Manifeste 14 ist eine zunächst lose Ansammlung von Manifesten der Künstler Jos Diegel, Tarik Goetzke, Norman Hildebrandt, Gian Spina und Jonas Englert zur Relevanz von Kunst. Im nächsten Schritt soll eine Symbiose entstehen, die die Rechtfertigung beziehungsweise Infragestellung der Existenzberechtigung von Kunst zum Inhalt hat. Die Manifeste materialisieren sich in Text, bewegtem Bild und Ton.

Die Probleme, die die eine Generation erregen, erlöschen für die folgende Generation nicht, weil sie gelöst wären, sondern weil die allgemeine Gleichgültigkeit von ihnen absieht.

Cesare Pavese (1908-1950)

Manifeste 14 wurde von Jonas Englert initiiert.

manifeste 14

Kategorie Kunst

Von Tarik Goetzke

Das deutsche Wort Kunst ist ein menschlicher Begriff, der gesprochen und geschrieben werden kann. Es liegt eine Bedeutungsverwandtschaft bei den Mehrdeutigkeiten dieses Begriffes vor. Etymologisch gesehen kommt zwar 'Kunst' von 'Können', allerdings interessiert hier nur die Deutung des Begriffs 'Kunst', wo von Kunstwerk und dessen Künstler gesprochen werden kann.

Vor 100.000 Jahren fertigten Menschen erstmals Schmuck aus Muscheln. Man entdeckte auf 75.000 Jahre alten Eierschalen geritzte, symbolische Zeichen, und vor rund 40.000 Jahren stellten Menschen erstmals Figuren her – die 'Venus' (Schwäbische Alb). Ein Flöten-Fund aus dem französischen Saint-Germain‐En‐Laye soll wiederum 24.000 Jahre alt sein, und dann gibt es ja noch unter anderem die berühmte Höhle von Lascaux mit ihren Auerochsen, Wildpferden, Hirschen und Bären. Dies ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was wir bis jetzt wissen.
Heutzutage werden die Begriffe 'Kunst' und 'Künstler' inflationär gebraucht. Es scheint so, als wäre jeder Mensch ein Künstler. Dem ist aber nicht so. Im Bereich der menschlichen Kreativität, in einer Welt, wo Menschen nach Anerkennung ringen, ist es bedeutsam geworden, 'Kunst' zu schaffen, ein 'Künstler' zu sein. Doch die allermeisten sind zwar kreativ schaffend, aber nicht unbedingt auch Künstler. Dies sagt allerdings nichts über ihren jeweiligen schöpferischen Wert aus. Denn die Aussage „Das ist Kunst“ ist kein Prädikatsurteil.

'Kunst' ist eine Kategorie. Es ist kein Prädikat. Es ist ausschließlich eine kategorische Bestimmung und der 'Kunstdiskurs' die Reflexion dessen. Wer oder was etwas im Zusammenhang eines Kunstdiskurses kreiert ist ein 'Künstler' und das Kreierte sein 'Kunstwerk'. Ein Künstler muss kein Mensch sein. Jemand oder etwas ist erst dann ein Künstler, wenn er mindestens ein Kunstwerk kreiert hat. Es kann sein, dass ein Künstler nicht weiß, dass er ein Kunstwerk geschaffen hat. Es ist aber nur ein Kunstwerk und macht dessen Schöpfer zu einem Künstler, wenn es mindestens in einem Kunstdiskurs Eingang gefunden hat. Ein Kunstwerk entsteht ausschließlich im Zusammenhang eines Kunstdiskurses. Wenn ein Kunstdiskurs erst zu einem Zeitpunkt einsetzt, wo das Kunstwerk schon existiert hat, dann ist bis zu diesem Zeitpunkt das Kunstwerk nur eine Kreation und eben noch kein Kunstwerk, aber nur wenn es der erste Kunstdiskurs im Zusammenhang von diesem Kunstwerk ist. Ansonsten bleibt ein Kunstwerk ein Kunstwerk, auch wenn ein neuer Kunstdiskurs es einbezieht, denn ein Kunstwerk kann im Zusammenhang mehrerer Kunstdiskurse stehen. Der 'Kunstrezipient' ist der reflexive Betrachter dessen. Der Kunstrezipient eines Kunstwerkes kann nie dessen Künstler sein, obgleich Kunstrezipienten auch Künstler sein können. Kunstrezipienten sind unerlässlich für einen Kunstdiskurs. Jeder Kunstdiskurs geht aus einem anderem hervor. Jedoch gibt es nicht den 1. Kunstdiskurs – genauso wenig wie es den 1. Menschen gibt. Sie sind evolutionär entstanden. Es gibt evolutionäre Vorstufen. Solche Vorstufen sind z.B. der 100.000 Jahre alte Muschel-Schmuck oder die 75.000 Jahre alten geritzten Eierschalen. Dieses Kunst-Erbgut findet sich in jedem Kunstdiskurs und somit in jedem Kunstwerk wieder. Kunstdiskurs, Kunstwerk, dessen Künstler und Kunstrezipienten sind Teile der Kategorie Kunst. Es gibt keinen Künstler ohne Kunstwerk, kein Kunstwerk ohne Künstler und ohne Kunstdiskurs, kein Kunstdiskurs ohne Kunstwerk und ohne Kunstrezipienten. Sie bedingen einander.

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erstellt am 09.3.2014

der autor
Tarik Goetzke. Foto: Jonas Englert

Tarik Goetzke

Geboren 1984 in Berlin. Nach seinem Abitur studierte er zunächst Philosophie und Neuere Deutsche Philologie an der TU-Berlin. 2006 bis 2009 war er Mitglied bei P14 an der Volksbühne Berlin. 2009 folgte eine Regiehospitanz bei Gotscheff in Heiner Müllers “Prometheus”. Außerdem inszenierte er mit P14 “Die Orestie– Episode III” und 2010 “Aquatia”. Seit 2009 studiert er Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. 2011 inszenierte er im Rahmen seines Studiums u.a. Müllers “Verkommenes Ufer”, “Little Boy – Big Taifoo” von Hisashi Inoue sowie “Die Frau und die Stadt” von Gerlind Reinshagen beim Osterfestival der Kunsthochschulen des Maxim Gorki Theater Berlin und “Der gescheidte Hans” von den Gebrüdern Grimm am Theater und Orchester Heidelberg. 2011 wurde er als Stipendiat in die Studienstiftung des deutschen Volkes aufgenommen. Seit der Spielzeit 2012/2013 ist er fester Regieassistent am Nationaltheater Mannheim. 
2013 entstand hier im Rahmen von Studio 4.0 der Theaterabend “Romeo & Julia 4.0 – Eine Puppenshow mit Lovesongs”. Mit der Inszenierung von Marianna Salzmanns “Hurenkinder Schusterjungen” (UA) hat er sein Regiestudium abgeschlossen.