges, wenngleich beiläufiges Interesse für Plessners Denken bemerkbar zu machen. Otto A. Böhmer erinnert an Leben und Werk des 1892 in Wiesbaden geborenen und 1985 in Göttingen verstorbenen Wissenschaftlers.

porträt

Der unergründliche Mensch

Eine Erinnerung an Helmuth Plessner

Von Otto A. Böhmer

Das interessanteste Tier für den Menschen ist der Mensch. Diese Vermutung, von Johann Gottlieb Fichte im Jahre 1803 zu Papier gebracht, inspirierte nicht nur den Forschungsdrang der philosophischen Anthropologie, sondern hat auch, von jeher, die Philosophie selbst auf merkwürdig unergründliche Weise begleitet. Die Frage nach dem, was der Mensch ist und was er sein kann, ist von zeitloser Brisanz; sie lässt sich immer wieder neu stellen, aber nur schwerlich beantworten, und gleicht somit einem wiederkehrenden Motivationsspiel, das in die Denkanstrengungen der Humanwissenschaften eingreift und zugleich fördernd wie unterminierend wirkt. Der Mensch, rätselhaft schon immer, wird sich selber nicht los; als Subjekt hat er eine Lawine des Wissens losgetreten, in der er, Objekt der Objekte, mit unterzugehen droht. Das Interesse des Menschen am Menschen, von Fichte noch wie ein leidenschaftsloser Aufruf zur theoretischen Neugier vorgetragen, der die transzendentale Vernunft ihre Grenzen setzt, geriet nach dem Abdanken des deutschen Idealismus in eine Leistungsexplosion der empirischen Wissenschaften, die das Anspruchsdenken der traditionelle Philosophie insgesamt in Frage stellen musste. Was der Mensch war und ist, ließ sich nunmehr aufgrund von Ergebnissen sagen, die von den Einzelwissenschaften, etwa Biologie, Medizin, Psychologie, Anthropologie oder Ethnologie, vorgelegt wurden und die, zumindest nach Meinung ihrer Urheber, als gesichert gelten durften. Die Philosophie hatte dem Rechnung zu tragen; ihr blieb nur der Rückzug in die eigene Innerlichkeit oder der Anschluss an den jeweils herrschenden Erkenntnis- und Methodenstand.

Mit der in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Max Scheler, Arnold Gehlen und Helmuth Plessner entwickelten, heute bereits als klassisch bezeichneten philosophischen Anthropologie gelang der Philosophie ein solcher Anschluss. Sie versuchte, sich auf das neue, eher vielschichtig verwirrend denn einsichtig anmutende Bild vom Menschen einzustellen, das aus der Fülle empirischer Daten zu schattenhafter Größe aufwuchs; sie war aber auch gewillt, einen Reflexionsbezug zum eigenen, aus ehrwürdiger Geschichte gespeisten Selbstverständnis herzustellen und durchzuhalten. Dabei verordnete sie sich Bescheidenheit, die gelegentlich etwas bemüht ausfiel; dem Umstand, das pompöse metaphysische Entwürfe aus der Mode gekommen waren, obwohl in der Politik längst schon das laute Wort galt, vermochte man nur mit ruhigem Kalkül, ja mit Dezenz zu entsprechen. Von den Begründern der philosophischen Anthropologie hielt sich Max Scheler für maßgebend; er trat als Schrittmacher auf, während Gehlen einige Formulierungen gelangen, die über den Tag hinaus einflussreich waren. Von Helmuth Plessner hingegen hörte man vergleichsweise wenig: Er arbeitete eher im stillen, begegnete den Zeitläuften, solange dies möglich war, mit Gelassenheit und trug in ereignisreichen Jahrzehnten ein Werk zusammen, das ungeachtet seiner nie verschwiegenen Zeitgebundenheit verblüffend modern anmuten muss. Plessner, der weder schul- noch stilbildend gewirkt hat, verdanken wir eine anthropologische Deutung des Menschen, der man die Verbindung zur großen Philosophie anmerken kann und die gerade deshalb wohl eine Vielzahl von Einzelanalysen ermöglicht, aus der die Befindlichkeit des Menschen, über das ihm zugewiesene Dasein hinaus, abzulesen ist …

