Manifeste 14 ist eine zunächst lose Ansammlung von Manifesten der Künstler Jos Diegel, Tarik Goetzke, Norman Hildebrandt, Gian Spina und Jonas Englert zur Relevanz von Kunst. Im nächsten Schritt soll eine Symbiose entstehen, die die Rechtfertigung beziehungsweise Infragestellung der Existenzberechtigung von Kunst zum Inhalt hat. Die Manifeste materialisieren sich in Text, bewegtem Bild und Ton.

Die Probleme, die die eine Generation erregen, erlöschen für die folgende Generation nicht, weil sie gelöst wären, sondern weil die allgemeine Gleichgültigkeit von ihnen absieht.

Cesare Pavese (1908-1950)

Manifeste 14 wurde von Jonas Englert initiiert.

manifeste 2014

Der Publikumskauf – Keine Manifeste mehr, nur noch ein letztes und zwar jetzt oder auf Anfrage

Von Jos Diegel

Den Ausgangspunkt für die Anfrage bildet überhaupt erst mal dieses Manifest.

Ich vertrete nur ein Statement, und dann wird mein Kunstschaffen auch noch anhand meiner Arbeiten gerechtfertigt. Die Redaktion hat das so entschieden. Das ist nunmal so eine freie Drucksache. Ich mache das aus freien Stücken und dabei stehe ich dann unter dem Druck einer Abgabe oder dem Druck der Rezeption. Dieses Manifest wird dann auch noch veröffentlicht. Andauernd wird irgendwas von mir veröffentlicht. Und wenn das kein anderer tut, dann tue ich das halt. Dabei bleibt die Stoßrichtung dieses Manifests völlig wirr. Kein anderes Manifest war bisher so sehr gekennzeichnet von einem Gedanken, der fast schon paranoid wirkt. Das Manifest wird zuweilen einfach von einem anderen Gedanken an den nächsten weitergereicht. Hin und wieder so, dass der Folgende mit einem „Ja, genau“ zu seiner weiterführenden Rede anhebt. Ja, genau. Du hast schon so viele Texte gelesen, die vorgaben, nicht nur Manifeste zu sein, sondern Erklärungen der Avantgarde. Aber die Avantgarde macht keine Kunstwerke. Die Avantgarde irrt sich inzwischen gewaltig. Aber das sind die, die ihrem Anspruch nicht gerecht werden.

Wow, Worte, immer wieder und nichts als Worte.

Die sind nie konkret. Ich würde es nicht als Beleidigung verstehen. Das will ich nicht wissen. Ich will wissen, dass die Worte nur Worte sind und die Schauspiele nur Schauspiele sind, das kann mir helfen, besser zu verstehen, wie die Worte und die Bilder, die Geschichten und die Performances etwas an der Welt ändern können, in der wir leben. Schön, dass doch einige sich provoziert fühlen, zu diesem Thema reagieren zu müssen. Grundsätzlich möchte ich erst mal vorausschicken: Es gibt noch die Anderen. Etwas Nichtideologisches. Ein Ungezwungenes. Ein Buntes. Spaß beiseite! Mit den Manifesten ist das so eine Sache. So eine Sache wird meistens für die Anderen geschrieben. Dabei denkt man nur an die Anderen. Das Publikum, das sind die Anderen. Das ist die Hölle. Viele denken also dabei immer nur an das Publikum. Viele denken also immer von der Konsumentenseite. Du bist Sonderbeauftragter für die Entwicklung neuer Konsumwünsche. Jetzt trittst du also auch als Verfasser eines Manifests auf. Allein die Tatsache, dass das hier nicht kreativ, sondern kritisch sein will, zeigt deinen inzwischen vollzogenen Rollenwechsel zum Konsumenten. Der Produzent kritisiert nicht. Du hast deine traditionelle Würde als vorbildlicher, genuiner Produzent zu verlieren. Deine Produktion ist verurteilt, in der heutigen Massenkultur unterzugehen. Die Geschichte der Wahrnehmung für ein einzelnes Werk ist ein Melodram. Die Aufmerksamkeit des Publikums ist aufwändig, kostspielig, unberechenbar. Das kommt alles von deiner berühmten avantgardistischen Forderung an die Kunst, ihre technischen Verfahren offenzulegen und den Geniebegriff aufzugeben. Du bist ein exklusiver Konsument anonym produzierter und in unserer Kultur immer schon zirkulierender Dinge. An dieser Stelle sind das die Worte. Und das hier sind jetzt deine Worte.

