1940 drehte John Ford einen Film, der den Titel „Der lange Weg nach Cardiff“ („The Long Voyage Home“) trägt und auf vier Einaktern basiert, die Eugene O'Neill während des Ersten Weltkriegs verfasst hat. Dass Ford, insbesondere in seinen Western, radikal konservative und auch rassistische Töne angeschlagen hat, lässt sich kaum übersehen. Thomas Rothschild zeigt, warum „Der lange Weg nach Cardiff“ dennoch sehenswert ist.

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John Fords O'Neill

Von Thomas Rothschild

Für den heutigen Kinoenthusiasten bilden der Autorenfilm und Hollywood einen unvereinbaren Gegensatz. Und in der Tat: spätestens seit den fünfziger Jahren ist diese etwas schematische Alternative plausibel. Aber in der Blütezeit Hollywoods gab es eine Reihe von Regisseuren, die für sich in Anspruch nehmen dürfen, dem Autorenfilm zugerechnet zu werden. John Ford war einer der prominentesten unter ihnen.

Nur fanatische Verächter des Western werden die Bedeutung John Fords für die Filmgeschichte leugnen. Aber selbst seinen Bewunderern macht er es nicht leicht. Dass ein Künstler reaktionär und doch ein großer Künstler sein kann, will man sich nicht eingestehen. Und dass Ford, insbesondere in seinen Western, radikal konservative und auch rassistische Töne angeschlagen hat, lässt sich kaum übersehen. Aber auch unter politischen Gesichtspunkten ist sein umfangreiches Werk nicht so widerspruchsfrei, wie es vereinfachende Darstellungen gerne hätten. „The Informer“ oder „The Grapes of Wrath“ wird man schwerlich einer „rechten“ Kunst zuschreiben können.

1940, im selben Jahr wie „Früchte des Zorns“ nach John Steinbeck, drehte Ford einen Film, der den Titel „The Long Voyage Home“ und in der deutschen Fassung „Eine lange Reise“ oder „Der lange Weg nach Cardiff“ trägt und auf vier Einaktern basiert, die Eugene O'Neill während des Ersten Weltkriegs verfasst hat. Fords Drehbuchautor Dudley Nichols verlegte die Handlung in die damalige Gegenwart, also in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, vor der Kriegserklärung der USA. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Abenteuerfilm mit melodramatischem Einschlag und mit vielen Klischees der Schiffsthematik, die eine Ansammlung von meist abgebrühten, trinkfesten und rauflustigen Männern mit einander und mit der Natur in Konflikt geraten lässt. Dafür stand Ford ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung, in ihm als der Schwede Olsen auch der junge John Wayne, der ja nicht unmaßgeblich zum konservativen Image Fords beigetragen hat, sowie, in ihrer ersten Filmrolle, die später oft eingesetzte Mildred Natwick. Der junge Zuschauer von heute mag sich wundern, was für dramatische Aktionen man auch ohne Computer und mit einem Budget von etwas mehr als einer halben Million Dollar, die der Film übrigens sechs Oscar-Nominierungen zum Trotz nicht eingespielt hat, inszenieren konnte.

Was „The Long Voyage Home“ aber bis heute sehenswert macht, ist die Kameraarbeit von Gregg Toland, der bald darauf in Orson Welles' „Citizen Kane“ Filmgeschichte schrieb. Die harten Schwarz-Weiß-Kontraste, das Spiel mit Licht und Schatten erinnern an den deutschen Stummfilm, der in der ganzen Welt bewundert und nachgeahmt wurde. Man darf auch an die Kamera von Eugen Schüfftan in „Le quai des brumes“ denken, an die Bühnenbilder von Alexandre Trauner oder an den Film noir, mit dem der Name John Ford ansonsten nicht unbedingt verknüpft wird. „The Long Voyage Home“ ist ein für Ford erstaunlich europäischer, düster existentialistischer Film wie Carol Reeds „Odd Man Out“ von 1947 oder sein „Third Man“ von 1949.

Bei Criterion, der verdienstvollen Firma, die wichtige Filme in hervorragender Qualität zugänglich macht, gibt es eine Box, die auf 21 DVDs 24, etwa die Hälfte der Filme enthält, die Ford zwischen 1920 und 1952 bei Fox gedreht hat. Sie sind nur in den USA abspielbar. Es wird Zeit, dass eine Ausgabe für Europa auf den Markt kommt. „The Long Voyage Home“ ist nicht in der Box enthalten. Diesen Film kann man jetzt von Arthaus Studiocanal erwerben – mit deutscher und englischer Tonspur, aber leider nur mit deutschen Schrifttafeln. Region 2 oder 0 genügt. Ansonsten hätten wir gerne das Original.

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erstellt am 10.3.2014

Der lange Weg nach Cardiff
(The Long Voyage Home)
Ein Film von John Ford
USA, 1940
DVD, ca. 89 Minuten
Studiocanal 501595

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