Helmuth Plessner kam am 4. September 1892 in Wiesbaden als Sohn eines Arztes zur Welt. Der Vater leitete ein Privatsanatorium für Innere und Nervenkrankheiten, in dem die Patienten in der Regel reich waren, aber auch eingebildet – eine Kombination, die das Haus florieren ließ und für den jungen Plessner oft genug Anlass zum Staunen bot. In einer 1975 erschienenen, mit feiner Ironie konzipierten philosophischen Selbstdarstellung notierte er dazu: „Die Atmosphäre eines Privatsanatoriums ist heute schwer vorstellbar. Jedenfalls saß ich schon als kleiner Kerl mit am Tisch, dem mein Vater präsidierte. Kein Wunder, dass ich, bei Freunden eingeladen, fragte: ‚Wo sind denn Eure Patienten?’ Politik im Kreise einander fremder Kurgäste verbat sich von selbst als Gesprächsthema. Auch hatte das überwiegend großbürgerlichen Kreisen entstammende Publikum kaum daran Interesse. Mit einer Ausnahme: Der Fall Dreyfus, der Empörung erregte. Also ging ich – ich muss wohl sechs Jahre alt gewesen sein – an der Hand eines Kindermädchens zu meinem Freunde, dem Schutzmann Bock, der durch seine Pickelhaube die Staatsautorität in Person für mich war, und bat ihn, sich für den armen Dreyfus einzusetzen …“

Menschen, so wurde dem Knaben Plessner mit diesem und anderen Erlebnissen vorgeführt, waren komisch und interessant zugleich; was sie trieben, bedurfte der genaueren Betrachtung. Mit siebzehn Jahren machte er Abitur; sein Zeugnis war von beeindruckender Durchschnittlichkeit. Lobende Erwähnung fanden nur sein Betragen und seine Sangeskünste. Entgegen den Ratschlägen des Vaters entschloss sich Plessner, ein Studium der Medizin und Biologie in Freiburg zu beginnen. Erste Hinweise für philosophische Überlegungen erhielt er von einem Botaniker: Albrecht Reuber, ein experimentierfreudiger Wissenschaftler, las in seiner Freizeit Husserls „Logische Untersuchungen“ und Leonard Nelsons „Abhandlung über das sogenannte Erkenntnisproblem“. Die spezifische Nachdenklichkeit, von der Philosophie, als Wissenschaft wie als Weltweisheit betrieben, auszugehen hat, wußte Reuber an seine Schüler zu vermitteln. Sie traf auf einen jungen Mann, der, wie erwähnt, bereits als Kind eine besondere Erlebenswelt kennengelernt hatte und nun noch neugieriger wurde; was ihn interessierte, waren die merkwürdigen Differenzen, die sich im Handeln des Menschen auftaten, einem hintergründigen Bewusstseinstier, dessen eigentliche, oft nur post festum zu bestimmenden Verhaltensmotive mit seinem vordergründigen Gebaren nur selten übereinstimmten. Plessner erhielt eine erste Ahnung davon, dass naturwissenschaftliche Forschung und philosophische Wesensschau sehr wohl zusammengehen konnten. Was die Empirie vorlegte, war mehr als bloßes Datenmaterial: es bedurfte der Deutung und Wertung. Hier stand die Philosophie bereit, die sich aus den großen Systemgebäuden zurückgezogen hatte und mit kleinerer wissenschaftlicher Münze zahlte. Plessners Interessenschwerpunkte verlagerten sich langsam aber sicher in Richtung einer philosophischen Grundsatzreflexion, die kühn genug war, vom Menschen selbst auszugehen. Begünstigt wurde er durch eine Atmosphäre zwangfreien Gedankenaustausches; an den Universitäten, denen politisch schwere Zeiten drohten, durfte man Wissenschaft damals noch um der Wissenschaft willen betreiben: „Wer 1910 in der glücklichen Lage war, sich sein Studium und sein Universität wählen zu können, versteht den Ausspruch, dass die Zukunft heute nicht mehr das ist, was sie einmal war. Damals gab es keinen Numerus clausus, keine Massenfächer, keinen ideologischen Fanatismus. Der Student akzeptierte die Universität, wie sie war. Sie gewährte einem jungen Mann, der die Schule gerade hinter sich hatte, ein ungekanntes Maß an Freiheit. Man wurde nicht als Jugendlicher, sondern als Herr behandelt. Pädagogik war kein Gesichtspunkt, geschweige denn ein Fach. – Nach nur zwei Semestern in Freiburg … entschloss ich mich, auf das Physikum zu verzichten und in Heidelberg Zoologie zu studieren, eine brotlose Kunst, wie mein Vater sagte …“