Ich habe mir wenigstens über das Publikum ein paar Gedanken gemacht.

Das Publikum hat sich ja schon längst ein paar Gedanken zu mir gemacht. Es war einmal, da prügelten sich im Publikum der Fanblock der klassischen Doktrin mit dem einer modernen Sache. Heute sitzen die alle kritisch im Publikum. Heute hat jeder mindestens einen klugen Satz für das Feuilleton. Ja richtig, du schaffst es aber immer, die anderen mitzureißen, indem du ihr Vertrauen gewinnst und durch die eigenen Visionen ihren Enthusiasmus weckst. Du hältst dir dein Publikum als dramaturgischen Beirat. Das machst du auch noch im Dienste des Publikums, versteht sich. Nein, dir geht es nicht um dich. Du sagst, was wollen die Leute haben! Du berufst dich auf dieselben Leute als denkende Subjekte, die der Subjektivität zu entwöhnen deine spezifische Aufgabe darstellt. Es soll herrschen, was das Publikum zufrieden stellt, Brot und Spiele. Und das ist dein Fallstrick der Anpassung. Dein Werk an den Jubel des Publikums zu binden, empfindest du als riskant? Es hält dich keiner davon ab, unter den gegebenen Umständen und der ganzen Sache mit der Kreativität dich vom Publikum zu lösen. Das Publikum ist eine der tragenden Säulen deiner Kreativität, mehr auch nicht. Die gelangt letztendlich in eine Sackgasse, wenn sie sich ausschließlich an den vermeintlichen Bedürfnissen des Publikums orientiert. Die einfachen menschlichen Bedürfnisse sind nämlich äußerst begrenzt und sehr leicht zu befriedigen. Es gibt eine ganze Menge Verrat, Hass, Gewalt und Mittelmäßigkeit, um jegliches Publikum an jedem beliebigen Tag damit zu versorgen. Wie gebe ich meinem Publikum die Realität so wieder, wie es diesem am besten passt. Hey, ich schreibe jetzt hier über die Rolle des Publikums und Facetten des Erfolgs. Ja, und dein Aufstand des Publikums ist keine Revolution. Das ist eine Anmaßung und Zumutung zugleich. Das Publikum steht für eine Generation verwöhnter Mittelmäßigkeit. Wie würden Sie das Problem angehen? Auf jeden Fall nicht, indem ich ein Werk über Mittelmäßigkeit mache. Im Publikum sitzen ja keine Mittelmäßigen. Im Gegenteil, Mittelmäßigkeit als Problem ist ja bereits Konsens. Wen soll ich da noch mit Mittelmäßigkeit langweilen? Langeweile ist konterrevolutionär. Ich mach' mal einen Vorschlag und sage: Das Problem ist da woanders. Man kann keine Zuschauer mehr verlieren. Dein großes Publikum liegt seit langem im Winterschlaf. Aber durch Aufstände kommt dasjenige wieder auf den Verhandlungstisch, was zumindest ein Teil des Publikums nicht einfach verhandeln will. Dauernd wird irgendetwas verhandelt, und niemand wurde gefragt. Letztlich, und daran krankt das Ganze ja grundsätzlich: Man hat noch nie eine Publikumsumfrage gestartet. Mein Output ist vom Publikum so isoliert. Ich spüre da so eine blöde Distanz zwischen uns. Aber du willst doch nicht immer so eine Distanz haben, wenn du im Publikum sitzt. Da muss man keine Expertin sein, um diese Mauer zu errichten. Immer die Ruhe, niemand hat vor, eine vierte Wand zu bauen. Vertraue deinem Publikum. Wir sind das Publikum. Wir sind das Publikum. Wir sind das Publikum. Wir können ja wohl für eine Sekunde aus deiner Position des Publikums heraustreten. Deine Art, die Rolle des Publikums zu relativieren, nenne ich profan. Aber das finde ich ganz gut, ein Phänomen, das auf kein Publikum angewiesen ist. Du kannst dir jetzt aus meinem eigenen Umfeld drei Beispiele vorstellen. Also, im Publikum kann ich ja wohl tun und lassen, was ich will. Du willst aus dem bislang verbindlichen Trio Künstler, Werk und Publikum letzteres heraus lösen. Das macht schon was mit mir und mit dem Werk auch.

