Manifeste 14 ist eine zunächst lose Ansammlung von Manifesten der Künstler Jos Diegel, Tarik Goetzke, Norman Hildebrandt, Gian Spina und Jonas Englert zur Relevanz von Kunst. Im nächsten Schritt soll eine Symbiose entstehen, die die Rechtfertigung beziehungsweise Infragestellung der Existenzberechtigung von Kunst zum Inhalt hat. Die Manifeste materialisieren sich in Text, bewegtem Bild und Ton.

Die Probleme, die die eine Generation erregen, erlöschen für die folgende Generation nicht, weil sie gelöst wären, sondern weil die allgemeine Gleichgültigkeit von ihnen absieht.

Cesare Pavese (1908-1950)

Manifeste 14 wurde von Jonas Englert initiiert.

manifeste 14

Rede #1

Von Jonas Englert

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Name ist Jonas Englert, und ich freue mich, heute Abend zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Ich gehe davon aus, dass bei uns, die wir uns hier versammeln, das Verständnis von Kunst über das von Selbstprofilierung und Individualismus hinausgeht – dass wir der Kunst also eine Qualität anrechnen, die andere Kommunikationsformen nicht wahrnehmbar zu machen vermögen. Ich sage sogar, dass konkret das Medium Sprache, also das der Wörter und Buchstaben, mittlerweile ganz erhebliche Defizite bezüglich menschlichen Wahrnehmungspotenzials aufweist. Die Sprache, wie wir heute von ihr Gebrauch machen, ist die Konsequenz und das Werkzeug analytisch-erkenntnistheoretischer Weltanschauung und wird regelrecht zur präzisesten Kommunikationsform heraufbeschworen. Und doch ist sie eine Abstraktion von Wirklichkeitserfahrung, welche letztendlich von ihrem Ursprung entfremdet einen Common Sense zu komprimieren versucht, der alleine dem Menschen nicht gerecht wird.

Der Mensch analysiert. Er teilt also. Er teilt das Ganze, um im Kleinsten den vermeintlich gemeinsamen Nenner zu finden. Er teilt so lange, bis er also beim Atom angekommen ist. Und das teilt er ebenfalls. Bumm! Und dann ist plötzlich dort alles unverständlicher denn je, wo er doch eigentlich nach der Lösung aller Probleme suchte. Wir brauchen den Mut, so genannte Fragen nicht zu beantworten! Und dabei spreche ich nicht von Schöngeisterei. Ich spreche von der Fähigkeit zur Wirklichkeitserfahrung! Von der Fähigkeit, die Wesenhaftigkeit der Dinge wahrzunehmen!

Wir sind genau jene, welche diese Idee der Synthese transportieren können – diese Sensibilisierung hin zum Respekt vor dem Wahrgenommenen, der darin besteht, es gerade nicht zu analysieren. Jene kontinuierliche Synthese, welche eben nicht als These einer weiteren Antithese gegenübergestellt wird. Das Verlangen, das dem Menschen in seiner Eigenheit innewohnt, ist doch jenes nach der Verbindung, zu verbinden und sich zu verbinden. Wir alle sind doch hier, beieinander, sind ein Teil des Lebens, kein Teil mehr, das Ganze! Aber Utopie ist verpönt! Idealist, ein Schimpfwort! Man könnte fast denken, der Absolutismus des analytischen Denkens mache bösartig! Analyse, das Teilen, ist real Abgrenzung und ist im Individualismus vollkommen bei uns angekommen. Je höher wir aufsteigen im Absolutismus der Kreativen, desto opportunistischer und formaler denken und handeln wir. Sich künstlerisch zu positionieren soll heißen, wie man handwerklich mit welchen Materialien umgeht? Meine Damen und Herren, so haftet die Kunst einer gesellschaftlichen Irrelevanz in einem Maße an, dass man durchaus an ihrer Existenzberechtigung zu zweifeln gewillt ist.

Wenn ich hier behaupte, spreche ich von einer gravierenden Tendenz, die kein Umsturz abwenden könnte. Die Revolutionen haben letztendlich deshalb versagt, weil sie versuchten ein System an Stelle eines anderen zu stellen und nicht die absolute Idee eines Systems selbst in Frage zu stellen und einen Paradigmenwechsel herbeizuführen, hin zu synthetisierendem Wahrnehmen! Hierzu muss die Kunst ihren Beitrag leisten. Wenn die Kunst zu einer umfassenden gesellschaftlichen Anerkennung all des Erfahrbaren beitrüge, was sich unserem analytischen Erkenntnismodel entzieht, würde ihre eigene Existenzberechtigung wieder hergestellt. Dieser Beitrag ist von existenzieller Bedeutung für eine menschgerechte Wirklichkeitserfahrung und muss ernst genommen werden, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Und erst wenn wir uns selbst wieder ernst nehmen, können wir uns immer und immer wieder selbst reflektieren, und uns fragen, was soll das hier alles eigentlich? Und was hat das mit uns zu tun?