In Heidelberg brachte Plessner 1913 seine erste Veröffentlichung zustande: eine kleine Abhandlung mit dem Titel „Die wissenschaftliche Idee. Ein Entwurf über ihre Form“. Er arbeitete an einer zoologischen Dissertation und bemühte sich zugleich um die Vertiefung seiner philosophischen Studien. 1914 ging er nach Göttingen, um sein Philosophiestudium bei Husserl fortzusetzen. Als dieser jedoch zwei Jahre später nach Freiburg berufen wurde, zog es Plessner vor, an die Universität Erlangen zu wechseln. Dort promovierte er Ende 1916 mit einer Arbeit über die „Krisis der transzendentalen Wahrheit im Anfang“. 1920 habilitierte sich Plessner an der Universität Köln mit „Untersuchungen zu einer Kritik der philosophischen Urteilskraft“, einer eilig konzipierten Schrift, die im Dunstkreis der Kantischen Philosophie verblieb, der er über Jahre hinweg besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Die Ablösung von Kant vollzog sich nur zögerlich; sie wurde eingeleitet mit dem Buch „Die Einheit der Sinne“, das 1923 erschien und wesentliche Gedanken seiner philosophischen Anthropologie vorbereitete. Der Mensch als Lebewesen, stellte Plessner fest, bleibt mit seiner biologischen Möglichkeit im Rahmen seiner tierischen Herkunft; zugleich befähigen ihn seine geistigen Anlagen, sich über sein kreatürliches Erbe hinwegzusetzen und den freien Entwurf zu wagen – mit dem Risiko des Scheiterns und, dies vor allem, mit den Möglichkeiten, sein Scheitern zu begreifen. 1928 – im gleichen Jahr also, in dem Heideggers „Sein und Zeit“ und Schelers „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ erschienen – kam, nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit, Plessners Hauptwerk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ heraus, das seine bisherigen Grundannahmen präzisierte und die Ausgangslage der philosophischen Anthropologie beschrieb. Im Eingangskapitel des Buches heißt es: „Durch die Entdeckungen der Abstammungs- und Vererbungslehre, der Physiologie und Entwicklungsgeschichte hatte sich ein neuer Aspekt von der Naturgebundenheit des Menschen und seiner Kultur ergeben. Was in früheren Zeiten relative Selbstverständlichkeit gewesen war, die Zugehörigkeit des Menschen zum Tierreich, wurde durch die veränderte Betrachtung der Natur zu einer das Wesen des Menschen ‚erklärenden’, d.h. auflösenden Erkenntnis. Wenn also das Geistige nicht nach bekanntem Rezept zum einfachen Überbau einer bestimmten Art tierischen Daseins werden und damit nur einer biologischen Form des alten Naturalismus zum Siege verholfen sein sollte, galt es, aus neuer Perspektive die Verbundenheit von Natur und Geist und die Stellung des Menschen zu bestimmen …“