Du findest also auch, dass es der Kritik an seichtem Unterhaltungswert fehlt.

Ich kann dir nicht so leicht einen Strick daraus drehen, wenn du mit deinen Werken wirklich den Geschmack eines großen Publikums triffst. Das ist ein Neid, den ich nicht so ganz nachvollziehen kann. Deine Werke waren nie zur Unterhaltung da. Dafür gibt es schlicht kein Publikum. Reine Unterhaltung ist eine andere Baustelle. Irgendwann gibt es auch ein Publikum für dich. Du bist entweder belehrend oder moralisierend und pädagogisierend. Ein gesellschaftskritischer Kontext ist bei dir zwingend. Bei mir liegt ja wohl der Fokus, weil ich mich auch in ihren Arbeiten mit den verhandelten Motiven auseinandersetze. Das sagt man mir jedenfalls nach. Das kommt deshalb, weil du das Versprechen gibst, irgendein Spektakel bloßzustellen. Doch, doch, da gibt es keinen Widerspruch zwischen der Kritik meines Spektakels, die ich bei mir etabliert habe, und dass ich jetzt nach einem Kunstwerk suche, das Aufstände auslöste. Und dauernd erzählst du von ein paar Kunstwerken, die Aufstände auslösten. Du und deine moralische Waschanlage, auf der das Schreckliche nur noch geduldet wird, wenn es das Publikum dazu bringt, mitzuleiden. Deine moralische Anstalt zu betrachten, macht mich fertig, und ich wende mich fortan der ästhetischen Erziehung des Menschen zu. Ich will mich nicht beklagen, aber auf einmal konnte ich nichts mehr damit anfangen, meinem Publikum die Wahrheit der Gesellschaftsbeziehungen und die Kampfmittel gegen die kapitalistische Herrschaft erklären zu wollen. Da kann ich also nun wirklich keine Wahrheit erkennen. Du beschäftigst dich dauernd mit der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst. Im Vordergrund steht dauernd der Austausch der Künstler und Künstlerinnen über den Sinn von Kunst. Es war immer deine Überzeugung, dass das Publikum sich schuldig fühlen muss. Das ist deine erste Überzeugung. Das ist die Logik der verdummenden Pädagogik, die Logik der direkten und identischen Übertragung. Ja, ja. Du wirst nun einwenden, dass du das Publikum nicht belehren willst. Du möchtest vermutlich nur ein Bewusstsein erzeugen, ein Gefühl, eine Energie die zum Handeln oder Denken anregt. Du meinst die ganze Zeit, dass du mich mit deinem Werk hier rausreißt und mich in eine aktive Teilnehmerin eines gemeinsamen Abenteuers umwandelst. Du bist auch eine von denen, die auf ihre Weise mit dem Besonderen ihre intellektuellen Abenteuer verbinden. Da bekomme ich Publikumsgefühle hier drin. Können wir mal aufhören mit diesen Publikumsgefühlen? Du willst, dass das Publikum dieses und jenes von dir sieht und fühlt, dass sie etwas verstehen und jene Schlussfolgerung daraus ziehen. Dadurch, dass wir uns verstehen, ist noch nichts gewonnen. Da geht es um universelle Verständlichkeit. Aber wer will denn schon immer das Gleiche verstehen. Was nicht verstanden wird, kann nicht einfach vereinnahmt werden. Geben Sie Obacht, der Verlust an Eindeutigkeit kann ihnen neue Freiräume eröffnen.

Ein Luxus für eine Auslese von Publikum.

