buchkritik

»Weisses Rauschen«

Mary Miller inszeniert ihr großartiges Romandebüt „Süßer König Jesus“ als Fahrt durch ein sinnentleertes Amerika

Von Peter Henning

Ihr Ziel ist das Jüngste Gericht, der drohende Weltuntergang, das bevorstehende Armageddon, das sie angeblich in vier Tagen in Floridas Süden erwartet. „Was uns bevorsteht, ist unvorstellbar. Es ist drei Mal 9/11 am selben Tag – Tornados an Orten, die noch nie einen Tornado gesehen haben, und Erdbeben in eigentlich erdbebenfreien Gebieten. Und die Sonne wird sich blutrot färben.“

Sie, das sind zwei christliche Fundamentalisten-Eltern, die in ihrem Wagen in Alabama aufbrechen, um in Florida dabei zu sein, wenn der Herr das große Licht ausknipst. Auf dem Rücksitz ihre 14-jährige, ziemlich ausgeschlafene Tochter Jess, die Chronistin der Ereignisse, und deren drei Jahre ältere, insgeheim schwangere Schwester Elise: zwei hellwache und vollkommen am Diesseits orientierte Geschöpfe, die an alles glauben, nur nicht an den Allmächtigen. Denn ihre Weltenlenker hören auf Bezeichnungen wie Coca Cola, McDonalds oder  Nokia. Vom großen Lord dagegen keine Spur! Und so gondeln sie, Süßigkeiten mampfend und den rauschenden Klängen ihrer I Pods lauschend, festgeschnallt auf ihren Rücksitzen wie Psychiatriepatienten auf ihrem Weg zur nächsten Schocktherapie, durch die sonnigen Weiten Amerikas, hoppen von Motel zu Motel, mehr gelangweilt denn wirklich interessiert an dem, was sie da angeblich im fernen Florida erwartet. Denn sie sind längst weiter., in ihren Gefühlen und Gedanken, immunisiert durch tödliche Lässigkeit. „Ich glaube, die Endzeit hat schon begonnen“, sagte ich und tippte auf das Bild einer Frau, die vor der Asche ihres Hauses stand, das Gesicht in die Hände vergraben, im Hintergrund eine Horde dreckverschmierter Kinder.“ Denn das ist es, was wir durch ihre Augen sehen: ein ebenso bunt wie austauschbar hinter den Autofensterscheiben vorüber flimmerndes Postkarten-Amerika, das seine Apokalypse – so jedenfalls die subkutane Botschaft der Verfasserin des Ganzen, der jungen hochinteressanten US-Autorin Mary Miller – längst tagtäglich in kleinen Dosen, als weisses Rauschen, erlebt. Und so feuert die 1977 in Texas geborene Miller, der mit ihrem von der Schriftstellerin Alissa Walser famos ins Deutsche übertragenen Roman „Süßer König Jesus“ ein wahrhaft spektakuläres Debüt geglückt ist, ihre Sätze, die nichts auslassen an auf den Punkt gebrachter juveniler Desillusion, wie Stromstöße ins Bewusstsein des Lesers. Darin erinnert sie an ältere US-Schreiberinnen wie Beth Nugent oder Mary Gaitskill, deren  Bücher „Mädchen zum Anfassen“ (1997) oder „Schlechter Umgang“ (1992) ebenfalls ein Amerika im Visier hatten, dessen gefühlssteuernder Konsumterror bloß noch mit Verdrängung in Form sexueller oder durch Alkohol herbeigeführter Betäubung auszuhalten ist. Denn Mary Miller, deren Roman sich liest wie eine klimatisierte Höllenfahrt durch ein verzweifelt bigottes, seelenloses Konsumamerika, präsentiert sich darin als unerschrockene  Exorzistin, die mit traumwandlerischer, zeitdiagnostischer Präzision ihre Finger in die Wunden legt – und zugleich eine moderne Variante zu Jeffrey Eugenides` legendärem, und später von Sophia Coppola in verstörende Filmbilder übersetztem Romandebüt „Die Selbstmord-Schwestern“ liefert; einem Buch, welches seinerzeit das geradezu prozesshaft-logische Sterben einer Handvoll todessehnsüchtiger Barbiepuppen mit menschlichem Antlitz beschrieb, die jede für sich entschlossen „Nein“ sagen zum ihnen offenbar unausweichlich vorgezeichneten American Way of Life. Doch wo Eugenides den Tod noch als ultimativ letzte Widerstandsäußerung beschrieb, dort zelebriert Miller den Ennui ihrer beiden Kommentatorinnen mit beißendem Spott und bleckendem Zynismus: jeder Satz ein Hieb in die grinsende Fratze Amerikas, jedes verbissene Lächeln ein neuerlicher Ausdruck freudigen Unglaubens. Denn während ihre untergangsgläubigen Eltern sich in vorauseilender, gottesfürchtiger Unterwürfigkeit bereits mit ihrem bevorstehenden Ende abzufinden versuchen, treiben Jess und Elise wahrhaft andere Dinge um: eingesperrt in ihrer mobilen gläsernen Kapsel rechnen sie vielmehr lustvoll Sein und Schein gegeneinander auf, und bilanzieren solange immer neu ihre aktuelle Gegenwart, bis sie mehr und mehr phantastische Blüten treibt. So gelingt Mary Miller am Ende mit ihrem Buch eine beinahe märchenhafte Spielart jener klassischen Road Novel, deren erzählerisches Ziel bekanntlich der Weg ist. Arrangiert als leise summendes Bombardement der Bilder in Form jener hinter den Scheiben mehr und mehr spukhaft vorbei huschenden Außen-Snapshots, erzählt Miller die Geschichte einer Éducation stupide; denn ihre beiden juvenilen Heldinnen starren nurmehr auf eine zersprungene und zersplitterte weil vorzeiten implodierte Welt, deren Untergang längst in vollem Gange ist. Das sie trotzdem versuchen müssen, darin anzukommen und, von Gott und allen guten Geistern verlassen, in ihr zu leben, ist ihr düsteres Karma. Von den dabei mal verzweifelten, mal traurigen oder bitter-lustig unternommenen Anstrengungen und den persönlichen Verlusten, die dabei unweigerlichen zu beklagen sein werden, nämlich den zerplatzten Träumen und begrabenen Illusionen, erzählt Mary Millers großartiger, wunderbar unsentimentaler Roman. Denn wie heißt es an einer Stelle programmatisch dazu: “Da ist wieder eine!” Es ging um ihre Lieblings-Jesus-Reklame, fette schwarze Buchstaben auf weißem Grund, die die Frage stellten: “Ist er in Dir?” Ihre Standardantwort flüsterte sie mir wie immer ins Ohr: “Falls ja, spüre ich ihn noch nicht.”

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erstellt am 08.3.2014

Mary Miller
Süßer König Jesus
Aus dem Amerikanischen von Alissa Walser
Gebunden, 288 Seiten
ISBN 978-3-8493-0311-2
Metrolit Verlag, Berlin 2013

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