Philosophische Anthropologie erhält von Plessner die Rolle einer Hilfswissenschaft im Chefrang zugesprochen. Sie soll die Erkenntnisse der Einzelwissenschaften berücksichtigen und, wenn möglich, zu einer Gesamtdeutung verarbeiten, die sowohl theoretische als auch praktische Schlussfolgerungen erlaubt. Das Menschenbild, mit dem sie umgeht, bleibt eine offene und feste Größe in einem. Der philosophische Anthropologe muss ein Interpretationskünstler im Garten des Menschlichen sein; er hat Einzelheiten zu wägen und in den größeren Zusammenhang zu stellen. Von ihm wird erwartet, dass er Verallgemeinerungen wagt; zugleich soll er sich vor eben diesen hüten, denn der Gang der Wissenschaften ist ein beschleunigter: Vor die Allgemeinerung stellt sich ein diskreter Zwang zur Revision; der philosophische Anthropologe bleibt somit auf Korrekturen angewiesen, welche sich aus der Natur der Sache ergeben, die der oft ratlose Mensch selber ist: „Solange man … die Erklärung menschlichen Verhaltens nur mit dem Instrumentarium der Verhaltensforschung, einer biologischen Disziplin, betreibt, darf man sich nicht wundern, dass in den entscheidenden Punkten nur Analogien herauskommen, die der Exzentrizität menschlicher Position nicht Rechnung tragen. Sie in ihren Konsequenzen für das menschliche Dasein herauszuarbeiten, ist die Aufgabe der philosophischen Anthropologie, die sich ihrer Macht, aber auch ihrer Grenzen bewusst ist. Ihrer Macht: denn sie nimmt die physische Existenz für die Frage nach dem Wesen des Menschen ernst, ohne naturalistischer Kurzschlüsse sich schuldig zu machen. Und ihrer Grenzen: Denn auf die Fragen, welchen der Mensch begegnet, muss sie die Antworten philosophischen Disziplinen oder dem Glauben überlassen. So kommen wir auch philosophisch nur weiter, wenn wir die anthropologische Reflexion als Korrektur einsetzen …“

Die Exzentrizität der menschlichen Position, von der Plessner spricht, bildet den Kern seiner philosophisch-anthropologischen Theorie. Sie besagt, dass die Körperlichkeit des Menschen eine doppelte ist: Der Mensch ist Leib, und er hat einen Leib. Die Fähigkeit zur Distanzierung, die der Mensch besitzt, erlaubt es ihm, dass er seinen Körper beherrscht und ihn zugleich als Gegenstand wahrnimmt, den er von außen sieht. Der Mensch, so ein gern gebrauchtes Bild Plessners, steckt in seinem Körper wie in einem Futteral. Er lernt, mit seinem Leib umzugehen, was durchaus so etwas wie natürliche Kunstfertigkeit sein kann. Mit seinem Selbstbewusstsein, der Entdeckung des Ich, greift der Mensch über sich selbst hinaus; er emanzipiert sich von seinem leiblichen Zentrum und wird zum Exzentriker. Als solcher kann er mit sich selbst umgehen; sein Selbstverständnis lebt aus der Rückbezüglichkeit, dem Bewusstseinsgespräch, das der Mensch mit sich als Objekt führt, und der Gewissheit, ein exteriores, ein nach außen gerichtetes Lebewesen zu sein, das in einer subjektiv-objektiv verschränkten Welt, einer Welt der vielen anderen Menschen, seine Existenz führt. Plessner schreibt: „Nur dem Menschen ist seine Lage als Körper zugleich gegenständlich und zuständlich gegeben. Er erfährt sich als Ding und in einem – Ding, das sich jedoch von allen Dingen absolut unterscheidet, weil er es selbst ist, weil es seinen Intentionen gehorcht oder jedenfalls auf sie anspricht. Getragen von ihm, zur Wirksamkeit mit ihm und durch es entfaltet, bildet es zugleich einen nie restlos zu überwindenden Widerstand. In dieser vom Menschen stets neu zu vollziehenden Einheit des Verhältnisses zu seiner gegenständlich und zuständlich gegebenen physischen Existenz entdeckt sich ihm sein Körper als Mittel, d.h. als etwas, das er gebrauchen kann: zum Gehen, Tragen, Sitzen, Liegen, Greifen, Stoßen usw. Die Fügsamkeit in eins mit der eigenständigen, gegenständigen Dinglichkeit macht den Leib zum Instrument …“