Aus verschiedenen Milieus müssen sie kommen, verschiedene Zuschauerpositionen einnehmen können. Das soll sich die Geschichte vereinnahmen und daraus ihre eigene Geschichte machen. Ein emanzipiertes Publikum ist ein Sammelsurium von Erzählern und von Übersetzern. Das Sehen und Hören des Publikums ist die erste Lust. Was ist interaktiver und gemeinschaftlicher bei diesem Publikum als die Vielfalt von Individuen, die zur selben Zeit eine Fernsehshow sehen? Das ist so, wie wenn ich die ganze Zeit eine Art Ganzheitserotik gesprochen habe, bei der der ganze Körper, das ganze Publikum eine erogene Zone wäre. Was ist stärker als das größte Publikum mit Schaulust und Sprechlust, das über eine Botschaft verhandelt. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird. Ich spüre ein Publikum in meiner Faust. Fünf Finger sind nicht zwangsläufig eine Faust. Fünf sind noch lange kein Publikum. Wie gedenkst du, das Publikum zu rekrutieren? Mit Helden und Bösewichten. Mit Fantasie und Geschichten. Es handelt sich um Märchenwelten. Darum geht es mir. Toll wäre doch, wenn ich mit Wut und Leidenschaft Investoren fände. Wir leben in einem reichen Land. Geschichten sind deine Art, das Publikum zu regulieren. Das ist halt Marktwirtschaft. Schade. Wer an den Markt glaubt, soll nach seinen Regeln tanzen. Das, was du vermisst, ist die Härte und Vulgarität. Wer mit dem Markt kämpft, stirbt durch den Markt. Was ist mit deiner Verantwortung, die Verantwortungslosigkeit so zu umschreiben, so zu vermitteln, dass ein verantwortungsloses Handeln auf alle im Publikum übersteigt? Jetzt nimmst du mir alle Illusionen. Damit erhöhst du den Druck auf mich. Du bist vielleicht ein Künstler! Wider jeden Anstand, einen Künstler gegen seinen Willen in deine Werbung verwickeln. Geh zum Teufel mit deinem Geld, du Scheißkerl. Es fehlt etwas. Das Entscheidende war und ist aber nicht das fehlende Geld. Es ist die fehlende Erkenntnis: Ich bin nicht losgegangen, weil ich ein reicher Mann werden wollte, sondern ich wollte ein Star werden. Mein größtes Werk ist mein Publikum. Da ist der Größte jetzt Star. Also, wie man lesen kann, ich mache das für die aus einem besonderen Grund.

Die Produktion produziert daher nicht nur ein Werk für das Publikum, sondern auch ein Publikum für das Werk.

Gut, wir werden uns in einer völlig künstlichen Art ein Modell vom Mann, von der Frau, von Beziehungen, von Publikum errichten. Glotzt nicht so romantisch. Das Kunstwerk ist das einzige, das so sitzt, dass es alle Gesichter im Publikum sehen kann. Das ist die Geschichte von der Frage nach dem Publikum. Jetzt ist aber Zeit von der Idee eines Publikums Abschied zu nehmen. Sag auf Wiedersehen, Publikum. Du verschwindest noch nicht, nur weil ich mir die Augen zuhalte.

Filmcollage von Jos Diegel

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Manifeste 14

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erstellt am 09.3.2014

der autor
Jos Diegel

Jos Diegel

Bildender Künstler und Filmemacher, geboren 1982, studierte bis 2010 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und spielt, experimentiert, unterhält und beschäftigt sich mit gesellschafts-politischen und normativ-narrativen Strukturen und begreift seine fröhliche, interdisziplinäre Wissenschaft im Verhandeln und Konstruieren post-dramatischer und alternativer Situationen mit u.a. den Mitteln der Malerei, des Films, der Performance und des Textes.

Ausstellungen, Filmvorführungen und Projekte u.a. Fahrradhalle Offenbach, Lichter Filmfest Frankfurt International, V-Kunst Frankfurt, Zentrum für Medienkunst Werkleitz Halle, Cabaret Voltaire Zürich, Schauspiel Frankfurt, Schmiede Hallein, Galerie5020 Salzburg, Spark Contemp. Art Space Syracuse, HfbK Städelakademie Frankfurt, Theater Gessnerallee Zürich, Ringlokschuppem Mülheim a. d. Ruhr, Galerie KUB Leipzig, Xin Dan Wei Shanghai, Deutsches Filmmuseum Frankfurt, Kunstverein Frankfurt, DokFest Kassel, EMAF Osnabrück, Berliner Kunstsalon, Court Métrages Clermont Ferrand, Berlinale, Athens Video Art Festival, Full Dome Festival Jena, Perspektive-Filmfestival der Menschenrechte Nürnberg.

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