Sehr geehrte Damen und Herren, vertrauen Sie keinem Absolutismus! Lassen Sie uns wieder nach der Relevanz fragen!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Jonas Englert hielt diese Rede am 25. Januar 2013 beim Art Slam im Frankfurter Kunstverein.

REDE#1/REVIEW from Jonas Englert on Vimeo.

Speech #1

Jonas Englert translated by Alan N. Shapiro

Ladies and Gentlemen, dear friends, dear colleagues, my name is Jonas Englert and I am pleased to have the honour of speaking to you tonight.

I assume that, among those of us who are gathered here, there is an understanding of art that goes beyond self-promotion and individualism, that we attribute a quality to art of making perceptible what other forms of communication are not able to make perceptible. I would even go far as to say that the medium of langua- ge, of words and of letters, now has very substantial disadvantages regarding human perceptual potential. Language, as we make use of it today, is the result and the tool of the analytical cognitive science worldview, and is regularly invoked as being the most precise form of communication. It is, however, an abstraction of the experience of reality which ultimately, in its attempt to derive a compressed common sense from it, alienates us from its origin in that reality. By itself, this worldview does not do justice to the human being.

Humans analyze. In this way, they divide. They divi- de the whole in order to find the supposedly smallest common denominator. Man divides until he reaches the atom. And then he divides it further. Boom! Sud- denly everything is even more incomprehensible than before, even though he was basically searching for the solution to all problems.
We need the courage to not answer so-called questions! And I am not talking about aestheticism. I am spea- king of the ability to experience reality! The ability to perceive the essential nature of things!

We are precisely those people who can be the carriers of this idea of synthesis – this sensibility for respecting what is perceived, a sensibility which consists precisely in not analyzing it. The continuous synthesis which is exactly not presented as being the thesis opposed to a further antithesis. The desire that dwells within man in his singularity is that of connecting – to connect and to be connected. We are all here together, we are all a part of life, but not a part, the whole thing! But utopia is frowned upon! Idealist is a dirty word! One could al- most think that the absolutism of analytical thinking makes one evil! Analysis, dividing things up, is the real cutting off of things, and it has arrived in our lives as individualism. The higher we ascend into the absolutism of creativity, the more opportunistic and more formally we think and act. Positioning oneself artistically should mean: with which craftsmanship and with which materi- als should one work? Ladies and gentlemen, in this way, art is relegated to a social irrelevancy to such a degree that one is led to doubt the justification for its existence.

I am speaking about a serious tendency where we would not be able to avert a crash. Revolutions have ultimately failed because they tried to put one system in place of another, and did not place the absolute idea of a system itself into question, thereby forestalling the bringing about of a paradigm shift towards synthesizing perception! Art must make a significant contribution to such a paradigm shift. If art would contribute to a comprehensive social recognition of everything that is per­ceptible – a project that eludes our analytical model of knowledge – its reason for existence would be restored. This contribution is of vital importance for a humanly relevant experience of reality, and it must be taken se- riously in order to restore credibility. And only when we take ourselves seriously again can we again reflect, and ask ourselves: what is this reality all about? And what does it have to do with us?

Ladies and gentlemen, trust no absolutism! Let us return to the question of relevance!
Thank you for your attention!

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Manifeste 14

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erstellt am 09.3.2014

der autor
Jonas Englert. Foto: Julia Lottmann

Jonas Englert

1989 in Friedberg geboren, studiert er an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main Kunst bei Professor Heiner Blum und Professor Alexander Oppermann. Im Wintersemester 2012/13 besuchte er parallel das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften bei Professor Heiner Goebbels in Gießen.
2012 wurde er mit dem HfG-Rundgangspreis „Dr. Marschner-Preis“ ausgezeichnet. Zuletzt erhielt er das Johannes Mosbach-Stipendium. Für die Uraufführung unter der Regie von Tarik Goetzke am 5. Januar 2014 erarbeitete er ein Videoprojekt für das Nationaltheater Mannheim.
Seine Arbeiten sind Teil der Sammlungen des Hirshhorn Museum, Washington, D.C. und Manuel de Santarens, welche demnächst im Museum of Fine Arts, Boston ausgestellt wird. Jonas Englert wird von der Galerie Anita Beckers vertreten.

Ausstellungen 2013/2014 (Auswahl):

Art Rotterdam, 6. bis 9. Februar 2014, Rotterdam
Unpainted, Media Art Fair, 17. bis 20. Januar 2014, München
Pulse Miami, Art Fair, 5. bis 8. Dezember 2013, Miami
Unity, Einzelausstellung, 19. November bis 21. Dezember 2013, 1822 Forum, Frankfurt
BIII Biennale, non literal, 1. bis 7. November 2013, Atelierfrankfurt, Frankfurt
Atlas 2013, 3. Mai bis 2. Juni 2013, Bundeskunsthalle, Bonn
Art Slam, 25. Januar 2013 / Frankfurter Kunstverein

jonasenglert.de