Die Körperbeherrschung des Menschen, obgleich höchst unterschiedlich ausgeprägt, wird von den meisten als Selbstverständlichkeit empfunden. Man bewegt sich in seiner Welt; man agiert und reagiert, und erst bei schmerzhafteren Kollisionen wird dieses Tätigkeitsprinzip, zumindest vorübergehend, in Frage gestellt. Dabei ist die Körperbeherrschung, wie sie der Mensch für sich entwickelt hat, durchaus etwas Außergewöhnliches. Von der Evolution her betrachtet, ist sie ein geschichtlicher Vorgang, zu dem es mehr als gesicherte Vermutungen gibt. Eines Tages richtete der Mensch sich auf; auch dies eine doppelbödige Aktion, die als körperliche Handlung begann und in ihren geistig-gesellschaftlichen Konsequenzen, wie wir wissen, noch immer nicht abgeschlossen ist. Plessner spricht in diesem Zusammenhang von der „Freilegung des Auge-Hand-Feldes“, das zu einer Art Operationszentrale des umtriebigen Menschen wird. Aufgerichtet, versehen nunmehr mit erweitertem Überblick, kontrolliert er sein Tun; mit den Augen wacht er über die Verrichtungen, die er als Körper vollbringt. Dem entwicklungsgeschichtlichen Reifeprozess, der zur Freilegung des Auge-Hand-Feldes führte, entspricht eine individuelle Vorbereitungszeit, in der der Mensch lernt, was seine speziellen Fähigkeiten bedeuten und wie sie zu handhaben sind. Zustimmend verweist Plessner in diesem Kontext auf die Forschungen des Biologen Adolf Portmann: „Ein derart exponiertes Naturwesen (wie der Mensch, O.A.B.) braucht, eben weil es darauf angelegt ist, zu probieren, eine Vorbereitungszeit von frühester Jugend auf. Adolf Portmann hat das große Verdienst, den Charakter dieser Vorbereitungszeit biologisch zum ersten Mal deutlich bestimmt zu haben. Trotz sehr langer Tragezeit kommt der Mensch ein Jahr zu früh zur Welt, zwar lebensfähig, aber, was seine Fähigkeiten aufrecht zu gehen und zu sprechen betrifft, noch unfertig. Er macht also nach der Geburt extra-uterin ein Stück Entwicklung in direktem Kontakt mit der Außenwelt durch. Während dieses ‚extra-uterinen Frühjahres’ lernt er die instrumentale Situation beherrschen, zu der ihn die Natur berufen hat: Aufrechtgehen und Sprechen. Beide Funktionen entfalten sich nur im Außenkontakt mit Sinneseindrücken, die der Mutterleib nicht bietet: Licht, Schall, räumliche Formen, Fremdwiderstände, unerwartete Kollisionen … Die Tatsache der natürlichen Frühgeburt ist ein Kunstgriff der Natur, ein solches der Tierheit entwachsenes Lebewesen zur Welt zu bringen und ihm die dünne Chance von Lebens- und Überlebensfähigkeit zu verschaffen ( …).“

