In Frankfurt ist derzeit ein mehrere Medien und Stationen umfassendes, gemeinsames Ausstellungsprojekt von Mike Bouchet und Paul McCarthy zu sehen. Die Künstler wollen die Maßlosigkeit der westlichen Konsum- und Kunstwelt kritisieren. Die von ihnen gewählten Mittel werfen jedoch Fragen auf, berichtet Eugen El.

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Anarchisch und maßlos

Eine ungewöhnliche Kooperation: Mike Bouchet und Paul McCarthy

Von Eugen El

Es beginnt schon beim Zugang. Wer in diesen Tagen die Frankfurter Kunsthalle Portikus betreten möchte, muss über eine Wendeltreppe zum auf der Maininsel gelegenen Hintereingang – der Haupteingang ist mit Sandsäcken verbarrikadiert. Aus den Fenstern, die an Schießscharten erinnern, wurde eine gummihaltige Flüssigkeit gegossen, als Superhelden verkleidete Performer treten im Ausstellungsraum auf. All dies ist Teil eines Ausstellungsprojekts, entstanden aus einer Zusammenarbeit zwischen dem 1945 geborenen, in Los Angeles lebenden Künstler Paul McCarthy und dem 1970 in Kalifornien geborenen, in Frankfurt lebenden Künstler Mike Bouchet. McCarthy wurde für seine provokanten Performances und Skulpturen bekannt. Immer wieder thematisiert er den prüden Umgang mit Körper und Sexualität sowie andere Schattenseiten des amerikanischen Alltags. Bouchet hinterfragte bei der Venedig-Biennale 2009 amerikanische Wohnträume, indem er ein Fertighaus im Hafenbecken des Arsenale schwimmen ließ. Das Frankfurter Projekt der beiden Künstler trägt den aus expliziten sexuellen Anspielungen bestehenden Titel „Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model“.

Im großen Ausstellungsraum des Portikus zeigen Bouchet und McCarthy das überdimensionale Modell eines Kriegsschiffs, das an die Architektur des Guggenheim Museums in Bilbao angelehnt ist. Was auf den ersten Blick wie ein ironischer Kommentar zu Frank O. Gehrys Markenzeichen-Architektur erscheint, ist auch als Anklage der rasanten kommerziellen Expansion des Kunstbetriebs zu verstehen. Nicht umsonst bezeichnet man die neue Rolle der Museen als Katalysator der Tourismus- und Freizeitindustrie als Bilbao-Effekt. Flankiert wird das Schiffsmodell von Porträts berühmter Persönlichkeiten. Im Obergeschoss findet sich eine Einrichtung zur Fertigung eines bizarren Getränks, das als fiktiver Sponsor des Ausstellungsprojekts auftritt. Dies kann man als Hommage an den befreundeten, 2006 verstorbenen Künstler Jason Rhoades verstehen, der im Rahmen seiner Portikus-Ausstellung 2001 ebenfalls eine komplexe Produktionsanlage für ein ungewöhnliches Gemisch installierte. Überdies ist zum ersten Mal seit Fertigstellung des neuen Portikus-Gebäudes im Jahr 2006 auch das Dachgeschoss zugänglich. Es wurde von Bouchet und McCarthy zu einem Künstleratelier umgestaltet. Dort sind auch die Reste einer Dinner-Performance zu besichtigen.

Das Ausstellungsprojekt setzt sich im Frankfurter Stadtraum fort. In der Galerie Parisa Kind sind Zeichnungen und Collagen ausgestellt, die den Konzeptions- und Entwurfsprozess des Projekts veranschaulichen. Ein amerikanischer Comic-Superheld aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der Portikus als Folterinstrument und das zum Kriegsschiff umgedeutete Guggenheim Bilbao-Gebäude sind die am häufigsten anzutreffenden Motive. Die gezeigten Blätter sind Produkte einer wuchernden künstlerischen Fantasie – Bouchet und McCarthy sorgen sich weder um Tabus noch um Geschmacksgrenzen. In der U-Bahnstation Hauptwache sowie an diversen Orten in Frankfurt sind weitere, zum Projekt gehörende Bilder und Plakate zu sehen. Im Rahmen des jährlichen Rundgangs der Städelschule fand am 16. Februar 2014 eine sogenannte „BBQ Cooking Show“ statt. Dafür ließen die beiden Künstler rund eine Tonne Rippchen und Barbecue-Sauce in die Städelschule bringen und grillten sie mit Hilfe von Assistenten. Dass das Fleisch gratis und ohne Besteck angeboten wurde, sorgte für ungewöhnliche Szenen. Das sonst vornehme und elegante Kunstpublikum biss in die unhandlichen, in reichlich Sauce getauchten Rippchen. Eine solche Unterwanderung von Umgangsformen ist typisch für McCarthys Kunst.

Die mehrere Medien und Stationen umfassende Zusammenarbeit von Mike Bouchet und Paul McCarthy kommt wie ein großer, anarchischer Spaß daher. Und doch wirft sie Fragen auf. Die Künstler gehen exaltiert vor und scheuen keinen Exzess. Interessanterweise wollen sie gerade auf diese Weise die Maßlosigkeit der westlichen Konsum- und Kunstwelt kritisieren. Dabei sind sie zum einen bestens im Kunstbetrieb integriert. Ihr Projekt wird somit höchstwahrscheinlich nur einem eingeweihten, exklusiven Publikum zugänglich bleiben. Zum anderen irritiert die verschwenderische Umsetzung des Projekts angesichts der prekären finanziellen Lage der (für die Kunsthalle Portikus federführenden) Städelschule. So verliert die von den Künstlern beabsichtigte Kritik an Glaubwürdigkeit.

Kommentare


Petra Pfeuffer - ( 19-03-2014 10:43:40 )
...ich ich war am vergangenen Sonntag am Main entlang spazieren...habe den Portikus von ganz unten nach ganz oben und wieder nach ganz unten inspiziert, neugierig auf der Suche nach einem anregenden, künstlerischen Statement - weder fühlte ich mich inspiriert noch emotionalisiert noch irritiert oder in irgendeiner Weise intellektuell von dem wahrhaft verschwenderisch gestalteten Gesamtkunstwerk inspiriert. Fazit: Als "Konsument" im Sinne einer Installationsnutznießerin gehöre ich wohl nicht zu dem erlauchten Kreis der Eingeweihten, Exklusiven...

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erstellt am 08.3.2014

Mike Bouchet und Paul McCarthy: Skizze zum Guggenheim Bilbao als Kriegsschiff, 2007. Courtesy of the artists and Galerie Parisa Kind

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Mike Bouchet & Paul McCarthy

Bis 20. April 2014
Portikus

Bis 5. April 2014
Galerie Parisa Kind

Ausstellungsansicht Portikus, 2014. Foto: Helena Schlichting

Ausstellungsansicht Portikus (Dachgeschoss), 2014. Foto: Helena Schlichting

Ausstellunsgansicht Galerie Parisa Kind, 2014. Foto: Galerie Parisa Kind

Das Portikus-Gebäude im Zeichen des Ausstellungsprojekts von Mike Bouchet und Paul McCarthy. Foto: Helena Schlichting