Helmuth Plessner lehrte bis zum Jahre 1931 an der Universität Köln. Die Zeiten waren andere geworden; politische Radikalisierung griff um sich, in deren Gefolge nicht nur Maulhelden und Schlägertrupps das Sagen hatten, sondern auch eine Schar von Frühangepassten, die den vorauseilenden Gehorsam praktizierten, mit dessen Hilfe Karrieren verlängert und Konkurrenten beiseite geschoben werden konnten. Im Jahre 1935 erschien Plessners Buch „Das Schicksal deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“, das fast gänzlich unbeachtet blieb, im Jahre 1959 allerdings eine kuriose Wiedererweckung feierte, als es unter dem nunmehr griffigeren Titel „Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit“ erneut vorgelegt wurde und innerhalb kurzer Zeit fünf Auflagen erlebte. Der späte Erfolg des Buches hatte nicht nur mit den grundlegend veränderten Zeitumständen zu tun, die Ende der fünfziger Jahre einer funktionierenden politischen Streitkultur durchaus wohlgesonnen waren, sondern resultierte auch aus der bis zum Schlagworthaften eingängigen Evidenz einer These, die Plessner in bewusster Anlehnung an frühere Interpreten des ressentimentbeladenen deutschen Nationalstaates entwickelt hatte.

Nach einem Zwischenspiel in Istanbul wechselte Plessner 1934 an die Universität Groningen; das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er in Amsterdam. Bis 1952 lehrte er in den Niederlanden; dann erreichte ihn ein Ruf an die Universität Göttingen, den er, nach einigem Zögern, annahm. In Göttingen fand Plessner Zeit, seine Anthropologie mit prägnanten Einzelstudien abzurunden und thematisch zu komplettieren. Besonders seine Untersuchungen zu Weinen, Lachen und Lächeln waren es, die Aufmerksamkeit erregten. Plessner gelang es, diesen Grundphänomenen menschlichen Ausdrucksvermögens neue Bedeutung abzugewinnen; er zeigte auf, dass im Kaleidoskop unserer Expressivität subtile Verständigungsmöglichkeiten aufscheinen können, die, unabhängig vom sprachlichen Nachvollzug, bestimmend zur exzentrischen Position des Menschen selbst gehören. Lachen und Weinen etwa als elementare Bekundungsformen der Gefühlsanspannung scheinen den Menschen zunächst zu überwältigen; sie bringen ihn, das vorgebliche Vernunftwesen, vorübergehend aus dem Konzept: „Körperliche Vorgänge emanzipieren sich. Der Mensch wird von ihnen geschüttelt, gestoßen, außer Atem gebracht. Er hat das Verhältnis zu seiner physischen Existenz verloren, sie entzieht sich ihm und macht gewissermaßen mit ihm, was sie will …“

Dabei sind Lachen und Weinen, was die Erschütterung angeht, mit der sie individuelle Kontrollmechanismen außer Kraft setzen, ähnlich strukturiert. Ihre Anlässe jedoch markieren die möglichen Gegensätze im Befindlichkeitsspektrum des Menschen: Lachen, in seiner gewaltigsten Form, reißt die Dämme der Beherrschung nieder; im Weinen hingegen findet eine eher ansatzlose Selbstaufgabe statt: „Auf dem Hintergrunde solcher Ansprüche, wie sie der Mensch erhebt; auf Individualität, also Einzigkeit, Einmaligkeit …, auf Würde …, Einklang zwischen Leib, Seele, Geist – kann so gut wie alles, was er ist, hat und tut, komisch wirken … Nachahmung von Gesicht, Tonfall, Bewegungen – lächerlich; Verwechslung – lächerlich; Verkleidung – lächerlich. Unproportionierte Formen, ungeschicktes Benehmen, Übertriebenheiten jeder Art, Monomanien, Zerstreutheiten …: unerschöpfliche Quellen der Komik … Das Ergreifende, Rührende, Geliebte, Heilige und Hohe“ hingegen „begegnete als das absolut Eindeutige und zugleich Entrückte, als das reine Ende für unser auf Verhältnismäßigkeiten, Relationen und Relativitäten, auf Druck und Gegendruck abgestimmtes Verhalten. ‚Ohnmacht’ vor ihm ist vielleicht kein glückliches Wort, weil es den Anschein erweckt, als wäre nur ein Unvermögen da, gegen eine Gewalt sich aufzulehnen. Und doch sprechen wir auch hier, wenn uns die Tränen kommen, zu Recht von Weich- und Schwachwerden. In dem Durchbrochensein der normalen Verhältnismäßigkeit unseres Lebens in und mit der Welt sind wir an eine Grenze alles Verhaltens geraten …“

Im Lachen und Weinen nötigt die Körperlichkeit des Menschen ihm Reaktionen auf, die angemessene Antworten sind auf Situationen, die ihn in seiner sonstigen Beherrschtheit überfordern. Im Vergleich dazu ist das Lächeln eine eher moderate Ausdrucksform. Ein lächelnder Mensch scheint nur verhalten auf der Klaviatur der Expressionen zu spielen; er nimmt sich zurück und deutet Geheimnisse an, von denen vielleicht noch zu reden sein wird. Die Vermutung, dass es sich beim Lächeln um eine Vorstufe des Lachens handeln könnte, lehnt Plessner ab; für ihn hat das Lächeln ein eigenes Ausdrucksvermögen, dessen Hintergründigkeit zu differenzierten Interpretationen Anlass gibt. Ein Lächeln hat fast immer etwas Undurchsichtiges; es kann aus spontaner Freundlichkeit entstehen, aber auch maskenhaft wirken. Mit dem Lächeln kann der seiner selbst bewusste Mensch arbeiten wie mit einer mimischen Manövriermasse; er modelliert die Erscheinungsform seiner alltäglichen Physiognomie, mit der er sich, ausdrucksstark und variationsreich, in Szene zu setzen weiß. Die dramaturgischen Möglichkeiten des Lächelns sind so groß, dass ihm ein Rest an Unausdeutbarem bleibt, von dem das Spiel zwischenmenschlicher Faszinationen lebt.

Helmuth Plessner lehrte bis zum Jahre 1962 in Göttingen. Nach seiner Emeritierung übernahm er eine Gastprofessur an der New School for Social Research in New York. Ende 1963 ließ er sich in Erlenbach am Zürichsee nieder. Noch immer fühlte er sich nicht reif fürs Altenteil; er hielt Veranstaltungen an der Universität Zürich und war weiterhin publizistisch tätig. Das Menschenbild, das er entwarf, sparte die großen Illusionen aus; so blieb die Exzentrizität des Menschen, von der er sprach, letztlich ohne Glanz und Glimmer, weshalb gerade die Philosophie, die nach Plessner das Sagen bekam, von seiner Anthropologie zunächst nicht mehr viel wissen wollte. Plessner hat dies ungerührt, wenn auch vermutlich mit stillem Groll zur Kenntnis genommen. Er beharrte darauf, dass Philosophie und Naturwissenschaften sich reflexiv durchdringen müssen, wenn sie nützlich sein wollen im Sinne eines seiner selbst bewussten und sich im Wesen gleichwohl bescheidenen Menschen: „Die klassische Charakterisierung des Menschen als eines Lebewesens, das der Rede mächtig ist, hat allen Versuchen der Abstammungslehre, ihr Auftrete peu à peu zu erklären, erfolgreich getrotzt. Sie kann in dem Übergangsfeld zwischen Tier und Mensch nur mit einem Male als eine neuartige Möglichkeit aufgetreten sein. Wohlgemerkt als eine Möglichkeit, die auf die verschiedensten Weisen sprachliche Gestalt annehmen musste. Eine neuartige Dimensionsverschiebung hat etwas von einem Wunder an sich, und so fasst es auch die fromme Tradition. Dem Naturforscher aber darf es nicht verwehrt sein, sich darüber Gedanken zu machen, wobei ihm freilich die Philosophie zu Hilfe kommen muss. Denn mit den Begriffen der Biochemie allein kommt er nicht aus. Nur ist das für ihn nichts Ungewöhnliches. Ein analoges Problem der Entstehung lebendiger Substanz hat sich ihm schon gestellt und wird gegen alle konservativen Bedenken heute ernsthaft diskutiert (…) Enthüllt diese Geschichte einen geheimen Plan? Hat die Natur oder wie immer man das rätselvolle Substrat, in welchem sich das Schauspiel der Dimensionsentwicklung des Lebens begeben hat, auf den Menschen gewartet? War, was er in seinen demiurgischen Fähigkeiten heute entfaltet und in unabsehbarem Maße noch entfaltet wird, im Schöpfungsplan vorbestimmt? – Die Naturwissenschaft kann auf diese Frage nicht antworten. Sie wird aber, wenn sie der ursächlichen Verhaftung der Entwicklungsgeschichte nachforscht, das Überraschungsmoment, das Ereignishafte ihrer Bildungen und die zwingende Kraft, die sie durch ihr Zustandekommen auf die weitere Entwicklung ausübt, nicht bestreiten, auch wenn sie dem Zufall dabei mehr zutraut als einer verborgenen Dramaturgie …“

Im hohen Alter kehrte Plessner noch einmal nach Göttingen zurück. Dort starb er am 12. Juni 1985 an Herzversagen. Helmuth Plessners Einfluss auf die Philosophie war zu seinen Lebzeiten eher begrenzt; man bevorzugte die begriffsschillernden Programme und, wo diese nicht mehr griffen, das kleine Reflexionstableau nach Hausmacherart. Plessners philosophische Anthropologie, die den Menschen als exzentrisches Geschöpf ohne Mitte bestimmt, das sich zu einer denkwürdigen Freiheit vermittelt sieht, musste fast zwangsläufig zwischen alle Lehrstühle geraten. Heute jedoch scheint sich wieder ein vorsichtiges, wenngleich beiläufiges Interesse für die philosophische Anthropologie Helmuth Plessners bemerkbar zu machen. Die Freiheit des Menschen ist an ihre Grenzen gestoßen; ein Umdenken wird gefordert, das den menschlichen Faktor nicht eliminiert, sondern moralisch und ethisch in eine Gewissensprobe nimmt. Die philosophische Anthropologie Plessners war altmodisch genug, an der Würde des Menschen, diesem ramponierten und dennoch unverzichtbaren Desiderat unserer Selbstbestimmung, festzuhalten, ohne sie als Begriff über Gebühr in Anspruch zu nehmen; an solchem Eigensinn, der einiges für sich hat, lässt sich die Modernität eines Menschenbildes ablesen, das von Überhebung und Kleinmütigkeit gleichweit entfernt ist:

„Eine Erkenntnis, welche die offenen Möglichkeiten im und zum Sein des Menschen, im großen wie im kleinen eines jeden einzelnen Lebens verschüttet, ist nicht nur falsch, sondern zerstört den Atem ihres Objektes; seine menschliche Würde. Der homo absconditus, der unergründliche Mensch, ist die ständig jeder theoretischen Festlegung sich entziehende Macht, seine Freiheit, die alle Fesseln sprengt, die Einseitigkeiten der Spezialwissenschaft ebenso wie die Einseitigkeiten der Gesellschaft. – Das immer wieder geforderte Gesamtbild vom Menschen resultiert also nicht automatisch aus der Zusammenarbeit der einzelnen Wissenschaften, sondern bedarf der philosophischen Anthropologie. Sie ist nicht eine noch zu ihnen hinzukommende Wissenschaft, sondern die ständige kritische Besinnung auf deren Grundlagen und Begrenzungen. Als eine derartige Besinnung auf sein eigenes Wesen entzieht sie den Menschen der Vergegenständlichung und damit seiner Verfügbarmachung für die Abstraktionen der Wissenschaften und der Gesellschaft. So erfüllt sie in den Grenzen seiner Würde ihre offenhaltende, ihre universale Funktion.“

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erstellt am 10.3.2014

Helmuth Plessner. Illustration: Eugen El
Helmuth Plessner. Illustration: Eugen El